Koffer

24.6.2019 | Von:
Parvati Raghuram
Gunjan Sondhi

Migration qualifizierter Frauen in der EU

Sektoral: Arbeitsmarktbereiche, die von Frauen dominiert werden

Die Daten des Nursing and Midwifery Council (NMC) (übersetzt etwa Rat für Pflege- und Hebammenwesen) des Vereinigten Königreichs heben die sich verändernden Beziehungen zwischen dem Vereinigten Königreich, der EU und Staaten in Übersee hervor. Im Jahr 2016 waren 85 Prozent aller gemeldeten männlichen und weiblichen Krankenpfleger und Geburtshelfer, die im Vereinigten Königreich arbeiteten, im Anschluss an ihre Ausbildung zuerst in Großbritannien registriert, zehn Prozent in Übersee und fünf Prozent in anderen EU-Mitgliedstaaten. [7] In einigen Sektoren, wie dem Gesundheitswesen, werden Daten nach Qualifikationsland erhoben und analysiert, das häufig stellvertretend für das Geburtsland oder den Migrationsstatus steht.

Abbildung 4: Gesamtzahl der Erstanmeldungen von Krankenschwestern und -pflegern im Vereinigten Königreich nach Geschlecht 2005-2016Abbildung 4: Gesamtzahl der Erstanmeldungen von Krankenschwestern und -pflegern im Vereinigten Königreich nach Geschlecht 2005-2016 Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Frauen aus den Philippinen, Indien und Australien – aufgrund ihrer US-amerikanischen und britischen Kolonialgeschichte allesamt englischsprachige Länder – bilden die drei größten Gruppen von im Ausland ausgebildete Krankenschwestern im Vereinigten Königreich, wie Abbildung 5 zeigt.

Abbildung 5: Krankenschwestern im Vereinigten Königreich mit Erstregistrierung in Übersee 2005-2016Abbildung 5: Krankenschwestern im Vereinigten Königreich mit Erstregistrierung in Übersee 2005-2016 Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Die fünf Prozent der ursprünglich in anderen EU-Staaten registrierten Krankenschwestern bilden die kleinste Gruppe. Die Aufschlüsselung nach den fünf wichtigsten EU-Ländern ist in Abbildung 6 dargestellt. In Italien ausgebildete Krankenschwestern sind eine relativ neue Erscheinung. Spanien und Rumänien sind jedoch seit Jahren beständige Quellen ausgebildeter Krankenschwestern, die derzeit im Vereinigten Königreich registriert sind.

Abbildung 6: Im Vereinigten Königreich registrierte Krankenschwestern mit Erstregistrierung in EU-Ländern 2005-2016Abbildung 6: Im Vereinigten Königreich registrierte Krankenschwestern mit Erstregistrierung in EU-Ländern 2005-2016 Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Die Einführung der Ethikrichtlinie und die damit verbundene Begrenzung der Anwerbung qualifizierter Migrantinnen und Migranten (brain drain) aus Ländern in Übersee mit wenig Pflegepersonal, die Öffnung des britischen Arbeitsmarktes für Bewerberinnen und Bewerber aus neuen EU-Mitgliedstaaten 2004 (für die EU-8 [8]) und 2012 (für die EU-2 [9]) und die Auswirkungen der Rezession, vor allem in südeuropäischen Ländern wie Italien und Spanien, haben zu einem starken Anstieg der Zahl der qualifizierten Migrantinnen und Migranten geführt, die in der EU ausgebildet wurden. Gleichzeitig ist die Zahl der in Übersee qualifizierten Krankenschwestern gesunken (Abbildung 5). So war ab 2011 ein deutlicher Anstieg der Zahl der Krankenschwestern aus Spanien, Rumänien und Italien zu verzeichnen. 2015 erfolgte ein plötzlicher Rückgang dieser Migration. Im Juli 2016 führte der NMC Sprachprüfungen für Pflegekräfte aus dem Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) ein, die zunächst zu einem deutlichen Anstieg der Zahl der im EWR ausgebildeten Krankenschwestern führte, gefolgt von einem starken Rückgang der Zahlen. Die Gründe für den starken Anstieg sind nicht klar, könnten jedoch auf die Registrierung derjenigen zurückzuführen sein, die die Qualifikationskriterien erfüllten. Der anschließende Rückgang der Zahl der in der EU ausgebildeten Krankenschwestern wurde durch das Brexit-Votum noch verschärft. Dieses ließ die Zahl der EU-Bewerberinnen und -Bewerber in weniger als einem Jahr um 96 Prozent sinken. [10] Im Hinblick auf den Brexit wird es wichtig sein, zu beobachten, wie sich diese Muster der EU-Herkunftsländer verändern und wie sich dies auf die Mobilität hochqualifizierter Frauen aus den EU-Staaten ins Vereinigte Königreich auswirkt.

