Zwar war die deutsche Gesellschaft im Ersten Weltkrieg nur in sehr geringem Maße – durch die anfängliche russische Invasion in Ostpreußen und Bombenangriffe in grenznahen Gebieten – von direkten Kampfhandlungen betroffen. Trotzdem prägte und veränderte der Krieg die Lebensbedingungen der zivilen Bevölkerung in vieler Hinsicht auf einschneidende Weise. Die Wirtschaft wurde auf Kriegswirtschaft umgestellt, Rüstungsproduktion gewann absoluten Vorrang vor der zunehmend als Mangelversorgung organisierten Lebensmittelverteilung, die inneren Gegensätze und Konflikte einer in weiten Teilen verelendenden Gesellschaft verschärften sich, der immer mehr Bereiche obrigkeitlich-repressiv organisierende militärische Interventionsstaat geriet zunehmend an die Grenzen seiner Gestaltungskraft und verlor die Loyalität der Bevölkerung. Die Menschen begannen Entbehrungen und materielle Not zu erleiden, und in der Gesellschaft bildeten sich immer deutlicher klassengesellschaftliche Gegensätze und soziale Protestpotentiale aus, die bald auch kriegsgegnerische Ausprägungen gewannen.
Die Kriegsgesellschaft: Klassenspaltung und Verelendung, Militarisierung und sozialer Protest
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Der zeitgenössisch geprägte Begriff „Heimatfront“ macht in erster Linie deutlich, daß auch das zivile Leben in Wirtschaft und Gesellschaft zu einem integralen Bestandteil der nationalen Kriegsanstrengungen wurden. Sie durchliefen so nicht nur Prozesse der Militarisierung, sondern sie erlebten auch auf vielfältige Weise radikale Zuspitzungen von gesellschaftlichen Gegensätzen und Konflikten
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Quellentext„Hunger“-Flugblatt (Juni 1916)
Was kommen mußte, ist eingetreten: Der Hunger!
In Leipzig, in Berlin, in Charlottenburg, in Braunschweig, in Magdeburg, in Koblenz und Osnabrück, an vielen anderen Orten gibt es Krawalle der hungernden Menge vor den Läden mit Lebensmitteln. Und die Regierung des Belagerungszustandes hat auf den Hungerschrei der Massen nur die Antwort: Verschärften Belagerungszustand, Polizeisäbel und Militärpatrouillen.
Herr von Bethmann-Hollweg klagt England des Verbrechens an, den Hunger in Deutschland verschuldet zu haben, und die Kriegsdurchhalter und Regierungszuhälter schwätzen es nach. Indessen die deutsche Regierung hätte wissen müssen, daß es so kommen mußte: Der Krieg gegen Rußland, Frankreich und England mußte zur Absperrung Deutschlands führen. Es war auch stets Brauch unter den edlen Brüdern im Kriege, einander wirtschaftlichen Schaden zuzufügen, die Zufuhr von Lebensmitteln abzusperren. Der Krieg, der Völkermord ist das Verbrechen, der Aushungerungsplan nur eine Folge dieses Verbrechens.
Die bösen Feinde haben uns ‚eingekreist‘, plärren die Kriegsmacher. Warum habt ihr eine Politik gemacht, die zur Einkreisung führte? Ist die einfachste Gegenfrage. […]
Auf das Verbrechen der Anzettelung des Weltkriegs wurde ein weiteres gehäuft: die Teuerung tat nichts, um dieser Hungersnot zu begegnen. Warum geschah nichts? Weil den Regierungssippen, den Kapitalisten, Junkern, Lebensmittelwucherern der Hunger der Massen nicht wehe tut, sondern zur Bereicherung dient. Weil, wenn man von Anfang an den Kampf gegen Hunger und Not durch ernsthafte Maßnahmen aufgenommen hätte, den verblendeten Massen der furchtbare Ernst der Lage klar geworden wäre. Dann wäre aber die Kriegsbegeisterung alsbald verraucht.
Deshalb hat man die Volksmassen mit Siegestriumphgeheul betäubt und sie gleichzeitig den agrarischen und kapitalistischen Lebensmittelwucherern ausgeliefert. […]
Was soll werden?
