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Objektivität in Anführungszeichen

Objektivität in Anführungszeichen Über Wissenschaft und Aktivismus

Leonhard Dobusch

/ 13 Minuten zu lesen

Wissenschaftler:innen, aber auch Journalist:innen werden zunehmend mit Aktivismusvorwürfen konfrontiert. Was steckt dahinter? Kann Wissenschaft überhaupt werturteilsfrei sein oder ist sie immer normativ? Wie lässt sich darüber in der Öffentlichkeit sprechen?

Engagement in Forschung und Lehre, im Humboldt’schen Bildungsideal als universitäre Einheit gedacht, ist schon seit Längerem nicht mehr alles, was von wissenschaftlich Tätigen erwartet wird. Zusätzlich zu diesen beiden klassischen Aufgabengebieten bekennen sich Hochschulen zunehmend zu einer "Third Mission". Ein Dossier des Centrums für Hochschulentwicklung fasst darunter "Wissens- und Technologietransfer, regionales Engagement, Weiterbildungsangebote oder auch Soziale Innovationen", die "im 21. Jahrhundert (…) zur akademischen Tagesordnung" gehörten. Der damalige Leiter des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie und heutige Oberbürgermeister von Wuppertal, Uwe Schneidewind, forderte 2016 sogar, die "Third Mission" als "First Mission" zu denken, "d.h. auch die Aufgaben von Forschung und Lehre konsequent aus der Perspektive der gesellschaftlichen Funktion von Hochschulen" zu entwickeln. Von Wissenschaftler:innen wird also zunehmend erwartet, sich auch jenseits von Forschung und Lehre unmittelbar in aktuelle gesellschaftliche Debatten einzubringen.

Gleichzeitig sind es solche öffentlichen Aktivitäten, mit denen Risiken für die wissenschaftliche Reputation bis hin zur Gefahr persönlicher Beleidigungen und Angriffe einhergehen. Im Zentrum steht dabei häufig der Vorwurf des Aktivismus, der dem wissenschaftlichen Erkenntnisprozess im Wege stehe. "Aktivistische Wissenschaftler sind ein Greuel" betitelte Johannes Pennekamp seinen diesbezüglichen Kommentar in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" mit Blick auf Wissenschaftler:innen, die politische Forderungen zur Bekämpfung der Erderhitzung öffentlich vertreten, wie etwa Scientists for Future. Jene Wissenschaftler:innen, die im Zuge der Corona-Pandemie in Fernseh-Talkshows, in Podcasts wie "Coronavirus-Update" oder im Corona-Expertenrat der deutschen Bundesregierung aktiv waren beziehungsweise sind, können ebenfalls ein Lied von solchen Vorwürfen singen.

Was als "Knowledge Transfer und Outreach" im Sinne einer "Third Mission" und was politischer Aktivismus ist, ist oft alles andere als einfach zu unterscheiden und hängt in der Beurteilung stark vom eigenen Standpunkt ab. Wenn Aktivismus darin besteht, normative Ableitungen aus wissenschaftlichen Analysen zu formulieren und diese öffentlich zu vertreten, dann haben öffentliche Äußerungen von Wissenschaftler:innen immer auch eine aktivistische Komponente. Aus streng inhaltlicher Sicht besteht der Unterschied demnach vor allem darin, ob dieses aktivistische Moment bewusst und explizit artikuliert wird oder unbewusst und immanent bleibt.

Aktivismus in Wissenschaft und Journalismus

(© picture-alliance/dpa, Monika Skolimowska)

Aber ist es überhaupt ein Problem, wenn Wissenschaftler:innen sich aktivistisch, das heißt mit expliziten, normativen Überzeugungen, in öffentliche Debatten einmischen? Wenn ja, wie gehen wir damit um? Wenn nein, warum ist das dann so ein großes Thema? Warum ist es ein Vorwurf, als Wissenschaftler:in aktivistisch zu sein? Die Antworten auf diese Fragen sind über den Bereich von Wissenschaft im engeren Sinne hinaus auch für (Wissenschafts-)Journalismus relevant.

