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„Ein würdevoll begangener Gedenktag dient der Erinnerung an die Schrecken diktatorischer Regime“ | Riss durch Europa. Die Folgen des Hitler-Stalin-Pakts | bpb.de

Riss durch Europa. Die Folgen des Hitler-Stalin-Pakts Der Pakt Grenzveränderungen in Ostmitteleuropa Polen Litauen – Lettland – Estland Finnland Rumänien Gespaltene Erinnerung in Europa Biografien Über die Ausstellung – Stimmen und Einordnung „Eine Ausstellung, die uns hilft, einander besser zu verstehen.“ Interview mit Jörg Ganzenmüller Interview mit Claudia Weber Videointerviews Debatte: 23. August als gemeinsamer Gedenktag? FÜR einen gemeinsamen Gedenktag am 23. August GEGEN einen gemeinsamen Gedenktag am 23. August Impressum
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„Ein würdevoll begangener Gedenktag dient der Erinnerung an die Schrecken diktatorischer Regime“

Claudia Weber

/ 2 Minuten zu lesen

Meiner Meinung nach sollte dem 23. August als einem gemeinsamen Gedenktag für die Opfer von Nationalsozialismus und Stalinismus in Deutschland mehr Bedeutung beigemessen werden. Damit entspräche die Bundesrepublik der Entschließung des Europäischen Parlaments vom 19. September 2019, in der gefordert wurde, den 23. August „unionsweit als auch auf nationaler Ebene als den Europäischen Tag des Gedenkens an die Opfer totalitärer Regime zu begehen“.

Esten, Letten und Litauer erinnern gemeinsam am 24. August 1989 an den 50. Jahrestag des Molotow-Ribbentrop-Paktes in Tallinn. (© picture-alliance/AP, Robert Tonsing)

Zu glauben, dass die Gewalt von Nationalsozialismus und Stalinismus mit dem Gedenken an den Hitler-Stalin-Pakt gleichgesetzt werden würde oder der Terror der einen totalitären Herrschaft den der anderen relativieren, aufwerten oder abschwächen würde, ist historisch zu kurz gegriffen. Diese Sichtweise zeichnet sich durch mangelnde Komplexität, historiografische Engführung und politische Einseitigkeit aus. Das Wort „und“ im Bündnis zwischen dem Nationalsozialismus und dem Stalinismus verweist zunächst auf die historische Tatsache eines zeitlich begrenzten geopolitisch motivierten Pakts, der die Zusammenarbeit zweier Diktaturen ermöglichte. Es meint nicht, dass deren Ziele, Interessen, der Terror und die verschiedenen Gewaltformen gleichzusetzen sind. Gleichzeitigkeit bedeutet noch nicht Gleichsetzung. Im Gegenteil, es sind gerade die Unterschiede in der Gewalt der zwei totalitären Regime, die in der geschichtswissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Hitler-Stalin-Pakt zutage treten. Diese Unterschiede, beispielsweise im Willen zum Krieg, rücken stärker in den Blick, je tiefer man in die Geschichte eintaucht und je offensiver man sich ihr beschäftigt. Nach jahrelanger geschichtswissenschaftlicher Forschung zum Hitler-Stalin-Pakt steht fest, dass nur Hitler in Europa 1939 eine Kriegsabsicht verfolgte. Stalin war, aus unterschiedlichen Gründen, nicht an einem großen Krieg interessiert, sehr wohl aber an Gebietsgewinnen und einer Revision der Versailler Nachkriegsordnung, vorzugsweise ohne großen militärischen Aufwand. Der Revisionismus verband beide Regime, wie schon in der Zeit der Weimarer Republik und der Kooperation zwischen der Reichswehr und der Roten Armee.

Gegenmeinung

Die zentrale Frage, die mit der Forderung nach einem Gedenktag für die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus einhergeht, lautet: Woran genau wollen wir an diesem Tag erinnern?

Interner Link: Mehr erfahren zur Gegenmeinung

Ein würdevoll begangener Gedenktag dient der Erinnerung an die Schrecken diktatorischer Regime und ihre geopolitischen Allianzen, die Europa im 20. Jahrhundert geprägt haben. Der 23. August erinnert Europäerinnen und Europäer – vielleicht auf eine konstruktiv unbequeme Art und Weise – an historisch und geschichtspolitisch unauflösbare Verstrickungen und an die Ambivalenzen der europäischen Diktaturgeschichte. Eine stärkere Aufmerksamkeit in Deutschland zollt der Gewalterfahrung und den langwirkenden Traumata der ostmittel- und südosteuropäischen Bevölkerung angemessenen Respekt. Ein gemeinsames Gedenken trägt überdies dazu bei, wirkungsmächtige Mental Maps und erinnerungskulturelle Grenzen, deren Überwindung wir seit Jahrzehnten fordern, endlich aufzulösen. Die Anerkennung der ostmittel- und südosteuropäischen Geschichtserfahrung darf nicht über die symbolische „Ruhigstellung“ durch die Stiftung eines „eigenen“ Feiertags für einen Teil des Kontinents erfolgen. Vielmehr muss das europäische Gedenken die spezifische Gewaltgeschichte der Regionen und ihrer Menschen ernst nehmen. Europa und hier vor allem auch Deutschland sind dies den Menschen in den sogenannten „Bloodlands“ schuldig, den Toten und den Lebenden, die momentan wieder den Schrecken von Krieg und Besatzungsgewalt ausgesetzt sind.

Fussnoten

Weitere Inhalte

Claudia Weber ist seit 2014 Professorin für Europäische Zeitgeschichte an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder. Sie studierte Ost- und Südosteuropäische Geschichte, Politikwissenschaften und Südslawistik an der Universität Leipzig, der OHIO University, Athens (OH) und der Kliment-Ochridski Universität Sofia, Bulgarien. 2013 promovierte an der Universität Leipzig zum Thema Nationsbildung und Erinnerungskultur auf dem Balkan und befasst sich seither vor allem mit der Gewalt- und Kriegsgeschichte des 20. Jahrhunderts und der neueren Diplomatiegeschichte. Forschungsaufenthalte führten sie an die Stanford University und an die Universität Wien. Von 2007-2014 arbeitete sie am Hamburger Institut für Sozialforschung im Forschungsbereich „Kultur und Geschichte der Gewalt“. Im Jahr 2015 erschien ihr Buch zur Geschichte der Massenerschießungen von Katyń und dem Umgang mit den Kriegsverbrechen Stalins im Verlag Hamburger Edition. Danach veröffentlichte sie 2019 „Der Pakt. Stalin, Hitler und die Geschichte einer mörderischen Allianz, 1939-1941“ im Verlag C.H.Beck, München. Claudia Weber ist Mitglied im Kuratorium des Deutschen Studienpreises der Körber Stiftung und im Stiftungsrat der Stiftung Ettersberg. Europäische Diktaturforschung – Aufarbeitung der SED – Diktatur“. Sie ist Mitherausgeberin der „Zeitschrift für Geschichtswissenschaft“ (Metropol Verlag).