Man kann noch ein halbes Jahr, vielleicht ein ganzes Jahr Krieg führen, indem man die Menschen langsam verhungern läßt. Dann wird aber die künftige Generation geopfert. Zu den furchtbaren Opfern an Toten und Krüppeln der Schlachtfelder kommen weitere Opfer an Kindern und Frauen, die infolge des Mangels dem Siechtum verfallen.
Aus: Deutsche Geschichte in Quellen und Darstellungen, Bd. 8, S. 415f.
Hervorgegangen aus dem säkularen Modernisierungsprozess des 19. Jahrhunderts, war die deutsche Gesellschaft vor dem Ersten Weltkrieg nicht nur von ausgeprägten ökonomisch-sozialen Klassenstrukturen geprägt, sondern sie wies auch vielfältige andere Spannungen, Widersprüche und Konflikte auf, die in der Euphorie des Kriegsbeginns, wenn überhaupt, nur kurzfristig „wie weggezaubert“ erscheinen konnten. Unter dem Druck der kriegsbedingten ökonomischen, sozialen, psychischen und politischen Belastungen traten sie nicht nur sehr schnell wieder zutage, sondern sie erfuhren auch viele neue Ausprägungen und Radikalisierungen, die schließlich zur inneren Auflösung der gesellschaftspolitischen Ordnung und, im Zusammenhang mit der militärischen Niederlage, zum revolutionären Ende des Kaiserreichs führten. Die Entwicklungen der Kriegsgesellschaft, die so angesichts er vielfältigen Umbrüche aus traditionell-konservativer Sicht als eine „verkehrte Welt“ (Martin H. Geyer) erscheinen konnte, stellten sich für die unmittelbare Not leidende städtische Arbeiterschaft zunehmend als eine nicht nur kriegsbedingte, sondern auch klassengesellschaftlich begründete Ausbeutungssituation dar, in der allen der Umsturz der bestehenden Ordnung Besserung verhieß.
Klassengesellschaft im Krieg
In klassischer sozialgeschichtlicher Perspektive hat der Historiker Jürgen Kocka die Entwicklung der deutschen „Klassengesellschaft im Krieg“ untersucht und festgestellt, dass sie sich grundsätzlich der idealtypischen marxistischen Vorstellung von einer bipolaren Klassenspaltung zwischen bürgerlichen Produktionsmittelbesitzern auf der einen, lohnabhängiger Arbeiterschaft auf der anderen Seite angenähert hat: Insbesondere die großen Rüstungskonzerne konnten enorme Kriegsgewinne erzielen und wurden im europäischen Vergleich nur spät und zögerlich mit Kriegsgewinnsteuern belegt, während die lohnarbeitende Bevölkerung eine „Knappheits-, Verelendungs- und Ausbeutungssituation“ hinnehmen musste, „wie sie seit Beginn der Industrialisierung nicht mehr existiert hatte“. Und diese klassengesellschaftlichen Gegensätze prägten sich während des Krieges ähnlich auch in den Mittelschichten deutlicher aus als zuvor, weil der selbständige Mittelstand grundsätzlich seinen Status bewahren konnte, während die Angestellten ihre Gehaltsabhängigkeit immer deutlicher wahrnahmen und sich zunehmend auch gewerkschaftlich zu organisieren begannen.
QuellentextBericht über die Entwicklung der Volksgesundheit im Ersten Weltkrieg
Die Vorträge hygienischer Sachkenner sowie die Mitteilungen von Vertretern des Reichsamtes des Innern, des Preußischen Ministeriums des Innern und des Gesundheitsamtes der Stadt Berlin enthüllen wahrhaft erschütternde Tatsachen. Das schlimmste ist, daß an maßgebenden Stellen diese Tatsachen seit langem bekannt waren, aber ihr Bekanntwerden mit allen Machtmitteln der Zensur unterdrückt worden ist.