Denn nicht nur Wissenschaftler:innen, auch Journalist:innen wurden in den vergangenen Jahren zunehmend mit Aktivismusvorwürfen konfrontiert, auch hier vor allem im Kontext der Berichterstattung über Pandemie und Klimakollaps. Trotz dieser Parallelen wird die Debatte über Aktivismus in Wissenschaft und Journalismus bislang weitgehend getrennt voneinander geführt. Das ist auch deshalb erstaunlich, weil es Wissenschaft und Journalismus gleichermaßen um Fragen von Erkenntnis, Erkenntnisinteresse und Transparenz von wissenschaftlicher und journalistischer Arbeit geht. Der Aktivismusvorwurf betrifft hier Wissenschaftler:innen und Journalist:innen auf ähnliche Weise. Und auch der Journalismus kennt das Problem, dass Qualität nicht automatisch mit Reichweite und Sichtbarkeit Hand in Hand geht.

(© Stern)

Wolfgang Blau, ehemaliger Chefredakteur von "Zeit Online" und Gastwissenschaftler am Reuters Institute for the Study of Journalism an der Universität Oxford, berichtet von großen Ängsten vor Aktivismusvorwürfen unter Journalist:innen, wenn sie öfter, regelmäßiger – man könnte auch sagen, in einem der Tragweite angemessenen Ausmaß – über die Klimakrise berichten. Und diese Ängste sind nicht völlig unbegründet. In Deutschland hat zum Beispiel die Redaktion des Magazins "Stern" sehr viel Kritik für eine Ausgabe geerntet, die gemeinsam mit Aktivist:innen von Fridays for Future gestaltet wurde. Ulf Poschardt, Chefredakteur der "Welt", titelte "Danke, liebe ‚Stern‘-Aktivisten!" und warf der Redaktion vor, "sich jetzt auch ganz offiziell vom kritischen Journalismus [zu] verabschieden". Diese Anekdote ist aber vor allem deshalb so aufschlussreich, weil mit Poschardt jemand den Aktivismus-Vorwurf in Stellung brachte, den der Medienjournalist Stefan Niggemeier als jemanden charakterisiert, der "als Kulturkämpfer (…) die Gesellschaft in Freund und Feind durchkartographiert und alles aus dem selbstgebuddelten Schützengraben" kommentiert. Aktivismus scheint, frei nach Terry Eagleton, etwas zu sein, das immer nur die anderen betrifft.

Historischer Vorläufer: Werturteilstreit

Gleichzeitig drängt sich die Frage auf, inwieweit wir hier eine Retro-Debatte führen. Das Thema der Werturteilsfreiheit ist eines, das die Soziologie seit Max Weber begleitet, vielleicht am prominentesten im sogenannten Positivismusstreit zwischen Theodor W. Adorno und Jürgen Habermas auf der einen, Karl Popper und Hans Albert auf der anderen Seite. Während hier viel darüber diskutiert wurde, wer sich als "Positivist" bezeichnen lassen muss und was unter "Positivismus" zu verstehen ist, gab es selbst im Positivismusstreit doch den Konsens, dass Werturteile wissenschaftliche Theoriebildung explizit wie implizit beeinflussen. Wichtiger für das Thema Aktivismus und Erkenntnisinteresse scheint aber noch ein anderer gemeinsamer Nenner unter den Beteiligten des Werturteilsstreits: Es bestand Einigkeit darüber, dass normative Einschätzungen – allgemeine wie spezifische – stets auch einer rationalen Diskussion zugänglich sind, ja zugänglich sein müssen. Einfach so zu tun, als gäbe es die "reine Vernunft" ohne sittliches Element, kann keine rational überzeugende Antwort sein.

