Landschaft mit Bauernhof im Bergischen Land

18.11.2021 | Von:
Melanie Rühmling
Sara Schiemann

Stadt und Land als Gegensatzpaar? Wie Frauen aus ländlichen Räumen die Stadt sehen

Stadt und Land werden oft als gegensätzliche Lebenswelten gegenübergestellt. Ist dies sinnvoll und angesichts aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen haltbar? In Interviews sprechen Frauen "vom Dorf" über ihre Sicht auf "die Stadt". Es wird deutlich, wie wichtig ihnen Abgrenzung ist und gleichzeitig wie vielfältig und auch widersprüchlich ihre Wahrnehmungen und Nutzungen der städtischen Räume sind.

StadtszeneStadtszene (© Melanie Rühmling)

Beschleunigung, Entgrenzung und Flexibilisierung sind Schlagworte, mit denen die gegenwärtigen Lebensverhältnisse vielfach beschrieben werden. Diese Prozesse und die damit verbundenen Entwicklungen wie zum Beispiel von Mobilitäts- und Kommunikationstechnologien gehen immer auch mit einem sozialen Wandel und Veränderungen von Lebenswelten und Alltagspraktiken einher. Dass sich diese Phänomene nicht nur in (groß-)städtischen Lebenswelten zeigen, wird durch vielfältige Forschungsbefunde zu ländlichen Räumen verdeutlicht . Dennoch hält sich bei vielen Menschen die Vorstellung von dem ländlichen Raum als homogenem Sozialraum, der von gesellschaftlichen Wandlungsprozessen weitestgehend unberührt bleibt.

Stadt und Land als gegensätzliche Lebenswelten?

"Stadt" und "Land" werden oft als gegensätzliche und sich ausschließende Lebenswelten konstruiert. Diese Gegenüberstellung findet sich sowohl in der Wissenschaft als auch im alltäglichen Denken, Sprechen und Handeln. Lebensweltlich werden "Stadt" und "Land" als gegeben angenommen, sie sind physisch erlebbar und oftmals mit Wertungen konnotiert. Ebenso halten sich stereotype Vorstellungen vom dörflichen Landleben und insbesondere über diejenigen, die schon immer in ländlichen Räumen wohnen: die "Alteingesessenen". Diesen wird ein Leben innerhalb eines vermeintlich dörflich-abgeriegelten Sozialraums unterstellt. Diese Vorstellungen werden vornehmlich von außen sowohl auf die Bewohnerinnen und Bewohner als auch auf die ländlichen Räume selbst projiziert, beispielsweise wenn in überregionalen Zeitungen klischeehafte Bilder erzeugt werden: der Provinz "laufen die Frauen davon" und "Männer mögen Zoten und Pegida" . Auch Forschende sind nicht frei von derlei Wertungen, wie Typisierungen in manchen Forschungsarbeiten zeigen: Dorfbewohner werden darin zum Beispiel als "trotzige Macher", "Verbitterte und Resignierte" und "genügsame Zurückbleiber" bezeichnet.

Angesichts gesellschaftlicher Wandlungsprozesse stellt sich zunehmend die Frage, inwieweit die strikte Gegenüberstellung von Stadt und Land noch möglich und überhaupt sinnvoll ist. In der Wissenschaft ist zumeist von ländlichen Räumen im Plural die Rede und man verwendet abgestufte Kategorien, um auf die gegebene Vielfalt in struktureller, ökonomischer, sozialer und lebensweltlicher Hinsicht hinzuweisen. Wie sehen Frauen aus ländlichen Räumen "die Stadt"?

Während Menschen, die auf dem Land leben, in der (stadt-)gesellschaftlichen und medialen Öffentlichkeit bisweilen belächelt oder abwertend dargestellt werden, stellt sich die Frage, wie es eigentlich andersherum aussieht: Wie sehen Menschen aus ländlichen Räumen die Stadt? Dieser Beitrag stellt einige Ergebnisse einer qualitativen sozialwissenschaftlichen Forschungsarbeit vor, in der es um die Sichtweisen von Frauen geht, die in ländlichen Räumen leben.[1] Im Rahmen der Untersuchung wurden biografische Interviews geführt mit dem Ziel, dem Phänomen des "Bleibens" auf die Spur zu kommen.[2] Dabei kamen auch die Wahrnehmungen, Deutungen und Konstruktionen von "Stadt" zur Sprache. Die Orte, in denen die Gesprächspartnerinnen leben und wohnen, werden im wissenschaftlichen Kontext als "sehr ländliche Räume" definiert, deren siedlungsstrukturelle Prägung als "ländlich" eingestuft und deren Lage als "peripher bis sehr peripher" charakterisiert. Sie leben also in kleinen Orten, auf die sich verbreitete (stereo-)typische Beschreibungen über ländliche Lebensweisen oder "das Dorf" beziehen. Hervorzuheben ist, dass durch die Interviewerin kein Erzählimpuls zum Thema "Stadt" vorgegeben wurde. Sämtliche Gesprächspartnerinnen haben dieses Thema also selbst gesetzt. Die Erzählungen folgen dabei keinem Einheitsschema oder einer gemeinsamen Position. Vielmehr werden städtische Räume sehr unterschiedlich beschrieben.