So teilte Geheimrat Rubner u. a. mit: Die zensurierten Äußerungen der Presse ließen den Gesundheitszustand der Bevölkerung als gut erscheinen. Aber eine vertrauliche Umfrage im Dezember 1917 zeigte ein rasches Steigen der gesamten Sterblichkeit, insbesondere auch an Tuberkulose. Verzweifelt lauteten die Berichte aus Anstalten, wo nur die rationierte Ernährung gegeben wurde, Eine weitere Untersuchung scheiterte an dem Widerstand gewisser mächtiger Persönlichkeiten: Es fehlt jeder Maßstab, wie weit das Elend geht, das nicht nur die Großstädte, sondern auch Kleinstädte, und schließlich auch das Land ergriffen hat. Geheimer Medizinalrat Kraus besprach u. a. die durch Unterernährung entstehende Krankheit „Hungerödem“, die zunächst nur bei älteren und schwer arbeitenden Personen zum Tode führte, später aber auch Jugendlich und die widerstandsfähigeren Altersstufen ergriff. Geheimrat Ezernh besprach besonders die Wirkungen auf die Kinder. Bis 1916 täuschte das gute Aussehen der Kinder, aber die Kinder wurden nur dadurch ausreichend ernährt, daß die Eltern hungerten. Jetzt werden auch schon die Brustkinder in Mitleidenschaft gezogen, da die Milch der Mütter ungenügend wird.
Die Vertreter des Reichsamts des Innern und der Stadt Berlin gaben vor allem einiges statistisches Material:
Die Gesamtsterblichkeit der Zivilbevölkerung zeigte im Jahre 1917 eine Zunahme von 32 v. H., in den ersten dreiviertel Jahren 1918 von 34 v. H. gegenüber 1913. Dabei sind die Grippefälle nicht mitgerechnet. An Tuberkulose starben in Städten von mehr als 150000 Einwohnern 1913 40334 Menschen. Im ersten Halbjahr 1918 41800. An Erkrankung der Atemorgane starben 1913 46000, 1917 61000. Im ersten Halbjahr 1918 335000 Menschen, ohne die Grippefälle. Für Berlin hat sich ergeben, daß die Todesfälle an Lungen- und Halsschwindsucht sich gegenüber dem Durchschnitt der Jahre 1913 und 1916 im Jahre 1917 verdoppelt haben. Besonders groß ist die Sterblichkeit der Frauen.
Aus: Sociale Praxis, 28. Jg. 1918/19, Sp. 215f.
Zugleich aber gab es auch gegenläufige Entwicklungen zu einer bipolaren Klassenspaltung der Kriegsgesellschaft. Anders als in der Reinform bürgerlicher Klassengesellschaft zu erwarten, agierte der Staat keineswegs allein als Sachwalter bürgerlicher Interessen. Vielmehr sah er sich zur Aufrechterhaltung der Akzeptanz für die nationalen Kriegsanstrengungen veranlasst, nicht nur ordnend in das Wirtschaftsleben einzugreifen, sondern auch die Lebensgrundlagen der unteren Bevölkerungsschichten zu sichern. Dies galt zuallererst für die Lebensmittelversorgung, die mit Beschlagnahmungen, Höchstpreisverordnungen und bald auch mit einem immer umfassenderen System der staatlichen Lebensmittelrationierung zu sichern versucht wurde. Und es galt zunehmend auch für Eingriffe in die Beziehungen zwischen Kapital und Arbeit, insbesondere als Ende 1916 mit dem „Gesetz über den vaterländischen Hilfsdienst“ zwar eine Arbeitspflicht für alle Männer von 16 bis 60 Jahren eingeführt, zugleich aber mit der Einrichtung von paritätisch besetzten Kommissionen auch die Anerkennung der Gewerkschaften durch die Arbeitgeber erzwungen wurde. Alle diese Maßnahmen unterlagen allerdings den Notwendigkeiten des zunehmend totalen, auf die Mitwirkung der ganzen Gesellschaft angewiesenen Krieges. Und ihr militaristischer Charakter wurde noch dadurch bestärkt, dass die gesamte zivile Verwaltung von der Organisation der Kriegswirtschaft über die Nahrungsmittelbewirtschaftung bis zur Pressezensur den preußisch-deutschen Militärbehörden unterstellt war.
