Themen Mediathek Shop Lernen Veranstaltungen kurz&knapp Die bpb Meine Merkliste Geteilte Merkliste PDF oder EPUB erstellen Mehr Artikel im

Kommentar: Perspektiven des Erdgastransits durch die Ukraine | Ukraine-Analysen | bpb.de

Ukraine Russlands Krieg gegen die Ukraine und Kriegsverbrechen (03.11.2025) Editorial: Einleitung der Gastherausgeberin Analyse: Kriegsverbrechen vor Gericht: Braucht es ein Sondertribunal für das Verbrechen der Aggression? Analyse: Kriegsverbrechen im Visier der ukrainischen Strafjustiz Analyse: Modernisierung des ukrainischen Strafprozessrechts zum Umgang mit Kriegsverbrechen Kommentar: Hindert die mangelhafte rechtliche Bewältigung sowjetischen Staatsunrechts die Ukraine bei der Aufarbeitung von Kriegsverbrechen? Kommentar: Folter als Methode in Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine Kommentar: Ökozid in der Ukraine: Verbrechen oder Kollateralschaden? Kommentar: Rettungskräfte im Fadenkreuz: Russlands gezielte „Double-Tap“-Angriffe auf Notfalleinsätze Chronik: Hinweis auf die Online-Chronik Persönliches Wohlbefinden und Glück (10.10.2025) Analyse: Das subjektive Wohlbefinden in der Ukraine im Wandel Analyse: Wie der Krieg sich auf Glück und Lebenszufriedenheit in der Ukraine auswirkt Umfragen: Das subjektive Wohlbefinden der ukrainischen Bevölkerung Chronik: Hinweis auf die Online-Chronik Hochschulbildung und Krieg (02.07.2025) Analyse: Von der Revolution zur Resilienz: Die Transformation des ukrainischen Hochschulsektors in Zeiten von Krise und Krieg Analyse: Wissenschaftsfreiheit und Herausforderungen ukrainischer Wissenschaftler:innen in Kriegszeiten Analyse: Von Burnout bis Breakdown: Zur psychischen Gesundheit ukrainischer Wissenschaftler:innen in Kriegszeiten Karte: Beschädigte und zerstörte Universitäten Chronik: Hinweis auf die Online-Chronik Widerstand und Besatzung (12.06.2025) Analyse: Ϊ – Ze Ukrajina! Zum Widerstand in den besetzten Gebieten Analyse: „Eine Schule der Korruption“: Illegale Finanzen in den von Russland besetzten Gebieten Dokumentation: Kurzzusammenfassungen ausgewählter Berichte zur aktuellen Lage in den von Russland besetzten Gebieten Karte: Das von der Russischen Föderation besetzte ukrainische Territorium (Stand: 12.06.2025) Chronik: Hinweis auf die Online-Chronik Lehren aus den Minsker Abkommen (05.06.2025) Analyse: Lehren aus den Minsk-Verhandlungen für die Beilegung des aktuellen Krieges Analyse: Das Minsk-Abkommen von 2015 – zehn Lehren für 2025 Umfragen: Einstellungen der ukrainischen Bevölkerung zu den Minsker Vereinbarungen sowie zu möglichen Friedensverhandlungen Dokumentation: Lesetipps: Lehren aus den Minsker Abkommen Chronik: Hinweis auf die Online-Chronik Wahlen im Krieg? (20.05.2025) Analyse: Hürden und Herausforderungen für Wahlen