Ein gutes Beispiel für die produktive Rolle von Werturteilen für die Forschung – und vice versa – liefert die in methodologischer Hinsicht bahnbrechende Studie aus dem Jahr 1933 über "Die Arbeitslosen von Marienthal" von Marie Jahoda in Zusammenarbeit mit Paul Lazarsfeld und Hans Zeisel. Die Studie bediente sich einer breiten Mischung aus quantitativen und qualitativen Forschungsmethoden, von biografischen Interviews und ethnografischen Beobachtungen bis hin zu amtlichen Statistiken und der Messung der Gehgeschwindigkeit von Passant:innen. Ausgangspunkt der Studie war jedoch ein klar aktivistisches Interesse. Jahoda selbst berichtete in einem Interview 1985, dass es Otto Bauer, damaliger Chefideologe der sozialdemokratischen Partei in Österreich, war, der im Gespräch mit ihr und Paul Lazarsfeld Arbeitslosigkeit als das wichtigste zu untersuchende Problem identifiziert und sogar Marienthal als Ort für die Untersuchung vorgeschlagen hatte.

(© Eigene Darstellung)

Auch für Weber war eine solche Begründung von Forschungsfragen und -programmen kein Problem, da Wissenschaftler:innen hier durchaus aktivistisch motiviert sein dürfen; sie sollten nur deshalb nicht gleich die wissenschaftlichen Erkenntniskriterien über Bord werfen. Interessanterweise sind aber auch die Qualitätskriterien wissenschaftlichen Arbeitens letztlich Werturteile und normative Setzungen. Vor diesem Hintergrund erscheint die manchmal ersehnte "Vermeidung des Normativen" als Paradox, da die zentrale Herausforderung der wissenschaftlichen Befassung mit politischen Fragen ja letztlich darin besteht, "politische" und "epistemische" Werthaltungen ins richtige Verhältnis zu bringen. Denn nur so lässt sich das von Weber verordnete Ziel von Wissenschaft – zu sagen, was man tun kann – auch erreichen.

Vor diesem Hintergrund ist auch der Umstand, dass zumindest die Auswahl des Forschungsthemas sowie der Forschungsfrage eine inhärent normative Entscheidung ist, in der Wissenschaft weitgehend unumstritten. Aus der unendlichen Zahl möglicher Forschungsprobleme eines als das für die eigene Arbeit relevante auszuwählen, stellt immer ein Werturteil dar. Auch hier gibt es eine Parallele zum Journalismus, dessen wichtigster und gleichzeitig normativer Ausgangspunkt die Entscheidung ist, aus der unendlichen Zahl an möglichen Themen genau eines für einen Bericht oder ein Feature auszuwählen.

Doch auch nach dieser grundlegenden Entscheidung ziehen sich Werturteile durch den gesamten Forschungsprozess, beginnend bei der Theoriewahl über die Wahl der Methode und die Entscheidung über Kategorien im Rahmen einer Methode bis hin zur Interpretation von Ergebnissen (Tabelle). All das sind auch normative Entscheidungen, bei denen bewusst oder unbewusst politisch-ethische Positionen der Forscher:innen eine Rolle spielen.

Dieses Selbstverständnis, dass sich in jedem Schritt eines Forschungsprojekts normative Fragen stellen und dass deren Beantwortung nicht vermieden werden kann, ist freilich auch in der Wissenschaft keine Selbstverständlichkeit. Gerade in meiner eigenen Disziplin, der Ökonomie, werden die normativen, oft utilitaristischen Fundamente der benutzten Modelle kaum je mitreflektiert. Diese fehlende Selbstreflexion über die normativen Aspekte der eigenen Disziplin macht es manchen Vertreter:innen dann umso leichter, anderen über die Maßen aktivistische, politisch motivierte Arbeitsweise vorzuwerfen.

Zur Aktualität der Aktivismus-Debatte

Wenn aber die Diskussion über die inhärente Normativität von Wissenschaft schon seit über hundert Jahren geführt wird, warum erleben wir dann gerade in den vergangenen Jahren eine so besonders intensive Debatte darüber, wie aktivistisch Wissenschaft und/oder Journalismus sein dürfen, sollen, ja vielleicht sogar müssen? Warum stellt sich diese Frage gerade jetzt mit neuem Nachdruck? Eine mögliche Erklärung wäre, darin eine, zu einem gewissen Grad verfehlte, Reaktion auf postfaktische Desinformationsattacken auf traditionelle wissenschaftliche und journalistische Institutionen zu sehen.

