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Triumph und Terror

München 1972 Editorial Triumph und Terror. Olympia 1972 und das neue Deutschland Schwarzer September. Aufstieg des internationalen Terrorismus "Die Ereignisse des 5. Septembers". Die DDR und der Anschlag von München 1972 Terrorismusbekämpfung nach Olympia. Reaktionen des Bundesministeriums des Innern auf das Attentat von 1972 Erinnerung an das Olympia-Attentat 1972. Eine transnationale Spurensuche in Deutschland und Israel Plötzlich im Mittelpunkt. Palästinenser in der Bundesrepublik und der Anschlag 1972 in München The Games Must Go On. Chronologie der olympischen Kommerzialisierung seit 1972 Wir bauen das moderne Deutschland. Olympia 1972 im Spiegel der Architektur- und Stadtentwicklung

Triumph und Terror Olympia 1972 und das neue Deutschland

Roman Deininger Uwe Ritzer

/ 17 Minuten zu lesen

Ein junges Deutschland feierte 1972 ein heiteres, modernes Olympia. Das Attentat vom 5. September offenbarte jedoch Schwachstellen – und die Fehler der Deutschen in Aufarbeitung und Gedenken zogen sich über Jahrzehnte hin.

Am Nachmittag des 26. August 1972 öffnete sich der Vorhang der Spiele von München wie ein schimmernder Regenbogen. Am Olympiaberg, den viele Münchner noch "Schuttberg" nannten, weil er nach 1945 aus Kriegstrümmern aufgehäuft worden war, sah man kaum das grüne Gras vor lauter Schaulustigen. Viele hatten Kofferradios und Ferngläser mitgebracht, gebannt blickten sie hinunter ins Olympiastadion, auf dessen Rängen 80.000 Menschen versammelt waren.

Die Organisatoren der Olympischen Spiele von München waren davon überzeugt, dass die Eröffnungsfeier der wichtigste Moment der gesamten Spiele war. Die Eindrücke der Feier erreichten gut zwei Milliarden Menschen, mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung. Dank neuer Satellitentechnik gelangten erstmals Hunderte Stunden farbiger Live-Bilder in die entlegensten Winkel des Planeten. Was immer bei den Spielen passierte: Es war ein globales Ereignis.

27 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hatte die junge Bundesrepublik die ehrenvolle Aufgabe und enorme Chance erhalten, die Jugend der Welt in München zu empfangen, 8.000 Sportler aus 122 Ländern. Gleich bei der Eröffnungsfeier sollte das Land symbolisch aus dem langen Schatten der Nazi-Zeit treten. Die Väter der Spiele, der oberste deutsche Sportfunktionär Willi Daume und der Münchner Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel, wollten ein neues Deutschland präsentieren: geläutert und demokratisch, freundlich und friedlich, lässig und bunt.

Zuschlag in Rom

"Sitzen Sie fest auf Ihrem Stuhl?", hatte Daume Vogel gefragt, als er im Oktober 1965 mit der Olympia-Idee im Münchner Rathaus vorsprach. Der Oberbürgermeister war zunächst skeptisch gewesen: "Aber der DDR würde das doch nicht gefallen", hatte er entgegnet. Daume hatte ihm dann erklärt, dass das Internationale Olympische Komitee (IOC) den Ostdeutschen erstmals eine eigenständige Olympia-Mannschaft zugestehen wollte – und dem Westen als Kompensation womöglich die Ausrichtung der Spiele 1972. Auch über Münchens Vergangenheit als "Hauptstadt der Bewegung" im Nationalsozialismus würde das IOC wohl hinwegsehen. Der amerikanische IOC-Präsident Avery Brundage galt schließlich als schwer germanophil.

Am 26. April 1966 erhielt die rekordverdächtig schnell zusammengestellte Münchner Bewerbung bei der IOC-Session in Rom den Zuschlag, mit einer Stimme Vorsprung. Sie hatte mit dem Versprechen "grüner Spiele" und von "Spielen der kurzen Wege" überzeugt, aber osteuropäische Vorbehalte auch mit handfesten sportpolitischen Zugeständnissen entkräftet – und die Stimmen afrikanischer Delegierter mutmaßlich auch aufgrund großzügiger Entwicklungshilfe der Bundesregierung bekommen.

Der emotionale Visionär Daume, ein CDU-Mitglied, und der nüchterne Macher Vogel, ein Sozialdemokrat, bildeten ein kongeniales Organisatoren-Duo. Gemeinsam banden sie früh die Bundesregierung und die bayerische Staatsregierung in ihre Pläne ein. Das war die Grundlage dafür, dass die Spiele als nationales Prestigevorhaben wahrgenommen wurden und sich stets auf eine komfortable Zustimmung der Bevölkerung stützen konnten.

