Eindruck vom Hackathon, Entwicklung von Prototypen

Redaktion am 03.08.2016

Kleines 3x3 der Digitalen Inklusion

Was ist Digitale Inklusion und wie kann sie in der Bildungsarbeit gelebt werden? werkstatt.bpb.de hat den Erziehungswissenschaftler Faraj Remmo, den Aktivist Raúl Krauthausen und den Schulleiter Ottmar Misoph gefragt.

Digitale Inklusion?Digitale Inklusion? Lizenz: cc by-sa/3.0/ (Kooperative Berlin)


Was bedeutet digitale Inklusion für Sie?

Faraj Remmo: 
Digitale Inklusion sollte allen Akteurinnen und Akteuren in einer Gesellschaft einen barrierefreien Zugang zu Partizipation ermöglichen. Partizipation im Sinne einer digitalen Inklusion bedeutet für mich Mitgestalten und Mitentscheiden an Prozessen, die unmittelbar alle Lebensbereiche der Betroffenen beeinflussen. Der Schwerpunkt digitaler Inklusion sollte Praktiken ermöglichen, die eine Befähigung der Nutzenden zu partizipativem Handeln fördern.
 
Raúl Krauthausen: 
Digitale Inklusion bedeutet für mich, dass im Internet Barrierefreiheit hergestellt ist, sodass alle Menschen, egal welche Einschränkungen sie haben, voll teilhaben.

Ottmar Misoph: Bei Inklusion geht es immer um die Teilhabe aller Menschen am gesellschaftlichen Leben. Digitale Inklusion bedeutet für mich, dass die Möglichkeiten digitaler Medien allen Menschen nicht nur zugänglich sind, sondern dass diese Medien mit all ihren Möglichkeiten auch praktisch nutzbar gemacht werden. Dies setzt einerseits eine angemessene Medienkompetenz bei den Nutzenden, aber auch technische Lösungen voraus, durch die diese digitalen Hilfsmittel ohne Barrieren Eingang in den Alltag von Menschen mit Handicaps finden können. Der Mensch muss dabei immer Herr über das Geschehen sein und darf nicht von der Technik vereinnahmt oder gar fremdgesteuert werden. Digitale Inklusion darf aber nicht dazu führen, dass die personale, menschliche Zuwendung auf die Technik aus- bzw. umgelagert wird.

 

Wie kann Inklusion im Bildungsbereich gelingen? Wie können digitale Mittel helfen?
 
Faraj Remmo: Inklusion im Bildungsbereich braucht Repräsentierende, also Menschen, die im Bildungswesen tätig sind, um eine inklusive Öffnung des Systems zu forcieren und somit einen gesellschaftlichen Wandel, der durch immer wieder auftretende bildungspolitische Herausforderungen nötig ist, zu fördern. Ziel einer inklusiven Öffnung des Bildungssystems sollte es u. a. sein, strukturelle Veränderungen und Teilhabe an Bildung zu ermöglichen. Durch digitale Mittel kann der Radius auf die noch Unbeteiligten erweitert werden, da ihnen der Zugang sowohl zu Information als auch Kommunikation durch die nötige Technologie ermöglicht wird. 
Da ich vom Hals abwärts gelähmt bin, ist es mir erst durch einige elektronische Hilfsmittel möglich, die verschiedenen digitalen Medien unabhängig zu nutzen. Ein Beispiel: die Nutzung des PCs ist für mich erst durch eine Mundsteuerung möglich geworden. Dadurch hat sich die Qualität meiner Privatsphäre deutlich verbessert. Erst durch diese elektronischen Hilfsmittel ist es mir möglich, ohne Assistenz Mails zu schreiben und auch zu lesen.

Raúl Krauthausen:
 Zunächst einmal braucht Inklusion auch in der Bildung – egal ob online oder offline – Achtsamkeit. Das bedeutet, dass ein Gespür für die Bedürfnisse der Menschen, für die Barrierefreiheit und Inklusion hergestellt werden soll. Dann braucht es natürlich auch die entsprechenden Ressourcen, also Pädagoginnen und Pädagogen sowie barrierefreie Unterrichtsmaterialien. Digitale Technologien können natürlich keine geeigneten Lehrenden ersetzen, aber dabei helfen, mehr Barrierefreiheit herzustellen: zum Beispiel durch Untertitel, Audiodeskription oder digitale Bücher für blinde Menschen. Das kostet natürlich. Die Technologie an sich ist auch kein Heilsbringer und kein Segen. Sie ist zunächst einmal wertfrei und kann, je nachdem wie man sie einsetzt, gut oder schlecht sein.

Ottmar Misoph: 
Inklusion beginnt im Kopf. Inklusion verlangt nach einer anderen Schule, in der Unterrichtsverfahren und Unterrichtsmethoden, die verwendeten Medien und die Lernumgebungen daraufhin überprüft werden, ob sie geeignet sind, der Vielfalt der Kinder mit ihren unterschiedlichen Hindernissen an Lernen und Teilhabe gerecht zu werden. Hier brauchen wir im gesamten Bildungsbereich kreative, begeisterte Lösungsfinder und keine missmutigen Problemsucher. Digitale Medien übernehmen in dieser inklusiven Schule eine zentrale Rolle. Sie ermöglichen es dem Lehrenden, den persönlichen Lernstand eines Schülers oder einer Schülerin rasch zu ermitteln und dann das dazu passende Lernmaterial zu entwickeln oder zusammenzustellen. Digitale Medien lassen ein individuelles Arbeitstempo und die freie Wahl des Lernortes zu und geben unmittelbar Feedback.
 

