Deutschland handelt international nicht unabhängig. Das Land bewegt sich im Rahmen von internationalen Regeln und innerhalb internationaler und regionaler Organisationen. Als Mitglied der
Zentrale außenpolitische Entscheidungen, die auf EU-Ebene getroffen oder koordiniert werden, sind das Verhängen von Sanktionen, Entscheidungen über zivile und militärische Kriseneinsätze, das Schließen von internationalen Handels- und
Durch die Abstimmungen auf EU-Ebene wird der eigenständige außenpolitische Spielraum Deutschlands verringert. Gleichzeitig erweitert der EU-Rahmen den deutschen Wirkungskreis und bringt damit einen politischen Bedeutungszuwachs Deutschlands mit sich. Treten alle 27 EU-Staaten in außenpolitischen Fragen geeint auf, haben sie – im Vergleich zu jedem Staat für sich – eine erhebliche Verhandlungsmacht.
EU als Konstante der deutschen Außenpolitik
Der Einsatz Deutschlands für die europäische Einigung wurde bereits im Jahr 1949 in der
Deutschland ist einer der sechs Gründungsstaaten der
Die Europäische Union in der Außenpolitik
EU-Politik funktioniert grundsätzlich auf zwei Ebenen: Zum einen gibt es sogenannte
Die supranationalen EU-Institutionen haben im Bereich der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik weniger Kompetenzen als beispielsweise im Bereich der Handelspolitik und des Binnenmarkts. EU-Außenpolitik, ausgenommen der genannten wirtschaftlichen Bereiche, ist also stark von der Souveränität der Mitgliedstaaten geprägt. Folglich kann die Europäische Kommission hier nicht eigenständig handeln. Auch hat das Europäische Parlament keine Mitentscheidungsfunktion. Außen- und sicherheitspolitische Entscheidungen – etwa über Sanktionen oder die Positionierung zu Konflikten – müssen einstimmig durch die EU-Mitgliedstaaten im
Dennoch gibt es auch außenpolitisch agierende Institutionen innerhalb der EU: Dazu zählen das Amt des Hohen Vertreters und der Europäische Auswärtige Dienst (EAD). Sie unterstützen die Entscheidungsfindung in außen- und sicherheitspolitischen Fragen zwischen den Mitgliedern der EU. Der Hohe Vertreter repräsentiert außerdem den außen- und sicherheitspolitischen Standpunkt der EU nach außen. Das kann er aber nur tun, wenn alle EU-Mitglieder sich einig sind.
Das Amt des Hohen Vertreters der Union für die Außen- und Sicherheitspolitik
Um die außen- und sicherheitspolitischen Positionen und Aktivitäten der EU zu koordinieren, gibt es seit 2009 das Amt des „Hohen Vertreters der Union für die Außen- und Sicherheitspolitik“.
Auch wenn diese Position oft „EU-Außenminister“ genannt wird, ist diese Rolle nicht vergleichbar mit nationalen Außenministerinnen und Außenministern. Der Hohe Vertreter vermittelt im Wesentlichen zwischen den Mitgliedstaaten, da er nur dann einen EU-Standpunkt vertreten kann, wenn sich alle 27 Mitgliedstaaten einig sind. Ziel ist also das Aushandeln von Kompromissen, um ein möglichst einheitliches und stimmiges Handeln der EU zu erreichen. Der Hohe Vertreter leitet die Sitzungen des Rats „Auswärtige Angelegenheiten“ und kann so Themen auf die Agenda setzen. Er vertritt die EU in außen- und sicherheitspolitischen Fragen gegenüber Drittstaaten und internationalen Organisationen wie den Vereinten Nationen.
Der Hohe Vertreter ist gleichzeitig Leiter der Sitzungen des Rats „Auswärtige Angelegenheiten“, Chef des Europäischen Auswärtigen Dienstes und Vizepräsident der Europäischen Kommission. Diese Kombination an Aufgaben soll den Austausch der zwischen- mit der überstaatlichen Ebene der EU sicherstellen und dafür sorgen, dass die EU letztlich mit einer Stimme sprechen kann.
Derzeit ist die ehemalige estnische Ministerpräsidentin Kaja Kallas die Hohe Vertreterin für Außen- und Sicherheitspolitik. Ihre fünfjährige Amtszeit begann am 1. Dezember 2024.