Für München erkannte Vogel sofort die Chance, seine aufstrebende Stadt infrastrukturell in die Moderne zu wuchten und ganz neu auf die Weltkarte zu setzen – als Heimat bayerischer Gemütlichkeit und deutscher Weltoffenheit. München sollte dann tatsächlich wie kaum ein anderer Ausrichter davor und danach von den Spielen profitieren. Davon zeugt bis heute das stadtplanerische Erbe der Spiele: die S- und U-Bahn, der Mittlere Ring, die verkehrsberuhigte Altstadt und der Olympiapark.

Gegenteil von 1936

In einem Punkt waren sich Daume und Vogel sofort einig: München 1972 musste ganz anders sein als Berlin 1936, die gigantomanischen Propagandaspiele, mit denen Hitler zugleich seine Macht vorgeführt und seine Friedfertigkeit vorgetäuscht hatte. Nicht so martialisch und pathetisch, nicht so protzig und zackig. Swing und Pop statt Marschmusik und Wagner, lustige Böllerschützen statt donnerndem Kanonengruß. In Berlin hatten die Uniformen von Polizei, Wehrmacht und SS die Optik im Olympiastadion geprägt; in München trugen die Sicherheitskräfte azurblaue Sakkos und nur sehr selten Waffen.

Bei der Eröffnung 1936 hatten die Nationalsozialisten die olympische Liturgie mit ihren faschistischen Inszenierungen verschmolzen, etwa im dramatischen Duell zweier Krieger in glänzender Rüstung, die am Ende zu Boden gesunken und nach dem Heldentod auf ihren Schildern aus der Arena getragen worden waren. 1972 wich die verordnete Symmetrie olympischer Rituale einem fröhlichen Durcheinander, als 3.200 Schulkinder in Gelb und Blau durchs Stadion tollten und einer Athletin oder einem Athleten ihrer Wahl ein Blumensträußchen überreichten.

Der Einmarsch der Nationen, bei den bisherigen Spielen der Neuzeit stets auf Erhabenheit getrimmt, geriet zum unbeschwerten Einlaufen. Die verspielten Melodien, die Kurt Edelhagens olympische Big Band dazu erklingen ließ, schlossen nationale Andacht praktisch aus: "Kalinka" für die Sowjetunion, "When the Saints Go Marching In" für die USA, "Horch, was kommt von draußen rein" für die Bundesrepublik. Selbst jene Athleten, die sich vorgenommen hatten, zu marschieren, kamen irgendwann ins Tänzeln. Sie salutierten nicht vor der Ehrentribüne, wie das üblich war, sondern winkten in alle Ecken des Stadions.

Als die Mannschaft der DDR einlief, hielten Willi Daume und Hans-Jochen Vogel vor Spannung den Atem an. Was würde das westdeutsche Publikum tun? Würde der warme Applaus nun abreißen? Im Gegenteil: Die Münchner Zuschauer applaudierten für die Ostdeutschen auffallend kräftig. Es war ein Ausdruck von Gastfreundschaft und gutem Willen, den Daume und Vogel inständig erhofft, aber nicht hatten planen können. Spätestens damit war der Ton gesetzt für die "heiteren Spiele", die nicht nur den Organisatoren vorschwebten, sondern auch der Bundesregierung. "Widerlegen wir die These", hatte Bundeskanzler Willy Brandt bei der Einweihung des Olympiaparks gesagt, "dass es den freundlichen Deutschen nur in Ausnahmefällen gibt".

Wenn die internationalen Besucher bei ihren deutschen Gastgebern überhaupt irgendetwas anzumerken hatten, dann höchstens, dass selbst der Frohsinn mit landestypischer Gründlichkeit organisiert war. "Die erste Goldmedaille für die Deutschen!", schrieb die Zeitung "L’Aurore" aus Paris nach der Eröffnungsfeier. "Ja, sie würden sie verdienen, weil sie uns das wunderbarste Schauspiel gezeigt haben, von dem man träumen kann." Selbst der Kommentator des sowjetischen Fernsehens ließ sich zu dem Resümee hinreißen, München habe seine Gäste "freundlich empfangen".

