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Cybermobbing in der Corona-Pandemie – Präventions-Tipps für Lehrende

Zwei Kinder sitzen in einem Klassenraum auf blauen Stühlen an jeweils eigenen Tischen. Das Mädche (links) zeigt dem Jungen (rechts) ihr Handy und lacht.In Zeiten des Distanzunterrichts findet Mobbing immer mehr in sozialen Netzwerken statt. (Foto: RODNAE Productions pexels.com)

Wie hat sich der digitalgestützte Unterricht im Zuge der Corona-Pandemie auf die Häufigkeit und die Art von Cybermobbing ausgewirkt?

Birgit Kimmel: Dadurch, dass Kinder und Jugendliche über den Fernunterricht digital mit anderen verbunden sind, liegt es natürlich nahe, dass Cybermobbing sich durch diese verstärkte Online-Nutzung verbreitet. Es gibt seit Ende 2020 nun auch die Studie Cyberlife III von der Techniker Krankenkasse und dem Bündnis gegen Cybermobbing, die beschreibt, dass Corona sich in Bezug auf Cybermobbing tatsächlich als Brandbeschleuniger erwiesen hat.

Welche Rolle spielen Messenger und Social-Media-Plattformen dabei?

Birgit Kimmel: Das sind die Plattformen, über die Cybermobbing hauptsächlich stattfindet. Aber Cybermobbing findet unter anderem auch in Online-Games statt, wobei diese im weitesten Sinne zur Social-Media-Welt gehören. Überall dort, wo Kommunikation, Austausch und ein Bewerten von anderen möglich ist – auch wenn es nur ein Like ist – ist auch Cybermobbing möglich.

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Was versteht man unter Cybermobbing?

Unter Cybermobbing versteht man das Belästigen, Bedrohen und Beleidigen von Betroffenen vor allem über digitale Dienste. Die Initiative Klicksafe differenziert nicht mehr explizit zwischen Mobbing und Cybermobbing, da häufig beides miteinander einhergeht.

Gibt es Anzeichen unter Kindern und Jugendlichen, anhand derer Lehrende Cybermobbing erkennen können?

Birgit Kimmel: Wir wissen aus der Mobbingforschung, dass Mobbing erst sehr spät von Lehrkräften wahrgenommen wird. Das haben wir auch in unserem Handbuch "Was tun bei Cyber-Mobbing?" deutlich dargestellt. Lehrkräfte müssen sehr aufmerksam sein und wissen, welche Dynamik ein Mobbingprozess hat, um es frühzeitig erkennen zu können. Zudem gibt es eine "Schweigemauer" zwischen Schülerinnen und Schülern und Lehrkräften: Betroffene wenden sich erst sehr spät an Lehrkräfte und andere Erwachsene. Meist ist die Situation dann schon deutlich eskaliert. Das liegt oft daran, dass Schülerinnen und Schüler nicht petzen wollen oder auch keine Hilfe von den Lehrenden erwarten. Wenn Lehrkräfte nicht schon präventiv tätig werden, um Mobbing sichtbar zu machen, werden sie erst zu einem sehr späten Zeitpunkt intervenieren können. Oftmals kann es dann zu spät sein, da sich die Situation verfestigt hat und nur wenige in der Klasse noch Mitgefühl für das Opfer empfinden.

Manchmal sind es Kleinigkeiten, die auf Cybermobbing hinweisen können. Beispielsweise wenn der Verdacht entsteht, dass in Klassenchats Witze über eine Person gemacht werden. Vor allem, wenn es sich immer wieder um die gleiche Person handelt, müssen Lehrende aufmerksam sein. Das muss nicht immer gleich Cybermobbing sein, aber es sind erste Schritte wie sich Cybermobbing und Mobbing anbahnen kann. Und natürlich können auch die Verhaltensweisen von Schülerinnen und Schülern selbst Aufschluss geben. Zum Beispiel wenn ein Schüler ausweichendes Verhalten zeigt, indem er im Unterricht häufiger fehlt oder auch zunehmend aggressives Verhalten an den Tag legt. Jegliche Verhaltensänderungen sollten in den Blick genommen werden, denn dahinter kann stehen, dass sich der Betroffene in einer problematischen Situation befindet und Hilfe benötigt.

