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"nachrichtenleicht": Nachrichten in einfacher Sprache

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"nachrichtenleicht": Nachrichten in einfacher Sprache

Leonie Meyer

/ 6 Minuten zu lesen

Wie kann der öffentlich-rechtliche Rundfunk mehr Menschen mit seinen Nachrichten erreichen? Das war die Ausgangsfrage der Deutschlandfunk-Redaktion für ihr Format "nachrichtenleicht" in einfacher Sprache. Wir sprachen mit der Redakteurin Rita Vock, die an der Entwicklung des Angebots beteiligt war.

Auch der Webauftritt von "nachrichtenleicht" orientiert sich an Kriterien der Barrierefreiheit. (© Deutschlandradio/www.nachrichtenleicht.de)

Wie ist "nachrichtenleicht" entstanden?

Rita Vock: Zu unseren Aufgaben als öffentlich-rechtlicher Sender gehört es, zur demokratischen Meinungs- und Willensbildung beizutragen und Informationen über das aktuelle politische Geschehen einer möglichst großen Zahl von Menschen zugänglich zu machen. Da ist uns bewusst geworden, dass wir die Zahl der Menschen, die wir erreichen, vergrößern können und sollten.

Wir haben überlegt, was Barrierefreiheit aus redaktioneller Sicht bedeutet und was wir auf der sprachlichen Ebene tun können. Als wir 2012 mit der Recherche anfingen, gab es wenig bis gar nichts an aktueller und überregionaler politischer Berichterstattung in einfacher Sprache. Wir haben ein Hochschulprojekt der Technischen Hochschule in Köln gefunden – also zufälligerweise da, wo unser Sender sitzt. Studentinnen und Studenten haben dort ein Semester lang ein Projekt namens "nachrichtenleicht" entwickelt. Das Projekt sollte eigentlich nach einem Semester wieder beendet werden. Über eine Kooperation haben wir es dann aber ein halbes Jahr lang zusammen weiter betrieben und die Hochschule mit unserer redaktionellen Infrastruktur unterstützt. Danach haben wir die Erlaubnis bekommen, das Projekt und diesen Namen als Marke des Deutschlandfunks (DLF) weiterzuführen.

Warum haben Sie sich für die einfache und nicht etwa Leichte Sprache entschieden?

Rita Vock: Wir haben uns bei dem Angebot "nachrichtenleicht" bewusst für die einfache Sprache entschieden, da diese etwas komplexere Ausdrucksweisen erlaubt. Die Leichte Sprache wäre noch stärker vereinfacht und von der Grammatik her noch reduzierter. In der einfachen Sprache haben wir etwas mehr Ausdrucksmöglichkeiten: Wir können zum Beispiel einfache Nebensätze verwenden – die Leichte Sprache verzichtet darauf vollständig. Das erschien uns sehr schwer umzusetzen für die komplexen politischen Inhalte, die wir mit "nachrichtenleicht" vermitteln wollen. Es geht um Nachrichten für Deutschland und die Welt und da sparen wir keine schwierigen Themen aus.

Über einfache Sprache

Einfache Sprache ist eine vereinfachte Version der Standardsprache. In Abgrenzung zur Leichten Sprache ist die einfache Sprache weniger standardisiert und erlaubt eine aufwändigere Satzstruktur. Es gibt kein klares Regelwerk zur Formulierung in einfacher Sprache, allerdings grobe Richtlinien etwa zur Wörterzahl pro Satz, zur Vermeidung von Fremdwörtern und dass maximal ein Nebensatz eingebaut werden sollte.

Weitere Informationen zur Unterscheidung von einfacher und leichter Sprache finden Sie Interner Link: hier.

Gab es auch schon Themen, bei denen Sie an die Grenze der einfachen Sprache gestoßen sind?