Zehn Tage Leichtigkeit

Für zehn Tage schienen sich die kühnsten Hoffnungen der Organisatoren zu erfüllen. Die Jugend der Welt verliebte sich in München und die tänzerisch leichte Atmosphäre der Spiele, in die zuvorkommenden Hostessen in ihren blauen Dirndln und in den lustig quergestreiften Maskottchen-Dackel Waldi. Das Münchner Publikum jubelte der sowjetischen Turnerin Olga Korbut zu, eine Eisschmelze mitten im Kalten Krieg, und es schloss John Akii-Bua ins Herz, den Sohn ugandischer Hirten, der nach seinem Gold über 400 Meter Hürden gar nicht mehr aufhören wollte zu laufen vor Glück.

Auf allen Ebenen spiegelte sich das Motiv des neuen Deutschland, eines modernen und lockeren Landes. Auf der "Spielstraße" im Olympiapark boten Artisten, Musiker, Schauspieler und Tänzer ein kreatives Kontrastprogramm zum Sport. Das magisch geschwungene Zeltdach des Olympiastadions, das der Architekt Günter Behnisch mit seinem Team errichtet hatte, raubte den Betrachtern den Atem. Das elegante Alltagsdesign des Gestalters Otl Aicher verwandelte Hinweisschilder in Kunst – in sanftem Himmelblau, Grün und Orange, doch niemals in Rot oder Schwarz, den Farben der Diktaturen dieses Jahrhunderts. "Es kommt weniger darauf an, zu erklären, dass es ein anderes Deutschland gibt, als es zu zeigen", diese Leitlinie hatte Aicher ausgegeben.

Die Organisatoren Daume und Vogel trauten sich etwas, sie gewährten kreativen, aber manchmal auch sturen Köpfen wie Aicher den nötigen Freiraum. Sie glaubten an den verwegenen Stadion-Entwurf, als selbst der leistungsfähigste Bundeswehr-Computer von der Berechnung der Statik des Daches überfordert war. Und nun sah es für einen langen Moment tatsächlich so aus, als wäre ihr Traum von den "heiteren Spielen" Wirklichkeit geworden. Bis zum Morgen des 5. September. An diesem Tag entpuppte sich der Traum als schrecklich naiv. Der palästinensische Anschlag auf die israelische Olympiamannschaft kostete zwölf unschuldige Menschenleben und stürzte die Spiele aus Glanz und Euphorie in Elend und Verzweiflung.

Deutscher Aufbruch

Bis zu jenem schrecklichen Tag atmeten die Münchner Spiele den Geist eines Landes im Aufbruch. Das olympische Motiv des neuen Deutschland war nicht aus der Luft gegriffen, wenngleich natürlich nicht die Gesellschaft in ganzer Breite in Bewegung war. Zweifellos roch es 1972 nach Freiheit und Abenteuer und für manche sogar ein ganz kleines bisschen nach Revolution. Sturm und Drang der Studierenden von 1967/68 sollte weiterleben in der bundesrepublikanischen Umwelt-, Friedens- und Frauenbewegung, aber grenzenlos übersteigert mündete er auch im mörderischen Terrorismus der Roten Armee Fraktion. Deren Köpfe Andreas Baader und Ulrike Meinhof waren im Olympiasommer nach Bombenanschlägen und Schusswechseln in Haft, seit wenigen Wochen schien der Terror beendet zu sein.

1972, das war zunächst mal ein Lebensgefühl: weite Schlaghosen und enge Hemden mit Riesenkrägen, dicke Koteletten und wallende Locken, Schlager und Disco. Wer bei der Bundespost einen Telefonanschluss bestellte, bekam nicht mehr automatisch das graue Wählscheibentelefon geliefert. Man konnte jetzt wählen zwischen Grün, Rot, Orange und Gelb. Politisch verkörperte der junge Bundeskanzler Brandt den Zeitgeist, den Abschied von schneidigem Auftreten, autoritärer Führung und bigotter Moral. Das sozialliberale Bündnis, 1969 geschmiedet, lüftete durch in der Bundesrepublik. Auf die Westintegration folgte die Entspannungspolitik im Osten, auf Konrad Adenauers Diktum "Keine Experimente" Brandts Aufruf "Mehr Demokratie wagen".

