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Analyse: Der Islam als multifunktionaler Stabilitätsregulator des tschetschenischen Sozialgefüges – ein theoretisches Modell zur Wirkungsweise der Religion in Tschetschenien

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Analyse: Der Islam als multifunktionaler Stabilitätsregulator des tschetschenischen Sozialgefüges – ein theoretisches Modell zur Wirkungsweise der Religion in Tschetschenien

Christian Osthold

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Eine Erklärung für die wechselvollen tschetschenisch-russischen Beziehungen muss man in Tschetscheniens gewaltvoller Vergangenheit suchen. Welche Bedeutung hatte der Islam im Kampf der heute autonomen Republik gegen den russischen Zentralstaat?

Die Achmat-Kadyrow-Moschee in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny ist eine der größten Moscheen Russlands. (© picture-alliance/dpa, TASS)

Zusammenfassung

Nach dem Zerfall der UdSSR geriet Tschetschenien in den Mahlstrom eines separatistischen Konflikts. Die verheerende Kraft dieser Auseinandersetzung entsprang einem ideologischen Gemisch, dessen einmal ausgelöste Zündung die zerstörerischen Flammen der Gewalt zu einer mächtigen Feuersbrunst auflodern ließ. Auch nach zwei Kriegen, die eine Phase kumulativen Ansturms auf alle Grundsätze humanen und zivilisierten Verhaltens einläuteten, gelang es Moskau nicht, den zunehmend islamisch geprägten Widerstand der Tschetschenen zu brechen. Die daraufhin entwickelte Strategie, das eigene Primat künftig auf die Autorität eines kooptierten Regimes zu stützen, basierte auf dem wohl kalkulierten Plan, die tschetschenische Gesellschaft mittels einer tiefgreifenden Islamisierung politisch zu konsolidieren. Damit hat der Islam nicht nur eine stabilisierende Wirkung auf das Sozialgefüge entfaltet, sondern eine Funktion ausgeübt, die er in Tschetschenien seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert innehat.

Die Genese eines Konflikts

Es bedarf keiner Hervorhebung, die Bedeutung zu akzentuieren, die militärischer Gewalt für die Genese der wechselvollen tschetschenisch-russischen Beziehungen zukommt. Stattdessen soll im Folgenden eine Vorstellung davon vermittelt werden, wie es den Tschetschenen im Laufe von 250 Jahren mithilfe des Islam gelang, jene Eruptionen ihres Sozialgefüges zu absorbieren, die sich aus der Expansion des russischen Zentralstaates sowie dessen Festigung ergaben. Als die zarische Armee in Tschetschenien 1757 eine umfangreiche Operation begann, hatte der Festungskommandant von Kizljar kurz zuvor folgende Nachricht erhalten: "Die Tschetschenen haben sich offensichtlich aus dem Schutze ihrer kaiserlichen Hoheit verabschiedet […] Darüber hinaus unternehmen sie fast täglich Angriffe gegen die Siedlungen der Greben-Kosaken, stiften fortwährend Unruhe und trachten nach Mord, Sklaverei und Raub." Bei diesen Zeilen handelt es sich weniger um die abschreckende Rhetorik eines zarischen Offiziers, als vielmehr um eines der frühesten Zeugnisse eines heraufdämmernden Konflikts, dessen Kontinuität bis in die Gegenwart reicht. Obwohl das russische Militär eigentlich nur eine regional begrenzte Revolte niederschlagen sollte, markiert seine Intervention einen Scheidepunkt in der Geschichte Tschetscheniens.

Anstatt eine Bereinigung der Lage herbeizuführen, setzte der Feldzug eine Spirale ausufernder Gewalt in Gang, die während der folgenden zwanzig Jahre kontinuierlich akzelerierte und 1785 in eine gewaltige Insurrektion mündete. Dass diese erstmals im Rekurs auf den Islam erfolgte, nämlich als Dschihad zur Vertreibung der Ungläubigen, bestärkte die zarischen Entscheidungsträger in ihrem Urteil, die tiefreichende Manifestation des religiösen Fanatismus eines Volkes zu erleben, dessen präzedenzlose Gepflogenheiten der Gesetzlosigkeit und der Barbarei jedwede Koexistenz unmöglich machten. Dieser höchst arrogante, an der Wirklichkeit vorbeiziehende Befund war dafür verantwortlich, dass man das Verhalten der Tschetschenen nun in einen religiösen Referenzrahmen setzte und fortan sämtliche Formen von Intransigenz als Beleg für den antirussischen Charakter ihres Islam deutete. Diese Prämisse ging nicht nur fehl, sondern erwies sich zudem als unverrückbar. Daran vermochte auch die Erkenntnis nichts zu ändern, dass der 1791 gefasste Urheber des Aufstands – ein unter dem Namen Imam Mansur bekannter Tschetschene – kein Gelehrter war. Stattdessen erwies sich der Spiritus Rector des ersten tschetschenischen Dschihad als gewöhnlicher Schäfer, der weder den Koran lesen noch dessen Inhalte deuten konnte, und deswegen von den islamischen Autoritäten Dagestans hämisch verspottet wurde.