Konfliktfelder der Kriegsgesellschaft
Schnell wurde deutlich, dass die Lebensbedingungen auch im Zeichen der die ökonomische Umstellungskrise des Kriegsbeginns ablösenden Kriegskonjunktur insbesondere für die ärmeren Bevölkerungsschichten immer prekärer wurden. Zwar wurden in der Rüstungsindustrie mit ihren wachsenden Riesenbetrieben steigende Löhne bezahlt. Aber nicht nur die Arbeitsbedingungen verschlechterten sich mit der schon bei Kriegsbeginn verfügten Aufhebung wesentlicher Arbeitsschutzbestimmungen und den ‚burgfriedlich‘ agierenden Gewerkschaften, sondern die Lohnsteigerungen konnten bald nicht mehr mit der Inflationsentwicklung mithalten. Die Reallöhne fielen infolgedessen während des Krieges um durchschnittlich 35%. Vor allem aber erzwang die Lebensmittelknappheit eine stetige Reduzierung der offiziellen Lebensmittelrationen, die bei großen regionalen und sektoralen Unterschieden in der zweiten Kriegshälfte oft nur doch Bruchteile des Gewichts und der Kalorien des Vorkriegsverbrauchs, im Durchschnitt nur etwa 1/3 abdeckten. Wachsende Teile der Bevölkerung konnten ihren Bedarf so nur noch über den Schwarzmarkt abdecken, auf dem die ärmeren Bevölkerungsteile wenig zu bieten hatten, und immer mehr Menschen insbesondere in den Städten wurden von öffentlichen Armenspeisungen abhängig.
Hinzu kamen vielfältige andere Problemfelder der Kriegsgesellschaft, die teilweise quer zu klassengesellschaftlichen Strukturen lagen, diese oft aber auch verstärkten. Hier ist zuerst einmal ein sich zuspitzender Stadt-Land-Konflikt hervorzuheben. Während in den Städten die Lebensmittelversorgung immer prekärer wurde, sah die Lage auf dem Land deutlich besser aus. Stadtbewohner versuchten auf dem Land Nahrungsmittel zu bekommen und wurden hier teils zu Bitstellern, teils zu Kriminellen, während die Bauern sich Lebensmittel teuer bezahlen oder gegen Sachmittel eintauschen ließen. Der Staat reagierte mit polizeilichen Maßnahmen gegen das „Hamsterunwesen“ sowie mit rigiden Abgabequoten für die Landwirte und rief damit überall Unmut und Konflikte hervor. Obrigkeitliche Kontrolle traf zunehmen auch städtische Ladenbesitzer, deren Preisgestaltung überwacht und, bei Verstößen als Wucher bestraft und im Gegenzug als „Zwangswirtschaft“ abgelehnt wurde. Alle diese sozialen Probleme und Konflikte trafen vor allem aber die ärmeren, besitzlosen Bevölkerungsschichten und riefen schon frühzeitig im Kern klassengesellschaftliche Kriegsdeutungen hervor, wie sie in Parolen wie „gleicher Lohn und gleiches Essen, wär‘ der Krieg schon längst vergessen“ aufscheinen. Und sie traten zunehmend auch in spontanen Protesten zutage, die die Kommunen der Kriegsgesellschaft etwa mit Plünderungen von Lebensmittelgeschäften und anderen Protestformen „zu Nebenkriegsschauplätzen avancieren“ ließen (Ute Daniel).