Beinahe ein Vierteljahrhundert hatte es gedauert, bis die Bundesrepublik eine liberale Demokratie im umfassenden Sinne wurde – nicht nur rechtlich, sondern auch politisch und vor allem gesellschaftlich, ein Gemeinwesen, das sich den Geistern der Vergangenheit stellte und sein Grundgesetz als Antwort auf den Horror des Nationalsozialismus verstand. Knapp zwei Jahre vor den Spielen war Brandt im ehemaligen Warschauer Ghetto auf die Knie gesunken. Es war zugleich das Eingeständnis von Schuld und die Bitte um Vergebung gewesen, eine ikonische Geste von einem, der selbst nicht hätte knien müssen. Ende April 1972 überstand Brandt im Bundestag ein Misstrauensvotum, es war ein großes Drama, aber auch die große Bestätigung, die der Kanzler für seinen Kurs brauchte. Bei der Bundestagswahl im November sollte seine SPD dann zum ersten Mal stärkste Kraft werden.

Wettkampf der Systeme

Nur die dickköpfigsten DDR-Funktionäre konnten diese Bundesrepublik noch mit voller Überzeugung als Hort von Faschismus und Reaktion geißeln. Die Deutschen aus dem Osten hatten 1972 allerdings selbst allen Grund zum Stolz: In München trat die DDR erstmals mit eigener Hymne und unter eigener Fahne bei Olympia an. "Der Kapellmeister soll in München gut unsere Hymne einstudieren", hatte der Chefkommentator des DDR-Fernsehens, Karl-Eduard von Schnitzler, prognostiziert: "er wird sie oft spielen müssen." Und so kam es. Es regnete Goldmedaillen für die Ostdeutschen, etwa für die Sprinterin Renate Stecher, die sowohl über 100 als auch über 200 Meter siegte. Auf der Bühne des Sports fuhr die DDR jenes internationale Renommee ein, das ihr auf anderen Feldern verwehrt blieb. Mit 20 Goldmedaillen lag sie im Medaillenspiegel deutlich vor der Bundesrepublik mit 13.

Olympia 1972 war also nicht nur ein Wettstreit von Athleten, sondern auch ein Wettkampf der Systeme. Die Spiele von München erlebten etwa ein packendes deutsch-deutsches Duell in der Sprint-Staffel der Frauen, bei dem die Schlussläuferin für das westdeutsche Team, Heide Rosendahl, überraschend den DDR-Star Stecher distanzierte. Der amerikanische Schwimmer Mark Spitz avancierte mit sieben Goldmedaillen zum damals erfolgreichsten Olympioniken aller Zeiten. Die Sowjetunion feierte ein ebenso sensationelles wie umstrittenes Basketball-Gold im Finale gegen die USA und eroberte am Ende den prestigeträchtigen ersten Platz im Medaillenspiegel.

Auch in der DDR, in der Erich Honecker im Juni 1971 der Erste Sekretär des Zentralkomitees der SED geworden war, spürten die Menschen Anfang der 1970er Jahre einen Aufschwung, zumindest im Lebensstandard. Der "Eiserne Vorhang" schien sich ein klein wenig zu bewegen: Der Moskauer und der Warschauer Vertrag waren im Juni 1972 in Kraft getreten, ebenso das Berlin-Abkommen, das Reisen und Telefonieren zwischen Ost und West erleichterte. Und am 16. August, eine gute Woche vor Eröffnung der Spiele, hatten Bundesrepublik und DDR mit den Verhandlungen über einen Grundlagenvertrag begonnen. Zu Weihnachten sollten sie erfolgreich beendet sein.

Spiegel der modernen Zeit

In vielen Dingen waren die Spiele auch der Spiegel eines neuen Selbstbewusstseins. Die Leichtathletin Rosendahl, die ihre Mitbürger im Weitsprung mit dem ersten Gold für die Bundesrepublik erlöste, war eine junge Frau, die es sich erlaubte, älteren Fernsehmoderatoren zu widersprechen. Afroamerikanische Athleten demonstrierten in München gegen die anhaltende Diskriminierung zu Hause. Die jungen Nationen des Globalen Südens, die sich von kolonialer Herrschaft befreit hatten, forderten ihren Platz bei Olympia.

1972 war zudem ein Jahr, in dem sich auch technologisch und kulturell auffallend viele kleine Fenster in die Zukunft öffneten. Der erste 8-Bit-Mikroprozessor wurde vorgestellt, der erste Taschenrechner kam auf den Markt, im deutschen Fernsehen feierte die Science-Fiction-Serie "Raumschiff Enterprise" Premiere. In München wurden die alten Stoppuhren von der elektronischen Zeitmessung abgelöst; die akkreditierten Journalisten erhielten ihre Informationen aus einem Supercomputer. Über die Straßen von München rollte das erste Elektroauto von BMW, eigens für die Spiele als abgasfreies Begleitfahrzeug für Marathonläufer und Geher entwickelt.

