Eindruck vom Hackathon, Entwicklung von Prototypen

Tobias Thiel am 21.12.2016

Durch Minecraft Politik, Geschichte und Städte entdecken

Gebäude, Städte, ganze Landschaften erschaffen – mit Minecraft geht das ganz einfach. Auch in der politischen Bildung hat das Computerspiel großes Potenzial: Warum beispielsweise der virtuelle Nachbau des Kanzleramts Jugendlichen hilft, politische Prozesse zu verstehen, und wie durch HistoryCraft virtuelle Gedenkstätten entstehen, erklärt der Medienpädagoge Tobias Thiel.

Spielfiguren aus MinecraftMit digitalen Spielen wie Minecraft politische Zusammenhänge in der analogen Welt verstehen. (Sergey Galyonkin / Flickr / bearbeitet / Lizenz: CC BY-SA 2.0)

Circa zwei Drittel aller Jugendlichen spielen regelmäßig Computerspiele am PC, auf Konsolen oder auf dem Handy.[1] Einige dieser Spiele haben das Potenzial, Kreativität, Lösungsentwicklung und Zusammenarbeit zu fördern, besonders da, wo in virtuellen Welten interagiert wird.[2] Der Einsatz von Computerspielen oder deren Prinzipien in der Bildung wird als Digital Game Based Learning bezeichnet. Auf diese Weise wird versucht, das hohe Lern- und Motivationspotenzial von digitalen Spielen für andere Bildungsprozesse zu nutzen.[3] Entweder werden konkrete Spiele eingesetzt oder Spielprinzipien übertragen. "Wichtig ist dabei, dass die Prinzipen von Spielen in den Lernprozess integriert werden: Versuch, Irrtum, Herausforderung, Teamarbeit, Belohnung, Gewinn."[4] Für die politische Bildung bietet das neben der Hoffnung auf besonders engagierte Teilnehmende auch die Möglichkeit, neue Zielgruppen zu erreichen.

Eines der beliebtesten Spiele ist Minecraft. Alternativ kann auch mit kostenlosen Minecraft-Klonen gearbeitet werden, denen das gleiche Spielprinzip zugrunde liegt, zum Beispiel Minetest. Für die außerschulische Bildung muss dann allerdings ausprobiert werden, ob die Anziehungskraft für Jugendliche mit der des Originals vergleichbar ist. Minecraft steht in diesem Text für das dahinterliegende Spielprinzip. Im Folgenden soll anhand dieses Spieles beispielhaft gezeigt werden, wie Computerspiele in der politischen Jugendbildung in der außerschulischen Bildung, in Online-Wettbewerben und Schulprojekten genutzt werden können. Da das Spielprinzip an Lego erinnert, können selbst Pädagoginnen und Pädagogen, die keine Computerspieler bzw. -spielerinnen sind, einfach Konzepte erstellen, ohne tief ins Spiel einsteigen zu müssen. Weil das Spiel von Kindern und Jugendliche auch in der Freizeit genutzt wird, kann man sie darüber dafür begeistern, sich hochmotiviert mit gesellschaftlich relevanten Themen zu beschäftigen.

Minecraft – unbegrenzte Kreativität für die politische Bildung

Minecraft ist ein Sandbox- bzw. Open-World-Game. Im Unterschied zu vielen anderen Spielen gibt es keine vom Entwickler vorgegebene Lösungswege und Spielziele. Im Survival-Modus geht es darum, in einer virtuellen Welt zu überleben. Dafür muss man tagsüber Rohstoffe abbauen, wie der Name "Mine" bereits andeutet, und anschließend daraus Werkzeuge erstellen, das sogenannte "Craften". Gebaut wird, indem man quadratische Blöcke aus den abgebauten Materialien übereinander und nebeneinander setzt. Vor allem in der Nacht kommen Monster, vor denen man sich durch Gebäude oder mit Waffen schützen kann.

