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Der Einfluss der Pandemie auf die deutsche Hochschullehre – zwei Perspektiven

Corona und die neue Lernwelt Krisen als Reformtreiber des Schulsystems Der Einfluss der Pandemie auf die deutsche Hochschullehre – zwei Perspektiven Gerechte Bildungschancen in der Krise? Beziehungen gestalten und aufrechterhalten – eine wichtige Kompetenz in der Pandemie Die Auswirkungen von Corona auf das Berufsbild angehender Lehrerinnen und Lehrer Cybermobbing in der Corona-Pandemie – Präventions-Tipps für Lehrende Welche Rolle spielen Bildungsvideos der öffentlich-rechtlichen Medien in der Corona-Pandemie? Mentale Gesundheit von Lehrkräften in der Pandemie So beeinflusst der Distanzunterricht das Stressempfinden von Schülerinnen und Schülern 2x3x3 Eltern-Lehrenden-Kommunikation in Zeiten des Distanzunterrichts Wie das Fernlernen den Alltag von Schülerinnen und Schülern beeinflusst Wie Fernunterricht die Unterrichtsmethoden verändert Für eine politische Bildung, die Digitalisierung integriert Kleines 3x3: Systemadmins Digitaler Unterricht – was hat sich für Lehrende durch Corona verändert? Benachteiligung in Zeiten des Fernunterrichts Neun Tipps und Erkenntnisse für den digitalen Unterricht

Der Einfluss der Pandemie auf die deutsche Hochschullehre – zwei Perspektiven

Autor/-innengruppe AEDiL Michael Kerres

/ 6 Minuten zu lesen

Corona hat unsere Bildungslandschaft in ihren Grundfesten verändert: Mittel und Prioritäten von Lehre wurden neu reflektiert und angepasst – nicht nur an Schulen, sondern auch im Hochschulbereich. Der Mediendidaktiker Michael Kerres und die Autor/-innengruppe AEDiL stellen jeweils ihre Sichtweise auf die Entwicklungen vor.

Die Hörsäle blieben aufgrund der Corona-Pandemie lange Zeit leer. (© Pixabay Externer Link: pexels.com)

Corona und die neue Lernwelt

Hat die Zeit des Distanzlernens in den Hochschulen wirklich etwas verändert? Der Mediendidaktiker Michael Kerres glaubt, dass Gedankenprozesse zwar angestoßen wurden, darüber hinaus jedoch noch viel zu tun ist.

Gastbeitrag von Michael Kerres

Der Titel nimmt etwas vorweg, das ich im Folgenden problematisieren möchte. Hat Corona tatsächlich eine neue Lernwelt in die Hochschule gebracht? Hat sich das Lehren und Lernen bereits so grundlegend verändert, dass manche von der "neuen Normalität" der Hochschullehre sprechen? Eines Tages, wenn die Pandemie tatsächlich überwunden ist, werden wir die Masken ablegen, werden wir den Abstand in Gesprächen wieder unbekümmert verringern und die AHA-Regeln vergessen. Warum sollten wir nach der Pandemie nicht auch zu unseren alten Gewohnheiten in der Hochschullehre zurückkehren und unseren eingeübten Praktiken des Unterrichtens in Räumlichkeiten der Hochschule nachgehen? So lange vermisst, immer wieder verschoben: Der gut vorbereitete Vortrag im gefüllten Hörsaal, das intensive Gespräch im Seminarraum und das akribische Experimentieren im Labor.

In der internationalen Forschung wird von Remote Emergency Teaching gesprochen, um deutlich zu machen, dass die Lehre unter Corona eine Notfallsituation darstellte: Es ging darum, unter Nutzung der digitalen Medien Distanzen zu überbrücken und einen irgendwie gearteten Kontakt zwischen Lehrenden und Lernenden aufrecht zu erhalten. Für die Öffentlichkeit in Deutschland ist dabei deutlich geworden, wie wenig das Bildungswesen auf digitale Technik setzt und wie wenig auch beträchtliche Geldsummen, die – für den Schulsektor – kurzfristig bereitgestellt wurden, daran ändern konnten. Der Zeitdruck machte es notwendig, vorliegende Konzepte der Lehrens auf die digitale Umgebung zu übertragen. Das ging in manchen Fällen mit Frustration der Beteiligten einher, weil deutlich wurde, dass die bisherigen Konzepte sich nicht gut medienvermittelt umsetzen ließen. In anderen Fällen gelang die Umsetzung, und die Erfahrung wurde deutlich positiver bewertet.