Olympia wurde allmählich zum großen Geschäft und das IOC zur Geldmaschine. In München kündigte sich die Kommerzialisierung schon an, aber sie dominierte nicht das Bild. Werbung war den Athletinnen und Athleten noch strikt verboten, doch Mark Spitz, der natürlich barfuß schwamm, reckte nach einem seiner Siege ein Paar Adidas-Schuhe in die Kameras, angeblich aus Versehen. Doping wuchs zur Geißel des Sports heran, zum ersten Mal wurde in München eine Goldmedaille deshalb aberkannt. Es erwischte den 16-jährigen US-Schwimmer Rick DeMont, der aber möglicherweise tatsächlich nur sein Asthma-Medikament genommen hatte.

Die Welt rückte näher zusammen. 1972 reiste Richard Nixon als erster US-amerikanischer Präsident zum Staatsbesuch nach China. Der Club of Rome veröffentlichte seinen Bericht zu den "Grenzen des Wachstums"; in Deutschland entstand langsam ein Tätigkeitsfeld, das als "Umweltpolitik" bekannt wurde. Zwei Chiffren der Weltläufigkeit importierte die Bundesrepublik aus den USA: Kurz vor den Spielen erschien die deutsche Erstausgabe des Magazins "Playboy", und in München eröffnete Ende 1971 die erste Filiale einer Schnellrestaurantkette namens McDonald’s.

Doch noch ein weiteres Phänomen musste als zunehmend weltumspannend gelten: der internationale Terrorismus. Radikale Palästinenser verübten Anschläge auch auf deutschem Boden. Bereits im Februar 1970 hatte ein palästinensisches Kommando am Münchner Flughafen einen israelischen Passagier ermordet und elf weitere verletzt. Aber all das war nur das grausame Vorspiel für das sogenannte Olympia-Attentat von München.

Überfall im Morgengrauen

Im Morgengrauen des 5. September 1972 sahen sechs Postbeamte, die auf dem Weg zur Arbeit ins Olympiapostamt waren, mehrere Männer in Trainingsanzügen mit großen Sporttaschen über den Zaun ins Olympische Dorf klettern. Sie dachten sich nichts dabei: Seit Beginn der Spiele war es üblich, dass Sportlerinnen und Sportler sich am frühen Morgen nach der Disco wieder ins Dorf schlichen, gerade rechtzeitig, bevor Trainer und Betreuer ihre Abwesenheit bemerkten. Wenn die Organisatoren unbedingt hätten verhindern wollen, dass jemand über den Zaun steigt, hieß es, hätten sie ihn sicher auch höher errichtet als zwei Meter und die Pfosten oben nicht abgerundet.

Die vermeintlichen Athleten waren in Wahrheit die acht Mitglieder eines Kommandos der palästinensischen Terrororganisation "Schwarzer September". Ein Anschlag nahm seinen blutigen Lauf, dessen globale Wirkmächtigkeit aus heutiger Sicht nur vergleichbar ist mit den Anschlägen des 11. September 2001 in den USA. In München trat der internationale Terrorismus ins Bewusstsein der Menschen, weil sich das Unheil in einer kollektiven Live-Fernseherfahrung Stunde um Stunde vor den Augen der Welt entfaltete.

Der palästinensische Überfall auf die israelische Mannschaft konterkarierte grausam den Plan der Münchner Olympia-Organisatoren, die Nazi-Zeit vergessen zu machen. Wieder starben Juden auf deutschem Boden. Später stellte sich heraus, dass die olympischen Gastgeber mehr als zwei Dutzend Hinweise auf einen drohenden Anschlag ignoriert hatten und dass die Sicherheitskräfte unvorbereitet und nicht ausreichend ausgerüstet waren. Das komplette Versagen von Polizei, Behörden und Politik sollte das deutsch-israelische Verhältnis auf Jahre hinaus belasten.

Die acht Terroristen liefen um kurz nach vier Uhr morgens die wenigen Meter vom Zaun des Dorfs in die Connollystraße, die nach dem US-amerikanischen Dreispringer James Connolly benannt war, dem ersten Olympiasieger der Neuzeit. In Haus Nummer 31 waren auf mehrere Appartements verteilt 21 Mitglieder des israelischen Olympia-Teams einquartiert. Das Terrorkommando rannte zunächst ein Stockwerk zu weit nach oben und platzte in eine falsche Wohnung, in der Athleten aus Hongkong lebten. Dann stürmte es zwei Wohnungen mit Israelis. Die Sportler leisteten heftigen Widerstand.