Was Politiker wie Donald Trump, Wirtschaftslobbyist:innen, die Zweifel an Klimaforschung schüren, und Corona-Schwurbler:innen eint, sind offene und gezielte Angriffe auf die Deutungshoheit von als "Mainstream" bezeichneter Wissenschaft beziehungsweise Journalismus. Zumindest ein Teil der Aktivismusvorwürfe lässt sich damit erklären, dass in dieser Situation manche Zuflucht in einem Faktizismus suchen, der zweifelsfreie Fakten verspricht. Eine solche Position ist getragen vom Glauben, das postfaktische Zeitalter ließe sich mit einer "Rückkehr" zu einem Faktizismus bewältigen, also einem klassischeren, positivistischen Wissenschaftsverständnis und einem Journalismus, der vor allem auf Fakten-Checks und "objektive" Berichterstattung setzt.

Das Problem dabei: Bereits Weber setzte "Objektivität" in seinem 1904 erschienen Aufsatz über "Die ‚Objektivität‘ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis" in Anführungszeichen. Sozialwissenschaft bedeutet, sich der Unmöglichkeit sicherer Erkenntnis zu stellen und mit ihr umzugehen, nicht sie faktizistisch zu leugnen. In den Worten des Sprachwissenschaftlers Anatol Stefanowitsch: "Postfaktizismus mit Faktizismus zu bekämpfen ist ungefähr so sinnvoll, wie die Postapokalypse mit der Apokalypse zu bekämpfen."

Sich auf die Fakten zurückzuziehen, ist aber auch in der öffentlichen Auseinandersetzung mit Desinformation wenig erfolgversprechend. Selbst wer weitgehend differenziert, zurückhaltend, sich revidierend, reflektiert und vorsichtig agiert, wie beispielsweise der Virologe Christian Drosten in der Corona-Krise, bleibt nicht von Vorwürfen des Aktivismus verschont.

Das Beispiel Christian Drosten, aber auch jenes von "aktivistisch" agierenden Klimaforscher:innen, illustriert noch einen anderen Aspekt des Aktivismusvorwurfs, egal, ob er in der Wissenschaft oder im Journalismus geäußert wird: Der Vorwurf ist immer auch – wenn nicht sogar in erster Linie – ein Argumentum ad hominem. Und auch wenn Ad-hominem-Argumente letztlich schwache Argumente sind, die meist auf jene zurückfallen, die sie vorbringen, können sie gleichwohl zu Ängsten und Zurückhaltung bei öffentlichen Äußerungen führen.

All das legt nahe, dass nicht Aktivismus, weder in Wissenschaft noch in Journalismus, das Problem ist, sondern die Verletzung von wissenschaftlichen beziehungsweise journalistischen Qualitätsstandards. Dazu zählt etwa, mit möglichen Interessenkonflikten transparent umzugehen, Quellen zu nennen und Daten nicht zu (ver)fälschen. Wenn Aktivismus eine Verletzung von Qualitätsstandards befördert oder sogar dazu führt, dass nicht sauber journalistisch oder wissenschaftlich gearbeitet wird, dann ist das natürlich ein Problem und muss kritisiert werden – nicht aber die klare weltanschauliche Positionierung.

Aktivismus, der Wissenschaft und Journalismus besser macht

Umgekehrt ist aber auch das Gegenteil beobachtbar: dass aktivistische Wissenschaft sogar der Qualität wissenschaftlicher und journalistischer Erkenntnisprozesse dienlich ist. So kämpft Wissenschaft immer mit der Pfadabhängigkeit von Theoriebildung, also damit, dass Theorien auch deshalb weiterverfolgt werden, weil Kompetenzen und Karrieren an sie geknüpft sind. In der Ökonomie lässt sich die Pfadabhängigkeit einer paradigmatischen wie methodologischen Engführung gut anhand von Zitationsmustern nachvollziehen. Genau hier setzt nun die studentisch-aktivistische Kritik der Bewegung für eine Plurale Ökonomie an. Es ist deren durchaus auch politisch motivierter Aktivismus, der zu mehr Theorien und Methodenvielfalt sowie verstärkter Reflexion von normativen Grundlagen etablierter Ansätze führt – und so Wissenschaft besser macht. Im Journalismus könnte der aktivistische Ansatz von Initiativen wie dem Netzwerk Klimajournalismus auf ähnliche Weise dazu beitragen, zu reflektierteren Entscheidungen über Ausmaß und Art der Berichterstattung über Erderhitzung beizutragen.

