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Kommentar: Dreißig Jahre Transformation des russischen Hochschulwesens

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Kommentar: Dreißig Jahre Transformation des russischen Hochschulwesens

Anna Smolentseva

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Das Bildungswesen in der Sowjetunion war Teil der Wirtschaft. Heute schließen 40 Prozent der RussInnen einen Hochschulabschluss ab - ein Wert, der keinen internationalen Vergleich scheuen muss

Studierende halten ihre Diplome während einer Abschlussfeier an der staatlichen medizinischen Universität in Rjasan. (© picture-alliance/dpa, TASS | Alexander Ryumin)

Das gegenwärtige russische Hochschulwesen ist historisch in der Sowjetzeit verwurzelt, unter anderem in den spätsowjetischen Versuchen einer Wiederbelebung der sozialistischen Gesellschaft und Wirtschaft durch eine Liberalisierung und die Einführung marktwirtschaftlicher Mechanismen. Hinzu kommt die postsowjetische Negierung der sowjetischen Vergangenheit und eine wenig kohärente Kombination aus neuen marktwirtschaftlichen Regeln und fortgesetzter staatlicher Regulierung.

Das russische Hochschulwesen hat von der Sowjetunion eine solide Grundlage für eine potenzielle Weiterentwicklung übernommen. In dem weiten Land gab es eine große Zahl Universitäten und Hochschulen, wissenschaftliches Personal, einen Anteil von Studierenden, der seinerzeit mit dem in den USA und in Westeuropa vergleichbar war, und ein nach internationalen Maßstäben geringes Maß an Ungleichheit. In postsowjetischer Zeit wurde das Hochschulwesen dann weiterhin zentral kontrolliert und reguliert. Das Hochschulsystem wurde ausgebaut und der Anteil der Studierenden ist gestiegen (40 Prozent der 24- bis 35-jährigen absolvieren jetzt eine Hochschule, kurze Studiengänge nicht mitgerechnet). Die Regierung verfolgt die Politik, auf Wettbewerbsbasis eine Gruppe starker Einrichtungen zu fördern, eine Stratifizierung des Systems herzustellen und die Bildungsmöglichkeiten und -ergebnisse in geringerem Maße anzugleichen.

Das spätsowjetische Erbe

Die Versuche zur Transformation der Sowjetunion in ihrer Spätphase und die neoliberale anglo-amerikanische Globalisierung fanden zeitgleich in den 1980er Jahren statt. Während die sowjetische Wirtschaft einen Niedergang erlebte, durchlief die westliche Welt eine Phase wirtschaftlicher Stagnation, nachdem in den 1970er Jahren das wohlfahrtsstaatliche Paradigma seine Dominanz verloren hatte. Die Antwort hierauf wurde in einer Einführung von marktwirtschaftlichen Elementen in sämtlichen Bereichen sowie in einer Verringerung der Staatsausgaben und der staatlichen Regulierung gesehen. Diese Ansätze haben sich global verbreitet und sind zu beliebten politischen Instrumenten geworden.

Die sowjetische Regierung, für die Bildung einen Bestandteil der Wirtschaft darstellte, war nicht in der Lage, eine ausreichende Finanzierung des Bildungswesens zu gewährleisten. Sie versuchte einerseits die eigenen Lasten zu reduzieren und andererseits das System durch wirtschaftliche Freiheiten und marktwirtschaftliche Anreize zu stimulieren. Mit der Perestroika erfolgten bei der staatlichen Finanzierung des Hochschulwesens wichtige Veränderungen. Es wurde nämlich die Vorstellung entwickelt, dass Bildung eine Dienstleistung (russ.: usluga) ist. Zudem erfolgte eine "Diversifizierung" der Finanzierungsquellen und der Abschied von einer rein staatlichen Förderung, eine private Finanzierung des Hochschulwesens sowie eine Stimulierung nichtstaatlicher Förderung.

