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Analyse: Narrative russischer staatlicher Medien über Corona-Impfstoffe im Westen | Russland-Analysen | bpb.de

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Analyse: Narrative russischer staatlicher Medien über Corona-Impfstoffe im Westen Russland-Analysen Nr. 418

Daria Zakharova Daria Zakharova (Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen)

/ 10 Minuten zu lesen

Durch die Auswertung von Formulierungen der größten (TV-)Medien Russlands lassen sich die Narrative erkennen, mit denen das Regime die eigenen Impfstoffe lobt und die westlichen Konkurrenten diffamiert.

Eine Dosis des russischen Impfstoffs Sputnik gegen COVID-19. (© picture-alliance/dpa, TASS | Danil Aikin)

Zusammenfassung

Der Beitrag analysiert die Berichterstattung in russischen Medien über die Corona-Impfungen im Westen. Neben allgemeinen Merkmalen der Berichterstattung über die Impfkampagnen im Westen werden auch die wichtigsten Narrative untersucht, die dabei in russischen regierungsfreundlichen Medien eingesetzt werden.

Einführung

Nach Ausbruch der weltweiten Corona-Pandemie hatte Russland im Großen und Ganzen eine Politik der Leugnung und des Kleinredens der Risiken verfolgt. Die staatlichen Medien versuchten der Bevölkerung weiszumachen, dass das Coronavirus "nicht schlimmer als eine gewöhnliche Grippe" sei, und dass es keinen Grund gibt, Angst zu haben.

Als jedoch die Todeszahlen durch das Coronavirus in Russland Rekordwerte erreichten und der Präsident im Land einen Lockdown verhängte, rückten die Medien allmählich von der Taktik der Leugnung ab. Im Mai 2020 wurde die Entwicklung des russischen Impfstoffs Sputnik V verkündet, und im August 2020 erklärte der russische Gesundheitsminister, dass der Impfstoff registriert wurde. Gleichzeitig tauften die staatlichen Medien Sputnik V als "weltweit ersten registrierten Impfstoff gegen das Coronavirus". Neben der intensiven Propagierung von Sputnik V in Russland und der Welt gehörten allerdings bald auch negative Narrative über konkurrierende westliche Impfstoffe zum Standard der russischen Propaganda.

In diesem Beitrag wird eine Inhaltsanalyse vier großer staatlicher Medien unternommen, die die größte Reichweite haben, und zwar aus dem Fernsehbereich (Erster Kanal, Russland 2, Russland 24) wie aus dem Bereich der Printmedien (RIA Novosti). Das Material wurde anhand von Schlüsselworten zusammengestellt, die in Verbindung mit den Impfkampagnen in der EU und den USA, mit westlichen Präparaten wie denen von Biontech/Pfizer oder Moderna stehen. Die Analyse wurde auf drei Konnotationsebenen durchgeführt: positiv, neutral oder negativ in Bezug auf die entsprechenden Themen.

Schlechter Biontech/Pfizer, guter Sputnik

Das wichtigste Narrativ, das die Zeilen der staatlichen Medien durchzieht, lautete: Der Impfstoff Sputnik ist besser als die analogen westlichen Impfstoffe. Weil es bis zur Externer Link: Veröffentlichung der Testergebnisse von Sputnik in der Zeitschrift "The Lancet" im Februar 2021 praktisch keinerlei Belege für die Wirksamkeit des Impfstoffs gab, versteifte man sich darauf, die Konkurrenz schlecht zu machen. Eine Analyse von drei russischen Medien im Bereich Fernsehen ergab, dass Anfang 2021 (zu Beginn der Impfkampagne in Europa) die Schlagzeilen zum Stichwort "Biontech/Pfizer" überwiegend (zu über 90 Prozent) negativ waren. Der Akzent wurde auf das Argument gelegt, dass es nach der Impfung eine erhöhte Sterberate gebe. Die Schlagzeilen in den staatlichen Medien lauteten u. a.: "In der Schweiz starben 55 Menschen nach einer Impfung gegen Covid-19", "In Norwegen starben 23 Personen nach einer Corona-Impfung", "In Litauen starben acht Menschen nach einer Impfung gegen Covid-19".