Rita Vock: Eigentlich stößt man immer an Grenzen, aber das hält uns nicht auf. Man muss sich dann mehr Zeit nehmen – die einfache Erklärung ist eben manchmal länger. Man kann die nicht in fünf Zeilen abhandeln, wie wir das in der Standardsprache machen würden, sondern muss sich etwas mehr Platz nehmen. Wenn Wörter verwendet werden, bei denen wir davon ausgehen, dass sie nicht jeder direkt kennt oder versteht, dann lagern wir die Worterklärungen nochmal aus. Dazu haben wir ein eigenes Externer Link: Wörterbuch aufgebaut.

Wie hat sich das Angebot seitdem weiterentwickelt?

Rita Vock: Wir sind als Online-Projekt gestartet, das dann den Weg in unser Hauptprogramm im Radio gefunden hat – ein eher ungewöhnlicher Entwicklungsprozess für unser Haus und generell für Radiosender, weil wir meistens doch beim Radio beginnen und dann online Zusatzangebote machen. Hier sind wir mit dem Wochenrückblick als Website gestartet, den es auch heute noch gibt und der von Anfang an zusätzlich hörbar war. Uns war wichtig, dass man sich das Angebot vorlesen lassen kann, wenn etwa die Lese- oder Sehfähigkeit eingeschränkt sind. Das ist sehr erfolgreich gewesen und hat positive Rückmeldungen bekommen, so dass wir im Sender dafür einen Sendeplatz bekommen haben. Aktuell läuft der komprimierte "nachrichtenleicht"-Wochenrückblick freitags um 19:04 Uhr, also nach den 19 Uhr-Nachrichten in Standardsprache. Dazu gibt es auch einen Externer Link: Podcast, so dass man nicht an die Sendezeit gebunden ist. Wir haben auch mit Social Media experimentiert: Es gibt einen Externer Link: Instagram-Account und wir haben auch schon in einfacher Sprache getwittert. Das ist aber aus Ressourcengründen noch kein stetiges Angebot. Das wäre etwas, das wir gerne weiterentwickeln würden.

Von wem wird das Angebot genutzt? Welche Rückmeldungen bekommen Sie?

Redakteurin Rita Vock. (© Deutschlandradio/Bettina Fürst-Fastré)

Rita Vock: Allgemein erhalten wir viel Dankbarkeit von Nutzenden, aber auch von Multiplikatoren und Multiplikatorinnen, die unsere Texte oder Audios nutzen, um verschiedenste Zielgruppen damit zu versorgen. Diese würden sonst möglicherweise gar keine Nachrichten, keine deutschsprachigen Nachrichten oder keine überregionalen Nachrichten konsumieren. Die Menschen sind dankbar, weil sie die Nachrichten verstehen können.

An wen richtet sich das Angebot konkret?

Rita Vock: Unsere Zielgruppe sind alle Menschen, die das Angebot gebrauchen können. Und diese Gruppe ist größer, als wir uns das auch am Anfang eigentlich vorstellen konnten. Naheliegend ist natürlich, dass Menschen mit verschiedensten Arten von Behinderungen darauf zurückgreifen. Es wird aber beispielsweise auch in Unterrichtskontexten genutzt, um jüngere Schülerinnen und Schüler an politische Nachrichten heranzuführen oder zum Erwerb von Deutsch als Fremdsprache herangezogen. Auch das ist nicht der primäre Gedanke, aber es wird dafür genutzt und das freut uns natürlich.

Wie entstehen Beiträge für "nachrichtenleicht"? Werden Personen, die auf Nachrichten in einfacher Sprache angewiesen sind, einbezogen?

Rita Vock: Es gibt keine eigene Redaktion für "nachrichtenleicht". Die Nachrichtenredaktion des DLF hat das Projekt entwickelt und stemmt es aus den eigenen Mitteln nebenher – daher stehen natürlich auch nur begrenzte Ressourcen zur Verfügung. Die Beteiligung der Zielgruppe ist ein Wunsch von uns. In einzelnen Workshops haben wir uns auch schon Feedback von Menschen aus unserer Zielgruppe geholt. Im wöchentlichen Redaktionsprozess haben wir es bisher jedoch nicht geschafft, dies einzubinden.

