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Analyse: Zwischen Katastrophe und harter Bruchlandung | Russland-Analysen | bpb.de

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Analyse: Zwischen Katastrophe und harter Bruchlandung Russland-Analysen Nr. 418

Andrei Yakovlev Andrei Yakovlev (Moskau)

/ 8 Minuten zu lesen

Als Folge der westlichen Sanktionen erwarten Expert:innen ein massives Einbrechen des russischen BIP und eine Inflation von bis zu 25 %. Andrei Yakovlev hält selbst diese Prognosen für zu optimistisch.

Das Gebäude der Zentralbank von Russland in Moskau. (© picture-alliance/dpa, Smertin Pavel)

Zusammenfassung

Ausgehend von makroökonomischen Daten erwarten die meisten Analysten, die Russlands wirtschaftliche Entwicklung nach der Einführung der neuen umfangreichen Sanktionen prognostizieren, ein Einbrechen des BIP zwischen 10 – 12 Prozent, eine Inflation von 20 – 25 Prozent und ein Anstieg der Arbeitslosenrate von 4,4 bis 7 oder 8 Prozent zum Ende dieses Jahres. Dieser Beitrag argumentiert, dass in einer Situation eines heftigen wirtschaftlichen Schocks mikroökonomische Daten und ein Vergleich mit ähnlichen Fällen einen besseren Wegweiser für zukünftige Entwicklungen bieten. Beides deutet auf ein viel stärkeres Abfallen der wirtschaftlichen Aktivität als aktuell allgemeinhin vorhergesagt wird.

Einführung

Die meisten Experten, unter anderem Vertreter europäischer Banken, erwarten in ihren Stellungnahmen zu den Entwicklungsaussichten der russischen Wirtschaft angesichts der neuen weitreichenden internationalen Sanktionen, die wegen des Einmarsches in die Ukraine verhängt wurden, einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 10 – 12 Prozent, eine Inflationsrate von 20 – 25 Prozent und einen Anstieg der Arbeitslosigkeit von 4,4 auf 7 oder 8 Prozent bis zum Ende dieses Jahres. Es ist offensichtlich, dass diese Einschätzungen sich auf makroökonomische Daten zum Zustand der russischen Wirtschaft vor der Verhängung der Sanktionen stützen und in vielem von dem Umstand ausgehen, dass die Wirtschaft Russlands relativ glimpflich durch die jüngsten Krisen gekommen ist, nämlich 2014/15 nach der ersten Welle internationaler Sanktionen wie auch 2020/21 angesichts der Corona-Pandemie.

Herausforderungen wirtschaftlicher Prognosen

Das Besondere dieser makroökonomischen Einschätzung, besonders im Falle von tiefen wirtschaftlichen Schocks, besteht darin, dass sie möglicherweise die Relevanz der Trends vor den Krisen überhöhen und zu wenig die Veränderungen berücksichtigen, die es auf der Mikroebene bei den Erwartungen und Strategien der Wirtschaftsakteure gegeben hat. Ein markantes Beispiel hierfür ist der wirtschaftliche Einbruch und die Abwertung des Rubels 1998, nach denen keiner der Makroökonomen ein schnelles Verschwinden der Barterwirtschaft, eine allgemeine Gesundung der Wirtschaft oder ein vehementes Wirtschaftswachstum prognostizierte. Dass die jährlichen Zuwachsraten des BIP 7 – 8 Prozent betragen und das Land sein BIP innerhalb von zehn Jahren verdoppeln könnte, wurde erstmals im Oktober 1999 verkündet, nämlich in dem bekanntenMcKinsey -Bericht "Russlands Wirtschaft: Wachstum ist möglich". Diese Schlussfolgerung stützte sich auf eine Fallstudie in 10 großen Branchen der russischen Wirtschaft (von der Schwarzmetallindustrie und der Zementwirtschaft bis zum Einzelhandel und dem IT-Sektor). Dabei wurden die Faktoren für eine Produktivitätssteigerung und die Unternehmensstrategien analysiert, also mikroökonomische Daten.

