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Kommentar: Die Jugend und die Generationen im postsowjetischen Russland: 30 Jahre nach dem Zusammenbruch

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Kommentar: Die Jugend und die Generationen im postsowjetischen Russland: 30 Jahre nach dem Zusammenbruch

Charlie Walker

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Die russische Jugend birgt Potenziale und Gefahren für die Machthaber. Für Putin gibt es daher nur akzeptables oder inakzeptables Verhalten seitens der jungen Generation.

Während einer Kundgebung der russischen Opposition in Moskau zeigt eine Jugendliche das Victory-Zeichen gegenüber einem Polizisten. (© picture-alliance/dpa, Sputnik | Pavel Bednyakov)

In jeder Gesellschaft scheint der Schlüssel zur Zukunft der Nation in der Hand der aktuell jungen Generation zu liegen, die daher eine enorme symbolische Bedeutung trägt. Die Jugend wird als Indikator für die wirtschaftlichen Geschicke eines Landes, für die Veränderungen in der Beschäftigungsstruktur, die Entwicklung der politischen Werte, für einen kulturellen Wandel in Bezug auf Sitten, Familienleben, Sexualmoral, Änderungen in der Klassenstruktur und anderem betrachtet. Diese Bürde der Repräsentation ist insbesondere in der UdSSR schwer gewesen, als die jungen Menschen als "Erbauer des Kommunismus" hingestellt wurden, als privilegierte soziale Schicht, die an der Frontlinie des sozialen Wandels steht, als kollektiver Akteur für die geschichtsmächtige Transformation der Sowjetunion. Dass die kommunistische Zukunft in den Händen der Jugend lag, rechtfertigte aus Sicht der sowjetischen Regierung ein "striktes" Modell der Jugendintegration. Dabei wurde eine ganze Reihe Institutionen und staatlicher Vorkehrungen geschaffen, die den reibungslosen Eintritt junger Menschen in die Welt der Erwachsenen gewährleisten sollten, angefangen vom auf die Schulen gestützten System der moralischen Erziehung (wospitanije) bis hin zum Komsomol und dem Zuteilungssystem (raspredelenije), bei dem den Hochschulabsolventen Anstellungen zugewiesen wurden. Als diese verschiedenen Instrumente zur Eingliederung der Jugend Ende der 1980er Jahre allmählich verschwanden, galt das allerdings auch für den Diskurs, der die historische Mission der Jugend pries: Die Jugend wurden nun als Abbild einer kollabierenden Gesellschaft gesehen und im Allgemeinen als "verlorene Generation" hingestellt. In der frühen postsowjetischen Ära wurden bei der Darstellung der Jugend in den Medien und in der Wissenschaft die verschiedenen Dimensionen des Systemkollapses in einen vermeintlichen "Verlust der Werte" bei jungen Menschen übersetzt. Sie seien dem freien Spiel der Marktkräfte in einer nicht steuerbaren Gesellschaft überlassen worden und wurden als materialistisch, apolitisch und ohne moralischen Kompass beschrieben.

Spätere Arbeiten über junge Russ:innen zeichnen ein weniger dramatisches Portrait. Journalist:innen, Blogger:innen und Sozialwissenschaftler:innen haben versucht, die jungen Menschen in den international verständlichen sozio-psychologischen Konstruktionen der Generationen X, Y und Z zu fassen. Angehörige der Generation X, zwischen 1964 und 1984 geboren, haben den Krieg in Afghanistan und die Perestroika erlebt. Und es wird angenommen, dass sie die Transformation widerspiegeln, die um sie herum erfolgte, und kosmopolitische Haltungen entwickelt haben, die sich von dem ideellen Patriotismus früherer sowjetischer Generationen abheben. Generation Y, die jene umfasst, die zwischen der Mitte der 1980er Jahre und der Mitte der 2000er Jahre geboren wurden, gilt als Produkt der turbulenten 1990er Jahre, was diese Variante der Millennials unabhängiger, selbstbewusster und aktiver als frühere Generationen machte. Generation Z schließlich besteht aus den 32,8 Millionen jungen Menschen, die seit 2005 geboren wurden und deren Hauptmerkmal ihre enge Verbindung zu Technologien ist. Als Digital Natives sehen Angehörige der "Zoomer-Generation" sich selbst offenbar als Teil einer globalen Gesellschaft und können sich die Welt nicht ohne Internet und die Kommunikationsmöglichkeiten dort vorstellen. Gleichzeitig ist diese Generation – wie ihre Altersgenossen im Westen – allgemeineren Ängsten hinsichtlich der sozialen Reproduktion ausgesetzt, dass sie etwa als "Gadget-Generation" zu sehr durch Technologien absorbiert ist, um zwischenmenschliche Fähigkeiten zu entwickeln.