Der landesweit sendende Kanal NTW brachte Ende 2020 die Reportage "Allergie, Lähmung, Schmerzen: Mit der Impfung mit Pfizer begannen die Probleme". Der Korrespondent malte dort in üppigen Farben Fälle in den USA, bei denen es nach einer Impfung mit Biontech/Pfizeraus zu einer Lähmung des Gesichtsnervs kam, und verglich das mit einem Schlaganfall. "Der Zustand erinnert an einen Schlaganfall, wobei der Patient hilflos zusehen muss, wie eine Gesichtshälfte hängt und die Muskeln schlaff sind". Darüber hinaus erzählte der Autor von 6 Todesfällen durch eine Impfung mit Biontech/Pfizer während der Testphase. "In den USA wurden Daten veröffentlicht, denen zufolge während der Erprobung des Impfstoffs von Pfizer sechs Personen starben. Ein Freiwilliger starb drei Tage nach der Verimpfung der ersten Dosis des Präparats, ein zweiter erlitt 60 Tage nach der Zweitimpfung einen Herzstillstand. Nach drei weiteren Tagen wurde sein Tod festgestellt. Doch die Impfkampagne, auf die man so sehr gewartet hatte, ist nicht mehr aufzuhalten", erklärte der Korrespondent von NTW.

Demgegenüber heißt es in einem wissenschaftlichen Beitrag, der in der Zeitschrift "The Lancet" Externer Link: veröffentlicht wurde, dass eine Lähmung des Gesichtsnervs nicht markant charakteristisch für Nebenwirkungen des Impfstoffs von Biontech/Pfizer seien (2 Fälle pro 100.000) und nur vorübergehend auftreten. Und das US-amerikanische Bundesamt für Lebens- und Arzneimittel (FDA) Externer Link: veröffentlichte einen Bericht darüber, dass vier der sechs bei der Erprobung des Impfstoffs von Biontech/Pfizer verstorbenen Freiwilligen ein Placebo erhalten hatten.

Also besteht das Wesensmerkmal der Propaganda hier darin, dass auf tatsächliche Geschichten verwiesen wird, jedoch Tatsachen verschwiegen und zum Teil verzerrt werden, und der Sinn des Ganzen völlig neu gestrickt wird. Dadurch entsteht beim Publikum dieser russischen Medien eine klare Verbindung von Ursache und Wirkung: Impfung mit Biontech/Pfizer = Tod, Lähmung und Schlaganfall.

Die Europäer sind mit westlichen Impfstoffen unzufrieden

Die Dimensionen der russischen Desinformation in Bezug auf westliche Impfstoffe werden durch persönliche Erklärung des Staatsoberhauptes verstärkt. "Bürger europäischer Länder, lassen sich hier bei uns mit Sputnik impfen, und kaufen sich dort eine Bescheinigung, dass sie mit Pfizer geimpft sind. Na, weil…, ja, im Ernst. Das sagen eben Ärzte aus europäischen Ländern. Das ist so. Nun, sie meinen, dass Sputnik doch zuverlässiger und sicherer ist". So lautete ein Statement des russischen Präsidenten Wladimir Putin Ende Oktober 2021 auf dem Diskussionsforum "Waldai".

Diese Rhetorik zieht sich auch durch die regimefreundlichen Medien. Nahezu sämtliche landesweiten Fernsehkanäle brachten Beiträge über einen "Impftourismus" von Europäern und Amerikanern nach Russland. Die Geschichte geht so: Westliche Touristen, die mit der Impfung im eigenen Land unzufrieden sind, machen sich nach Russland auf, um eine Dosis Sputnik zu ergattern. Die Touristen klagen, dass "in Europa ein Impfstoff nur schwer zu bekommen ist", und auch über eine "geringe Wirksamkeit westlicher Impfstoffe."