Mittlerweile liegen eine Reihe von Analysen und Auswertungen von einzelnen Hochschulen sowie hochschulübergreifende, teilweise auch ländervergleichende Studien vor. Sie zeigen, dass an Hochschulen (mehr noch als in der Primar- und Sekundarstufe) vielfach Lösungen implementiert werden konnten, die den Lernprozess unterstützen und zum Studienerfolg beitrugen. Als schwierig erwies sich demnach vor allem das rechtskonforme Prüfen. Solche Untersuchungen müssen oberflächlich bleiben, da sie die psychischen, kulturellen und gesellschaftlichen Implikationen für das Erleben der Studierendengeneration nicht annähernd erfassen. Denn die Studierenden befanden sich in einer Notfallsituation, in der sie vereinzelt, in ihrer Identitätsentwicklung eingeschränkt, kaum am gesellschaftlichen Leben teilhaben konnten. Die Effekte der Pandemie für Studierende können nicht auf den Einsatz digitaler Medien in der Lehre reduziert werden, wie in einem Experiment, in dem eine Variable geändert wird und der Effekt dieser Variable untersucht werden könnte. Insofern bleiben viele Effekte der Pandemie im Dunkeln.

Was heißt das für die Zeit nach Covid-19? Letztlich bleibt weitgehend offen, was nach der Pandemie passiert. Möglich erscheint gleichermaßen, dass die Lehrenden an Hochschulen zu einem "tradierten" Muster zurückkehren. Möglich erscheint auch, dass Hochschullehrende und Studierende sich dafür einsetzen, dass über die Entwicklung von Lehre weiter nachgedacht wird und die Erfahrungen von Corona aktiv in einem Prozess der Studienreform aufgegriffen werden. Sie wollen bestimmte Vorteile des Digitalen nicht mehr missen und fordern flexiblere Lösungen in der Umsetzung der Lehre.

Die Hochschullehre nach Corona kann sich ändern, aber dies ist als aktiver Gestaltungsprozess zu verstehen, der nicht nur die einzelne Lehrperson betrifft, sondern ein ganzes Kollegium mit den Studierenden. Es geht bei der Digitalisierung nicht einfach darum, dass der bestehende Unterricht nun auch über digitale Medien bereitgestellt wird. Wichtiger als die Forderung nach mehr Digitaltechnik ist die Notwendigkeit, didaktische Innovationen zu erarbeiten, mit denen z.B. eine das aktive Lernen intensiviert, stärkere kooperative Lernformen oder eine stärkere Vernetzung mit externen und internationalen Partnern möglich werden. Diese Entwicklungen kann die einzelne Lehrkraft nicht alleine anstoßen. Hier bedarf es der Verständigung und eines gemeinsamen Veränderungsprozesses der handelnden Akteure in der Hochschule.


Geht es wirklich um das Fehlen von Präsenzlehre? Erkenntnisse aus dem AEDiL-Projekt

Wie können Hochschulen ihre Erfahrungen aus der pandemiebedingten Distanzlehre auswerten und für zukünftiges Handeln nutzen? Das Forschungsprojekt AEDiL geht dem auf den Grund.

Gastbeitrag der Autor/-innengruppe AEDiL

Nach drei Semestern des Lehrens und Lernens, Beratens und Prüfens auf Distanz an Universitäten und Hochschulen sind derzeit vor allem die Stimmen zu hören, die verstärkt die Präsenzlehre zurückfordern. Innerhalb dieser Diskussion wird weder die geleistete Arbeit von Lehrenden, Studierenden, Hochschul- und Mediendidaktikerinnen und -didaktikern wertgeschätzt noch der auf allen Seiten hinzugewonnene Erfahrungsschatz. Und das, obwohl Studien zeigen, dass die Online-Lehre in der Pandemie überwiegend gut funktioniert hat (Arndt et al. 2021).

Durch das Narrativ der Präsenzhochschule wird eine verkürzte Perspektive auf das, was gute Lehr-Lernsituationen auszeichnet, tradiert, statt diese aufzubrechen. Ein unreflektierter Ruf nach Präsenzlehre könnte nicht nur den entstandenen Gemeinschaftsdiskurs über Lehre wieder bremsen, sondern die gewinnbringende Reflexion über die Corona-Semester innerhalb der Hochschulen hemmen. Das Potenzial, aus den eigenen Erfahrungen zu lernen und Lehre entlang dieser Erfahrungen allgemein zu verbessern, bliebe ungenutzt. Dabei entstand durch Corona ein Anlass, um über die Gestaltung von (Online-)Lehre in den Austausch zu kommen.