Eine besondere Rolle spielten dabei Frauen und Jugendliche, deren Rolle in der Kriegsgesellschaft generell an Bedeutung gewann. Frauen übernahmen vielfach die bisher von Männern ausgeübten Tätigkeiten und Aufgaben, sowohl in den Familien als auch im wirtschaftlichen Leben. In anderer Weise galt dies auch für die Jugendlichen, deren spezifische Lebensphase schon vor dem Krieg eine besondere Beachtung gefunden hatte. Als junge Arbeiter konnten sie etwa in der Kriegsindustrie vergleichsweise hohe Löhne erzielen und wesentlich zur Ernährung der Familien beitragen, aber auch zu früher Selbständigkeit gelangen. In abgeschwächtem Maße betraf dies auch junge Frauen, die zwar deutlich schlechter bezahlt wurden, denen sich aber ebenfalls neue Tätigkeitsfelder und eigenständige Möglichkeiten eröffneten, neben der Industriearbeit etwa als Krankenschwestern. Die wachsende Selbständigkeit der Jugendlichen rief schon früh Kontrollbemühungen der Obrigkeit hervor. So versuchte der Staat etwa, für die männlichen Jugendlichen eine vormilitärische Ausbildungsverpflichtung einzuführen, konnte schließlich aber nur freiwillige Formen durchsetzen. Erfolgreicher war die Obrigkeit mit der Einführung eines Sparzwangs für jugendliche Beschäftigte, deren Beiträge in die Kriegsanleihe flossen. Und auch die jüngeren Kinder waren in hohem Maße vom Krieg betroffen. In den Schulen stand der Unterricht zunehmend im Zeichen der Kriegspropaganda, Kinder wurden in Sammeltätigkeiten und andere Formen der Mobilisierung eingebunden, und nicht zuletzt waren sie in hohem Maße von Verwahrlosung und Mangelernährung betroffen, was insbesondere bei Arbeiterkindern zu einer verzögerten körperlichen, vermutlich auch psychischen Entwicklung beigetragen hat.
Eine spezifische Erscheinungsform der unter Pressezensur stehenden Kriegsgesellschaft lag in der wachsenden Verbreitung von Gerüchten und, eng damit verbunden, sich zuspitzender Verdächtigungen und Sündenbockstereotypen. Schon bei Kriegsbeginn grassierten Gerüchte über Brunnenvergiftungen und andere Tätigkeiten von Spionen. Nicht zuletzt unter dem Eindruck einer wachsenden staatlichen Informationskontrolle und Propaganda waren viele Menschen schnell bereit, allen möglichen Gerüchten Glauben zu schenken und sie auch selbst weiter zu verbreiten. Damit konnte eine tendenziell aufklärerische Gegenöffentlichkeit zu propagandistischen Scheinwelten verbunden sein, doch zugleich richteten sich die Gerüchte auch gegen schon lange ausgegrenzte soziale und politische Minderheiten, die oft auch von der staatlichen Propaganda als „innere Feinde“ dargestellt wurden und so schnell die Grenzen der im Zeichen des Burgfriedens proklamierten nationalen Volksgemeinschaft deutlich werden ließen. Zum einen zielte dies auf kriegsgegnerische Gruppen insbesondere in der Sozialdemokratie, und zum anderen rückten nationale und religiöse Minderheiten. zunehmend vor allem auch die jüdische Bevölkerung in den Fokus hasserfüllter Gerüchte, sie würden sich dem Kriegsdienst entziehen und stattdessen am Krieg verdienen, „deutsche Frauen“ verführen etc. Auch der Militärstaat griff diese Gerüchte schließlich auf und verlieh ihnen so einen offiziellen Charakter, wie insbesondere in der 1916 durchgeführten „Judenzählung“ im deutschen Heer deutlich wurde, die viele deutsche Juden zutiefst erbitterte. Das Ergebnis der Untersuchung, dass jüdische Männer sogar leicht überdurchschnittlich oft Militärdienst leisteten, wurde schließlich nicht veröffentlicht.