Der Europäische Auswärtige Dienst
Der Europäische Auswärtige Dienst (EAD) ist der
Die Mitglieder des
Instrumente der EU-Außenpolitik im Bereich der Sicherheitspolitik Auf Ebene der Sicherheitspolitik verfügt die EU im Wesentlichen über zwischenstaatlich geprägte Instrumente. Sie ergänzen insbesondere die Strukturen des Nordatlantikpakts (
Im Rahmen der „Ständig Strukturierten Zusammenarbeit“ (
Bei zivilen und militärischen Missionen ist die EU auf freiwillig bereitgestellte Truppenkontingente der Mitgliedstaaten angewiesen, da sie keine eigenen Truppen unterhält. Ziele der Missionen können humanitäre Aufgaben (z. B. in der
Die außenpolitische Souveränität Deutschlands bleibt also durch das Einstimmigkeitsprinzip in der gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik der EU gewahrt. Beschlüsse gegen den Willen der Bundesregierung können demnach nicht in diesem Bereich auf EU-Ebene gefasst werden. Darüber hinaus bleiben etwa das Ausrufen des Verteidigungsfalls oder der Einsatz der Bundeswehr nationale Entscheidungen. Eine Tatsache, die das Bundesverfassungsgericht als einen zentralen Maßstab in seinen Entscheidungen, etwa beim Externer Link: Urteil zum Lissabon-Vertrag 2009, unterstrichen hat.
Herausforderungen im Bereich der Sicherheitspolitik
Durch das Prinzip der Einstimmigkeit im Bereich der Sicherheitspolitik agiert die EU allerdings oft langsam und auf Basis eines kleinsten gemeinsamen Nenners angesichts nationaler Einzelinteressen. Etwa hat der
Die EU funktioniert – auch wenn es beispielsweise militärische Missionen gibt – im Wesentlichen mit Instrumenten und Machtressourcen einer Zivilmacht. Dazu zählen Diplomatie, nicht-militärische Missionen und humanitäre Hilfe. In Zeiten einer aggressiven
So bilden sich neue zwischenstaatliche Formate, in denen Entscheidungen getroffen werden. Hierzu zählen etwa die „Europäische Gruppe der Fünf“ (E5) aus Deutschland, Frankreich, Polen, Italien und dem Vereinigten Königreich oder die Koalition der Willigen, ein Zusammenschluss von Staaten, die der Ukraine verstärkte Unterstützung gegen den russischen Angriffskrieg zugesagt haben. Die EU hat hier, auch aufgrund mangelnder gemeinsamer Zielvorstellungen aller Mitgliedstaaten, eine weniger ausgeprägte Funktion. Das deutsche Handeln hat sich in diesem Rahmen verändert, hin zum Engagement in kleineren Clubs und Koalitionen.
Instrumente der EU-Außenpolitik im Bereich der Wirtschaftspolitik
Die EU kann ihre vielen ökonomischen Instrumente oft ohne Einstimmigkeitsprinzip und mit erheblicher Durchschlagskraft einsetzen. Im Zentrum steht hier die gemeinsame Handelspolitik – eine ausschließliche EU-Kompetenz. Die EU handelt Freihandelsabkommen aus und kann als weltgrößter
Im Rahmen des Handelsschutzes gegenüber Drittstaaten kann die EU das Instrumentarium von Investitionskontrollen und Exportkontrollen für Güter mit zivilem und militärischem Verwendungszweck (sog. „Dual-Use-Güter“) nutzen. Auch hat die EU Instrumente (sog. Trade Defence Instruments, TDI), um ihren Markt gegen
Die EU nutzt zudem Entwicklungs- und Nachbarschaftshilfe, um Projekte in Drittstaaten zu finanzieren. Unter anderem sollen damit Werte (z. B. Klimaschutz und Demokratisierung) exportiert, aber auch künftige neue Märkte aufgebaut, geopolitischer Einfluss und Stabilität von Regionen gesichert sowie unter anderem Migrationsbewegungen durch Entgegenwirken von Fluchtursachen reguliert werden.
Deutschland und die EU-Wirtschaftspolitik
Deutschland kann Entscheidungen im Bereich der Wirtschaft über den Rat der EU mitprägen, sie aber nicht eigenständig entscheiden. Auch wenn dies auf den ersten Blick das souveräne Handeln Deutschlands verringert, stärkt ein gemeinschaftliches Vorgehen die Machtposition der EU und somit auch Deutschlands Position in der Welt.
