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23.4.2020

1. Mai: Tag der Arbeit

Zum Tag der Arbeit ruft der DGB in diesem Jahr wegen der Corona-Pandemie erstmals nicht zu politischen Kundgebungen und Versammlungen auf Straßen und Plätzen auf. Stattdessen wollen Gewerkschaften Menschen zu Aktionen im Internet mobilisieren.

Das Bild zeigt ein Kalenderblatt des 1. Mai mit der Aufschrift "Tag der Arbeit" vor einer blaune Wand.Anstelle von Kundgebungen auf Straßen und Plätzen soll am Tag der Arbeit 2020 aufgrund der Corona-Pandemie virtuell demonstriert werden. (© picture-alliance)

Digitalisierung und "Gute Arbeit"

Am 1. Mai, dem Tag der Arbeit, stehen traditionell die Forderungen der Arbeiterinnen und Arbeiter im Mittelpunkt politischer Demonstrationen, etwa nach geregelten Arbeitszeiten, nach Krankenversicherung, Lohnfortzahlung oder Urlaub.

Während auch heute in einigen Branchen prekäre Beschäftigungsverhältnisse bestehen, hat sich der Arbeitsmarkt in den letzten Jahrzehnten stark verändert: Durch Globalisierung, Verkehrswende, Digitalisierung und die sogenannte Industrie 4.0 entstehen neue Chancen, aber auch Herausforderungen. Neben Forderungen nach fairer Vergütung und sicheren Arbeitsverträgen wird darüber diskutiert, wie gute Arbeitsbedingungen im Spannungsfeld neuer Technologien wie etwa Künstlicher Intelligenz (KI) aussehen sollten.

Trotz drängender und oft lebensentscheidender Fragen haben die Maikundgebungen heute nicht mehr die Anziehungskraft wie in der Vergangenheit, die Teilnehmerzahlen sinken seit Jahrzehnten. Folgten 1960 in Berlin noch 750.000 Menschen dem Demonstrationsaufruf, so nahmen 2019 an der offiziellen Kundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) vor dem Brandenburger Tor nur 13.000 Menschen teil.

Ursprung: Der "Moving Day" in den USA

Seinen Ursprung hat der "Tag der Arbeit" in den USA. Dort war bis zum Ende des 19. Jahrhunderts der 1. Mai der Stichtag, zu dem viele Arbeitsverträge endeten oder neu abgeschlossen wurden. An diesem so genannten "Moving Day" mussten viele Menschen ihre Arbeitsstelle und ihren Wohnort wechseln.

Am 1. Mai 1886 gingen in mehreren Städten in den USA rund 400.000 Arbeiterinnen und Arbeiter auf die Straße und forderten einen Achtstundentag. In den folgenden Tagen kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen: Die Polizei erschoss mehrere Streikposten. Aus Protest versammelten sich 1.000 Arbeiterinnen und Arbeiter auf dem Haymarket von Chicago, wobei sieben Polizisten und vermutlich vier Demonstranten durch eine Explosion und Schüsse starben.

Die erste internationale Arbeitervereinigung, genannt „Internationale“, hatte sich bereits 1864 in London gegründet, sich jedoch wegen Meinungsverschiedenheiten bereits zwölf Jahre später wieder aufgelöst. 1889 kamen in Paris schließlich sozialistische Gewerkschaften und Parteien aus der ganzen Welt zum zweiten Internationalen Arbeiterkongress zusammen. Hier wurde beschlossen, sich den Plänen des Amerikanischen Arbeiterbundes für eine weltweite Demonstration am 1. Mai 1890 anzuschließen. Damit institutionalisierte sich der 1. Mai als ein zentraler Aktions- und Feiertag der Arbeiterinnen und Arbeiter weltweit.