Der überseeische Markt für Krankenschwestern dient als Arbeitskräftereserve, die sich gegenläufig zum Anstieg und Rückgang der Zuwanderung aus dem EWR entwickelte. Nach niedrigen Registrierungszahlen für in Übersee ausgebildete Krankenschwestern zwischen 2008 und 2013 zeigt sich seit 2015 hier ein besonders starkes Wachstum.

Allgemeine Programme zur qualifizierten Migration: Blaue Karte EU

Über das Vereinigte Königreich hinaus zielt die EU-Politik darauf ab, die Mobilität innerhalb Europas zu fördern und hochqualifizierte Migrantinnen und Migranten aus Nicht-EU-Ländern anzuziehen. Eine dahingehende Maßnahme ist die Blaue Karte EU (EU Blue Card), die zwar von 25 der 28 Mitgliedstaaten eingeführt wurde, jedoch hauptsächlich von Deutschland genutzt wird (siehe Tabelle). Im Jahr 2016 stammten fast 50 Prozent der Inhaberinnen und Inhaber einer Blauen Karte EU in Deutschland aus nur fünf Ländern: Indien (22,1 Prozent), China (8,7 Prozent), Russische Föderation (7,9 Prozent), Ukraine (5,3 Prozent) und Syrien (4,7 Prozent). [11]

Zahl der erteilten Blauen Karten EU

20122013201420152016
Deutschland2.58411.58012.10814.62017.360
Frankreich126371604657750
Luxemburg183236262336636
Polen21646369673
Andere7697618491.1221.290
EU gesamt3.66412.96413.86917.10420.979

Quelle: Eurostat: EU Blue Cards by type of decision, occupation and citizenship (migr_resbc1), (Zugriff: 12.12.2018).

Es wurden Bedenken hinsichtlich der möglichen Geschlechtsselektivität der Blue Card-Richtlinie geäußert, da sie Gehaltsschwellen anlegt, jahrelange Berufserfahrung voraussetzt und einen Fokus auf von Männern dominierte Sektoren des Arbeitsmarktes legt – Voraussetzungen, die beeinflussen, wie viele Frauen diese Aufenthaltsgenehmigungen erhalten. [12] Systematische geschlechtsspezifische Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern, die im selben Sektor arbeiten, aber auch die Überzahl von Frauen in unterbezahlten Sektoren, die Verantwortung für die Betreuung und Pflege von Angehörigen und damit einhergehende Unterbrechungen der Karriere sowie die Geschlechtsselektivität der Sektoren prägen die Ergebnisse solcher Richtlinien. [13] Das Programm wird derzeit neu verhandelt, um die Anwerbung einer größeren Zahl hochqualifizierter Migrantinnen und Migranten zu ermöglichen.

Andere Migrationsströme

Frauen machen über zwei Drittel der Zuwanderung aus familiären Gründen aus, gefolgt von Kindern und Männern. Qualifizierte Frauen wandern häufig als "nachziehender Ehepartner" ein. Sie können in den Arbeitsmarkt ein- und aussteigen, aber die Dequalifizierung dieser Gruppe ist weltweit spürbar. Frauen können aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit, ihres Geschlechts, des Erwerbs von Sprachkenntnissen und ihrer sozial reproduktiven Verantwortung benachteiligt sein. [14] Einer der Zuwanderungskanäle mit einem deutlich höheren Anteil an qualifizierten Frauen (55 Prozent) ist die Studierendenmigration. Wie Abbildung 3 zeigt, handelt es sich um einen schnell wachsenden Strom innerhalb und außerhalb Europas. Viele dieser Studierenden arbeiten während ihres Studiums oder verbleiben nach dem Studium zum Arbeiten im Land, bilden also möglicherweise einen Teil der aktuellen oder zukünftigen qualifizierten Migrationsbevölkerung.

Im letzten Jahrzehnt wurde in ganz Europa eine hohe Zuwanderung von Asylsuchenden und Flüchtlingen verzeichnet. [15]Deutschland hat 2015 und 2016 mehr als eine Million Schutzsuchende aufgenommen. Frauen machten ein Drittel dieser Personengruppe aus. [16] Viele von ihnen waren nicht ausgebildet und hatten aufgrund von Sprachbarrieren, ungleicher Verantwortungsteilung bei der Kinderbetreuung, die den Zugang zu Nachqualifizierungsprogrammen erschwert, sowie fehlenden Qualifikationen in auf dem Arbeitsmarkt gesuchten Berufen mehr Mühe als Männer, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Einige haben sich aber dennoch (weiter)qualifiziert und versucht, eine Arbeit zu finden. Die Auswirkungen dieser Zuwanderung auf den Umfang der qualifizierten Migrationsbevölkerung müssen noch analysiert werden.