Durch die Einbettung in den EU-Binnenmarkt hat Deutschland an außenpolitischer Macht gewonnen. Als exportorientierter und wirtschaftlich starker Mitgliedstaat hat Deutschland beispielsweise durch Zolleinsparungen, verbesserten Marktzugang und steigende Exporte in ausgewählten Branchen von EU-Handelsabkommen mit anderen Staaten profitiert, etwa durch das CETA-Abkommen mit Kanada. Deutschland zieht auch einen Nutzen aus europäischen Initiativen zur Angleichung von Regelungen, etwa zu Produktspezifikationen oder Standards, mit Drittstaaten.
Die EU wurde für eine regelbasierte Ordnung gebaut, in der die Stärke des Rechts gilt. Ausgehend vom eigenen Erfolg des Binnenmarkts, ging man davon aus, dass wirtschaftliche Abhängigkeiten zu einer produktiven Verflechtung und Kooperation führen. Dies ist in Zeiten einer aggressiven Geopolitik jedoch nicht der Fall. Die EU steht heute vor der Herausforderung, wie sie ihre regelbasierten Instrumente gegenüber solchen Akteuren nutzt, die diese Ordnung nicht mehr anerkennen. Dies betrifft etwa China, aber zunehmend auch die USA.
Deutsche Souveränität in der EU
Als zentral gelegenes Land ist Deutschland eine politische und wirtschaftliche Drehscheibe in der EU. Das beinhaltet nicht nur die vielfältigen bilateralen Beziehungen zu seinen neun Nachbarstaaten, auch ist Deutschland ein logistisches Zentrum, für Warenströme und militärische Mobilität in der EU.
Deutschland ist in das europäische Koordinierungsgeflecht der Außenpolitik eingebunden, das zu einer „alltäglichen Europäisierung“
Gleichzeitig gibt es Themenfelder, in denen die Positionen zwischen den EU-Staaten stark auseinandergehen und ein gemeinsames europäisches Handeln schwer möglich ist. Dies ist mit Blick auf den Nahost-Konflikt, zum Beispiel auch in einem Bereich der Fall, in dem Deutschland aufgrund seiner historisch besonderen Beziehungen zu Israel mittlerweile innerhalb der EU eine Minderheitenmeinung vertritt. Die meisten EU-Staaten sind deutlich kritischer gegenüber den Handlungen der israelischen Regierung – etwa mit Blick auf den Umgang mit den Palästinenserinnen und Palästinensern – als die Bundesregierung.
Erwartungen der anderen EU-Mitglieder an Deutschland
Die Bundesrepublik Deutschland ist als bevölkerungsreichstes und wirtschaftlich stärkstes Mitglied der EU seit jeher in einer
Die herausgehobene Rolle Deutschlands in der EU führt daher zu einem Spannungsfeld aus der Erwartung anderer EU-Mitgliedsstaaten, dass Deutschland eine Führungsrolle übernehmen soll, und der Kritik derselben daran, wenn Deutschland ebendies dann auch tut.
Ausblick: Spannungsfeld zwischen Eigenständigkeit und Abhängigkeit
Deutsche Regierungen haben immer zurückhaltend auf eine stärkere Nutzung militärischer oder finanzpolitischer Instrumente reagiert, um europäische Interessen robuster in der Welt zu vertreten. Dies spiegelt sich in der Diskussion rund um eine „europäische Souveränität“ wider, die durch den französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron im Jahr 2017 in seiner Rede an der Pariser Universität Sorbonne in die Debatte gebracht wurde.
Seit der
Knapp 20 Jahre nach Inkrafttreten des Vertrags von Lissabon im Jahr 2009 befindet sich die EU-Außenpolitik an einer Wegscheide: Die zunehmende Relevanz der Geopolitik und die „Versicherheitlichung“ der Außenpolitik, also ein starker Fokus auf sicherheits- und verteidigungspolitische Aspekte von Außenpolitik, treffen auf eine historisch eher technische EU-Außenwirtschaftspolitik und eine der Einstimmigkeit unterliegende EU-Außenpolitik. In der Diskussion um eine künftige europäische Sicherheitsordnung hat die EU nur wenige Kompetenzen.
In seiner grundsätzlichen Unterstützung gemeinschaftlicher Institutionen ist dies eine Herausforderung für Deutschland: ein handlungsfähiges Europa aufrechtzuerhalten –gegebenenfalls auch außerhalb des EU-Rahmens –, ohne die Strukturen der EU zu schwächen, die auch Vehikel für die eigene Sicherheit und den eigenen Wohlstand sind.