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Kommentar: Mehr Öffentlichkeit wagen. Ein Erfahrungsbericht | Ukraine-Analysen | bpb.de

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Kommentar: Mehr Öffentlichkeit wagen. Ein Erfahrungsbericht Ukraine-Analysen Nr. 286

Klaus Gestwa

/ 4 Minuten zu lesen

Durch den russischen Angriffskrieg ist die Expertise von Osteuropaexpert:innen in der Öffentlichkeit sehr gefragt, bringt aber auch neue Herausforderungen mit.

Historiker Klaus Gestwa von der Universität Tübingen, hier im Bild, plädiert dafür, dass die Wissenschaft sich stärker der öffentlichen Debatte öffnen sollte. (© picture-alliance, Bernd Weißbrod)

Herausgeber der Länderanalysen

Die Ukraine-Analysen werden von der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde e.V., dem Deutschen Polen-Institut, dem Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien, dem Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung und dem Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) gGmbH gemeinsam herausgegeben. Die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb veröffentlicht die Analysen als Lizenzausgabe.

Mit Blick auf ihre eigenen Erfahrungen schrieb Hannah Arendt (1906–1975) dass es Zeiten gebe, in denen sich die Menschen eingestehen müssten, dass sie die Welt als Ganzes nicht verändern können. Dann müssten die Einzelnen für sich herausfinden, was sie an ihrem Platz in der Welt zu tun vermögen, um sich vom Lauf der großen Politik nicht überwältigen zu lassen. Arendts verantwortungsethisches Selbstermächtigungsdiktum gilt seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine für Osteuropa-Forscher:innen mit besonderem Nachdruck. Die Informations- und Orientierungsbedürfnisse von Politik und Öffentlichkeit sind so groß, dass angesichts fehlender politik- und sozialwissenschaftlicher Osteuropa-Expertise selbst Historiker:innen, die eigentlich Vergangenheitsfachleute sind, immer wieder um Gegenwartsanalysen und Prognosen gebeten werden.

Trotz medialer Vorerfahrungen stellte ich mich im Februar 2022 zunächst zögerlich dem Wagnis Öffentlichkeit, weil ich befürchtete, angesichts der dramatischen Kriegssituation auf dem rutschigen Parkett der Medien keine gute Figur abzugeben. Wissenschaftliches Arbeiten zeichnet sich durch Differenzierung und Abwägung sowie durch ein besonderes Verhältnis von Argumentation und Befund aus. In den Medien hingegen geht es auf knappem Raum mehr um Statement und Botschaft. Das griffige Zitat ist oftmals wichtiger als die überzeugende Begründung.

Zu meinem Glück erwiesen sich die an mich herantretenden Journalist:innen als kompetent und verlässlich. Von Lokalzeitungen über Radio- und Fernsehsender bis hin zu reichweitenstarken Nachrichtenportalen entstand ein vertrauenswürdiger Austausch. Diese journalistische Professionalität hat mich dazu ermuntert, mehr Öffentlichkeit zu wagen. Das hat mich präsenter und aktivistischer gemacht. Ich bin dadurch in eine deutlich politischere Rolle hineingerutscht.

Welche Unannehmlichkeiten das öffentliche Positionieren mit sich bringen kann, erfuhr ich im Herbst 2022. Damals hatte die umstrittene Publizistin Gabriele Krone-Schmalz meine Münchener Kollegin Franziska Davies verklagt, nachdem Davies ihre politisch bedenklichen Aussagen scharf kritisiert hatte. Als die Volkshochschule Reutlingen Mitte Oktober 2022 einen Vortrag von Frau Krone-Schmalz ins Netz stellte, bekam ich die Gelegenheit, meine Kritik an den Äußerungen der meinungsstarken, zugleich larmoyanten Putin-Versteherin öffentlich zu machen. Das brachte mir einen Shitstorm mit über 200 Mails, mehreren Briefen und wütenden Anrufen ein. Der Leiter der Reutlinger Volkshochschule drohte mir sogar mit rechtlichen Schritten. Diese Einschüchterungs- und Empörungswelle ebbte nach zwei Wochen wieder ab. Meine Kritik hingegen hinterließ dauerhafte digitale Spuren. Dazu trug bei, dass Franziska Davies mit einem gut belegten Externer Link: Artikel in der Fachzeitschrift OSTEUROPA Frau Krone-Schmalz detailliert als Desinformationsexpertin entzauberte und auch den Rechtsstreit klar für sich entschied.