Die Tatsache, dass die tschetschenische Gesellschaft im ausgehenden 18. Jahrhundert keine originäre Schriftlichkeit kannte und über keine islamische Infrastruktur verfügte, deutet mit einiger Gewissheit darauf hin, dass in Wirklichkeit nicht islamischer Fanatismus, sondern die sozioökonomischen Folgen des russischen Besatzungsregimes als das entscheidende Movens für den Aufstand von 1785 zu gelten haben. Nicht Religion bestimmte die Politik, sondern Politik die Religion. Diese Feststellung qualifiziert das Wirkungsniveau des Islam als lediglich superfiziell. Dabei beschränkte sich seine Präsenz vor allem auf jene Ebene, auf der er das traditionelle Brauchtum, die ʿādāt, sanft überlagerte. In den Berggebieten, wohin in jenen Tagen noch kein russischer Soldat vorgedrungen war, hingen die Klans sogar noch immer überwiegend dem Animismus an. Dass man auf russischer Seite dennoch zu der Überzeugung gelangte, der Islam der Tschetschenen zeichne sich durch eine stark ausgeprägte antirussische Komponente aus, beruhte auf dem Umstand, dass die islamische Welt nicht allein nur in Europa, sondern auch im orthodoxen Russland als rückständig und wild galt. In dieser Optik musste es plausibel erscheinen, das als zügellos empfundene Überfallwesen, das die Tschetschenen fest in ihre Kultur integriert hatten, sowie ihre vermeintliche Gesetzlosigkeit als unumstößlichen Beleg für ausufernden religiösen Eifer zu deuten.

Die sozial-unifizierende Funktion des Islam

Bis heute ist nicht abschließend geklärt, ob Imam Mansur auf seiner religiösen Mission eigenständig handelte oder ob er womöglich nach dem Drehbuch von Hintermännern agierte. Wohl aber lässt sich feststellen, dass die von ihm betriebene Instrumentalisierung des Islam, nämlich als Werkzeug zur Konstruktion eines Konnexes von Politik und Religion, weitrechende Folgen hatte. Zum ersten Mal überhaupt war es den Tschetschenen gelungen, die tribalen Grenzen ihrer zutiefst fragmentierten Gesellschaft zu überwinden und die vorhandene Widerstandskraft gegen Russland zu bündeln. Damit trat der Islam als Regulator in Erscheinung, der die Integrität des tschetschenischen Sozialgefüges im Kampf gegen den Zentralstaat zu garantieren hatte. Im Laufe der Zeit adoptierte er dabei diverse sozial wirksame Funktionen. Diese lassen sich jeweils konkreten historischen Phasen zuordnen und beschränkten sich 1785 zunächst auf eine sozial-unifizierende Funktion, die eine Konsolidierung der Klans gewährleistete. Von zentraler Bedeutung ist in diesem Zusammenhang die Feststellung, dass der Islam einmal erworbene Funktionen nicht wieder verlor, sondern dauerhaft beibehielt.