Ein vergessener Aufstand
QuellentextBericht des Berliner Polizeipräsidenten an den Preußischen Innenminister über Unruhen vor Lebensmittelgeschäften im Oktober 1915
In den Abendstunden des 14. d. Mts. haben kleinere Zusammenrottungen vor dort befindlichen Niederlassungen der Großbutterfirma Assmann stattgefunden. Die Schaufensterscheiben des Zweiggeschäfts Evertystr. Ecke Straßmannstr, wurden eingeschlagen und die dadurch erreichbaren Lebensmittel (Butter, Eier, Käse) auf die Straße geworfen und gestohlen. Ein weiterer Angriff gegen eine andere in derselben Straße Ecke Kochhannstraße belegene Zweigniederlassung hatte nur das Ergebnis des Einschlagens der Fensterscheiben, da hier die Schutzmannschaft rechtzeitig zur Stelle sein konnte und die Versammelten auseinandertrieb. Es wurden aus diesem Anlaß im ganzen 4 Sistierungen vorgenommen. Leider haben sich diese Zusammenrottungen am gestrigen (15.) Abend in stärkerem Umfange wiederholt. Von ihr sind zunächst wieder die vorgenannten Buttergeschäfte in der Ebertystraße betroffen worden. Durch rechtzeitiges Eingreifen der Schutzmannschaft wurde jeder Angriff gegen die Geschäfte abgewehrt. Einem Schutzmann wurde durch einen der Persönlichkeit nach nicht festgestellten Arbeiter tatsächlicher Widerstand geleistet und er durch einen Faustschlag auf die Nase nicht unbedenklich verletzt. Die Unruhen dauerten von 5 Uhr nachmittags bis 11 Uhr abends. Ein weiterer Angriff gegen eine in der Proskauerstraße 24 belegene Niederlassung der gleichen Firma erfolgte um 7 ½ Uhr. Hier wurde von Kindern eine Schaufensterscheibe zertrümmert. Rechtzeitiges Eingreifen der der Schutzmannschaft war hier unmöglich, weil der zur Bewachung aufgestellte Schutzmann gerade zur Schlichtung einer Schlägerei nach der in demselben Revier belegenen Schreinerstraße 62 gerufen war und die übrigen Kräfte des Reviers teils zum Schutze des in der Schreiner- Ecke Samariterstraße belegenen weiteren Zweiggeschäftes, teils zur Unterdrückung von Ansammlungen auf Lichtenberger Gebiet vor dem Zweiggeschäft Ecke Frankfurter Allee und Niederbarnimerstraße dringend benötigt waren. Ein weiterer Angriff richtete sich gegen das Buttergeschäft von Göbel, Landsbergerstr. 54. Dieser konnte zunächst leicht zerstreut werden, da die Leiterin des Geschäfts dasselbe sofort um 6 ½ Uhr schloß. Um 8 Uhr erneuerten sich jedoch die Ansammlungen. Es wurden vereinzelt Steine nach dem Geschäft geworfen und die Schaufenster damit zertrümmert. Auch erfolgten Steinwüfe gegen die vorgehenden Aufsichtsbeamten. Ein Schutzmann wurde durch Steinwürfe hinter dem linken Ohr unerheblich verletzt, einem Schutzmann im Gedränge der Säbel entrissen, und nach dem leitenden Polizeibeamten mit einer Preßkohle geworfen, ohne ihn zu treffen. 2 Männer und 2 Frauen mußten zur Wache gebracht werden. An dieser Zusammenrottung beteiligten sich 500-600 Personen, meistens halbwüchsige Burschen. Die männlichen Teilnehmer schienen teilweise angetrunken zu sein und waren deshalb im Gegensatz zu den durch gütiges Zureden zugänglichen Frauen nur durch energischen Vorgehen von der Straße zu bringen. Um 11 ½ Uhr trat Ruhe ein.
Schließlich hat auch im Bezirk des 70. Polizeireviers im Südosten in der Reichenbergerstraße 137 um 7 ¾ Uhr ein Angriff auf das Eiergeschäft von Leo Intrators tatgefunden. Es waren 500 bis 600 Personen versammelt, denen es infolge der Plötzlichkeit des Angriffs gelang, die Schaufensterscheiben und die Vorräte im Schaufenster zu zerschlagen, ohne daß ein Einschreiten der Schutzmannschaft und Feststellung der Täter erfolgen konnte. Ein verstärkter polizeilicher Schutz hinderte dann weitere Ausschreitungen, und die Menge hatte sich um 10 Uhr verlaufen.
Die an sich in einer Großstadt wie Berlin unter dem gegenwärtigen Druck der Lebensmittelfrage nicht besonders bedenklichen Ausschreitungen trage ich deshalb so ausführlich vor, weil die Gefahr besteht, daß sie sich wiederholen und einen immer größeren Umfang annehmen werden. […]
Aus: Dokumente aus geheimen Archiven, Bd. 4, S. 90f.
