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26.8.2020

Vor 115 Jahren: Der Maji-Maji-Aufstand

Im August 1905 kam es nahe der Station Mahenge im damaligen Deutsch-Ostafrika zu einer Schlacht zwischen Kolonialtruppen und afrikanischen Widerstandskämpfern, die zahlreiche Opfer forderte. Sie gilt als Wendepunkt des Maji-Maji-Kriegs – einem der gewaltsamsten Kapitel der deutschen Kolonialherrschaft.

Das Bild zeigt eine Bronze-Statue des Kolonialbeamten Hermann von Wissmann im Deutschen Historischen Museum in Berlin.Das gestürzte Denkmal des Kolonialgouverneurs Hermann von Wissmann, der für den Aufbau der deutschen „Schutztruppe“ und die militärische Niederschlagung mehrerer Aufstände in der Kolonie Deutsch-Ostafrika verantwortlich war, war Teil einer Ausstellung im Deutschen Historischen Museum. (© picture-alliance/dpa)

Widerstand gegen die deutsche Kolonialherrschaft

Bereits während der deutschen Besetzung ab 1884 hatte es in Ostafrika mehrere regionale Aufstände gegeben, bei welchen sich die lokale Bevölkerung gegen Fremdherrschaft und Ausbeutung wehrte. Zwischen 1891 und 1905 fanden in Deutsch-Ostafrika zahlreiche Kämpfe zwischen Einheimischen und der sogenannten "Schutztruppe" statt. Diese Truppe bestand zu großen Teilen aus afrikanischen Söldnern, den sogenannten Askari (Swahili: Soldat), die der Kolonialgouverneur Hermann von Wissmann zuvor unter anderem im Sudan angeworben hatte. Sowohl den "Bushiri-Aufstand" (1889/90) als auch die Revolte der Wahehe (1891-94) schlug das Deutsche Reich nieder, um seine kolonialen Ansprüche durchsetzen zu können.

Doch die zahlreichen militärischen Feldzüge waren kostspielig, während die erhofften Einnahmen aus den Kolonien weit hinter den Erwartungen zurückblieben. Um dies zu ändern, führte die Kolonialbehörde in Deutsch-Ostafrika 1898 eine "Hüttensteuer" als dauerhafte Einnahmequelle ein. Wer den Steuerbetrag nicht leisten konnte, wurde durch Zwangsarbeit in der Landwirtschaft ausgebeutet. Weitere repressive Anordnungen und Gesetze folgten mit dem Amtsantritt des Kolonialgouverneurs Gustav Adolf Graf von Götzen im Jahre 1901. Um den enormen Bedarf an Arbeitskräften für staatliche Baumwollplantagen zu decken, ersetzte von Götzen im März 1905 die Hüttensteuer durch eine Kopfsteuer. Dies bedeutete eine Vervielfachung der Steuerschuld – und führte immer mehr Menschen in die Zwangsarbeit, während ihre eigenen Felder brach lagen.

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Die Kolonie Deutsch-Ostafrika

Als 1871 das Deutsche Kaiserreich gegründet wurde, verfolgten die politisch Verantwortlichen das Ziel, sich ebenso wie andere europäische Großmächte ein Kolonialreich anzueignen. Preußen hatte sich zwischen 1683 und 1717 aktiv am Sklavenhandel beteiligt und mit "Fort Großfriedrichsburg" im heutigen Ghana einen Handelsstützpunkt auf dem afrikanischen Kontinent unterhalten.

In den Jahren 1884/85 ließen Kaiser Wilhelm I. und Reichskanzler Bismarck durch Kaufleute oder das Militär diejenigen Gebiete in Afrika, die noch nicht einer europäischen Kolonialmacht unterstanden, von der Bevölkerung rauben und gewaltsam besetzen. Die Einheimischen wurde entrechtet und sollte durch militärische Gewalt in den Herrschaftsapparat eingegliedert werden.

Auf dem heutigen Gebiet der Staaten Tansania, Burundi und Ruanda wurde – zunächst durch eine private, vom deutschen Publizisten und Politiker Carl Peters geführte Expedition – die Kolonie Deutsch-Ostafrika ausgerufen, die später dem Kaiserreich unterstellt wurde. Auch im heutigen Namibia, Togo und Kamerun wurden diejenigen Gebiete, die sich deutsche Firmen zuvor angeeignet hatten, offiziell dem Kaiserreich als Kolonien unterstellt.

Der Maji-Maji-Aufstand

Arbeitszwang, Unterdrückung und die hohe Abgabenlast waren die Hauptauslöser für die Entstehung einer breiten Widerstandsbewegung im Süden Deutsch-Ostafrikas: den sogenannten Maji-Maji-Aufstand. Tausende Kämpferinnen und Kämpfer verschiedener Bevölkerungsgruppen waren zuvor durch eine Botschaft des Heilers Kinjikitile Ngwale vereint und zum Widerstand mobilisiert worden: Er hatte im Sommer 1904 verkündet, mithilfe sogenannter Maji-Magie die militärisch überlegenen Kolonialtruppen schlagen zu können. Die daraus entstandene Widerstandsbewegung erhob sich unter dem Schlachtruf "Maji-Maji" gegen das Kolonialregime.