Ungeachtet der Rolle, die der Islam für die Revolte von 1785 gespielt hatte, konnte er aufgrund seiner oberflächlichen Verbreitung zunächst keine nachhaltige Wirkung auf die politische Entwicklung Tschetscheniens ausüben. Dies änderte sich erst mit der Inthronisierung Alexanders I. im Jahre 1801. In der festen Überzeugung, Tschetschenien sei das Epizentrum antirussischen Widerstands im Nordkaukasus, ließ der junge Zar das Besatzungsregime massiv verschärfen. Auf der Suche nach einem Mittel, den militärischen Widerstand gegen die zarische Besatzung zu korroborieren, stellte der prominente Aufstandsführer Bebulat fest, dass sich der Islam am besten dazu eignete, die Schlagkraft der Klans zu bündeln. Da er selbst weder als gläubiger Muslim galt noch eine religiöse Ausbildung vorweisen konnte, suchte Bebulat nun die Nähe zu den wenigen islamischen Autoritäten, die es damals in Tschetschenien gab. Mithilfe des aus Dagestan stammenden Muhammad al-Quduqli, der als Mullah in Tschetschenien wirkte, gelang es Bebulat schließlich, die Klanführer hinters Licht zu führen, indem er die Ankunft eines neuen Imams inszenierte. Die Tatsache, dass es sich bei diesem um einen Hochstapler handelte, illustriert das Faktum, dass Bebulat die Religion als Machtinstrument verstand, welches er ohne alle Bedenken für die Realisierung seiner Pläne einzusetzen bereit war. Gleichzeitig wird an der Reaktion der Klanführer deutlich, die sich nun mit beflissener Willfährigkeit dem Dschihad Bebulats anschlossen, dass die Islamisierung der Tschetschenen mittlerweile weit genug vorangeschritten war, um den militanten Widerstand in der ideologischen Basis des muslimischen Glaubens zu fundieren.

Die ideologiestiftende Funktion des Islam

Unter diesen Vorzeichen erfolgte auch die Unterstützung Imam Schamils, der als Dagestaner schlechterdings große Probleme damit hatte, in Tschetschenien als Anführer akzeptiert zu werden. Bevor Schamil zum Imam der Tschetschenen aufstieg, war deren eigener als Dschihad geführter Kampf unter Bebulat und dessen Nachfolger Tašu Haži nämlich bereits zweimal gescheitert. Da es den Tschetschenen in der Folge nicht gelang, eine alternative Strategie gegen die zarische Kolonialpolitik zu entwickeln, ließ man sich 1840 ein drittes Mal darauf ein, unter dem Banner des Islam zu kämpfen, das diesmal von dem in Dagestan ansässigen Sufi-Orden Naqšbandīja-Ḥalīdiīja geführt wurde. Nicht der Glaube an dessen Lehre war für diese Entscheidung verantwortlich, sondern die Hoffnung, mit Schamil den geeigneten Anführer gefunden zu haben. Folglich eröffnete die Übernahme von Schamils Konzept des Dschihad 1840 den einzig gangbaren Ausweg, um nicht unter dem Kolonisationsdruck des Zarenreichs zu kollabieren. Die Instituierung des Imamstaats sowie die damit initiierte Überlagerung ihres noch immer zersplitterten Sozialgefüges durch staatliche Strukturen hatten zur Folge, dass es den Tschetschenen tatsächlich gelang, die russische Expansion aufzuhalten. Aus all dem folgt eindeutig, dass die dadurch induzierte Stabilisierung des Sozialgefüges funktionierte, weil der Islam neben seiner sozial-unifizierenden nun auch eine ideologiestiftende Funktion aggregiert hatte: Damit war das Leitmotiv des antikolonialen Widerstands geboren.

Obschon Schamil 1840 in Tschetschenien ein theokratisches Staatswesen errichtet und in dessen Einflusssphäre konsequent die Scharia durchgesetzt hatte, kehrten die Tschetschenen 1859 nach dessen Kollaps in bestimmten Bereichen zu den ʿādāt zurück. Nichtsdestoweniger erwies sich die Wirkungskraft islamischer Einflüsse in der Gesellschaft als irreversibel. So nimmt nicht wunder, dass in den 1860er Jahren mit der Qādirīya ein neuer Sufi-Orden in Tschetschenien Verbreitung fand. Im Gegensatz zu den Anhängern Schamils lehnte die Qādirīya, an deren Spitze ein Tschetschene namens Kiši Khant Kunt Haž stand, den bewaffneten Kampf gegen das Zarenreich kategorisch ab. Dieser rief dazu auf, den Kontakt mit Nichtmuslimen auf ein Minimum zu beschränken und sich ausschließlich der Pflege der Religion zu widmen. Wie sich infolge der Niederlage im Kaukasus-Krieg (1817–1864) zeigte, war das Konzept des Dschihad nicht mehr dazu fähig, die Kohäsion des tschetschenischen Sozialgefüges zu gewährleisten. Folglich wandten sich die Tschetschenen nun der pazifistischen Agenda der Qādirīya zu. Obwohl darin ein tiefer Bruch mit der exterminatorischen Lehre der Naqšbandīja zu sehen ist, entfaltete die neue Ideologie doch dieselbe Wirkung: Die Einstellung der Feindseligkeiten bewahrte die tschetschenische Gesellschaft vor der summarischen Annihilation und hatte eine nachhaltige Stabilisierung des Sozialgefüges zur Folge.