Die gegenwärtige Lage der russischen Wirtschaft weist hierzu Ähnlichkeiten auf, allerdings mit umgekehrten Vorzeichen. Wie mir ein bekannter Unternehmer in einem persönlichen Gespräch mitteilte, waren in seinem Unternehmen, das Elektrogeräte herstellt, Ende Februar, Anfang März alle Kapazitäten mehr als üblich ausgelastet, da die Kunden auf Vorrat kaufen. Dabei sei auch klar, dass die Nachfrage anschließend zurückgehen würde. Die Prognosen für die Zukunft wird man allerdings erst dann stellen können, wenn "sich der Staub des Zusammenbruchs dessen gelegt hat, was jetzt zusammenbricht".

Gleichwohl ist es sinnvoll, sich bei einem Prognoseversuch Klarheit nicht nur darüber zu verschaffen, wie sich die aktuelle Situation von den oben erwähnten jüngsten Krisen unterscheidet, sondern auch Vergleiche zum Iran herzustellen, der seine Wirtschaft trotz langjähriger harter internationaler Sanktionen hat bewahren können. Und zur Sowjetunion, deren Wirtschaftsmodell von Anfang an auf eine Isolierung vom Rest der Welt ausgerichtet war.

Vergleiche

Die jähe Unterbrechung der Lieferketten (aufgrund des Produktionsstopps bei vielen ausländischen Unternehmen und der wegen der Sanktionen ausbleibenden Importe von Bauteilen und Zubehör), der Wertverlust des Rubel und dessen eingeschränkte Konvertibilität sowie der Umstand, dass das Finanzministerium und die Zentralbank den Zugang zur Hälfte der in Gold vorhandenen Währungsreserven verloren haben, bedeuten eine Analogie zum Transformationsschock von 1991/92 beim Übergang der sowjetischen Planwirtschaft zu einer Marktwirtschaft. Allerdings bestehen hier beträchtliche Unterschiede. Ungeachtet der weiterhin bestehenden beträchtlichen staatlichen Einmischung ist die russische Wirtschaft zu einer Marktwirtschaft geworden. Daher können sich die Wirtschaftsakteure mit größerer Gewissheit an neue Bedingungen anpassen. Auch bleibt der Staatsapparat im Großen und Ganzen handlungsfähig, im Unterschied zu dem Apparat, der 1991/92 praktisch kollabierte.

In diesem Sinne könnte die aktuelle Situation in Russland eher mit der des Iran vergleichbar sein, wo es vor der Verhängung der ersten Sanktionen ebenfalls eine Marktwirtschaft gab, und wo die Regierung insgesamt in der Lage blieb, die wirtschaftlichen Prozesse zu steuern (insbesondere in den 2010er Jahren, als die Beziehungen zu den USA und der EU am konfrontativsten waren). Ein wichtiger Unterschied zum Iran besteht allerdings in der erheblich stärkeren Einbindung Russlands in die globalen Märkte. Seit den 2000er Jahren erfolgte die Modernisierung vieler Wirtschaftsbranchen in Russland unter Einsatz ausländischer Technologien und importierter Ausrüstung. Diese Prozesse vollzogen sich in Zusammenarbeit mit ausländischen Investoren, die an einem Zugang zum russischen Markt interessiert waren. Mit ihrer Hilfe wurden russische Firmen in globale Wertschöpfungsketten einbezogen. Die Folge war eine Produktivitätssteigerung in den russischen Unternehmen und ein beträchtlicher Anstieg der Produktqualität. Gleichzeitig blieben diese modernisierten Unternehmen jedoch vom Import von Bauteilen und Zubehör sowie der technischen Wartung der Anlagen abhängig (wenn bei der Produktion einheimische Rohstoffe und Materialien verwendet werden). Die markantesten Beispiele dieser Abhängigkeit sind der Flugzeug- und Automobilbau, die von sämtlichen Experten als die am stärksten betroffenen Branchen genannt werden. Wichtig ist jedoch, dass in Bezug auf die Anlagen diese Aussage auch auf die Bereiche Metallurgie, Chemie, Ölverarbeitung und sogar die Landwirtschaft zutrifft (hinsichtlich des importierten Saatguts).