Sich verändernde Migrationsmuster

Ein Schlüsselfaktor für Bewegungen qualifizierter Migrantinnen und Migranten sind die sich verändernden Grenzen Europas. Die Erweiterung der EU hat zu einem Anstieg der Migrationsbewegungen innerhalb Europas geführt, vor allem von Osteuropa nach Westeuropa, was mit Ängsten in Hinblick auf eine Abwanderung von Talenten (brain drain) verbunden war. Diese Migrationsströme sind jedoch geschlechtsselektiv. Obwohl aus Polen mehr Männer als Frauen nach Deutschland migrieren, ist das Geschlechterverhältnis bei hochqualifizierten Migrantinnen und Migranten umgekehrt. [17] Außerdem neigen hochqualifizierte Frauen seltener dazu, nach Polen zurückzukehren. [18] Obwohl Polen einen besonders extremen Fall darstellt, sind in der gesamten EU ähnliche Ströme hochqualifizierter Frauen zu verzeichnen.

Ein weiterer wichtiger Faktor für die Migration in den letzten zehn Jahren waren die globale Finanzkrise und ihre unterschiedlichen Auswirkungen in den Ländern Europas. Einige Staaten haben ihre Migrationspolitik neu ausgerichtet. Anstatt hochqualifizierte Migrantinnen und Migranten weiterhin willkommen zu heißen, haben sie die Zuwanderung in Teile des Arbeitsmarktes für bestimmte qualifizierte Berufe blockiert, indem sie nun Arbeitserlaubnisquoten oder eine höhere Einkommensgrenze für eine Arbeitserlaubnis festlegen und strengere Rückkehrprogramme vorsehen. [19] Hochqualifizierte Migrantinnen werden häufig als Erste entlassen und müssen zwangsweise in ihre Herkunftsländer zurückkehren. [20] Die geschlechtsspezifische Trennung zwischen den Sektoren des Arbeitsmarktes führt dazu, dass Frauen in Zeiten der Rezession eine prekärere Position einnehmen: Im Vergleich zu Männern verlieren sie ihren Arbeitsplatz überproportional häufig. [21] Darüber hinaus haben Sparprogramme zu Kürzungen in sozial-reproduktiven Bereichen geführt, die häufig vom Staat finanziert werden, was sich auf qualifizierte Migrantinnen stärker ausgewirkt hat als auf zugewanderte Männer.

Schlussfolgerungen

In den letzten zehn Jahren gab es in Europa eine Reihe wirtschaftlicher und politischer Veränderungen. Infolgedessen zeigten sich Kontinuitäten sowie neue Muster qualifizierter weiblicher Migration. Sprachverwandtschaft aufgrund der kolonialen Vergangenheit prägt nach wie vor Migrationsbewegungen. Zudem erfolgt weibliche Migration immer noch vorwiegend in die sozial-reproduktiven Bereiche des Arbeitsmarktes. Politische Veränderungen haben jedoch die Migration qualifizierter Frauen beeinflusst. Erstens haben sich die Grenzen der EU verändert, da sie zunächst wuchs und nach dem Brexit-Votum nun zu schrumpfen droht. Die Zuwanderung aus Übersee hat auch Schwankungen erfahren, je nachdem, ob Migrationsbewegungen innerhalb der EU Arbeitsmarktbedarfe decken konnten oder nicht. Zweitens haben politische Unruhen außerhalb der europäischen Grenzen Wanderungen in die EU beeinflusst. Die Zahl der weiblichen und männlichen Flüchtlinge, von denen sich einige weiterbilden und ihre Qualifikationen verbessern, hat stark zugenommen. Dies hat zu einem potenziellen Anstieg der Zahl zugewanderter Fachkräfte geführt. Drittens haben wirtschaftliche Herausforderungen wie die Rezession weibliche Arbeitsmärkte geprägt. Frauen haben häufiger als Männer ihren Arbeitsplatz verloren, weil sie häufiger in sozial-reproduktiven Sektoren arbeiten, die oft staatlich finanziert sind. Die Sparpolitik hat in diesen Bereichen zum Arbeitsplatzabbau geführt.

Aufgrund dieser politischen und wirtschaftlichen Veränderungen ist das Geschlecht nach wie vor ein wichtiger Faktor für die Art und Weise, wie qualifizierte Migration erlebt wird. In den kommenden zehn Jahren könnten die in Teilen Europas wachsende einwanderungsfeindliche Stimmung und die Veränderung der Konturen der EU durch den Brexit dazu führen, dass sich auch die Muster der qualifizierten weiblichen Migration ändern.

Übersetzung ins Deutsche: Vera Hanewinkel

Fußnoten

7.
NMC (2017).
8.
2004 der EU beigetretene Staaten außer Malta und Zypern.
9.
Bulgarien und Rumänien, die 2007 der EU beitraten.
10.
Siddique (2017).
11.
BAMF (2016).
12.
Kofman (2014); Cerna/Czaika (2016), Boucher (2018).
13.
Enriquez/Triandafyllidou (2016), Gropas/Bartolini (2016).
14.
Grigoleit-Richter (2017).
15.
UNHCR (2018).
16.
Weise (2017).
17.
Beaumont et al (2017).
18.
Fihel/Górny (2013).
19.
Chaloff et al (2012).
20.
Issakayan/Triandafyllidou (2015), Arslan et al (2015).
21.
Rubery and Rafferty (2013).
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