NTW veröffentlichte einen Beitrag unter dem Titel "Europäer buchen "Impfreisen" nach Russland für eine Immunisierung durch Sputnik V". Den Worten der Journalisten zufolge "haben die Ärzte keinen ernstzunehmenden Fall von Nebenwirkungen festgestellt, im Unterschied zu vergleichbaren westlichen Präparaten". In einem anderen Beitrag des staatlichen Fernsehsenders "Rossija 2" erklärt Diether Dehm, ein deutscher Politiker der Linken, dass Sputnik ein besser erprobter Impfstoff sei, und er sich deshalb mit ihm habe impfen lassen. "Diese Impfstoffe [mRNA-Impfstoffe wie die von Biontach/Pfizer oder Moderna – Anm. des Autors] sind noch nicht ausreichend getestet, weil man solche Präparate noch nie hergestellt hat. Ich vertraue der besser erprobten, schon seit Jahren bewährten Vektor-Methode. Und unter den Vektor-Impfstoffen ist Sputnik eindeutig der beste, der wirksamste gegen neue Virenstämme", erklärte Dehm bei einem Interview in Moskau.

Diether Dehm ist übrigens nicht zufällig ins Blickfeld der russischen regierungsfreundlichen Medien geraten. Der Kreml hat einen bestimmten Pool zuverlässiger europäischer Politiker an der Hand, gewöhnlich mit linken oder rechten Ansichten. Diese Politiker könnten womöglich in Russland bekannter sein als im eigenen Land, da die Beiträge der russischen Propaganda regelmäßig deren "Expertenmeinung" präsentieren. Und sie schimpfen auf den Westen und unterstützen die Politik Putin, zum Beispiel die Annexion der Krim.

Europäische Politiker gegen Biontech/Pfizer

Die Unmenge an Beiträgen der russischen Propaganda erzeugt die Illusion, dass viele europäische und westliche Politiker in Opposition zu den massenhaft verabreichten Impfstoffen von Biontach/Pfizer und Moderna stehen. So erschien in einer regimetreuen Zeitung ein Artikel unter der Überschrift: "Deutscher Politiker vergleicht die Impfstoffe von AstraZeneca und Biontech mit Zyklon B". Im Weiteren wird eine Analogie zwischen den Maßnahmen der Nationalsozialisten in den 1930er und 1940er Jahren und den aktuellen Coronamaßnahmen der deutschen Bundesregierung konstruiert. Bei näherem Hinsehen entpuppt sich dieser Politiker als ein Vertreter der ultrarechten "Alternative für Deutschland" Namens Stefan Bauer. Darüber hinaus wird in dem Artikel verschwiegen, dass sogar die AfD solche Erklärungen unangemessen fand und Bauer aus der Partei ausgeschlossen hat. Die Protagonisten der Berichte regierungsfreundlicher russischer Medien äußern zudem ihren Unmut darüber, dass der russische Impfstoff Sputnik V in Europa nicht verfügbar ist. Ein Beispiel: "Ein Abgeordneter des Bundestages erklärte, dass Sputnik V aus politischen und wirtschaftlichen Gründen nicht in der EU registriert wurde." In dem Artikel schimpft der Politiker auf die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA), wirft ihr Voreingenommenheit vor, und dass sie Sputnik aus politischen Gründen nicht anerkennt. "Die EMA schützt den Markt, damit die großen westlichen Pharmaunternehmen ihre Präparate ohne Konkurrenz verkaufen können", erklärt ein deutscher Politiker der russischen Nachrichtenagentur RIA Nowosti. Dieser Politiker, Petr Bystron, ist ebenfalls Mitglied der AfD und tritt regelmäßig in Beiträgen der russischen Propaganda in Erscheinung.

Ähnlich sieht es mit Politikern aus anderen Ländern aus, die oft in den Zeilen und Bildern der russischen Propaganda auftauchen. "Italienischer Politiker ließ sich in Russland gegen Covid impfen, weil er es leid war, zuhause auf der Warteliste zu stehen", schrieb RIA Nowosti. In dem Artikel klagt dieser über das langsame Impftempo in seiner Heimat und lobt Sputnik. Der Politiker heißt Alessandro Ravaglioli und kommt von der rechten Partei Lega Nord.