Umkämpfter 1. Mai in Deutschland

In Deutschland fasste die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP, später SPD) im Oktober 1889 den Beschluss, den 1. Mai als Tag der Arbeiterbewegung zu begehen. Obwohl sie nicht zu einem allgemeinen Streik aufrief, legten am 1. Mai 1890 etwa 100.000 Menschen in Deutschland aus Protest ihre Arbeit nieder. Die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber reagierten unter anderem mit Entlassungen.

Der 1. Mai etablierte sich in der Folgezeit als Festtag der Arbeiterbewegung, wurde jedoch nur 1919 einmalig als gesetzlicher Feiertag begangen. Die Arbeiterbewegung war in der Weimarer Republik gespalten: Während die SPD den 1. Mai als Festtag begehen wollte, unterstrich die Kommunistische Partei (KPD) den Kampfcharakter des Tages. 1929 war die Zahl der Arbeitslosen aufgrund des weltweiten Konjunkturrückgangs erstmals auf über drei Millionen gestiegen. Trotz eines Demonstrationsverbots organisierte die KPD Mai-Demos in Berlin, wobei es zu gewaltsamen Ausschreitungen mit über 30 Toten, hunderten Verletzten und vielen Verhaftungen kam, was als "Blutmai“ bezeichnet wurde.

1933 wurde die Arbeiterbewegung von den Nationalsozialisten vereinnahmt. Sie machten den 1. Mai zum „Feiertag der nationalen Arbeit“, instrumentalisierten ihn für ihre Propaganda und zerschlugen im gleichen Zug die Gewerkschaften. Am 2. Mai 1933 besetzten Mitglieder der Sturmabteilung (SA) Gewerkschaftshäuser, Arbeiterbanken und Redaktionen von Gewerkschaftsblättern. Viele leitende Funktionäre wurden in Konzentrationslagern und Gefängnissen inhaftiert. Die Einheitsmitgliedschaft von Arbeitgebern und -nehmern in der neugegründeten Deutschen Arbeitsfront (DAF) sollte den "Klassenkampfgedanken" durch das nationalsozialistische Ideal der "Volks- und Leistungsgemeinschaft" ersetzen.

Neue Soziale Bewegungen

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde der 1. Mai 1946 durch den Alliierten Kontrollrat als Feiertag bestätigt. In der Sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR wurden am 1. Mai lange Zeit staatlich inszenierte Militärparaden veranstaltet. Bürgerinnen und Bürger waren verpflichtet daran teilzunehmen.

In der BRD nutzten vor allem Gewerkschaften den Tag für Massenkundgebungen mit wechselnden arbeits- und friedenspolitischen Schwerpunkten. Doch es erwies sich als zunehmend schwieriger, neue soziale Bewegungen – etwa die Umweltbewegung oder die Studentenbewegung – und die klassische Arbeiterbewegung zu versöhnen. In den achtziger Jahren etablierten sich vor allem von Berlin und Hamburg ausgehend gewaltsame Maidemonstrationen von einer radikalisierten autonomen Szene.

Am 1. Mai 1990 riefen ost- und westdeutsche Gewerkschaften erstmals zu gemeinsamen Demonstrationen auf.

Tag der Arbeit 2020: Maikundgebung im Netz

Für den 1. Mai 2020 ruft der DGB unter dem Motto "Solidarisch ist man nicht alleine" zu verschiedenen Beteiligungsaktionen im Netz auf. Reden, Diskussionsrunden und Konzerte sollen live gestreamt werden. In einigen Städten haben Gruppen trotz der Kontaktbeschränkungen Demonstrationen angemeldet .

Im Mittelpunkt stehen dabei die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie, insbesondere für jene Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die von Betriebsschließungen oder Kurzarbeit betroffen sind. Vermehrt diskutiert werden heute auch die Arbeitsbedingungen in sogenannten systemrelevanten Berufen, etwa von Pflegerinnen und Pflegern, Kassiererinnen und Kassierern oder von Beschäftigten bei Ver- und Entsorgungsdiensten.

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