Im Kreativmodus, der bei den hier vorzustellenden Projekten genutzt wurde, stehen alle Blockarten und Werkzeuge unbegrenzt zur Verfügung. Die Spielerinnen und Spieler können sofort mit dem Bauen beginnen. Ihrer Kreativität sind fast keine Grenzen gesetzt. Das ganze Potenzial des Spiels entfaltet sich, wenn die Spielerinnen und Spieler in einer virtuellen Welt interagieren. Es funktioniert dann wie ein virtuelles Lego, in dem alle Spielerinnen und Spieler kollaborativ an einem Haus, einer Stadt oder Landschaft bauen können.[5] Da das Spielprinzip sehr leicht zu lernen ist, kann man Minecraft mit allen Altersgruppen nutzen. Besonders interessant ist der Einsatz aber in der Arbeit mit Jugendlichen, die man damit in ihrer Lebenswelt abholen kann. Wenn man Jugendliche als Experteninnen und Experten einbezieht, muss man als Pädagoge bzw. Pädagogin das Spiel nicht einmal selber spielen können.[6] Besonders geeignet ist es auch für die politische Bildung mit Kindern, da es bereits von Sechsjährigen gespielt wird.

Wenn man mit Minecraft für außerschulische Angebote der politischen Bildung wirbt, melden sich in der Regel mehr Kinder und Jugendliche an, als Plätze verfügbar sind. Und es werden überdurchschnittlich viele Teilnehmende erreicht, die kein Gymnasium besuchen. Gerade für sogenannte bildungsfernere Milieus können Computerspiele ein Zugang zur politischen Bildung sein. Die folgenden Beispiele zeigen, wie vielfältig Bildungsszenarien mit Minecraft sein können.

Das politische Berlin

Klassische Themen der politischen Bildung können mit Minecraft interessanter aufbereitet und bearbeitet werden. Zum Beispiel die Frage, wo politische Entscheidungen getroffen werden. Ganz dem Spielprinzip von Minecraft folgend, erschließen sich die Spielerinnen und Spieler die Antwort über zentrale Gebäude, zum Beispiel des politischen Berlins, wie das Kanzleramt, den Bundestag oder die Ministerien. Nach einer Einführung bauen sie die Gebäude nach. Anschließend erkunden sie diese bei einer Exkursion nach Berlin, treffen auf politische Entscheidungsträger und -trägerinnen und präsentieren ihnen ihre Minecraft-Bauten. Ebenso können die Ideen der Jugendlichen auch der Einstieg in eine Diskussion mit dem oder der Bundestagsabgeordneten aus dem eigenen Wahlkreis oder kommunalen Verantwortlichen im Jugendclub oder an der Schule sein. Die Kinder und Jugendlichen, beim Projekt "Das politische Berlin"[7] zwischen 10 und 14 Jahren, erfahren auf diese Weise, dass sie mit Politikerinnen und Politikern auf Augenhöhe sprechen können. Politische Aushandlungs- und Entscheidungsprozesse verstehen sie, weil sie fürs Nachbauen intrinsisch wissen wollen, warum bestimmte Räume wie ausgestattet werden. Was passiert zum Beispiel in einem Fraktionsraum? Braucht es da ein Rednerpult, Tische, Stühle?

Partizipation, Zukunftsstadt und Lebensperspektiven Jugendlicher

Man kann Offene-Welt-Spiele wie Minecraft aber auch als E-Partizipations-Tool[8] nutzen und mit Jugendlichen darüber ins Gespräch kommen, wie sie leben wollen. Welche Voraussetzungen werden zum Beispiel benötigt, damit Jugendliche in ländlichen, durch Bevölkerungsverlust geprägten Räumen bleiben wollen? Zum Beispiel bauen Jugendliche gemeinsam ihre Traumstadt mit den Gebäuden, die ihnen besonders wichtig sind oder fehlen. Anschließend fällt es ihnen vergleichsweise leicht, präzise und reflektierte Forderungen für den öffentlichen Raum zu formulieren, weil es aus ihrer Sicht nur die Präsentation ihrer Spielewelt ist.[9] Zudem lernen Sie durch das gemeinsame Bauen der Spielewelt mit anderen Mitspielern und Mitspielerinnen, sich mit Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer auf eine gemeinsame Vorstellung der Zukunftsstadt zu verständigen. Einen anderen Schwerpunkt setzten die Wettbewerbe "Die faire Stadt der Zukunft"[10] der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt und "Zukunftsstadt"[11] des Wissenschaftsjahrs 2015 des Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF): Hier erstellten die Teilnehmenden aus ganz unterschiedlichen Altersklassen Minecraft-Filme mit ihren Vorstellungen für die nachhaltig wachsende Stadt der Zukunft. 2017 wird es einen Minecraft-Wettbewerb des Wissenschaftsjahrs "Meere und Ozeane" geben.[12]

