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Analyse: Unerwartete Kriegsverläufe | Russland-Analysen | bpb.de

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Analyse: Unerwartete Kriegsverläufe Russland-Analysen Nr. 432

Nikolay Mitrokhin

/ 4 Minuten zu lesen

Aus den bisherigen Phasen des Krieges lässt sich für die Zukunft schließen, dass der Krieg gegen die Ukraine noch lange andauern und enorme Schäden mit sich bringen wird.

Manschaftstransportwagen in der zurückeroberten Stadt Lyman (26.01.2023) (© picture-alliance, EPA | OLEG PETRASYUK)

Zusammenfassung

Der bisherige Kriegsverlauf in der Ukraine lässt sich in vier Phasen unterteilen, die in diesem Beitrag nachgezeichnet werden: Invasion und Gegenwehr, Verteidigung und Frontbildung, Gegenoffensive und Frontfestigung und schließlich der Übergang in einen hochtechnisierten Krieg. Aus den bisherigen Phasen des Krieges lässt sich für die Zukunft schließen, dass der Krieg gegen die Ukraine noch lange andauern und enorme Schäden mit sich bringen wird.

Prognosen

Vor Beginn der Invasion gab es von verschiedenen Seiten eine Reihe von Prognosen darüber, welche Aussichten ein Angriff Russlands haben könnte. Allerdings waren die meisten – außer einer nicht sehr großen Zahl radikaler Vertreter der russischen Opposition (wie etwa Garri Kasparow), die von einer bevorstehenden umfassenden Konfrontation Russlands mit dem Westen sprachen, also von einem Großen Krieg – davon überzeugt, dass es um neue Kämpfe im Donbas gehen würde (oder allerhöchstens um den Versuch, die ukrainische Grenze im Nordwesten und Süden zu durchbrechen, um die Kräfte der Donezker Armeegruppe der ukrainischen Streitkräfte zu umzingeln). Es scheint, als sei die Regierung in Kyjiw vom Donbas-Szenario ausgegangen. Sie versuchte eifrig, dort Verteidigungsstellungen entlang der Kontaktlinie aufzubauen und hat nichts unternommen, um die übrigen Grenzen des Landes zu befestigen. Obgleich sie für den Fall eines russischen Durchbruchs einen Plan in Reserve hatte. Um ein Vorrücken aufzuhalten, wollte man mit halbwegs partisanenartigen Methoden in den Wäldern und auf den Feldern kämpfen, Brücken über die vielen ukrainischen Flüsse sprengen und dann Kolonnen, die durchkamen, in den Vororten von Städten wie Charkiw, Tschernihiw und Mariupol einen Kampf liefern. Diejenigen, die meinten, der Krieg könne nicht in Form einer massiven Invasion erfolgen, hatten ein rationales Argument. Die russische Armee, und auch die Verbände, die zum Februar 2022 hin an der ukrainischen Grenze zusammengezogen wurden, waren eigentlich zu klein für einen Überfall auf das gesamte Land. Viele waren auch überzeugt, dass in der Ukraine nach einer Besatzung die Partisanenbewegung so stark sein würde, dass die russischen Behörden nicht in der Lage wären, das Hinterland zu kontrollieren.

Phase 1 – Klassische Invasion und Gegenwehr

Gleichwohl ging der Plan des Kreml nicht auf. Der Reserveplan der ukrainischen Regierung, mit dem die Invasion "in den Wäldern" und in den Vorstädten gestoppt werden sollte, hat im Großen und Ganzen funktioniert. Bei acht der neun wichtigsten Vorstoßrichtungen wurden die russischen "Panzerkeile" schließlich in den Vororten zum Stehen gebracht. Und sie wurden an den Flanken angegriffen, wobei Regierungs- und Sabotageeinheiten zum Einsatz kamen, wie auch Verbände der Territorialverteidigung, die vor dem Krieg aufgestellt worden waren. Nahezu überall waren die Aggressoren bereits anderthalb Monate nach Beginn der Invasion gezwungen, sich zurückzuziehen. Sie verloren viel Gerät, hatten heftige Probleme mit dem Nachschub von Munition, Nahrungsmitteln und Treibstoff. Damit endete die erste Phase des Krieges.

Phase 2 – Verteidigung und Stellungsaufbau

Diese Kämpfe waren, das hat die ukrainische Regierung eingeräumt, die (bislang) schwersten im Verlauf des Krieges. An einigen Tagen betrugen die ukrainischen Verluste durch russischen Beschuss bis zu 300 Menschen am Tag. Allerdings änderte sich im Juli 2022 die Lage erneut drastisch und unerwartet, wodurch die dritte Phase eingeläutet wurde.

Phase 3 – Gegenoffensive und Patt

Allerdings stellten sich Hoffnungen, dass jetzt eine Niederlage Russlands unausweichlich sei und die Streitkräfte der Ukraine die richtige Kriegsstrategie gefunden hätten, als vergeblich heraus. Die ukrainischen Streitkräfte verfügten nicht über ausreichend Kräfte, um im September 2022 die nicht sehr große Stadt Lyman schnell einzunehmen (die Belagerung dauerte drei Wochen) und "auf den Schultern des Gegners" in das Gebiet Luhansk durchzubrechen. Ende Oktober erstarrte die Front an der Grenze der Gebiete Luhansk und Charkiw und bewegt sich seither kaum. Die dritte Phase des Krieges war abgeschlossen. In Russland wurde erfolgreich eine Mobilmachung unternommen, durch die die Zahlenstärke der Truppen im Feld wiederhergestellt wurde. Sie hat die Armee darüber hinaus mit einer beträchtlichen Reserve ausgestattet. Russland greift erneut im Donbas an und erobert (wenn auch mit riesiger Mühe) Städte.

Phase 4 und Ausblick – Züge eines modernen Krieges

Nach Einschätzungen sowohl aus Kyjiw, wie auch aus Moskau, stehen wir vor einer neuen Phase des Krieges, in der neueste technische Mittel eingesetzt werden. In Moskau werden Angriffe Tausender fliegender Drohnen und Dutzender Unterwasser-Drohnen erwartet. In der Ukraine werden Angriffe mächtiger iranischer Raketen erwartet, und neue Vorstöße russischer Panzer. Dass Moskau für das Frühjahr oder den Sommer einen Vormarsch vorbereitet, wird nicht verhohlen. Das verschleiert womöglich einen Schlag, der am Ende des Winters erfolgen könnte.

Beide Seiten wollen kämpfen, auch wenn sie in diesem Krieg unterschiedliche Ziele verfolgen. Beide Seiten wollen dem Feind Überraschungen bereiten. Und wir, die wir an der Seite stehen, können nur der Ukraine helfen, die für uns das Opfer einer Aggression darstellt. Und wir können versuchen, Prognosen und Erwartungen à la "Wann wird das alles enden?" zu vermeiden. Was in dieser Situation klar ist: Dieser Krieg wird lange dauern. Und wir sollten unsere Prognosen und Handlungen realistisch und langfristig und nicht auf optimistische Aussichten ausrichten.

Übersetzung aus dem Russischen: Hartmut Schröder

Fussnoten

Weitere Inhalte

Dr. Nikolay Mitrokhin ist assoziierter Forscher der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen. Er ist Autor zahlreicher Fachpublikationen (z. B. in den Zeitschriften "Osteuropa" und "Nowoje literaturnoje obosrenije", NLO) sowie mehrerer Bücher, u. a.: Mitrokhin, N.: Die russische Partei: Die Bewegung der russischen Nationalisten [Soviet and Post-Soviet Politics and Society, Bd. 120], Hannover: Ibidem Verlag 2014.