Im Handgemenge erschossen die Palästinenser den Ringertrainer Moshe Weinberg und verletzten den Gewichtheber Yossef Romano schwer. Sie trieben neun Israelis im Zimmer des Fechttrainers Andrei Spitzer zusammen. Die Athleten wurden gefesselt und mussten die folgenden Stunden auf zwei gegenüberliegenden Betten sitzen, stets bedroht von Terroristen mit Maschinengewehren. Den sterbenden Romano legten die Palästinenser zwischen die Geiseln auf den Boden; sein Todeskampf dauerte mehrere Stunden. Alle Bitten, doch einen Arzt zu rufen, ignorierten die Geiselnehmer.

Rechtsextreme Helfer

Sie warfen zwei Polizisten, die vor dem Haus auftauchten, mehrere Blätter zu. Darauf standen die Namen von 328 Gesinnungsgenossen, deren Freilassung sie bis 9 Uhr forderten. Die Allermeisten waren in Israel inhaftierte Palästinenser. Außerdem auf der Liste: die deutsche Linksterroristin Ulrike Meinhof. Wie man heute weiß, führte diese Forderung insofern in die Irre, als es tatsächlich deutsche Rechtsextremisten waren, die das Attentat vorzubereiten halfen.

Willi Pohl, Mitglied der rechtsradikalen "Volksbefreiungsfront Deutschland", kutschierte im Sommer 1972 wochenlang Abu Daoud durchs Land – den Drahtzieher des Attentats. Pohls Rolle kam erst 40 Jahre später durch Recherchen des "Spiegel" ans Tageslicht. Bis heute sind längst nicht alle Hintergründe des Anschlages bekannt. Noch immer liegen in Archiven gesperrte Akten. Kein Untersuchungsausschuss, nicht einmal eine Historikerkommission hat den Anschlag gründlich aufgearbeitet. Selbst ein würdiger Gedenkort im Münchner Olympiapark wurde erst nach 40 Jahren beschlossen – vermutlich, weil die Verantwortlichen von damals ihre Fehler nicht auch noch zur Schau stellen wollten. Das deutsche Versagen endete nicht mit dem Tod der zwölf Opfer, es setzte sich noch lange fort.

Gescheiterte Befreiung

Am 5. September 1972 traf sich der Krisenstab wenige hundert Meter entfernt vom Ort der Geiselnahme. Bayerns Innenminister Bruno Merk übernahm die Leitung, der Münchner Polizeipräsident Manfred Schreiber war sein wichtigster Ansprechpartner. Auch Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher redete mit. Den ganzen Tag herrschte ein großes Kommen und Gehen, was ein koordiniertes Krisenmanagement nicht gerade begünstigte. Immerhin gelang es den Verantwortlichen, den Terroristen immer wieder neue Ultimaten abzuringen, ohne dass weitere Geiseln erschossen wurden.

Die israelische Ministerpräsidentin Golda Meir hatte den Deutschen bereits am Morgen mitgeteilt, dass ihr Land keinen einzigen Palästinenser aus einem israelischen Gefängnis freilassen würde. Andernfalls, so Meir, wäre kein Jude auf der Welt mehr vor solcher Erpressung sicher. Der Krisenstab entwarf daraufhin Szenarien für eine Geiselbefreiung, stieß aber schnell an praktische Grenzen. Die Deutschen hatten weder ausgebildete Scharfschützen noch Präzisionswaffen. Die Sache nahm groteske Züge an: Als Polizisten in Trainingsanzügen auf den Dächern in Stellung gingen, konnten die Terroristen das live im Fernsehen mitansehen. Niemand hatte den Kamerateams das Filmen verboten.

Am späten Nachmittag änderten die Geiselnehmer überraschend ihre Forderungen. Ihr Anführer Issa, der den Tag über mit den deutschen Verantwortlichen vor der Eingangstür verhandelte, das Gesicht geschwärzt und ein Pepita-Hütchen auf dem Kopf, verlangte nun, mit seinen Leuten und den Geiseln nach Ägypten ausgeflogen zu werden. Kurz zuvor hatte das IOC die sportlichen Wettkämpfe unterbrochen. Immer heftiger waren die internationalen Proteste geworden, man könne doch nicht einfach weitermachen als wäre da nichts. Unterdessen bat die Bundesregierung die ägyptische Führung um Unterstützung. Doch diese wollte die Terroristen nicht aufnehmen. "We do not get involved", wurde Bundeskanzler Willy Brandt beschieden. Damit war klar: Die Geiselnahme musste auf deutschem Boden beendet werden.