HistoryCraft – eine virtuelle Gedenkstätte entsteht

Über Minecraft kann man Jugendliche aber auch für historisch-politische Bildung interessieren. Im Projekt HistoryCraft[13] erkunden sie zuerst geführt und eigenverantwortlich eine KZ-Gedenkstätte, um anschließend eine virtuelle Ausstellung als Mini-Computerspiel zu erstellen, in der Besucherinnen und Besucher konkrete Aufgaben erhalten. Per Text-Chat werden sie aufgefordert, Informationen aus ausgewählten Häftlingsbiografien zu finden und lernen so Schritt für Schritt relevante in Minecraft umgesetzte Stationen des ehemaligen Konzentrationslagers kennen. Die Jugendlichen entwickeln auf diese Weise Konzepte des Peer-Lernens, weil die entstandene Online-Ausstellung anderen jungen Menschen als sogenannte Adventure-Map zum Download und Nachspielen angeboten werden soll. Außerdem wird ein Film des virtuellen Rundgangs Teil der Ausstellung der Gedenkstätte.

Ausblick

Als Plattform bietet Minecraft technisch (fast) unendliche Möglichkeiten. Der pädagogischen Fantasie für Nutzungsmöglichkeiten eröffnet es einen weiteren Raum, als hier dargestellt werden konnte Allein aus der Lego-Analogie ergeben sich noch vielfältigste weitere Möglichkeiten, zum Beispiel die Erstellung von Prototypen, die bei Bedarf sogar per 3D-Drucker ausgedruckt werden können. Darüber hinaus können in Minecraft oder einem seiner Klone vergleichsweise einfach eigene Spiele (Serious Games) und Simulationen zu politischen und ökonomischen Themen entwickelt werden. Mirek Hančl hat mit Tracecraft[14] zum Beispiel ein Minecraft-Rollenspiel zum Thema Datenschutz erstellt. Auch eine Umsetzung des vom Politikdidaktiker Andreas Petrick beschriebenen Dorfszenarios, mit dem man lernen kann, ein politischer Mensch zu sein, wäre möglich.[15] Auch wenn die hier vorgestellten Formate in außerschulischen Settings ausprobiert wurden, lassen sich viele der Anregungen auch für die Schule übertragen. Für Pädagoginnen und Pädagogen ist der Vorteil des Einsatzes von Minetest oder Minecraft in Bildungsprozessen, dass es dazu bereits vielfältige Anleitungen, Foren und Gruppen in sozialen Netzwerken gibt.[16] Das größte Potenzial für die politische Bildung ist aber, dass über Computerspiele bzw. deren Spieleprinzipien neue Zielgruppen für die politische Bildung gewonnen werden können. E-Partizipation kann emotionaler und jugendgemäßer gestaltet werden und junge Menschen können sich als Expertinnen und Experten ihrer Spielewelten in Bildungsprozesse einbringen.