Als der Schweizer Verschwörungsunternehmer Daniele Ganser mit einem Vortrag zum "Ukraine-Krieg" durch Deutschland, Österreich und die Schweiz tourte, erhob ich im Frühjahr 2023 zusammen mit anderen Fachkolleg:innen (u. a. mit Benjamin Schenk, Martin Aust und Michael Butter) laut Einspruch gegen diesen Matador der von Moskau beeinflussten Alternativmedien. Mit seinen Erzählungen, die den Stand der Osteuropaforschung komplett ignorieren und auf einem simplen Antiamerikanismus beruhen, betreibt Ganser bedenkenlos und finanziell lukrativ die politischen Geschäfte des Kremls und wird so zur medialen Waffe in dessen hybrider Kriegsführung. Um diese politische Dimension zu unterstreichen, bezeichnete ich den selbsternannten Friedensforscher mit Anspielung auf seinen esoterisch-anthroposophischen Lebensberatungshabitus als "Putin-Troll auf Globuli". Auf Gansers Social Media-Lamento hin, ich würde ihn diffamieren, überzog mich seine Fangemeinde mit bösen Kommentaren und obszönen Wutmails.

Anlässlich des ersten Jahrestags der russischen Totalinvasion produzierte die Tübinger Hochschulkommunikation mit mir ein Externer Link: 45-minütiges Thesencheck-Video, in dem ich acht populäre Behauptungen zum Krieg gegen die Ukraine widerlege. Die Resonanz war erstaunlich und erfreulich. Ende Mai 2023 verzeichnete Youtube schon über 720.000 Aufrufe. Dieses Mal erhielt ich sogar über 250 mehrheitlich positive Zuschriften mit Dank und interessierten Nachfragen. Die prorussischen Alternativmedien sahen in dem Video hingegen eine veritable Bedrohung und starteten üble Diskreditierungsaktionen.

Sich mit der eigenen Expertise in der aktuell polarisierten Öffentlichkeit zu exponieren, erfordert Mut, ein robustes Nervengerüst und kollegiale Solidarität. Aber in Zeiten, in denen die Moskauer Desinformationsfachleute und ihre willigen Helfershelfer unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit alle Möglichkeiten nutzen, einen Informationskrieg zu entfachen, bedarf es breit organisierter Gegenrede aus der Wissenschaft, um die Gut- und Leichtgläubigen sowie die vom Kriegsgeschehen verunsicherten Durchschnittsbürger:innen vor der prorussischen Meinungsmache zu warnen. Zugleich verschafft die öffentliche Kritik aber den Schönredner:innen des Putinismus auch mehr Aufmerksamkeit und muss darum gut überlegt sein, um die mediale Verfallszeit wissenschaftlich unhaltbarer Aussagen nicht unnötig zu verlängern.

Vor allem gilt es, false balance und bothsidesism zu vermeiden. Deshalb muss stets die klare Asymmetrie betont werden, die es zwischen evidenzbasierten, im wissenschaftlichen Diskurs bestätigten Analysen auf der einen Seite und Spekulationen auf der anderen gibt, die aus fragwürdigen Quellen wie Verschwörungsmythen und russischen propagandistischen Narrativen abgeleitet wurden. Jeglicher Anschein falscher Ausgewogenheit in Form einer verzerrten Pro-und-Kontra-Konstellation bestärkt die Lese- und Denkfaulen, die meinen, ohne jegliche Kenntnis der Osteuropa-Forschung Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine erklären und vermeintliche Wege zum Frieden aufzeigen zu können.

In der Öffentlichkeit setzen sich Forscher:innen einerseits immer dem Vorwurf der Passivität aus, wenn sie in für ihr Fach relevanten gesellschaftlichen Debatten keine Präsenz zeigen. Andererseits wird ihnen Arroganz vorgehalten, wenn sie mit ihrer Expertise das Urteilsvermögen von fachfremden Personen in Frage stellen, die Desinformationen und Missinterpretation verbreiteten. Mit diesem Spannungsbogen müssen und können Osteuropa-Forscher:innen bei ihrer neu gewonnenen medialen Stimmkraft leben. Dabei wird der "öffentliche Vernunftgebrauch" (Amartya Sen) engagierter Wissenschaftler:innen einigen Menschen ihre ausgeprägte "Lust an der Unvernunft" (Martin Aust) sicher nicht nehmen. Trotz dessen hat die Forschung die vielfältigen Gefahren durch Moskaus Informationskrieg klar thematisiert und unübersehbare Warnzeichen gesetzt.

Seit dem 24. Februar 2022 haben sich mein Arbeitsleben und mein Selbstverständnis als Wissenschaftler spürbar verändert. Die eigentliche Forschung leidet. Die neu erlangte mediale Aufmerksamkeit würde ich sofort gegen die Möglichkeit eintauschen, wieder mit meinen Kolleg:innen in der Ukraine und in Russland gemeinsam vor Ort forschen zu können. Hoffen wir, dass dies sehr bald möglich sein wird.

Fussnoten

Weitere Inhalte

Prof. Dr. Klaus Gestwa ist seit 2009 Lehrstuhlinhaber und Direktor des Instituts für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde der Universität Tübingen. Er hat mehrere internationale Forschungsprojekte mit ukrainischen und russischen Kolleginnen und Kollegen geleitet. Seine Themenschwerpunkte sind die Wissenschafts-, Technik- und Umweltgeschichte sowie der Zerfall des Sowjetimperiums und die darauffolgenden Transformationsprozesse.