Während die gegenwärtige Generation junger Russ:innen sich somit ihren westlichen Altersgenoss:innen angleicht, erinnert die Art, in der junge Menschen in Russland in den letzten Jahren als soziale Akteure positioniert und vom Staat behandelt wurden, stark an den Paternalismus und Konservatismus der sowjetischen Vergangenheit. In Wladimir Putins erster Amtszeit als Präsident ließen die Versuche, den bürgerschaftlichen Raum durch die Gründung von regierungstreuen Jugendorganisationen wie Naschi zu manipulieren, den Wunsch Putins erkennen, den sowjetischen Einsatz der Jugend als massenpolitischer Ballast zur Unterstützung des Staates wiederzubeleben. In jüngster Zeit hat Putin eine klare Botschaft an die jungen Menschen gesandt, die in der politischen Opposition aktiv sind: Es gibt für junge Leute akzeptables und inakzeptables Verhalten. Das Gerichtsverfahren gegen Jegor Shukow, Putins Bemerkungen über die Naivität der jungen Anhänger von Alexej Nawalnyj und auch seine Kommentare über internationale Akteure wie Greta Thunberg sind klare Signale, dass junge Menschen seiner Ansicht nach apolitisch sein sollten. Und wer es nicht ist, ist von verantwortungslosen Erwachsenen manipuliert und in die Irre geführt geworden. Ganz wie seinerzeit in der Sowjetära, als die Schuld für jugendliche Fehltritte meist bei äußeren Feinden gesucht wurde (gewöhnlich war es der "schädliche Einfluss des Westens"), werden junge Menschen jetzt durch eine paternalistische Herangehensweise eingeengt. Das soll für maximale gesellschaftliche Stabilität sorgen und das zerstörerische Potenzial minimieren, das sie in sich tragen könnten. Gleichzeitig eröffnet es dem Staat die Möglichkeit, im Namen des Schutzes junger Bürger:innen normative Haltungen und Verhalten vorzuschreiben. Es bleibt abzuwarten, ob die nach außen orientierte "Zoomer-Generation" sich mit dieser Rolle abfinden wird – in einer Zeit, die sich zu einer Ära nach innen gewandter politischer Stagnation entwickelt hat.

Übersetzung aus dem Englischen: Hartmut Schröder

Lesetipps

  • Walker, C; S. Stephenson (Hg.): Youth and Social Change in Eastern Europe and the former Soviet Union, London: Routledge 2012.

  • Hemment, J.: Nashi, Youth Voluntarism, and Potemkin NGOs: Making Sense of Civil Society in Post-Soviet Russia, in: Slavic Review, 71.2012, Nr. 2, S. 234–260.

  • Petrov, N. P.: How Putin Tries to Depoliticize Russia’s Youth, 2019; Externer Link: https://www.chathamhouse.org/.

  • Pilkington, H.: Russia’s Youth and its Culture: A Nation’s Constructors and Constructed, London: Routledge 1994.

Fussnoten

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Charlie Walker ist Associate Professor für Soziologie an der Universität Southampton.