Der Impfstoff Sputnik hat gewisse hohe Bewertungen durch medizinische und politische Kreise erhalten und durchläuft immer noch das Zertifizierungsverfahren der EMA. Die Propaganda bezieht sich allerdings regelmäßig auf marginale rechtsradikale Politiker, weil diese sich aggressiver und entschlossener äußern. Die Rhetorik dieser Politiker, die an Populismus grenzt, ähnelt stark der Rhetorik vieler russischer Bürokraten, weswegen sie bei der Propaganda sehr beliebt sind. In ihrem Kern sucht die Propaganda selektiv extreme Positionen westlicher Politiker zusammen und stellt sie dann als Mainstream und Experten hin. Die Glaubwürdigkeit soll auch dadurch erhöht werden, dass diese "Experten", Fälle, Meinungen und Fakten von außen kommen und nicht aus Russland stammen.

Massendemonstrationen gegen das Impfen

Einer der Akzente, den die russischen staatlichen Medien bei der Berichterstattung über die Corona-Impfungen im Westen setzen, liegt auf der "massenhaften Unzufriedenheit mit dem Impfen" bei der Bevölkerung dort. Knapp mehr als jeder zweite Beitrag der regierungsfreundlichen Medien (52 %) betont insbesondere die Brutalität der Polizei und die friedlichen Absichten der Demonstranten. Beispielsweise erzählte ein Journalist des landesweit empfangbaren Fernsehkanals "Rossija 24", dass "die Polizei hart vorgeht: hilflose Leute werden zu Boden geworfen und getreten. Zum Einsatz kommen Dosen mit Pfefferspray". Ein anderer Beitrag von "Rossija 24" trägt die Überschrift: "Wütende Franzosen mit Gummiknüppeln geschlagen und mit Gas malträtiert".

Zweifellos gibt es in Europa und in den USA eine gewisse Anzahl Impfgegner, die öfter auf Demonstrationen gehen. Über diese Veranstaltungen wird auch in westlichen Medien berichtet. Die russische Propaganda tendiert jedoch dazu, die Menge der Unzufriedenen zu betonen und zu übertreiben. In Wirklichkeit ist die Anzahl nicht so groß. So gaben bei einer Umfrage im Auftrag der Europäischen Kommission im Mai 2021 nur 9 Prozent der Befragten an, dass sie sich nicht impfen lassen wollen.

Auslandssender: Impfen ist in Russland nützlich, in Europa aber schädlich

In der russischen Gesellschaft spiegelte sich im Sommer 2021 die Ablehnung westlicher Impfstoffe auch auf dem innerrussischen Markt wider. Aufgrund der aggressiven staatlichen Propaganda begann die Bevölkerung in Russland, sowohl westliche wie auch russische Impfstoffe negativ wahrzunehmen. Daher weist Russland im Vergleich zu westlichen Ländern ein recht geringes Impftempo auf (mit Stand vom Februar 2022 waren in Russland 48 % der Bevölkerung vollständig geimpft, in Deutschland waren es 73 % und in den USA 64 %). Daraufhin nahm die Propaganda, die zuvor noch europäische und amerikanische Impfstoffe verdammt hatte, nun eine neutralere Haltung ein, und die Bevölkerung wurde zu einer Impfung gedrängt.

Das galt jedoch keineswegs für die staatlichen russischen Auslandssender, also russische Medien, die im Ausland senden. So ist der Fernsehsender RT Deutsch (seit 2020: RT DE) eine der beliebtesten Informationsquellen der deutschen Impfgegner. RT DE wurde im Herbst 2021 sogar wegen der Verbreitung falscher Informationen von der Plattform "YouTube" verbannt. Der Sender interviewt eine große Anzahl Verschwörungstheoretiker, die mit Schulmedizin nichts zu tun haben. So hatte RT DE im September 2021 ein Interview mit dem US-amerikanischen Unternehmer Steven Kirsch veröffentlicht, das die Überschrift trug: "Führender US-Corona-Forscher: "Pfizer-Impfstoff tötet mehr Menschen, als er rettet" " In dem Beitrag wird Kirsch als "führender Corona-Forscher" bezeichnet, obwohl er keine Verbindung zur Medizin oder der Epidemiologie hat. Im Mai 2021veröffentlichte RT DE einen Beitrag über Dimitris Gianakopulos, einen griechischen Unternehmer aus dem Pharmabereich, der erklärt, dass er sich nicht mit mRNA-Präparaten impfen lassen will, weil "der Impfstoff die DNA verändert". Eine ähnliche Rhetorik setzt auch das englischsprachige RT ein. So erzählt der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Jeffrey Tucker, dass die Maskenbestimmungen "ein Kastensystem erzeugt, das die Menschen in "reine" und "unreine" unterteilt".