Was folgt aber nun aus der Erkenntnis, dass Wissenschaft und Journalismus immer normativ sind und deshalb Aktivismus nicht per se bereits ein Makel wissenschaftlicher oder journalistischer Erkenntnisproduktion ist? Wie damit umgehen, wenn sich radikalisierende soziale, ökonomische und ökologische Probleme der Weltgesellschaft auch in zunehmendem Aktivismus in Wissenschaft und Journalismus widerspiegeln? Aus meiner Perspektive sollte die Antwort auf diese Fragen ein Mehr an Offenheit und Auseinandersetzung sein, nicht aber der Versuch, Aktivismus zu vermeiden.

Mehr Offenheit, mehr Auseinandersetzung

Wenn nämlich nicht der Aktivismus das Problem ist, sondern die Verletzung von Qualitätsstandards, dann unterstreicht das die Bedeutung von Transparenz über den gesamten Prozess der Wissensgenerierung hinweg. Im Bereich der Wissenschaft würde das bedeuten, noch viel stärker auf Open Science zu setzen, also nicht nur die Forschungsergebnisse (Open Access), sondern auch Rohdaten, Software und Gutachten im Publikationsprozess offenzulegen. Auf diese Weise lässt sich nicht nur die Einhaltung wissenschaftlicher Qualitätsstandards besser nachvollziehen, es würde auch die Robustheit wissenschaftlicher Erkenntnisse, beispielsweise durch Replikationsstudien, verbessert. Hinzu käme aber auch, mehr Offenheit an den Tag zu legen, was die eigene Haltung und weltanschauliche Positionierung betrifft. Letzteres gilt genauso für den Journalismus, wo eine klare normative Positionierung Voraussetzung ist, um Probleme wie falsche Ausgewogenheit (false balance) zu vermeiden. Außerdem würde mehr Offenheit im Journalismus einen anderen Umgang mit Quellen implizieren. Aus vorliegenden Dokumenten sollte nicht nur zitiert, sondern diese sollten – unter Berücksichtigung datenschutzrechtlicher Aspekte – möglichst im Volltext verlinkt werden.

Wie effektiv Offenheit als Werkzeug in kollektiven Erkenntnisprozessen sein kann, lässt sich sehr gut an einem Beispiel illustrieren, das irgendwo zwischen Wissenschaft und Journalismus angesiedelt ist: der freien Online-Enzyklopädie Wikipedia. Auch bei gesellschaftlich umstrittenen und polarisierenden Themen wie Corona oder dem russischen Angriff auf die Ukraine liefert Wikipedia aktuelle, robuste und mehr oder weniger ausgewogene Informationen. Das ist auch deshalb so bemerkenswert, weil die 2001 gegründete Wikipedia in den ersten zehn Jahren ihres Bestehens vor allem mit Zweifeln an der Qualität von Wissen konfrontiert war, an dessen Generierung potenziell jede und jeder mitwirken kann. "Kann man glauben, was darin steht, wenn jeder dort alles reinschreiben kann?" lautete lange die am häufigsten gestellte Frage. In den vergangenen Jahren hat sich die Diskussion um Wikipedia jedoch komplett gedreht, und viele stellen sich stattdessen die Frage, wie überhaupt noch Inhalte in der Wikipedia untergebracht werden können. Grund dafür sind eine Reihe von neuen Regeln und Maßnahmen, die Wikipedia zur Qualitätssicherung einsetzt. Gerade weil das Online-Lexikon von Anfang an anfällig für Manipulationsversuche war, brauchte es wirksame Mechanismen dagegen. Der wichtigste Mechanismus zur Qualitätssicherung war und ist dabei radikale Transparenz. Jede Änderung ist dauerhaft nachvollziehbar dokumentiert und erlaubt so, Manipulationsversuche zumindest im Nachhinein aufzudecken und zu korrigieren. Gleichzeitig macht die Editierbarkeit der Wikipedia deutlich, dass jeder Artikel, ja dass Wissen im Allgemeinen immer nur vorläufig und das Ergebnis von Aushandlungsprozessen ist.