Eine Gruppe von 16 Hochschullehrenden, -didaktikerinnen und -didaktikern nimmt sich im Projekt "Externer Link: AEDiL - Autoethnographische Beforschung digitaler Lehre und deren Begleitung" die Zeit und den Raum für Reflexionen rund um das Thema Hochschullehre. AEDiL arbeitet mit der "kollaborativen Autoethnographie", einer Forschungsmethode, die Selbstbeobachtungen als Daten nutzt, um ein soziales Phänomen innerhalb eines sozio-kulturellen Zusammenhangs zu analysieren und zu interpretieren. Die Veränderungsprozesse, die die Coronapandemie angestoßen hat, werden in dem Projekt systematisch dokumentiert und kollaborativ ausgewertet.

Erste Ergebnisse zeigen, dass durch die Ausnahmesituation der Pandemie Lehr-Lern-Situationen entstanden sind, die das vermeintlich Selbstverständliche im eigenen Handeln herausgefordert haben. Routinen wurden durchbrochen und neue Lehr-, Lern- und Beratungspraktiken entwickelt (Autor:innengruppe AEDiL 2021). So haben Lehrende z. B. zu Beginn einer Veranstaltung begonnen, nicht nur das Vorwissen der Studierenden zu erfragen, sondern auch deren technische Ausstattung. Gleichsam wurde das Thema körperliche und psychische Gesundheit verstärkt Teil der Lehrgestaltung, um die neuen Anforderungen, die durch die Teilnahme an einer Online-Veranstaltung entstanden sind, zu beachten. Was bislang nicht oder nur wenig die eigene Lehrplanung beeinflusste, wurde selbstverständlich. Diese Selbstverständlichkeiten und ihren Wandel wahrzunehmen, stellt unserer Meinung nach eine Lerngelegenheit dar, die zu versäumen ein großer Verlust für das Hochschulsystem und seine Mitglieder wäre.

Die Erkenntnisse aus dem AEDiL-Projekt verdeutlichen auch, dass eine Verklärung der Präsenzlehre nicht sinnvoll ist. Denn nicht die Präsenzlehre per se wird in der Online-Lehre vermisst, sondern vielmehr der Sozialraum Hochschule, den im Digitalen zu verstehen und zu gestalten Hochschullehrende wie Studierende neu lernen mussten (und müssen). In AEDiL haben wir ergründet, inwiefern die soziale Komponente der Hochschullehre – also die Bedeutung der Interaktion und des gegenseitigen Feedbacks – in der Online-Lehre besonders spürbar wurde. So wurden während der Corona-Semester nicht nur die Ungleichheitsdimensionen der Hochschulmitglieder (insbesondere der Studierenden) hervorgehoben, auch die Relevanz des sozialen Miteinanders wurde allen Beteiligten deutlich. Ein solches Miteinander im ungewohnten Setting zu erschaffen, fiel schwer.

Hierher rührt unserer Meinung nach die starke Fokussierung auf Präsenzlehre, die suggeriert, dass dort automatisch ein sozialer Austausch entsteht. Aber soziale Beziehungen sind auch in der Präsenzlehre kein Automatismus; der Sozialraum Hochschule muss vielmehr aktiv geschaffen werden. Durch die kollaborative Reflexion im AEDiL-Projekt können die Erfahrungen mit der Online-Lehre genutzt werden, um die eigenen Lehrkompetenzen weiterzuentwickeln und das eigene Verständnis von gelingender Lehre zu hinterfragen. Vor allem, um vermeintliche Selbstverständlichkeiten in der Lehre zu entdecken, diese gemeinsam infrage zu stellen und so aus den Erfahrungen der Pandemie zu lernen.

Literatur:

Arndt, C., Ladwig, T., & Knutzen, S. (2020). Zwischen Neugier und Verunsicherung—Interne Hochschulbefragungen von Studierenden und Lehrenden im virtuellen Sommersemester 2020. Externer Link: https://doi.org/10.15480/882.3090

Autor:innengruppe AEDiL. (2021). Corona-Semester reflektiert. Einblicke einer kollaborativen Autoethnographie. Bielefeld: wbv.

Weitere Inhalte

Die Autor/-innengruppe AEDiL besteht aus sechzehn Personen, die in dem kollaborativen Projekt "AEDiL - AutoEthnographische Forschung zu digitaler Lehre und deren Begleitung" seit dem ersten Corona-Semester im Sommer 2020 zu digitaler Lehre und Lehrpraktiken forschen. Die Autor/-innengruppe AEDiL zeichnet sich durch die hohe Diversität der Beteiligten aus. Diversität, die sich auf drei Ebenen zeigt: der fachlichen Verortung, des jeweiligen Aufgabenfeldes sowie der individuellen Qualifikations- und Erfahrungsstufe

Dr. Michael Kerres ist Universitätsprofessor für Erziehungswissenschaft und leitet den Lehrstuhl für Mediendidaktik und Wissensmanagement in der Fakultät für Bildungswissenschaft der Universität Duisburg-Essen.