QuellentextBericht des II. Armeekorps über Hamsterfahrten, Juli 1917
Ein großer Überstand, den die Nahrungsmittelknappheit hervorgerufen hat, lag in den täglichen Raubzügen aufs Land, wo mit Überredung oder auch mit Gewalt in Massen herbeigeschleppt wurde. (…) Mit Wagen und kleinen Kähnen, die nicht auf der Oder, sondern auf der Regnitz herunterkommen, werden Kartoffeln und Gemüse weggeschafft. Auf den Eisenbahnen herrschten zeitweise geradezu anarchische Zustände. Das Eisenbahnpersonal, zum größten Teil aus weiblichen Schaffnern bestehend, war vollkommen machtlos, und auch die militärische Besatzung der Bahnhöfe war den Massen gegenüber unfähig durchudringen, Zur Zeit ist es erheblich besser geworden. Das ist mehr dem eingetretenen Regenwetter und den jetzt reichlicher zufließenden Mengen von Kartoffeln und Gemüse zuzuschreiben als den getroffenen Maßnahmen, die wegen Mangel an Personal nicht durchgreifend sein konnten. Die staatliche Autorität wurde zeitweise geradezu in Frage gestellt. Aus: Kocka, Klassengesellschaft im Krieg, S. 176.
QuellentextForderungen der Berliner Arbeiterräte im Januarstreik 1918
1. Schleunige Herbeiführung des Friedens ohne Annexion, ohne Kriegsentschädigung, auf Grund des Selbstbestimmungsrechts der Völker entsprechend den Ausführungsbestimmungen, die dafür von dem russischen Volksbeauftragten in Brest-Litowsk formuliert wurden.
2. Zuziehung von Arbeitervertretern aller Länder zu den Friedensverhandlungen.
3. Ausgiebigere Nahrungsversorgung durch Erfassung der Lebensmittelbestände in den Produktionsbetrieben wie in den Handelslagern zwecks gleichmäßiger Zuführung an alle Bevölkerungskreise.
4. Der Belagerungszustand ist sofort aufzuheben. Das Vereinsrecht tritt vollständig wieder in Kraft, ebenso das Recht der freien Meinungsäußerung in der Presse und in Versammlungen. Die Schutzgesetze für Arbeiterinnen und Jugendliche sind schleunigst wieder in Kraft zu setzen. Alle Eingriffe der Militärverwaltung in die gewerkschaftliche Tätigkeit sind rückgängig zu machen und neue zu verhindern.
5. Die Militarisierung der Betriebe ist gleichfalls aufzuheben.
6. Alle wegen politischer Handlungen Verurteilte und Verhaftete sind sofort freizulassen.
7. Durchgreifende Demokratisierung der gesamten Staatseinrichtungen in Deutschland, und zwar zunächst die Einführung des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts für alle Männer und Frauen im Alter von mehr als 20 Jahren für den preußischen Landtag.
ENTSCHLIEßUNG
Da nur unbedingte Solidarität Erfolg verheißt, geloben wir, jede Maßregelung unserer Führer, Vertreter und Beauftragten mit aller Macht abzuwehren. Wir richten aber auch an die Proletarier Deutschlands wie der anderen kriegführenden Länder insgesamt die dringende Aufforderung, wie schon die Arbeitskollegen in Österreich-Ungarn erfolgreich uns vorangegangen sind, so nunmehr gleichfalls in Massenstreiks einzutreten, denn erst der gemeinsame internationale Klassenkampf schafft uns endgültig Frieden, Freiheit und Brot.
Aus: Dokumente aus geheimen Archiven, S. 246f.
Radikalisierungsprozesse
Alle diese Konfliktfelder erlebten noch einmal eine deutliche Zuspitzung, als die im Herbst 1916 neu ernannte 3. Oberste Heeresleitung unter den Generälen Paul v. Hindenburg und Erich Ludendorff mit ihrem „Hindenburgprogramm für die Erzeugung von Heeresbedarf“ den Versuch unternahm, die deutsche Gesellschaft für noch einmal dramatische ausgeweihte Kriegsanstrengungen zu mobilisieren. Gigantische Investitionen und Aufträge für die Rüstungsunternehmen wurden begleitet von der Einführung einer Arbeitspflicht für alle nicht im Militärdienst stehenden Männer, weitere Bemühungen um eine kriegswirtschaftliche Mobilisierung der Frauen und das propagandistische Programm eines „Vaterländischen Unterrichts“ zur kriegspolitischen Mobilisierung der ganzen Bevölkerung. Doch sowohl die überlastete Infrastruktur als auch die erschöpften, zunehmend an Hunger und Mangelkrankheiten leidenden Menschen waren immer weniger in der Lage und oft auch kaum noch willens, diese Initiativen umzusetzen.