Diese Erkenntnis führt von dem Bedarf nach größerer Offenheit hin zu jenem nach einer produktiveren Form von Auseinandersetzung mit aktivistischer Forschung und Journalismus. Offengelegte Daten und die Offenheit weltanschaulicher Positionierungen liefern dafür die Basis. Denn wenn es weder wissenschaftliche noch journalistische Objektivität gibt, dann ist Erkenntnis immer und zuvorderst angewiesen auf Austausch und wechselseitiges Beobachten. Das Ringen um intersubjektive Nachvollziehbarkeit in Form von kritischer Auseinandersetzung ist notwendig für wissenschaftliche Erkenntnisprozesse. Robinson Crusoe könnte, auch wenn er wollte, auf seiner Insel keine Wissenschaft betreiben. Die Antwort auf eine Spaltung in öffentlichen Debatten ist demnach nicht weniger, sondern mehr Auseinandersetzung. Produktiv wird diese Auseinandersetzung aber erst dann, wenn sie nicht ad hominem erfolgt, sondern auf Basis von Daten, von Argumenten, von Einschätzungen und von Interpretationen passiert.

Für diese – idealerweise transdisziplinäre – Auseinandersetzung ist die Verschränkung von Wissenschaft und Journalismus sogar hilfreich, weil in der öffentlichen journalistischen Debatte die Disziplinengrenzen viel stärker verschwimmen, als sie es in der wissenschaftlichen Debatte tun. Das liegt auch daran, dass Journalismus, mehr noch als Wissenschaft, primär am Phänomen orientiert ist und in einer öffentlich-journalistischen Diskussion disziplinäre Grenzen in den Hintergrund rücken. Eine Konfrontation von Wissenschaftler:innen unterschiedlicher Disziplinen in journalistischen Kontexten fordert das Denken in disziplinären Silos heraus und hilft so am Ende auch der Wissenschaft.

Für die Lösung von Glaubwürdigkeitsproblemen in Wissenschaft und Journalismus gilt dasselbe, hier sind beide aufeinander angewiesen. Im Rahmen einer wissenschaftlichen Fachdebatte lassen sich Glaubwürdigkeitsdefizite in der Bevölkerung nicht beheben. Dafür braucht es öffentliche Auseinandersetzungen jenseits wissenschaftlicher Gemeinschaften, die maßgeblich von Journalist:innen mitgestaltet werden. Die Rolle der Soziologie könnte in diesem Kontext zusätzlich die Analyse der Metaebene im Luhmann’schen Sinne von Beobachtungen zweiter Ordnung sein. Bis zu einem gewissen Grad tut das auch dieser Text, indem er hinterfragt, was Aktivismusvorwürfe eigentlich bedeuten und ob sie nicht vielleicht sogar Teil des Problems sind, das sie kritisieren.

Einen Beitrag dazu, Glaubwürdigkeitsprobleme zu lösen, kann auch und vor allem die eingangs diskutierte veränderte Erwartungshaltung an Wissenschaftler:innen leisten, sich in der "Third Mission" zu engagieren – vor allem, wenn diese Veränderung zu intensiverem Diskurs über Wissenschaft als Beruf und ihre gesellschaftliche Funktion und zu einer vertieften Auseinandersetzung mit den, jeder Wissenschaft inhärenten, normativen Positionierungen führt. Aktivismus kann dann nämlich auch als jene Form von Wissenstransfer verstanden werden, die der Dringlichkeit von Problemen wie dem Klimakollaps noch am ehesten gerecht wird.

Weitere Inhalte

ist Professor für Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Organisation an der Universität Innsbruck und wissenschaftlicher Leiter des Wiener Momentum Instituts – Think Tank der Vielen.
E-Mail Link: leonhard.dobusch@uibk.ac.at