Die Relevanz des Islam als sozial wirksamer Stabilitätsregulator blieb auch im 20. Jahrhundert bestehen. Während des Bürgerkrieges konstituierten die Tschetschenen 1919 gemeinsam mit den Muslimen Dagestans ein Emirat. In diesem islamischen Staat manifestierten sich nun jene Funktionen, die der Islam bis dahin aggregiert hatte: seine sozial-unifizierende und seine ideologiestiftende. Nach dem Sieg über die Freiwilligenarmee General Denikins wurde allerdings erkennbar, dass die politischen Differenzen zwischen den Bolschewiki und den Muslimen unüberwindbar waren. Daher wandten sich die Sowjets schon 1920 gegen ihren früheren Bündnispartner und machten die Unterwerfung des Nordkaukasus zu ihrem Projekt. Das Faktum, dass die Tschetschenen 1920 dem Aufruf ihres aus Dagestan stammenden Imams zum Dschihad folgten, illustriert die Gültigkeit des Prinzips, dass der Islam bereits als ideologische Basis für die Bewältigung politischer Konflikte fungieren konnte. Daran änderte sich auch dann nichts, als die dagestanischen Scheiche 1923 ihren Kampf unter dem Druck der Sowjets kollektiv einstellten und die Tschetschenen allein zurückblieben.

Die national-distinktive Funktion des Islam

Der Schlüssel zu einer tieferen kausalen Durchdringung des Verhältnisses, das die Sowjets zu den Tschetschenen unterhielten, liegt in der Erkenntnis, dass die Bolschewiki den Tschetschenen niemals die Fähigkeit zutrauten, sich in die sozialistische Gesellschaft zu integrieren, sondern sie stereotyp als innere Bedrohung betrachteten. In der Überzeugung, dass fanatische Scheiche, nicht aber die Inkompatibilität der eigenen Vorstellungen mit der traditionellen Lebensweise der autochthonen Bevölkerung für das Scheitern der Kollektivierung in Tschetschenien verantwortlich seien, wollte die Zentralregierung ihre Feinde nun endgültig austilgen. Daher verheerte die 1937 landesweit entfesselte Welle staatlich organisierten Terrors Tschetschenien besonders stark, richtete sie sich hier doch nicht nur gegen die islamische Geistlichkeit, sondern auch gegen andere reaktionäre Kreise. Ubiquitäre Furcht vor konterrevolutionären Kräften führte dazu, dass die politischen Repressionen besonders häufig unbescholtene Personengruppen betrafen und 1944 in den schicksalsschwersten Augenblick der Geschichte Tschetscheniens mündeten – die Deportation nach Zentralasien. In der Verbannung, deren prekäre Lebensbedingungen die Bevölkerungszahl der Tschetschenen um fast 30 Prozent reduzieren sollte, drohte ihrer in Stücke gerissenen Nation nicht weniger als der Verlust des kulturellen Erbes.

Das Ausbleiben dieser Katastrophe hatte zwei Gründe. Zum einen wählten die Tschetschenen eine Überlebensstrategie, die gleichermaßen in einer konsequenten Isolation gegenüber der Außenwelt wie in einer starken Fokussierung auf die beiden zentralen Pfeiler ihrer Kultur bestand – die Scharia und die ʿādāt. Im Zuge der Stabilisierung der Lebensbedingungen profilierte sich die islamische Geistlichkeit immer klarer als regulative Instanz mit einem zentripetalen Kräftefeld, das bis zum Ende der Verbannungsperiode die Kohäsion des Sozialgefüges sicherte. Damit kam der Bildungsprozess des Nationalbewusstseins der Tschetschenen in der Verbannung zum Abschluss. Auf diese Weise konnte sich der Islam – unter den Bedingungen kollektiver Traumatisierung und existenzieller Bedrohung sowie im Zuge von deren Überwindung – zu einem konstitutiven Merkmal der nationalen Identität der Tschetschenen evolvieren und damit eine weitere Funktion adoptieren: eine national-distinktive. Vor der Deportation hatten sich die Tschetschenen primär über ihre Sprache, ihre Abstammung und ihr Brauchtum definiert. Nach ihrer 1957 erfolgten Rückkehr hingegen war das religiöse Bekenntnis bereits untrennbar mit dem Bewusstsein nationaler Zugehörigkeit verbunden. Tschetschene zu sein, schließt seither zwingend auch den Glauben an den Koran als integrales Distinktionsmerkmal ein. Im Analogieschluss ist ein Austritt aus dem Islam gleichbedeutend mit einem Ausscheiden aus der nationalen Gemeinschaft.