"(…) und dann war ich auch in Waren [a. d. Müritz] gewesen. Waren ist ja eigentlich auch eine Großstadt für mich, wenn ich so vom Dorf komme mit ein paar Häuschen. Und ich fand das da nicht schön. Dieser ganze Lärm und ich find das vom Geruch her auch schon anders als auf dem Dorf (…). Ich habe mich da überhaupt nicht wohl gefühlt." (Nadine)

"(…) als Kind, Jugendliche, war ich diejenige, die immer gesagt hat: ‘Ich geh später nach München.‘ Also das war das Einzige, was für mich so wirklich klar war, weil die Stadt mich schon immer fasziniert hat. Ich begnüge mich nun einfach mit irgendwelchen Städtetrips und Reisen, weil dieses Fieber brennt trotzdem in mir. Also ich merke, dass ich das ab und zu mal brauche." (Yvonne)

Es gibt in den Gesprächen insgesamt ein breites Spektrum an Zuschreibungen und Assoziationen. Auffällig ist, dass "Stadt" für die Gesprächspartnerinnen aus einer strukturellen Perspektive gänzlich unterschiedlich definiert wird. Für einige Interviewpartnerinnen ist bereits ein Ort mit 6.000 Einwohnerinnen und Einwohnern eine Stadt, andere assoziieren mit "Stadt" in erster Linie Großstädte wie Hamburg, Berlin oder München. Jedoch sprechen die Befragten trotz der unterschiedlichen Größe der "Stadt" jeweils ähnliche Bedeutungen und Funktionen zu.

Enge, Stress und vielfältige Angebote

Ein Thema, das in vielen Gesprächen auftaucht, ist der Vergleich von räumlicher Dichte und Enge. Hierbei wird vielfach auf physisch-materielle Gegebenheiten städtischer Räume Bezug genommen: Häuser stehen "dicht an dicht", viele Menschen sind auf wenig Raum unterwegs, es gibt kaum eigenen Aktionsraum, der Bewegung zulässt. Ein Aufenthalt in der Stadt führt daher für manche der befragten Frauen zu einem diffusen Gefühl von Unwohlsein und Stress.

"Da ist eine Hektik der Menschen, eine Ungeduld, … ein Ärgernis auf den Straßen (…), wo ich sage: Das kann es doch nicht sein, warum muss ich denn jetzt hier vorbeirennen? Warum muss ich rasen, wenn ich im Auto sitze? Warum? Damit ich zwei Autos vor dem anderen an der Ampel stehe? (…) Da ist so eine Unruhe in Großstädten. Warum sollte mich das anlocken, da hin zu ziehen?" (Ulrike)

Aber die städtische Atmosphäre ist auch positiv besetzt: Die Stadt bietet demnach mehr Variation und Gelegenheiten und wird als Ort von speziellen Kultur- und Freizeitmöglichkeiten geschätzt. So wird insbesondere in den Gesprächen mit Frauen, die Kinder im schulpflichtigen Alter haben deutlich, dass die Stadt am Wochenende sowie in den Ferien viel genutzt wird: Hier befindet sich das Spaßbad, das Kino, der Zoo, der Indoor-Spielplatz. Dabei werden diese Möglichkeiten nicht auf der Grundlage eines Fehlens oder Mangelns in den ländlichen Räumen beschrieben, sondern vielmehr als etwas Besonderes, Aufregendes, etwas, was mit Spaß und Action verbunden ist, ein Erlebnis, das in der (erreichbaren) Nähe ist. Stadt wird daher als Raum gesehen, in dem es möglich ist, anderen Ansprüchen nachzugehen. Sie bietet etwas Nicht-Alltägliches.

"[A]lso, wenn wir beide einmal Zeit haben zu zweit wegzufahren, dann fahren wir nicht auf eine Nordseeinsel, sondern dann wählen wir (…) die Großstadt und (…) eben das, was wir hier im Alltag nicht überpräsent haben." (Eva)

Dies gilt auch in Bezug auf unterschiedliche Aspekte der Daseinsvorsorge. In der Stadt befinden sich Fachgeschäfte, Restaurants und Lebensmittelläden unmittelbar nebeneinander – mit einer entsprechend vielfältigen Auswahl.