"Eine Schule für alle" – wie beurteilen Sie diesen Ansatz?
 
Faraj Remmo:
 Schule für alle – ja, wenn die Ausbildung des Lehrkörpers an einer inklusiven Hochschule mit den nötigen Ressourcen stattfindet, damit in Zukunft die Autonomie und das gleichberechtigte Zusammenleben aller Beteiligten in den Schulen vor Ort gefördert wird. Eine Schule für alle darf nicht zu einer Überforderung der pädagogischen Kräfte vor Ort führen.
Es muss eine konstruktive Zusammenarbeit zwischen Hochschule und Schule in Bezug auf neue inklusive Konzepte geben, die mit der Fortbildung der Lehrenden vor Ort verbunden ist. Eine Zusammenarbeit von Eltern und Lehrenden muss in diesem Zusammenhang gefördert werden, nach dem Motto "Schule ohne Eltern ist wie segeln ohne Wind".

Raúl Krauthausen: Das ist das Ziel, auf das wir hinarbeiten müssen. Wir müssen aufhören, Menschen in unserem Bildungssystem systematisch auszusortieren. Dies sollte nach oben wie nach unten geschehen. Das heißt, wir sollten sowohl Gymnasien als auch Förderschulen abschaffen, um die Kinder solange es geht, gemeinsam lernen zu lassen. Gleichzeitig sollte zieldifferenzierter Unterricht in der Klasse ermöglicht werden. Kinder sollten, entsprechend ihrer Vielfalt, gemeinsam in einem Klassenraum, gefordert und gefördert werden. Aber wenn wir die "Guten" von den "Schlechten" trennen, oder die Talentierten von denen, die Förderbedarf haben, dann findet in beide Richtungen keine Begegnung statt. Und unsere Gesellschaft beginnt, sich immer mehr auseinander zu dividieren, als dass wir zusammenwachsen.

Ottmar Misoph:
 Die Schule für alle sehe ich in einer demokratischen Gesellschaft als unverzichtbar an. Gemeinsam lernen, miteinander, voneinander und übereinander, das muss die Grundlage der Schule der Zukunft sein. Die immer weiter zunehmende Vielfalt in unserer Gesellschaft verlangt nach gemeinsamen Lern-, Erfahrungs- und Begegnungsräumen, damit ein friedliches Zusammenleben gelingen kann. Eine Schule für alle, die in ihrem Unterrichtskonzept, ihren Lernräumen, ihren Materialien und Medien auf die Unterschiedlichkeiten eingeht, in der das "wir lernen gemeinsam" ritualisiertes Programm ist, weckt Verständnis für das Anderssein, schafft Raum, damit die Schwächeren stärker werden können und schult die Stärkeren darin, ihre eigenen Kompetenzen selbstgesteuert auszubauen und sie auch für andere hilfreich zu nutzen.

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Über unsere Interviewpartner:

Dr. Faraj Remmo ist Dozent für Erziehungswissenschaften an der Universität Bielefeld. Seine Schwerpunkte sind Lehre und Forschung zu den Themen der Migrationspädagogik, Integration, Inklusion, Diversity und Partizipation. Er gibt bundesweit Workshops und Fortbildungen an Hochschulen und Schulen zu Empowerment und interkultureller Kompetenz. Zudem arbeitet er im Bereich Inklusionstraining, bildungspolitischer Öffentlichkeitsarbeit sowie in der systemischen Beratung.

Raúl Aguayo-Krauthausen lebt in Berlin. Zusammen mit Freunden gründete er den Verein Sozialhelden e.V., mit dem er Menschen für gesellschaftliche Probleme sensibilisieren und zum Umdenken bewegen möchte. Momentan konzentriert er sich auf das Projekt wheelmap.org, das Rollstuhlfahrer zu mehr Teilhabe befähigen möchte, sowie den Ausbau der journalistischen Informationsplattform leidmedien.de für vorurteilsfreie Sprache über Menschen mit Behinderung. Im April 2013 wurde ihm das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen.

Ottmar Misoph ist Schulleiter der Grund- und Mittelschule Thalmässing. Hier sind alle Kinder „Inklusionskinder“. Das Motto „Stärken stärken durch eigenverantwortliches Arbeiten“ durchzieht alle Jahrgangsstufen und spiegelt sich im Handeln aller beteiligten Akteure wider. Derzeit lernen an der Schule 310 Schüler der ersten bis neunten Klasse gemeinsam, darunter 32 Kinder mit unterschiedlichen Förderschwerpunkten. Für die beispielhafte Umsetzung der inklusiven Bildung erhielt die Schule 2016 den Jacob Muth-Preis für inklusive Schulen.

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