Der Maji-Maji-Aufstand begann am 20. Juli 1905 mit der symbolischen Zerstörung eines Baumwollfeldes, auf dem Zwangsarbeit geleistet wurde. Für die Deutschen kamen die Angriffe überraschend. In den ersten Wochen verzeichneten die Maji-Kämpfer bei ihren Angriffen gegen Militärstationen, Farmen und Missionen zahlreiche Erfolge. Sie konnten etwa ein Fünftel der Kolonie unter ihre Kontrolle bringen. Immer mehr Menschen schlossen sich dem Widerstand an.

Die Schlacht bei Mahenge

Ende August 1905 scheiterte jedoch die Erstürmung des deutschen Verwaltungssitzes und Militärpostens von Mahenge. Der Tag galt als ein Wendepunkt des Krieges: Die kolonialen Truppen wehrten den Angriff ab und fügten den Maji-Kämpfern schwere Verluste zu.

Nach der Niederlage wechselten die Maji-Kämpfer zu einer Guerilla-Taktik. Die deutschen Truppen wiederum zerstörten Felder und Brunnen, brannten Siedlungen nieder und vernichteten Vorräte. Viele Aufständische, die den kolonialen Truppen in die Hände fielen, wurden ermordet oder zu jahrelanger Zwangsarbeit verurteilt. Im Laufe des Jahres 1906 brachten die Deutschen die Kolonie wieder nahezu vollständig unter ihre Kontrolle.

Am 18. Februar 1907 wurde offiziell das Kriegsende verkündet, die letzten Kampfhandlungen im Jahr 1908 eingestellt. Die Zahl der einheimischen Opfer wurde von der Kolonialregierung auf 75.000 beziffert. Heutige Schätzungen gehen davon aus, dass etwa ein Drittel der Bevölkerung – rund 250.000 bis 300.000 Menschen – durch den Krieg und seine unmittelbaren Folgen getötet worden ist, die Mehrheit von ihnen durch eine Hungerkatastrophe: Die Zerstörung der Felder und Dörfer hatte den Menschen ihre Lebensgrundlage genommen.

Wende in der Kolonialpolitik

Auch die Brutalität der deutschen Kolonialtruppen löste innenpolitischen Protest aus. Die Sozialdemokraten und die Zentrumspartei versuchten, durch ihre Stimmen im Parlament eine Änderung der Kolonialpolitik zu erwirken. Noch während des Maji-Maji-Aufstands verabschiedete der Reichstag 1905 ein Gesetz, das die schrittweise Abschaffung der Sklaverei in allen deutschen Kolonien bis 1920 vorsah. Als neuer Leiter der Kolonialabteilung des Außenministeriums wurde Bernhard Dernburg eingesetzt, der einen politischen Richtungswechsel durchsetzen konnte.

Es wurden keine neuen Kolonialgebiete unterworfen; nach der Niederschlagung des Maji-Maji-Aufstandes kam es aber auch zu keinen bedeutenden Widerstandsaktionen mehr. Mit der Niederlage im Ersten Weltkrieg musste Deutschland die besetzten kolonialen Regionen schließlich abtreten. Der Versailler Vertrag von 1919 legte fest, dass sie fortan Mandatsgebiete des Völkerbundes waren. Anfang der 1960er Jahre wurden Tanganyika (1961, heute Tansania), Ruanda (1962) und Burundi (1962) unabhängige Staaten.

Koloniale Vergangenheit

Die koloniale Vergangenheit Deutschlands ist noch heute etwa in Stadtbildern präsent. Straßen tragen Namen von Militärs und Politikern, die für die Kolonialpolitik Verantwortung trugen. Während Fürsprecher/-innen der Meinung sind, dass diese Namen auch in Erinnerung an die deutschen Verbrechen sichtbar bleiben sollten, fordern zahlreiche zivilgesellschaftlichen Gruppen, diese Straßen umzubenennen. In einige Fällen fanden Umbenennungen statt: So trägt das nach Otto Friedrich von der Gröben, dem Gründer von Großfriedrichsburg, benannte Gröbenufer in Berlin seit 2010 den Namen der afrodeutschen Dichterin May Ayim; die nach Carl Peters benannte Petersallee in Berlin soll in Maji-Maji-Allee umbenannt werden. Im Zuge der Anti-Rassismus-Proteste wurden 2020 außerdem zahlreiche Statuen und Denkmäler in amerikanischen oder europäischen Städten gestürzt, was weitere kontrovers geführte Debatten über den Umgang mit kolonialen Spuren im öffentlichen Raum ausgelöst hat.

Im tansanischen Kilwa Kivinje steht eine Statue des Bauern und Maji-Maji-Heilers Kinjikitile Ngwale. Er wurde schon vor dem Aufbruch der großen Aufstände von der deutschen Schutztruppe festgenommen und gehängt. Doch seine Skulptur erinnert bis heute an den Widerstand gegen die Kolonialherrschaft.

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