Mit zwei Hubschraubern flogen Palästinenser und Geiseln um 22.35 Uhr aus dem olympischen Dorf zum Bundeswehr-Fliegerhorst nach Fürstenfeldbruck. Dort war eine Stunde zuvor eine Lufthansa-Maschine gelandet, in der als Crew verkleidete Polizisten warteten. Sie sollten, so der Plan, die Geiselnehmer beim Betreten der Maschine überwältigen. Doch den Beamten wurde schnell bewusst, dass es sich um ein Himmelfahrtskommando handelte. Keiner von ihnen war für solch einen riskanten Nahkampf ausgebildet. Die Polizisten verweigerten den Befehl und stiegen aus. Ihre Vorgesetzten zeigten dafür sogar Verständnis.

Kaum waren die Hubschrauber in Fürstenfeldbruck gelandet, eskalierte die Lage. Issa und sein Stellvertreter Toni liefen zur Maschine – und fanden sie leer vor. Ihnen wurde wohl klar, dass es sich um eine Falle handelte. Auf ihrem Rückweg zu den Hubschraubern begann ein Feuergefecht mit der Polizei, das – mit Pausen – mehrere Stunden andauerte. Bei den Sicherheitskräften lief schief, was schieflaufen konnte. Die Panzerfahrzeuge blieben im Stau der Gaffer vor dem Fliegerhorst stecken. Die Scharfschützen waren schlecht postiert, auch, weil man bis zuletzt trotzig von weniger als acht Attentätern ausgegangen war.

Die Terroristen ermordeten die neun Geiseln, die in den Hubschraubern aneinandergefesselt waren, mit Salven aus ihren Schnellfeuerwaffen und zündeten auch eine Handgranate. Neben den Israelis starb im Tower der Polizist Anton Fliegerbauer. Zu allem Überfluss verbreitete sich in der Nacht die fatale Falschmeldung, dass alle Geiseln befreit worden seien – erst am Morgen des 6. September erfuhr die Welt die fürchterliche Wahrheit.

Nachhall des Anschlags

Auch fünf Terroristen wurden in Fürstenfeldbruck getötet; drei weitere wurden leicht verletzt festgenommen. Der weitere Umgang mit ihnen ließ die deutsch-israelischen Beziehungen unter den Gefrierpunkt abkühlen. Nur 54 Tage nach ihrer Festnahme wurden die drei überlebenden Palästinenser aus deutscher Haft freigepresst, als Gesinnungsgenossen eine Lufthansa-Maschine entführten.

Die drei Männer wurden nach Tripolis ausgeflogen, wo ihnen Libyens Staatschef Muammar al-Gaddafi einen triumphalen Empfang bereitete. Das schnelle Nachgeben der deutschen Seite spricht im Rückblick dafür, dass dahinter ein heimlicher Deal der Bundesregierung mit der palästinensischen Führung stecken könnte. Auch kundige Zeitzeugen wie Hans-Jochen Vogel hielten dies für plausibel. Die Deutschen, so die These, hätten sich mit der Freilassung die Zusage der Palästinenser erkauft, die Bundesrepublik vor weiteren Anschlägen zu verschonen.

Die einzige sichtbare Konsequenz aus dem Olympia-Attentat war noch im September 1972 die Gründung der Antiterroreinheit GSG 9 (Grenzschutzgruppe 9). Sie ging auf die Initiative des Polizeioffiziers Ulrich Wegener zurück, der während des Anschlags der Adjutant von Bundesinnenminister Genscher gewesen war. Unter Wegeners Kommando befreite die GSG 9 dann im Oktober 1977 die Geiseln aus der von Palästinensern entführten Lufthansa-Maschine "Landshut".

Zerbrechlicher Zauber

Zehn Tage lang hatten die Spiele von München den Zauber der olympischen Idee bewiesen; am elften Tag zeigte sich die Zerbrechlichkeit allen Zaubers. Das Olympia-Attentat gilt vielen als dunkelste Stunde in der Geschichte der jungen Bundesrepublik, denn natürlich wiesen elf auf deutschem Boden ermordete Juden unweigerlich zurück in die große Finsternis vor 1945. Die Macher der Spiele haben zu diesem Unglück mit unverantwortlicher Arglosigkeit beigetragen, mit der blinden Zuversicht, dass nichts und niemand ihr Friedensfest stören würde.