in der Ukraine Analyse: Warum Wahlen in der Ukraine den Russisch-Ukrainischen Krieg nicht beenden können Dokumentation: Statement of Ukrainian Non-Governmental Organizations on the Impossibility of Holding Democratic Elections without the Sustainable Peace Umfragen: Einstellung der ukrainischen Bevölkerung zu Wahlen im Krieg Chronik: Hinweis auf das Online-Angebot Arbeitsmarkt / Wirtschaftsentwicklung (11.04.2025) Analyse: Der ukrainische Arbeitsmarkt in Kriegszeiten Statistik: Kennzahlen für den Arbeitsmarkt Umfragen: Selbsteinschätzung der materiellen Lage Analyse: Wirtschaftsentwicklung weiterhin durch Krieg gebremst Statistik: Wirtschaftskennziffern Chronik: Hinweis auf die Online-Chronik Rüstungsindustrie (25.03.2025) Analyse: Wovon die ukrainische Rüstungsindustrie lebt und was ihr Wachstum behindert Interview: Die europäischen Staaten müssen die Ärmel hochkrempeln, mit dem Jammern aufhören und ihre Forderungen stellen Dokumentation: US-amerikanische Unterstützung der Ukraine mit Schwerpunkt auf Militärhilfe Kommentar: Europas Rüstungsindustrie im Stresstest: Warum die Unterstützung der Ukraine stockt Dokumentation: Rüstungsindustrie in Europa Dokumentation: Konflikt zwischen Verteidigungsministerium und Rüstungsbeschaffungsbehörde / Korruption in der Rüstungsbeschaffung Chronik: Hinweis auf die Online-Chronik Kriegsgeschehen / Friedensverhandlungen (24.02.2025) Analyse: Das Jahr 2024 aus militärischer Sicht: Von Awdijiwka über Pokrowsk bis Kursk Statistik: Militärische Entwicklung in Grafiken und Zahlen Analyse: Welche Strategie verfolgt der russische Luftkrieg gegen die Ukraine und wie kann man Städte und zivile Infrastruktur besser schützen? Analyse: Verringern die russischen Angriffe auf zivile Ziele die Unterstützung der ukrainischen Bevölkerung für die Fortsetzung des Krieges? Kommentar: Frieden à la Trump? Drei Probleme und zwei Szenarien Kommentar: Ohne Sicherheitsgarantien bedeutet das "Einfrieren des Krieges" ein zweites "München 1938" Kommentar: Die Ukraine und Europa stehen mit dem Rücken zur Wand Kommentar: Stellen die USA und Russland die Ukraine und Europa beim Friedensprozess aufs Abstellgleis? Dokumentation: Rede von Wolodymyr Selenskyj auf der Münchener Sicherheitskonferenz 2025 Dokumentation: Wirklich ein "Diktator ohne Wahlen"? Zur Legitimität und Popularität des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj Lesehinweis: Friedensverhandlungen: Quellen, Stellungnahmen, Lesetipps Chronik: Hinweis auf die Online-Chronik Ende des Gastransits (11.02.2025) Analyse: Das Ende des Gastransits: Was sind die Implikationen? Analyse: Folgen der Beendigung des Gastransports durch die Ukraine für die EU-Länder und Moldau Chronik: Hinweis auf die Online-Chronik Weitere Angebote der bpb Redaktion