Es gab darüber hinaus die Hoffnung, dass eine wirtschaftliche und politische Liberalisierung dazu beitragen würde, dass die Rigidität, die oft militärische Ausrichtung und der berufsorientierte Charakter des sowjetischen Bildungswesens überwunden werden könnten. Das sollte dazu beitragen, moderne, dynamische und kreative Bildungseinrichtungen zu schaffen. Die Ziele des Hochschulwesens wurden nun humanistisch gesehen: Höhere Bildung sollte die Entwicklung der Persönlichkeit fördern und den Menschen aufblühen lassen. Die Hochschulen – befreit von sowjetischer Ideologie und mit mehr Autonomie vom Staat versehen – sollten eine große Bandbreite an Studienbereichen und eine flexible Bildungslaufbahn anbieten.

Kommerzialisierung und Finanzierung

Nach dem Zerfall der Sowjetunion bekräftigte das neue russische Bildungsgesetz von 1992 das Streben nach einer Diversifizierung der staatlichen Finanzierung, die Schaffung eines neuen nichtstaatlichen Bildungssektors und das Nebeneinander eines staatlich finanzierten und eines eigenfinanzierten Bildungsbereichs. Letzterer sah einen gebührenbasierten Strang vor (russ.: wnebjudshetnyj, kontraktnyj prijom), der den gebührenfreien Bereich (russ.: bjudshetnyj prijom) im öffentlichen Hochschulwesen ergänzen sollte. Seitdem ist das private Hochschulwesen in Russland nie umfangreich gewesen, während im dominierenden öffentlichen Bildungswesen gleichzeitig eine Kommerzialisierung der Hochschulbildung erfolgte, weswegen rund die Hälfte der russischen Studierenden nun Studiengebühren zahlt. Im Vergleich mit vielen anderen Ländern stellt dieses zweigleisige Studiengebührensystem ein sonderbares Modell dar. Es ist allein in den 15 Nachfolgestaaten der UdSSR und in einigen (wenn auch nicht allen) postsozialistischen Ländern Mittel- und Osteuropas eingeführt worden. Im Unterschied zu anderen Finanzierungsmodellen, bei denen entweder jede(r) einzelne Studierende Gebühren zahlen muss (Niederlande, Großbritannien, USA), oder aber niemand (Deutschland, Finnland), ist es beim zweigleisigen Gebührensystem nicht der Fall, dass für sämtliche Studierenden die gleichen Regeln gelten. Es gibt in Russland zwei Kategorien Studierender, die aufgrund akademischer Leistungen in standardisierten landesweiten Tests bestimmt werden. Sobald sie immatrikuliert sind, studieren beide Kategorien zusammen. Allerdings sind diese unterschiedlichen Aufnahmebedingungen mit zwei unterschiedlichen Kombinationen von Zielen, Motivlagen und Anreizen verbunden, und zwar für die Studierenden ("Wo studiere ich, und wie bereite ich mich vor?"), wie auch für die Hochschulen (Welche Studierenden sollen aufgenommen werden, und auf welche Weise soll das erfolgen?) und für den Staat (Was ist wie zu finanzieren?). Diese Unterteilung besteht innerhalb jeder Hochschule.

Das zweigleisige System transportiert einen doppelten Standard sozialer Wertschätzung (Geld und Leistung), wobei das Geld entscheidend ist. Für Studierende, die es nicht auf das gebührenfreie Gleis schaffen, macht das System im Hochschulwesen ganz offen das Gewicht des Geldes zur Norm, nicht aber die akademischen Leistungen. Jene, die einen Zugang zu gebührenfreier Bildung und den Top-Hochschulen erlangen, entstammen im Allgemeinen den wohlhabenderen Bevölkerungsgruppen, die sich exklusive Oberschulen und private Tutoren leisten können. Somit werden potenzielle akademische Leistungen durch sozioökonomische Ungleichheiten determiniert. Im Unterschied zum vergleichsweise egalitären sowjetischen System fördern nun sämtliche Stränge des postsowjetischen Hochschulwesens Ungleichheit.

Dieses Selektions- und Finanzierungssystem hatte enorme Auswirkungen auf die Entwicklung der Hochschulbildung und führte sowohl zu einer Breitenorientierung wie auch zu einem Ausbau des Systems, zu einer institutionellen Stratifizierung und zu sozialen Ungleichheiten. Der Umstand, dass das System nicht in Frage gestellt wird, zeigt, dass es repräsentativ für die russische Gesellschaft ist: Es reproduziert eine kulturelle Trennlinie zwischen den sowjetischen Vorstellungen von höherer Bildung als einem gemeinschaftlichen Gut und dem Streben nach einer Gleichstellung einerseits, sowie den postsowjetischen Vorstellungen von höherer Bildung als privatem Gut, als Entscheidung von Konsumenten und einer normalisierten Ungleichheit andererseits.