Welche Faktoren erschweren das Erkennen von Cybermobbing im Distanzunterricht?

Birgit Kimmel: Dadurch, dass die Einzelnen jetzt zu Hause sitzen und man nur auf wenige Sinneskanäle zugreifen kann, können wir an Gestik noch Mimik kaum erkennen, wie sich jemand verhält. Die Gruppendynamik der Klasse ist schwächer ausgeprägt. Wenn Lehrkräfte nicht auf Chats zugreifen können, die innerhalb der Klassengemeinschaft kursieren, werden sie wenig oder nichts mitbekommen. Es ist also viel schwieriger zu verstehen, wie die Situation der Klassengemeinschaft ist und ob es eventuell einzelne Personen oder kleinere Gruppen gibt, die Mobbing oder Cybermobbing ausgesetzt sind.

Was können Lehrende tun, wenn sie vermuten, dass Schülerinnen oder Schüler gemobbt werden?

Birgit Kimmel: Wenn Sie vermuten, dass eine Schülerin oder ein Schüler gemobbt wird, dann sollten sie immer erst einmal aufmerksam und vorsichtig sein und schauen, woher ihre Vermutung kommt. In Mobbingprozessen ist es ein großes Problem, wenn wir aus Angst oder einem Kontrollbedürfnis heraus zu schnell aktiv werden oder sogar überreagieren. Wenn ich als Lehrkraft Mobbing oder Cybermobbing vermute, sollte ich mir selbst erst einmal Unterstützung suchen – beispielsweise bei einem Schulsozialarbeiter oder einer Schulpsychologin – um gemeinsam zu überlegen, wie ich das Thema angehen kann. Es gibt Interventionsmethoden, die bei einem Verdacht eingesetzt werden können. Es kann sinnvoll sein, allgemein über Mobbing zu sprechen und von Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler berichten zu lassen. Gemeinsam können daraus in der Klasse Regeln entstehen, die sich an den Menschenrechten orientieren. Diese Regeln sollten von allen Gruppenmitgliedern als verbindlich anerkannt werden, indem sie sie unterschreiben. Danach kann die Lehrkraft eine klare Linie setzen und sagen: "Wir wissen, dass solche Verhaltensweisen auch in dieser Klasse existieren. Ab jetzt gilt: wenn so etwas vorkommt, wird das sanktioniert."

Es gibt auch viele betroffene Kinder und Jugendliche, die sagen: "Ich möchte eigentlich nur, dass es aufhört", aber die nicht wollen, dass in der Klasse das Mobbing gegen sie aufgedeckt wird. Man kann unterschiedliche Interventionsmethoden anwenden, auch solche, die einen akuten Mobbingfall nicht in den Mittelpunkt stellen. Werden Mobbingfälle bekannt, dann können auch Helfersysteme in Klassen etabliert werden. Das sind beispielsweise "Buddys", die ganz offiziell ein Mandat bekommen, sich an Lehrkräfte zu wenden, wenn sie mitbekommen, dass in der Klasse oder im Klassenchat jemand bedroht oder belästigt wird. Wenn jemand sich an Lehrende wendet und dieses Mandat gibt es nicht, dann sind diese Schülerinnen oder Schüler schnell die Petzen und können sehr schnell selbst zum Opfer werden. Generell müssen in Gruppen und Klassen regelmäßige Kommunikationsräume existieren. Diese ermöglichen es, dass Probleme angesprochen werden dürfen und sollen. Eine Lehrkraft muss hier ganz deutlich signalisieren: Ich habe ein offenes Ohr. Ein Beispiel dafür wäre ein (virtueller) Klassenrat, in dem man beispielsweise wöchentlich zusammenkommt und über Probleme in der Klasse spricht.