Kommentar: Perspektiven des Erdgastransits durch die Ukraine

Simon Schulte

/ 5 Minuten zu lesen

Kurzfristig wird auch weiterhin noch russisches Gas durch die Ukraine geleitet werden. Langfristig offenbart sich laut Simon Schulte allerdings ein gegensätzlicher Trend: die Ukraine muss sich auf erhebliche Einnahmeeinbußen einstellen.

Herausgeber der Länderanalysen

Gemeinsam herausgegeben werden die Ukraine-Analysen von der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde e.V., dem Deutschen Polen-Institut, dem Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien, dem Leibniz- Institut für Ost- und Südosteuropaforschung und dem Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) gGmbH. Die bpb veröffentlicht sie als Lizenzausgabe.

In den 1970er Jahren wurde diese Gaspipeline in der Nähe von Charkiw gebaut. Die Transitwege aus der Sowjetzeit waren viele Jahre eine wichtige Einnahmequelle für die Ukraine. (© picture alliance/PAP)

Einleitung

Mit dem Zerfall der Sowjetunion wurde das Ukrainische Gas Transport System (UGTS), durch welches Anfang der 1990er knapp 50 % der EU Erdgasimporte strömten, Eigentum der Ukraine. Über Dekaden hinweg sicherte dieses Relikt der Sowjetzeit der Ukraine Monopolrenten und günstige Erdgaspreise. Auch wenn Gazprom, Russlands Staatskonzern mit Monopol auf Erdgaspipelineexporte, mit alternativen Pipelineprojekten wie Yamal, Blue Stream und Nord Stream versuchte seine Transportwege nach Europa zu diversifizieren und das ukrainische Transitmonopol zu schmälern, betrugen die Residualmengen die 2017 auf diesem teuersten Weg nach Europa flossen, mehr als 90 Mrd. Kubikmeter. Dem staatlich kontrollierten ukrainischen Energiekonzern Naftogaz bescherte der Transit in 2017 alleine Einnahmen von ca. 2 Mrd. Euro – in etwa 3 % des ukrainischen Bruttoinlandsprodukts.

Kurzfristig stabiler Ausblick

Die zukünftigen Perspektiven der ukrainischen Erdgastransite müssen differenziert betrachtet werden, da diese im Zeitverlauf von verschiedenen Faktoren beeinflusst werden. Für die nächsten zwei Jahre ist zunächst davon auszugehen, dass die Volumina, die Gazprom via Ukraine nach Europa schickt, auf einem ähnlichen Niveau verbleiben wie in den Jahren 2016/2017, zumindest wenn auch zukünftig die Winter vergleichsweise kalt und die Kohlepreise vergleichsweise hoch ausfallen. Denn der Grund für die im Vergleich zu 2014/2015 höhere EU Importnachfrage der letzten zwei Jahre fußte neben den Produktionskürzungen im niederländischen Groningen insbesondere auf dem steigenden Wärmebedarf im Winter sowie einen partiellen "Fuel Switch" von Kohle zu Gas im europäischen Stromsektor. Ein weiterer Treiber für die ukrainischen Transitvolumina war aber auch sicher die Wettbewerbsfähigkeit von russischem Erdgas gegenüber Mitbewerbern aus Übersee. Kurzfristig ist daher damit zu rechnen, dass Transitmengen und –einnahmen der Ukraine auf dem Niveau der letzten Jahre verlaufen.

Ende des Transitvertrags birgt die größte Unsicherheit

Mittelfristig unterliegt die Höhe der ukrainischen Transitvolumina einer hohen Unsicherheit. Als kritisches Datum sei hier auf den 1. Januar 2020 verwiesen, an dem der seit 2009 bestehende Transitvertrag zwischen Russland und der Ukraine ausläuft. Was dies insbesondere für die EU und ihre Versorgungssicherheit hinsichtlich Erdgas bedeuten kann, ist aus den beiden Gaskrisen 2006 und 2009 bekannt. Somit sollte insbesondere auch die EU ein Interesse daran haben, so früh wie möglich einen Anschlussvertrag zu verabschieden, was sich als schwierig erweisen wird.

Die Schwierigkeit wird gleich durch mehrere Faktoren geschaffen. Auch ohne Berücksichtigung geopolitischer Interessen und des Konfliktes in der Ostukraine sowie der russischen Annexion der Krim, war die Ausgangsituation der letzten Vertragsverhandlungen 2009 einfacher als heute, da sich die beiden Vertragspartner Russland und Ukraine, bzw. Gazprom und Naftogaz, auf Augenhöhe befanden. Während die Ukraine auf russisches Erdgas angewiesen war, um ihre Bürger und ihre Industrie mit Wärme und Strom zu versorgen, brauchte Russland das UGTS der Ukraine um seine Lieferverpflichtungen mit den europäischen Staaten zu erfüllen. Doch seit 2009 hat sich viel geändert. Neue Interkonnektoren erlauben es, die Ukraine nun aus Westen mit Erdgas zu versorgen. Als Konsequenz wurde die Ukraine seit 2016 vollständig mit Erdgas seitens der EU beliefert. Während Russland also nach wie vor abhängig vom UGTS ist, ist die Ukraine unabhängig von der russischen Versorgung mit Erdgas geworden und somit in einer besseren Ausgangslage für die bevorstehenden Vertragsverhandlungen.