Der Islam als multifunktionaler Stabilitätsregulator des tschetschenischen Sozialgefüges

Im Kontext der postsowjetischen Tschetschenienkriege wurden die bereits aggregierten Funktionen des Islam schließlich synchron wirksam. Abermals bewirkte der Rekurs auf die Religion eine Stärkung der sozialen Binnenkohäsion und verlieh dem Kampf gegen Moskau zudem ein wirkmächtiges Leitmotiv, das den separatistischen Ursprung des Konflikts rasch in den Hintergrund treten ließ. Die nationale Demarkation gegenüber Russland indes gewann durch die Islamisierung des militärischen Widerstands immer schärfere Konturen. So nimmt nicht wunder, dass auch die Autorität des Kadyrov-Regimes auf der Wirkungskraft einer spezifischen islamischen Ideologie beruht, die als Gegenentwurf zu den Lehren der Wahhābīya konzipiert ist und die Gesellschaft gegen den Einfluss erstarkender fundamentalistischer Kräfte stabilisieren soll. Wie die holistische Remodellierung des historischen Entwicklungsprozesses demonstriert hat, kann der Islam in Tschetschenien als multifunktionaler Stabilitätsregulator verstanden werden, der die Integrität des Sozialgefüges im Kampf gegen den Zentralstaat gewährleistete. Dass er dabei im Laufe der Zeit diverse Funktionen aggregieren musste, die er nach einmal erfolgtem Erwerb nicht mehr einbüßte, hinterlässt den Eindruck stupender Plastizität und demonstriert, dass die Architektur jener Mechanik, welche die Wirkungsweise des Islam auf die Gesellschaft der Tschetschenen konfiguriert, als weitaus komplexer begriffen werden muss, als man auf russischer Seite und zum Teil auch innerhalb des bisherigen Forschungsdiskurses angenommen hatte.

Lesetipps

  • Osthold, Christian: Politik und Islam in Nordkaukasien. Das Verhältnis von Islam und Widerstand am Beispiel von Tschetschenen und Inguschen (1757–1961). In Drucklegung.

  • Osthold, Christian: Islam in Tschetschenien: Das Verhältnis von Religion und Widerstand gegen Russland. Externer Link: Russland-Analysen. Nr. 316. 20.05.2016.

  • Osthold, Christian: Islamismus in Tschetschenien. Die Rolle des Islamismus für den tschetschenischen Separatismus. Göttingen: Optimus. 2011.

  • Sidorko, Clemens: Dschihad im Kaukasus. Antikolonialer Widerstand der Dagestaner und Tschetschenen gegen das Zarenreich (19. Jahrhundert bis 1859). Wiesbaden: Reichert 2007.

  • Gammer, Moshe: The Lone Wolf and the Bear. Three Centuries of Chechen Defiance of Russian Rule. London: Hurst 2006.

  • Zelkina, Anna: In Quest for God and Freedom. The Sufi Response to the Russian Advance in the North Caucasus. London: Hurst & Co. 2000.

Fussnoten

Christian Osthold ist Historiker und hat sich auf die Geschichte Tschetscheniens spezialisiert. 2012 veröffentlichte er eine Monographie über die Rolle des Islamismus für den tschetschenischen Separatismus der postsowjetischen Periode. Im Herbst 2015 kehrte Osthold von einer mehrmonatigen Forschungsreise aus Tschetschenien zurück, die ihn auch in die Berggebiete des Landes führte. Im Juli 2017 wurde er am Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte der Universität Göttingen mit einer Arbeit über das Verhältnis von tschetschenischem Islam und Widerstand gegen Russland (1757–1961) promoviert. Seine Dissertation wurde mit dem Prädikat summa cum laude ausgezeichnet.