Der Anschlag hat die Erinnerung an die "heiteren Spiele" schwer belastet, aber nicht getilgt. 50 Jahre danach ist der Wunsch der Hinterbliebenen der israelischen Opfer sehr verständlich und unbedingt zu respektieren, das Jahr 2022 nicht als Jubiläumsjahr zu begreifen, sondern vor allem als Gedenkjahr. Zugleich bleibt aber ohne Zweifel erinnerungswürdig, dass sich in den Spielen von München der politische und gesellschaftliche Wille ausdrückte, das neue Deutschland – die junge, noch verletzliche Demokratie auf deutschem Boden – zum Erfolg zu führen.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Vgl. Uta Andrea Balbier, "Der Welt das moderne Deutschland vorstellen": Die Eröffnungsfeier der Spiele der XX. Olympiade in München 1972, in: Johannes Paulmann (Hrsg.), Auswärtige Repräsentationen, Köln 2005, S. 105–119.

  2. Die Darstellung der Ereignisse aus Sicht der Organisatoren gründet wesentlich auf persönlichen Interviews der Autoren mit Hans-Jochen Vogel, vgl. Roman Deininger/Uwe Ritzer, Die Spiele des Jahrhunderts. Olympia 1972, der Terror und das neue Deutschland, München 2021.

  3. Brundage hatte sogar unverhohlene Sympathien für die Nationalsozialisten gehegt. Seine Begeisterung für München 1972 hatte ironischerweise auch mit seiner guten Erinnerung an Berlin 1936 zu tun, vgl. das biografische Standardwerk Allen Guttmann, The Games Must Go On, New York 1983.

  4. Vgl. Kay Schiller/Christopher Young, München 1972. Olympische Spiele im Zeichen des modernen Deutschland, Göttingen 2012, S. 60–69.

  5. Vgl. Richard Mandell, Hitlers Olympiade. Berlin 1936, München 1980.

  6. "Gell, jetzt kommen sie alle", in: Der Spiegel, 2.7.1972, S. 65.

  7. Zit. nach Harry Valérien, Olympia 1972. München – Kiel – Sapporo, München 1972, S. 30.

  8. Vgl. Gerhard Matzig, Helles Deutschland, in: Süddeutsche Zeitung, 14.7.2010, S. 3.

  9. Elisabeth Spieker, Zeigen, nicht erklären, Externer Link: http://www.otlaicher.de/beitraege/zeigen-nicht-erklaeren.

  10. "Des is, wia wenn’s d’Mauer dabei hätten", in: Der Spiegel, 3.9.1972, S. 26–32.

  11. Vgl. David Clay Large, Munich 1972. Tragedy, Terror, and Triumph at the Olympic Games, London 2012, S. 96–108, S. 155–190.

  12. Vgl. David Goldblatt, Die Spiele. Eine Weltgeschichte der Olympiade, Göttingen 2018, S. 241–246.

  13. Vgl. Niall Ferguson et al. (Hrsg.), The Shock of the Global. The 1970s in Perspective, Cambridge MA 2010.

  14. Die Darstellung der Ereignisse stützt sich auf die Archiv- und Zeitzeugen-Recherche der Autoren. Vgl. das Standardwerk zum Anschlag von Simon Reeve, Ein Tag im September. Die Geschichte des Geiseldramas bei den Olympischen Spielen in München 1972, München 2006.

  15. Vgl. Axel Frohn et al., Die angekündigte Katastrophe, in: Der Spiegel, 23.7.2012, S. 34–44.

  16. Vgl. Patrizia Schlosser, Himmelfahrtskommando, Podcast des Bayerischen Rundfunks, 2.5.2022, Externer Link: http://www.ardaudiothek.de/sendung/10475841.

  17. Siehe hierzu auch den Beitrag von Eva Oberloskamp in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).

  18. Vgl. Ulrich Wegener, GSG 9. Stärker als der Terror, Münster 2018.

  19. Vgl. Peter Münch, Gedenkfeier zum Olympia-Attentat in Gefahr, in: Süddeutsche Zeitung, 28.5.2022, S. 8.

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ist promovierter Politikwissenschaftler und Chefreporter der "Süddeutschen Zeitung" in München.
E-Mail Link: roman.deininger@sueddeutsche.de

ist Investigativreporter und Wirtschaftskorrespondent der "Süddeutschen Zeitung" in Nürnberg. Gemeinsam mit Roman Deininger schrieb er das Buch "Die Spiele des Jahrhunderts. Olympia 1972, der Terror und das neue Deutschland".
E-Mail Link: uwe.ritzer@sueddeutsche.de