Im Ergebnis führten die Dynamik der Kriegsgesellschaft und die Eingriffe des Militärstaates, die von Nationalökonomen und Kriegsideologen als „Kriegssozialismus“ oder als „deutsche Gemeinwirtschaft“ verklärt wurden, letztlich zu einer schärferen Ausprägung klassengesellschaftlicher Gegensätze und zu einem immer weiter um sich greifenden, auch klassenübergreifenden Vertrauensverlust in die Möglichkeiten des überforderten Interventionsstaates. In den wachsenden Riesenbetrieben der Rüstungswirtschaft ballte sich zugleich eine neuartige, in hohem Maße von Jugendlichen und Frauen, aber auch Zivil- und Kriegsgefangenen geprägte Arbeiterschaft zusammen, deren Bindung an die zunehmend in die Kriegsanstrengungen des Militärstaates eingebundenen Gewerkschaften nachließ. So war es kaum verwunderlich, dass im Laufe des Krieges soziale Proteste immer weiter um sich griffen und in Verbindung mit der sozialdemokratischen Antikriegsbewegung bald eine kriegsgegnerische, schließlich auch revolutionäre Tendenz gewannen.
Nach der Verhaftung von Karl Liebknecht, der auf einer Demonstration zum 1. Mai gegen den Krieg protestiert hatte, entwickelte sich 1916 in Berlin ein erster explizit politischer Streik gegen die deutsche Kriegspolitik, an dem sich immerhin etwa 60.000 Arbeiter beteiligten. In der zweiten Kriegshälfte begannen sich die nicht mehr abreißenden sozialen Proteste immer deutlicher zu politisieren und auf die betriebliche Ebene überzugreifen. Vor allem in den kriegsindustriellen Großbetrieben kam es im April 1917 und im Januar 1918 zu großen, autochthonen Streikbewegungen der Arbeiterschaft gegen die soziale Verelendung, den Krieg und die Militärmonarchie, an denen sich zuerst Hunderttausende, 1918 reichsweit sogar mehr als eine Million Arbeiter beteiligten. Eine führende Rolle spielte dabei die Gruppe der „Revolutionären Obleute“, die sich vor allem aus gewerkschaftlichen Vertrauensmännern in der Berliner Metallindustrie rekrutierte und den Massenbewegungen zunehmend eine kriegsgegnerisch-revolutionäre Qualität verleihen konnten. Auch wenn die Streiks durch die Militarisierung der Betriebe erst einmal abgebrochen werden mussten und ihre Führer teils ins Gefängnis geworfen, teils an die Front geschickt wurden, hatten insbesondere die fast alle Industriereviere in Deutschland erfassenden Januarstreiks 1918 gezeigt, wie sehr sich die Unzufriedenheit großer Teile der Arbeiterschaft in revolutionärer Weise aufgeladen hatte. Im Rückblick erwiesen sie sich als „Generalprobe für die Novemberrevolution“ (Arthur Rosenberg), in der sich nicht zuletzt die die Revolution tragende Rätebewegung konstituiert hat.
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Apl. Prof. Dr. Wolfgang Kruse, geb. 1957, ist Akademischer Oberrat und außerplanmäßiger Professor im Arbeitsbereich Neuere Deutsche und Europäische Geschichte am Historischen Institut der Fernuniversität Hagen. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Geschichte des Ersten Weltkriegs, die Geschichte der Französischen Revolution, Geschichte der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung und die Geschichte des politischen Totenkults. Von Kruse ist u.a. erschienen: Wolfgang Kruse: Der Erste Weltkrieg, Darmstadt 2009 (Geschichte Kompakt der WBG).