Berufsorientiertheit

Das russische Hochschulwesen ist immer utilitaristisch gewesen: Es wurde vom Staat errichtet, um den Zwecken des Staates zu dienen. Das sowjetische System hat diese Ausrichtung verstärkt: Die Hochschulen waren Teil des Wirtschaftskreislaufs und sollten für die Volkswirtschaft Arbeitskräfte in hochspezialisierten Berufen ausbilden.

Seit den 1990er Jahren haben die Logiken des Marktes die Ausrichtung der Hochschulbildung auf die Bedürfnisse der Volkswirtschaft verstärkt. Der Fokus liegt auf dem Arbeitsmarkt und den Arbeitgebern. Es geht weniger darum, die Freiheiten im Sinne der individuellen und gesellschaftlichen Entwicklung auszuweiten. Wegen mangelnder staatlicher Finanzierung haben die Hochschulen gebührenpflichtige Studienplätze in beliebten praxisorientierten Fächern wie Betriebs- und Volkswirtschaftslehre geschaffen. Dem sowjetischen Plansystem und dem postsowjetischen "Markt"-System scheint eine merkwürdige Kontinuität eigen zu sein: Höhere Bildung ist immer noch ein Instrument zur Ausbildung für ganz bestimmte Berufe. Während eine sich wandelnde Welt Flexibilität sowie weitgefächerte Kenntnisse und Fähigkeiten erfordert, war und ist in diesen beiden Systemen für die Förderung der menschlichen Potenziale und Fähigkeiten recht wenig Platz.

Fazit

Das Hochschulwesen ist nur in der kurzen Phase der Perestroika als eine Triebkraft für Veränderungen betrachtet worden, als eine Institution, die zur Entwicklung des menschlichen Potentials beitragen und den "moralischen Fortschritt der Gesellschaft" befördern kann. Dieser humanistische Wandel ist für die postsowjetische Entwicklung des Hochschulwesens – einer gesellschaftlichen Institution, die auf geistiger Autonomie und Freiheit beruhen sollte – wohl der wichtigste Aspekt gewesen. Einige in den 1990er Jahren gegründete neue und erfolgreiche Universitäten sowie einige anderweitige Errungenschaften waren der Beleg, dass im neuen Russland eine weltweit anerkannte Hochschulbildung möglich ist. Und es zeigte, dass es für neue Generationen von Russen und Russinnen möglich sein sollte, in einer neuen geistigen Umgebung zu studieren und zum Aufbau des Landes beizutragen – frei von den sowjetischen ideologischen, politischen und wirtschaftlichen Fesseln. Diese positiven Beispiele sind aber nicht zum Regelfall geworden. Die gegenwärtige Spirale der Stagnation und einer rückwärtsgewandten Politik bedeutet jedoch, dass eine weitere Generation von Talenten und noch mehr Zeit vergeudet wird.

Übersetzung aus dem Englischen: Hartmut Schröder

Bibliografie

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Fussnoten

Weitere Inhalte

Anna Smolentseva ist Senior Researcher an der Higher School of Economics Moskau. Sie ist Soziologin und befasst sich mit Fragen der höheren Bildung mit dem Schwerpunkt auf der Rolle der höheren Bildung in der Gesellschaft, ihrer Breitenorientierung [massification], Bildungsungleichheit und Transformation des Hochschulwesens in postsozialistischen Ländern. Sie war jüngst u. a. Mitherausgeberin von: Cantwell, B.; S. Marginson, A. Smolentseva: High participation systems of higher education, Oxford University Press 2018; Huisman, J.; A. Smolentseva, I. Froumin: 25 Years of Transformations of Higher Education Systems in Post-Soviet Countries: Reform and Continuity, Basingstoke: Palgrave Macmillan 2018; Eggins, H.; A. Smolentseva, H. de Wit: Higher Education in the Next Decade: Challenges and Prospects.