Die Wirtschaft des Iran sah sich bereits in den 1980er Jahren, ganz zu Beginn der jetzigen Globalisierungswelle Sanktionen gegenüber (und somit der Notwendigkeit, ein autonomes Wirtschaftsmodell zu errichten). Seinerzeit waren die meisten Volkswirtschaften noch relativ autonom, so dass es für den Iran leichter war, eine "Widerstandswirtschaft" aufzubauen. Dabei war und ist die iranische Wirtschaft sehr viel einfacher strukturiert als die russische. Im Grunde hat der Iran auf die Vorteile der Globalisierung verzichtet und konnte dadurch seine wirtschaftliche Unabhängigkeit wahren. Der Preis hierfür bestand in einer Stagnation und einer ausbleibenden Weiterentwicklung der Wirtschaft: Das iranische BIP erreichte erst 2017 wieder das Niveau von 1979.

Russland ist deshalb in einer besonderen Lage, weil es schon beim Beginn der Reformen der 1990er Jahre in einem hohen Maße in die globalen Märkte integriert war, und sich diese Integration in den 2000er noch verstärkte. In den vergangenen zehn Jahren (insbesondere seit 2014) hat die russische Regierung intensiv die Importsubstituierung vorangetrieben. Aufgrund der Globalisierungsprozesse der 1990er und 2000er Jahre besteht jedoch objektiv eine wechselseitige Abhängigkeit der Volkswirtschaften. Es gibt heute kein Land, das an den globalen Wertschöpfungsketten beteiligt ist, das in der Lage wäre, die Produktion aller notwendigen Waren aus eigener Kraft zu bewältigen, ohne dass sich das Produktionsvolumen und das Sortiment radikal verringert (selbst die USA und China nicht). Das ist das Problem, vor dem Russland in den nächsten Monaten stehen wird. Wobei die Dimensionen dieses Problems durch das Phänomen der "privaten Sanktionen" beeinflusst werden, da viele Firmen ihre Verträge mit russischen Kunden aufkündigen, und zwar nicht aufgrund der von den nationalen Regierungen verhängten Sanktionen, sondern aus eigener Initiative.

Ausblick

Da es hier um Tausende Firmen aus verschiedenen Ländern handelt, sind die Folgen dieser "privaten Sanktionen" gegenwärtig nur sehr schwer abzuschätzen. Aus Gesprächen mit Unternehmern geht jedoch hervor, dass in vielen Unternehmen der Maschinenbaubranche die Vorräte an Bauteilen und Zubehör nur noch reichen, die Produktion für anderthalb bis zwei Monate aufrechtzuerhalten. Danach würden die Unternehmen stillstehen – mit unausweichlichen Auswirkungen auf ihre Zulieferbetriebe und Kooperationspartner. Eine Lösungsvariante für dieses Problem (die in den Unternehmen bereits diskutiert wird) ist die Herstellung von Modellen, die zu Sowjetzeiten entwickelt und vor 10–15 Jahren aus der Produktion genommen wurden. Würde dies in der Praxis umgesetzt, bedeutete es, dass nach einem unausweichlichen Rückgang (der mit dem Produktionseinbruch 1992/93 zu vergleichen wäre) eine Anpassung auf Kosten einer erheblichen Reduzierung der Produktpalette (besonders bei technisch komplexen Produkten) und einer verringerten Qualität der verbleibenden Modelle erfolgt.

Ein weiterer Faktor, der die Ausmaße des Einbruchs vergrößern könnte, besteht darin, dass die russische Regierung wohl nicht auf die Verhängung so umfangreicher Sanktionen vorbereitet war, und insbesondere nicht auf die "privaten Sanktionen" durch Tausende Zulieferer. Allem Anschein nach ist die Regierung von den Erfahrungen von 2014 ausgegangen und hat ein mehr oder weniger vergleichbares Vorgehen der USA und der EU erwartet. Das war seinerzeit zwar schmerzhaft, hatte aber nicht zu einer radikalen Unterbrechung der Lieferketten geführt. Die für die Branchen zuständigen Behörden haben nicht bis ins Letzte die tatsächlichen Dimensionen der vom Importstopp verursachten Verluste verstanden (und wollten das übergeordneten Stellen gegenüber auch nicht eingestehen). Und sie gingen bei der Entwicklung von Krisenbewältigungsmaßnahmen bislang von den Erfahrungen von 2020 aus. Damals war es der Regierung gelungen, die negativen Effekte für die Produktion, die durch die Lieferunterbrechungen aufgrund der Coronapandemie drohten, abzufedern. Diese Maßnahmen dürften jetzt aber wohl kaum die gewünschte Wirkung haben, da sie seinerzeit auf eine Stützung von Unternehmen ausgerichtet waren, die vom Lockdown betroffen sind. Außerdem wurde für die Zukunft von einer Wiederaufnahme der Lieferungen ausgegangen (was jetzt unter den neuen Bedingungen kaum geschehen dürfte). Vertreter der Regierung setzen ihre Hoffnungen jetzt darauf, dass anstelle der europäischen und amerikanischen Zulieferer chinesische Firmen einspringen werden. Allerdings sind viele Firmen in Bezug auf diese Kalkulation skeptisch und erwägen solche Möglichkeiten nur mittel- bis langfristig.