Russlands strategische Antwort auf diese einseitige Abhängigkeit sind insbesondere die beiden kontrovers diskutierten Pipelineprojekte Turkish Stream und Nord Stream 2, die eine zusätzliche Kapazität von 32 Mrd. Kubikmeter bzw. 55 Mrd. Kubikmeter bereitstellen sollen. Während mit hoher Wahrscheinlichkeit zumindest der erste Strang der Turkish Stream Pipeline bis zum 1. Januar 2020 fertigstellt ist, ist es unwahrscheinlich, dass bis zum kritischen Datum die volle Kapazität von Nord Stream 2 Pipeline bereitsteht, nicht zuletzt weil das Projekt durch politischen und rechtlichen Widerstand, zuletzt aus Dänemark, verzögert wird.

Die Ukraine und Naftogaz sind unterdessen mit sich selbst beschäftigt. Reformen zur Liberalisierung des Marktes wie die Entflechtung von Naftogaz und dessen Netzbetreibergesellschaft Ukrtransgaz stocken. Somit fehlen auch, trotz hoher Transiteinnahmen, längst überfällige Investitionen in das marode UGTS, da das Interesse von Naftogaz in ein System zu investieren, welches ausgegliedert wird, wohl eher gering ist. Ein weiterer Grund für den Investitionsstau ist die Abhängigkeit vom russischen Zulieferersystem, welches östlich an der Ukraine andockt und ebenfalls Investitionsbedarf aufweist. Ohne die Sicherheit über zukünftige Transitmengen und Investitionen in das Zubringersystem seitens Gazprom ist Naftogaz einem hohen Risiko von Überinvestitionen ins eigene System ausgesetzt. Auch die in 2019 bevorstehenden Präsidentschafts- und Parlamentswahlen verschärfen die Situation. Sie lassen kurzfristige Reformhoffnungen verpuffen und sorgen eher für eine Verschärfung der Rhetorik statt für eine Deeskalation, was die bevorstehenden Vertragsverhandlungen ebenfalls erschwert.

Mit einem Verzicht auf die Ukraine als Transitland ist mittelfristig nicht zu rechnen. Im Vergleich zu heute ist ab 2020 allerdings ein sukzessiver Rückgang der Transitvolumina wahrscheinlich. Die Höhe des Rückgangs hängt dabei von mehreren Faktoren ab, wie etwa den Pipelineprojekten Turkish Stream und Nord Stream 2, dem Zustand und dem Investitionsniveau ins UGTS und letztendlich dem neuen Vertrag, der ab den 1. Januar 2020 gelten soll.

Langfristig kein Bedarf

Langfristig ist die Lage eindeutiger und somit die Bedeutungslosigkeit der Ukraine als Transitland gewiss. Mit den Klimazielen der EU ist selbst für den am wenigsten CO2-intensiven fossilen Energieträger Erdgas kein Platz im Erzeugungsmix, zumindest nicht in einem Ausmaß welches der Ukraine mit dem aktuellen Umfang vergleichbare Transitgebühren einbringt. Um mit alternativen Pipelinerouten im Wettbewerb bestehen zu können, müsste die Ukraine ins UGTS investieren. Dann würden allerdings, so wie es auch sein sollte, Transitgebühren genutzt um Infrastrukturinvestitionen zu finanzieren. Die Ukraine sollte sich daher lieber früher als zu spät darauf einstellen, dass Monopolrenten aus Erdgastransiten kein Geschäftsmodell sind, auf das eine Volkswirtschaft fußen sollte. Hingegen sollte das Land vermehrt auf eine Diversifizierung der Wirtschaft setzen. Dass Naftogaz zuletzt damit warb, der größte Steuerzahler in 2017 gewesen zu sein, zeigt, dass Reformen greifen und die Korruptionsbekämpfung im Land vorangeht. Es zeigt allerdings auch, wie abhängig die Ukraine noch immer von den Einnahmen aus den Erdgastransiten ist.

Lesetipps

Fussnoten

Simon Schulte ist Doktorand am Energiewirtschaftlichen Institut (EWI) an der Universität zu Köln und Senior Research Associate bei ewi Energy Research & Scenarios (ewi ER&S) in Köln.