Zu glauben, dass die Gewalt von Nationalsozialismus und Stalinismus mit dem Gedenken an den Hitler-Stalin-Pakt gleichgesetzt werden würde oder der Terror der einen totalitären Herrschaft den der anderen relativieren, aufwerten oder abschwächen würde, ist historisch zu kurz gegriffen. Diese Sichtweise zeichnet sich durch mangelnde Komplexität, historiografische Engführung und politische Einseitigkeit aus. Das Wort „und“ im Bündnis zwischen dem Nationalsozialismus und dem Stalinismus verweist zunächst auf die historische Tatsache eines zeitlich begrenzten geopolitisch motivierten Pakts, der die Zusammenarbeit zweier Diktaturen ermöglichte. Es meint nicht, dass deren Ziele, Interessen, der Terror und die verschiedenen Gewaltformen gleichzusetzen sind. Gleichzeitigkeit bedeutet noch nicht Gleichsetzung. Im Gegenteil, es sind gerade die Unterschiede in der Gewalt der zwei totalitären Regime, die in der geschichtswissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Hitler-Stalin-Pakt zutage treten. Diese Unterschiede, beispielsweise im Willen zum Krieg, rücken stärker in den Blick, je tiefer man in die Geschichte eintaucht und je offensiver man sich ihr beschäftigt. Nach jahrelanger geschichtswissenschaftlicher Forschung zum Hitler-Stalin-Pakt steht fest, dass nur Hitler in Europa 1939 eine Kriegsabsicht verfolgte. Stalin war, aus unterschiedlichen Gründen, nicht an einem großen Krieg interessiert, sehr wohl aber an Gebietsgewinnen und einer Revision der Versailler Nachkriegsordnung, vorzugsweise ohne großen militärischen Aufwand. Der Revisionismus verband beide Regime, wie schon in der Zeit der Weimarer Republik und der Kooperation zwischen der Reichswehr und der Roten Armee.
Ein würdevoll begangener Gedenktag dient der Erinnerung an die Schrecken diktatorischer Regime und ihre geopolitischen Allianzen, die Europa im 20. Jahrhundert geprägt haben. Der 23. August erinnert Europäerinnen und Europäer – vielleicht auf eine konstruktiv unbequeme Art und Weise – an historisch und geschichtspolitisch unauflösbare Verstrickungen und an die Ambivalenzen der europäischen Diktaturgeschichte. Eine stärkere Aufmerksamkeit in Deutschland zollt der Gewalterfahrung und den langwirkenden Traumata der ostmittel- und südosteuropäischen Bevölkerung angemessenen Respekt. Ein gemeinsames Gedenken trägt überdies dazu bei, wirkungsmächtige Mental Maps und erinnerungskulturelle Grenzen, deren Überwindung wir seit Jahrzehnten fordern, endlich aufzulösen. Die Anerkennung der ostmittel- und südosteuropäischen Geschichtserfahrung darf nicht über die symbolische „Ruhigstellung“ durch die Stiftung eines „eigenen“ Feiertags für einen Teil des Kontinents erfolgen. Vielmehr muss das europäische Gedenken die spezifische Gewaltgeschichte der Regionen und ihrer Menschen ernst nehmen. Europa und hier vor allem auch Deutschland sind dies den Menschen in den sogenannten „Bloodlands“ schuldig, den Toten und den Lebenden, die momentan wieder den Schrecken von Krieg und Besatzungsgewalt ausgesetzt sind.