Welche Maßnahmen können zur Prävention von Cybermobbing sinnvoll sein?

Birgit Kimmel: Schülerinnen und Schüler müssen frühzeitig technische Einstellungen kennenlernen, damit sie sich selbst schützen können. Dazu gehört es zum Beispiel, nur persönlichen Kontakten zu ermöglichen, Mitteilungen zu senden, Nutzerprofile privat und nicht öffentlich zu stellen, Standortdaten auszuschalten und niemals Adresse, Telefonnummer oder den vollen Namen an fremde Personen weiterzugeben. Auch Informationen zum Recht am eigenen Bild oder eine Aufklärung über die Risiken, freizügige Bilder oder Nacktfotos zu verschicken, sind wichtige Aspekte von Präventionsarbeit.

Auf der sozialen Ebene müssen wir vor allem sogenannte prosoziale Kompetenzen aufbauen. Dazu gehört auch: Wie unterstütze ich jemanden, der es in der Klasse abkriegt? Lehrkräfte können frühzeitig Vorsorge treffen, wenn Klassenchats aufgebaut werden, indem Administratoren benannt werden, die auf eine miteinander abgestimmte Netiquette achten, die einschreiten, sobald jemand beleidigt oder belästigt wird oder im schlimmsten Fall auch Personen aus der Gruppe entfernen können. Man kann den Schülerinnen und Schülern auch vieles selbst in die Hand geben. Denn die meisten wollen eigentlich nicht, dass dissoziale Verhaltensweisen in Klassen eingesetzt werden – zumindest der größte Teil nicht. Die Täterinnen und Täter haben häufig selbst ein hohes Anerkennungsbedürfnis und eine falsche Vorstellung davon, durch ihr Verhalten von anderen "cool" gefunden zu werden oder Anerkennung zu bekommen.

Kann schulisches Medienkompetenztraining präventiv wirken?

Birgit Kimmel: Medienkompetenztraining ist wichtig, sollte aber immer mit dem Aufbau von prosozialen Kompetenzen parallel laufen. Schule hat hier eine Schlüsselrolle. Sie ist der Ort, an dem wir alle Schülerinnen und Schüler erreichen. Daher ist Schule auch der Ort, an dem wir entsprechende Kompetenzen aufbauen müssen und die Vernetzungsmöglichkeiten haben, Fachexperten zusammenzuführen und Eltern zu erreichen. Aus meiner Sicht müsste die Prävention und Intervention von Mobbing und Cybermobbing viel stärker strukturell im Schulkontext verankert werden.

Und wie kann der Klassenzusammenhalt in Zeiten von Corona gestärkt werden?

Birgit Kimmel: Da gibt es viele Möglichkeiten. Durch gemeinsame Spiele und Gruppenarbeiten kann der Zusammenhalt beispielsweise gestärkt werden. Es gibt mittlerweile gute digitale Meetingräume, die es uns ermöglichen im Fernunterricht in Kleingruppen zu arbeiten. Alles was wir bei Präsenzunterricht in der Klasse machen, um Sozialkompetenzen aufzubauen, gilt auch im Online-Unterricht. Wobei ich sagen muss, dass viele Lehrkräfte erst mal damit kämpfen, ihren Unterricht überhaupt digital umzusetzen.

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Über die Interviewpartnerin

Birgit Kimmel ist Diplom-Pädagogin und Leiterin der EU-Initiative Klicksafe. Ihre inhaltlichen Schwerpunkte bei Klicksafe sind (Cyber-)Mobbing, Medienethik, Soziale Netzwerke und Smartphone-Nutzung.

Klicksafe ist eine Initiative im Auftrag der Europäischen Kommission, die sich der Förderung der Medienkompetenz im Umgang mit dem Internet und neuen Medien widmet.




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