"(…) und wir fahren dann meistens [in den Großmarkt], wo man doch ein bisschen mehr Auswahl hat, gerade auch Bio-Produkte für die Kleine und so weiter. Also da müssen wir dann schon in die Großstadt fahren." (Lea)

Allerdings bedeutet die Begegnung mit Vielfalt auch das Erleben und Aushalten von Unterschiedlichkeiten. Es wird beschrieben, dass "Stadt" eine Atmosphäre ausstrahlt, die Unsicherheiten erzeugt – insbesondere der Straßenverkehr, aber auch die subjektive Wahrnehmung von Kriminalität:

"Ich finde das gut, dass die Kinder auf dem Land aufwachsen, da braucht man nicht so viel Angst haben mit den Autos. Oder mit den Verbrechern, was man da immer so hört." (Manu)

Aufgrund des "Tumults", der "Menschen über Menschen" folgt aus Sicht der Gesprächspartnerinnen sowohl ein Nicht-Bekanntsein (den anderen nicht kennen) als auch das Nicht-Genanntsein (für andere nicht in Erscheinung treten) und hieraus wiederum eine vermeintliche Anonymität, die sich in fehlenden, auch losen sozialen Beziehungen ausdrückt. Dieser Aspekt ist in den Interviews deutlich negativ besetzt.

"Nein, also nie wieder in die Anonymität der Stadt." (Petra)

Wenn die Frauen von der ‚Stadt als unsicherem Raum‘ sprechen, meinen sie damit in der Regel die Innenstadt, den Stadtkern. Zentrumsfernere Wohngebiete spielen nur eine sehr geringe Rolle in der Wahrnehmung von "Stadt".

Nur in bestimmten Lebensphasen attraktiv

In den Erzählungen werden die städtischen Räume als besonders attraktiv für bestimmte Lebensphasen beschrieben. Interessant seien die städtischen Räume vor allem für kinderlose, junge Erwachsene, Personen, die "raus in die Welt" wollen, für die Phase der Ablösung vom Elternhaus, für die Ausbildung, aber auch für partnerschaftliche Zweisamkeit. In diesen Lebensabschnitten könne man besonders intensiv an der Vielfalt der Lebensentwürfe, Infrastrukturen und (Sub-)Kulturen der städtischen Räume partizipieren:

"Junge Leute, die wollen Action, die wollen Berlin, da fällst Du aus der Tür, da bist du im ersten Pub, im zweiten, im dritten. (…) Dann legst Du dich auf die Wiese an der Spree. (…) Das hast du hier nicht." (Christa)

Dieser lebensphasenabhängige Aspekt deckt sich mit demografischen Statistiken über die Binnenwanderung in Deutschland: Es sind vor allem junge Erwachsene, die aus den ländlichen in die städtischen Räume ziehen. Sobald allerdings die Familiengründung relevant wird, verändern sich die Bedürfnisse. Der "Stadt" attestieren einige der befragten Frauen diesbezüglich eine geringere Funktionsfähigkeit. Den ländlichen Räumen hingegen sprechen sie jene Handlungsmöglichkeiten zu, die ihrem Ideal von Familie und Kindererziehung entsprechen.

"Man kann keine Familie gründen, wenn man kein Haus hat. Man muss ja sein eigenes Reich haben, man kann ja nicht mit seinen Kindern in der Mietwohnung leben, man braucht Platz. Die Kinder sollen rumtoben können am Wochenende, die sollen in der Woche toben können, die sollen Kinder sein. Dafür brauche ich Platz, und ein bisschen Platz in Hamburg ist ganz schön teuer." (Ulrike)

Insbesondere das Eigenheim spielt an dieser Stelle eine große Rolle. In anderen Gesprächen werden mit Stadt "Plattenbauten" und "Mehrfamilienhäuser" assoziiert, die vermeintlich nur einen sehr kleinflächigen Wohn- und Lebensraum ohne selbstbestimmte bauliche Veränderungen bieten. Das Eigenheim wird als charakteristisch für die ländlichen Räume gesehen.

Ein entscheidendes Kriterium dafür, wie städtische Räume wahrgenommen werden, ist die Alltagsmobilität. Pendeln wird nicht per se negativ beschrieben. Einige Frauen berichten, dass dies eine Art Auszeit, Regeneration, zwischen dem Erwerbs- und Familienleben darstellt. Zudem wird Pendeln in der Regel als selbstverständliche Notwendigkeit für ein Leben in ländlichen Räumen wahrgenommen.