Mehr Informationen

Für die außerschulische Bildung lohnt sich der Einsatz der kostenpflichtigen Minecraft-Version (einmalig 23,95 Euro pro übertragbarer Spielerlizenz oder für 5 Euro jährlich als Minecraft Education Edition als Teil von Office365), um Jugendliche in ihrer Spiele- und Lebenswelt abzuholen. Im Netz findet man viele gute Beispiele, wie man Minecraft in Bildungsprozessen einsetzen kann. Mit Minetest gibt es einen Minecraft-Nachbau, in dem inzwischen die meisten Funktionalitäten implementiert wurden und der kostenlos und Open Source zur Verfügung steht. Eine kleine Gruppe von Pädagoginnen und Pädagogen erstellt inzwischen auch Anleitungen zur Bildungsarbeit mit Minetest.
Der Autor nutzt seit über drei Jahren Minecraft für Projekte der politischen Bildung an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt e. V. und berichtet hier darüber: www.junge-akademie-wittenberg.de/minecraft.



Fußnoten

1.
Vgl. JIM-Studie 2015, http://www.mpfs.de/index.php?id=676, Zugriff: 22.06.16.
2.
Zur Bedeutung und zu Analysebenen virtueller Welten für Bildung und Medienpädagogik vgl. Jörissen, Benjamin (2010): Strukturale Ethnografie Virtueller Welten. In: Grell, Petra/Marotzki, Winfried/Schellhowe, Heidi (Hrsg.): Neue digitale Kultur- und Bildungsräume. Wiesbaden, S. 119-143, hier S. 210.
3.
Vgl. Wechselberger, Ulrich: Game-based learning zwischen Spiel und Ernst. Das Informations- und Motivationspotenzial von Lernspielen aus handlungstheoretischer Perspektive, München 2012, S. 83.
4.
André Spang, Gamification im Unterricht, https://ipadkas.wordpress.com/2015/05/16/gamification-im-unterricht/, Zugriff: 18.10.16.
5.
Thomas Ebinger hat eine Anleitung zur Einrichtung eines Minetest-Servers erstellt: http://thomas-ebinger.de/2016/10/wie-richtet-man-einen-online-minetest-server-ein/, Zugriff: 18.10.16.
6.
Dem Autor passiert es auch nach über drei Jahren noch, dass er bei Minecraft-Präsentationen Türen einschlägt, statt sie zu öffnen.
7.
Vgl. http://www.junge-akademie-wittenberg.de/berlin, Zugriff: 22.06.16.
8.
Vgl. Thiel, Tobias/ Koedel, Peg, ePartizipation spielerisch – mit Minecraft Kommune gestalten, IJAB – Fachstelle für internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland (Hrg.), Youthpart – Jugendbeteiligung in der digitalen Gesellschaft, S.49 (Download) und Thiel, Tobias: Von der Kreativität zur Beteiligung - das Computerspiel Minecraft als E-Partizipationstool, in: Evangelische Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung (Hrg.): Jahrbuch 2015, S. 42-52.
9.
Vgl. http://junge-akademie-wittenberg.de/zukunftstag, Zugriff: 22.06.16.
10.
Vgl: http://www.die-faire-stadt.de, Zugriff: 22.06.16.
11.
Vgl. https://www.wissenschaftsjahr-zukunftsstadt.de/minecraft, Zugriff: 22.06.16.
12.
Vgl. www.wissenschaftsjahr.de/minecraft, Zugriff: 21.12.16
13.
Das Projekt HistoryCraft fand in Kooperation mit der Gedenkstätte KZ Lichtenburg Prettin statt. Vgl. http://junge-akademie-wittenberg.de/veranstaltung/historycraft, Zugriff: 22.06.16.
14.
Das Spiel und Anleitungen zum Einsatz und zur Auswertung findet man unter http://www.tracecraft.de/, Zugriff: 18.10.16.
15.
Vgl. Andreas Petrick, Die genetische Politikdidaktik als Lernprozessdidaktik, in polis 4/2009, S. 11f., http://www.lpb-mv.de/cms2/LfpB_prod/LfpB/_downloads/Jahreskongress_2011_Petrik_genetische-Politikdidaktik.pdf, Zugriff: 18.10.16.
16.
Der Autor hat hier eine Linkliste zusammengestellt: http://www.junge-akademie-wittenberg.de/minecraftbildung, Zugriff: 18.10.16.
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