Ein weiterer wichtiger Unterschied zu 2020 besteht darin, dass die Entwicklung angemessener Maßnahmen zur Krisenbewältigung damals das Ergebnis eines intensiven Dialogs zwischen Regierung und Wirtschaft war. Ein solcher Dialog war unter anderem deshalb möglich gewesen, weil die Krise durch externe Faktoren ausgelöst wurde, unabhängig von der Regierung. Die Vertreter der Bürokratie und der Wirtschaft saßen im gleichen Boot, das in schwere See geraten war. Und sie waren im gleichen Maße daran interessiert, die passenden wirtschaftspolitischen Instrumente zu finden, mit denen man den Sturm mit den geringsten Verlusten überstehen würde. Die aktuelle Krise jedoch ist offensichtlich durch das Vorgehen der Regierung ausgelöst worden. Daher gehen die Bürokraten anstelle eines Dialogs zu einer administrativen Regulierung des Marktgeschehens über. Ein markantes Beispiel hierfür ist eine Sitzung Anfang März im Industrie- und Handelsministerium mit Vertretern der Metallurgiebranche (siehe: Externer Link: https://www.youtube.com/watch?v=d11_DDdgdQA), auf der direkt gesagt wurde, dass wenn die vom Ministerium "empfohlenen" Preise überschritten wurden, die betreffenden Unternehmen mit staatsanwaltschaftlichen Überprüfungen und Strafverfahren zu rechnen hätten. Es ist klar, das administrative Maßnahmen dieser Art nur kurzfristig den Markt stabilisieren können (wie dies auf dem Devisenmarkt nach dem faktischen Einfrieren der Einlagen und den Beschränkungen für den Devisenankauf erfolgte). Die Maßnahmen untergraben jedoch das Funktionieren der Marktmechanismen und werden die Anpassung der Wirtschaft an die neuen Bedingungen behindern.

Schlussfolgerung

Insgesamt lässt sich die russische Wirtschaft heute mit einem Flugzeug vergleichen, dessen Chefpilot Entscheidungen unter Drogeneinfluss trifft. Gleichzeitig wird der Treibstoff knapp, was aber nur einem Teil der Besatzung bewusst ist, während die meisten Passagiere und der übrige Teil der Besatzung keine Ahnung haben, was vor sich geht. Die weitere Entwicklung wird davon abhängen, ob jener Teil der Besatzung, der im Bilde ist, den Chefpiloten von weiteren gefährlichen Wendemanövern abhalten kann. Und ob dieser Teil der Besatzung das Flugzeug sicher zur Landung bringen kann. Bildhafte Vergleiche dieser Art bieten jedoch keine Grundlage für quantitative Bewertungen. Allerdings scheint mir, dass die zu Beginn dieses Kommentars erwähnten makroökonomischen Prognosen zu optimistisch ausfallen und die tatsächliche wirtschaftliche Entwicklung Russlands 2022 mit dem vergleichbar sein wird, was wir 1992/93 erlebt haben. Die sozialen und politischen Folgen eines solchen Szenarios sollten in einer eigenen Diskussion thematisiert werden.

Übersetzung aus dem Russischen: Hartmut Schröder

Fussnoten

Weitere Inhalte

Andrei Yakovlev ist einer der führenden russischen Experten für Industriepolitik, Unternehmensführung und die Beziehungen zwischen Staat und der Wirtschaft. 2010 und 2011 war er an der Ausarbeitung der "Strategie 2020" beteiligt und wurde 2017 mit dem Gajdar-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaft ausgezeichnet.