Schlussfolgerungen

Die überwiegende Mehrheit der Beiträge in russischen staatlichen Medien über Impfkampagnen im Westen haben eine negative Konnotation. Die Übertreibung der negativen Folgen einer Impfung mit Präparaten von BionTech/Pfizer und Moderna sowie die Überzeichnung der angeblich massenhaften Unzufriedenheit sind dabei die wichtigsten Narrative der russischen regierungsfreundlichen Medien.

Die russische Medienpolitik hinsichtlich der Berichterstattung über westliche Impfstoffe entspricht der allgemeinen staatlichen Linie des Kreml, Russlands herausragende Stellung in der Welt und die Unzulänglichkeiten des Westens hervorzuheben. Ausgangspunkt dieser Politik war 2014 der militärische Konflikt in der Ukraine und die Annexion der Krim durch Russland. Seinerzeit hatte die internationale Gemeinschaft und insbesondere die Europäische Union das Vorgehen Russland scharf verurteilt sowie wirtschaftliche und politische Sanktionen gegen Moskau verhängt. Die Rhetorik des Kreml wiederum ist seither aggressiver und antiwestlicher geworden. Die regimefreundlichen Medien transportierten diese Rhetorik und versuchten der Bevölkerung klarzumachen, dass die europäischen Werte und die Politik Europas verlogen seien, während Russland aufrichtig handele.

Dieses Modell wurde auch bei der Berichterstattung über die Impfkampagnen in den Ländern des Westens angelegt. Aus Gewohnheit sprachen die kremltreuen Medien von hohen Todeszahlen in der EU und den USA nach einer Corona-Impfung, einer massenhaften Unzufriedenheit der Bevölkerung und einem gescheiterten Kampf gegen Covid-19. Dem "schlechten Westen" wurde stets das "gute Russland" gegenübergestellt: In der EU mangele es an Impfstoffen, während sie in Russland in Hülle und Fülle vorhanden seien. In Deutschland gebe es Proteste, während es in Russland friedlich sei. An Biontech/Pfizer würden Menschen sterben, an Sputnik V nicht. Eine weitere mögliche Ursache für diese Rhetorik der staatlichen Propaganda ist in der Vorliebe Putins für geopolitische Siege aller Art zu suchen. Ihm und der Bevölkerungsmehrheit ist es wichtig zu zeigen, dass Russland in der Welt das Kommando führt und der entwickelten westlichen Welt an allen Fronten überlegen ist.

Diese Propaganda hat jedoch bislang weder zu einem hohen Impftempo in Russland noch zu einer Anerkennung des russischen Impfstoffs in den Ländern des Westens geführt. Aufgrund der ständigen Verbreitung negativer Informationen über westliche Impfstoffe schrecken die Menschen nun vor jedweden Impfstoffen zurück.

Gegenwärtig berichten die regimetreuen russischen Medien über die Impfkampagnen im Westen in einem neutraleren Ton, während die Auslandssender die frühere negative Rhetorik beibehalten. In diesem Kontrast spiegeln sich die Prioritäten der russischen Regierung wider: Die eigenen Bürger:innen sollen zu einer Impfung gedrängt und die Corona-Epidemie soll eingedämmt werden. Gleichzeitig werden Desinformationen gestreut und impfskeptische Haltungen in den westlichen Gesellschaften gefördert.

Übersetzung aus dem Russischen: Hartmut Schröder

Fussnoten

Weitere Inhalte

Daria Zakharova ist derzeit als Bundeskanzler-Stipendiatin der Alexander von Humboldt Stiftung im Bereich Medienforschung an der Forschungsstelle Osteuropa (FSO) in Bremen tätig. Sie hat einen BA in Journalismus der Russischen Universität der Völkerfreundschaft (RUDN) und einen Master of Public Policy der Willy Brandt School of Public Policy der Universität Erfurt. Zu ihren Forschungsinteressen gehören die russisch-deutschen Beziehungen, europäische Governance und die EU-Osterweiterung.