Werden bei "nachrichtenleicht" auch abseits von der Schrift- und Sprechsprache Kriterien zur Barrierefreiheit herangezogen? Welche Rolle spielen dabei multimediale Inhalte?

Rita Vock: Jede unserer Nachrichten ist mit einem Foto illustriert. In der klassischen Online-Welt wird oft versucht sich über Bilder von der Konkurrenz abzugrenzen und ungewöhnliche Perspektiven zu finden oder um die Ecke gedachte Symbolbilder zu wählen. Bei „Nachrichtenleicht“ haben wir uns für eine einfache Bildsprache entschieden. Wir möchten die wichtigen handelnden Personen sehen, den Ort, an dem eine Geschichte spielt oder das Ereignis, um das es geht. Und zwar aus einer möglichst leicht erfassbaren Perspektive. Natürlich bedenken wir auch die klassischen technischen Aspekte, zum Beispiel, dass jedes Foto einen aussagekräftigen Alternativtext haben muss. Auch das Webdesign sieht anders aus als bei unseren anderen Internetseiten. Da ist der Grundgedanke: möglichst große Klarheit und Einfachheit, keine verschachtelten Menüs, keine Boxen für andere Angebote.

Das Format "nachrichtenleicht" hat auch ein Angebot in türkischer Sprache. Werden weitere Angebote in anderen Sprachen oder Angebote, die Barrieren abseits von Schriftsprache umgehen, dazukommen?

Rita Vock: Das türkischsprachige Angebot war ein besonderes Externer Link: Projekt zum Jubiläum des Grundgesetzes. Aus diesem Anlass haben wir die ersten Artikel des Grundgesetzes in einfache Sprache übertragen, weil in der Zeit viel vom Grundgesetz die Rede war. Und wir merkten, dass es da eine Lücke gibt, dass es keine Version in einfacher Sprache gibt. Die haben wir erstellt und dazu gab es eine Radioserie. Das Projekt wurde dann auch auf Türkisch übersetzt. Aktuell ist das Projekt abgeschlossen und es ist keine direkte Fortsetzung geplant. Das bedeutet nicht, dass eine Fortsetzung nicht wünschenswert wäre, aber es ist nicht im Kernauftrag unseres Angebots zu sehen.

Wie wurde die Bundestagswahl bei "nachrichtenleicht" begleitet?

Rita Vock: Wir haben zur Bundestagswahl zum ersten Mal auf eine tägliche und darüber hinaus am Wahlabend minütliche Aktualität aufgerüstet. Einige Wochen vor der Bundestagswahl sind wir mit diesem Externer Link: Zusatzangebot gestartet. Der Höhepunkt war der Wahlabend, wo ich dafür freigestellt war, den Abend nur in einfacher Sprache in Echtzeit zu bloggen.

Welche weiteren Angebote, beispielsweise zu lokalen Nachrichten, gibt es?

Rita Vock: Wir als Deutschlandfunk haben einen überregionalen Auftrag und können eine Regionalisierung der Nachrichten nicht leisten. Dafür gibt es die Landesrundfunkanstalten, die auf die Berichterstattung aus ihren Bundesländern spezialisiert sind. Wir haben zu dem Bereich regionale Nachrichten aber eine kleine Externer Link: Linkliste mit Angeboten auf unserer Website zusammengestellt.

Über unsere Interviewpartnerin

Rita Vock ist Nachrichtenredakteurin beim Externer Link: Deutschlandfunk und betreut dort das Angebot "Externer Link: nachrichtenleicht". Auch an der Entwicklung von "nachrichtenleicht" war sie beteiligt.

Weitere Inhalte

Leonie Meyer studierte in Bonn Politik, Soziologie und Psychologie. Seit Januar 2021 unterstützt sie die werkstatt.bpb als Redaktionsassistenz. Daneben brennt sie für die Themen politische Partizipation, Bewältigung der Klimakrise und soziale Gerechtigkeit.