"Also (…) selbst in der Großstadt hat man viele Fahrzeiten, auch wenn man (…) mit der Bahn oder mit Bus unterwegs ist. Hier hat man eben das Auto, fährt auch eine halbe Stunde. Natürlich sind das andere Kilometer, die man (…) zurücklegt, aber letztendlich sind das die gleichen Fahrzeiten" (Daniela)

Stadt und Land als konstitutive Bezugspunkte

Die Ergebnisse zeigen, dass die befragten Frauen, die schon immer in ländlichen Räumen leben, ländliche und städtische Räume klar voneinander unterscheiden. Dabei beschreiben sie eine Andersartigkeit, die "Stadt" und "Land" als relativen Gegensatz sieht und gleichzeitig beide zueinander in Beziehung setzt. In den biografischen Gesprächen zeigt sich vielfach, dass städtische Räume als Referenzfolien genutzt werden, um über "das Land" denken und sprechen zu können. Ländliche und städtische Räume wirken in den Erzählungen konstitutiv füreinander, erst in ihrer angenommenen Andersartigkeit erweist sich die Unterscheidung als sinnhaft. "Stadt" wird von den Gesprächsteilnehmerinnen wie eine Darstellerin in einem Theaterstück beschrieben, sie gehört unabdingbar dazu, um das Ganze zu vervollständigen. Ob "die Stadt" dabei als Komplizin, Antagonistin oder namenlose Komparsin seitens der Protagonistinnen gedeutet wird, hängt von der jeweiligen Lebenssituation ab.

In Passagen, in denen die Zugehörigkeit zu den ländlichen Räumen als identitätsstiftend beschrieben und die Verbundenheit zum Dorf hervorgehoben wird, ist der Bezug zur Stadt tendenziell negativ. So dient beispielsweise die "Dorfkind"-Metapher in einigen Interviews als Begründung dafür, dass "der Stadt" mit Skepsis begegnet wird.

"[W]enn man Dorfkind ist und nichts anderes kennt, dann hält man es in der Stadt irgendwie auch nicht lange aus." (Lea)

Vor dem Hintergrund der Ansprüche an den eigenen Lebensentwurf ist das Leben in ländlichen Räumen für die zuletzt zitierte Gesprächspartnerin allumfassend zufriedenstellend. Stadt existiert, kommt in ihrem relevanten Lebensraum auch vor, allerdings vorrangig als Ort, den es zu meiden gilt. Gleichzeitig ist auffällig, dass einige Gesprächspartnerinnen "der Stadt" gegenüber eine Abneigung zeigen und davon sprechen, dass sie die Stadt meiden, dann allerdings doch ihre Freizeit dort verbringen oder die Auswahl an unterschiedlichen Geschäften auf engem Raum schätzen und nutzen.

Die Analyse macht deutlich, dass die Kategorisierung von Räumen als "städtisch" oder "ländlich" als analytisches Instrument sinnvoll ist, wenn es darum geht, eine lebensweltliche Perspektive nachzuzeichnen. Ländliche Räume wandeln sich ebenso wie städtische Räume entlang aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen. Dies gilt sowohl für Individuen mit flexibilisierten als auch für jene mit relativ stabilen Erwerbs- und Wohnbiografien. Auch wenn der öffentliche Diskurs stellenweise etwas anderes nahelegt, sind städtische oder ländliche Räume nicht statisch mit spezifischen Werten, Milieus und Lebensstilen verbunden. Vielmehr lassen sich vielfältige Verwobenheiten und Schattierungen erkennen.

Fußnoten

1.
Eine ausführliche Erläuterung der Ergebnisse ist in der Dissertation "Bleiben in ländlichen Räumen – Bleibenslebensweisen am Beispiel von Frauen in ländlichen Räumen in Mecklenburg-Vorpommern" von Melanie Rühmling zu finden, die sich aktuell im Erscheinen befindet.
2.
Die Grundlage der empirischen Analyse bilden biografisch-narrative Gespräche (vgl. Schütze, Fritz (1983): Biographieforschung und narratives Interview. In: Neue Praxis 13 (3), S. 283–293). Diese wurden mit einem offenen Kodierverfahren analysiert (vgl. Strauss, Anselm L. (1991): Grundlagen qualitativer Sozialforschung. Datenanalyse und Theoriebildung in der empirischen soziologischen Forschung. München). Die methodologische Vorgehensweise orientiert sich an der Reflexiven Grounded Theory (vgl. Breuer, Franz; Muckel, Petra; Dieris, Barbara (2019): Reflexive Grounded Theory. Eine Einführung für die Forschungspraxis. 4. Aufl. 2019. Wiesbaden. Glaser, Barney G.; Strauss, Anselm L. (1967): The discovery of grounded theory. Strategies for qualitative research. 11. printing. New Brunswick, NJ).
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