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Analyse: Wie blicken Soldaten auf den Krieg? Eine Analyse von Interviews mit russischen und ukrainischen Soldaten | Ukraine-Analysen | bpb.de

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Analyse: Wie blicken Soldaten auf den Krieg? Eine Analyse von Interviews mit russischen und ukrainischen Soldaten Ukraine-Analyse Nr. 324

Konstantin Drascek Elisha Iannucci-Laqua Jannik Steinwender

/ 12 Minuten zu lesen

Wie erleben russische und ukrainische Soldaten den Krieg? Eine Analyse von 67 Interviews zeigt, wie Motivation, Moral und Führung über Sieg, Scheitern und Menschlichkeit entscheiden.

Eine Soldatenfigur liegt vor den Fahnen von Russland und der Ukraine als Symbolfoto für Russlands Krieg gegen die Ukraine. (© picture-alliance, Christian Ohde)

Zusammenfassung

In dieser Analyse werden die Einstellungen zum Militärdienst von russischen und ukrainischen Soldaten in Russlands Krieg gegen die Ukraine verglichen. Dafür wurden 67 Sekundärinterviews aus den Jahren 2022 und 2023 ausgewertet. Während russische Soldaten überwiegend unfreiwillig durch Zwang oder Täuschung eingezogen wurden, zeichnete sich die Rekrutierung in der Ukraine vorwiegend durch Freiwilligkeit und patriotische Motivation aus. Diese unterschiedlichen Rekrutierungsmuster beeinflussen maßgeblich die Moral der Soldaten, die Kohäsion der Einheiten und das Verhältnis zu Offizieren. Die Ergebnisse legen nahe, dass die Mobilisierung für die Streitkräfte nicht nur organisatorisch, sondern auch hinsichtlich der Intensität der Überzeugung, der Beweggründe der Soldaten, der wahrgenommenen militärischen Effektivität der Truppe sowie der Rückkehr ins zivile Leben von entscheidender Bedeutung ist.

Herausgeber der Länderanalysen

Die Ukraine-Analysen werden von der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde e.V., dem Deutschen Polen-Institut, dem Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien, dem Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung und dem Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) gGmbH gemeinsam herausgegeben. Die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb veröffentlicht die Analysen als Lizenzausgabe.

Propaganda vs. persönliche Perspektive

Zitat

„The soldier above all others prays for peace, for it is the soldier who must suffer and bear the deepest wounds and scars of war.“ Douglas MacArthur

Die Soldaten sind die ersten Leidtragenden eines Krieges. Sie stehen an vorderster Front und sind den größten täglichen Leiden ausgesetzt. Sie sind es, die den Krieg austragen und bestimmen, wie er geführt wird.

Im Fall der Mobilisierung sind sie es, die die größten Lasten tragen. Von der Einberufung über ihren Alltag in der von Offizieren geführten Einheit bis hin zu ihren grundlegenden Überzeugungen sind sie es, die mit ihrer Motivation den Verlauf des Krieges bestimmen. Die Unterschiede zwischen einer Einberufung unter Zwang und einem freiwilligen Eintritt in das Militär sind dafür ausschlaggebend. Dies zeigen auch die von uns ausgewerteten Daten für die Ukraine und Russland. Armeen, die durch Überzeugung getragen sind, kämpfen effektiver und effizienter. Zudem gestaltet sich die Einberufung weiterer Zivilisten, die Demobilisierung und die Rückführung der Soldaten ins zivile Leben einfacher. Armeen, die durch Zwang gebildet werden, zeigen in allen drei Kategorien Mängel auf: Die Kohäsion ist beeinträchtigt, weitere Einberufungswellen sind nur unter weiterem Druck umsetzbar. Und die Rückkehr ins zivile Leben ist unter diesen Umständen noch schwerer. Die Analyse öffentlich zugänglicher Interviews ermöglicht einen Einblick in die Einstellungen der Soldaten und einen Vergleich zwischen der ukrainischen und der russischen Armee. Auf Grundlage von 67 Interviews werden im Folgenden die Erfahrungen bei der Einberufung, der Dienstzeit und die Überzeugung der Soldaten dargestellt und verglichen.

Datenlage

Die russischen Streitkräfte sind eine Berufsarmee, die seit der Teilmobilmachung im September 2022 um Reservisten und zwangsverpflichtete Männer erweitert wird. Ein Großteil der analysierten Interviews bezieht sich auf diese Gruppe. Söldner der Gruppe Wagner werden in dieser Analyse nicht betrachtet.

Die ukrainische Armee setzt sich aus Berufssoldaten, Soldaten, die sich freiwillig der Truppe angeschlossen haben und Soldaten zusammen, die im Zuge der Generalmobilmachung seit Februar 2022 einberufen wurden. Mit zunehmender Dauer verschob sich das Verhältnis zwischen freiwilligen und eingezogenen Soldaten zulasten der Mobilisierten.

Die von uns analysierten Interviews wurden von Medien geführt, die über ihr Impressum eindeutig zu identifizieren waren. Die Medien wurden von uns nach ihrem Grad der Voreingenommenheit bewertet: 46 der 65 Interviews wurden von Medien mit neutraler Berichterstattung veröffentlicht. Die Ergebnisse der Stichprobe sind daher nur bedingt verallgemeinerbar und sollten mit entsprechender Vorsicht betrachtet werden.

In 27 Interviews wurde die Methode der Einberufung thematisiert (siehe Grafik 1 auf S. 26). Es gibt einen offensichtlichen Unterschied zwischen den russischen und ukrainischen Soldaten in unserer nicht-repräsentativen Stichprobe: Die überwiegende Zahl der russischen Soldaten sind im Zuge der Teilmobilisierung einberufen worden, während alle ukrainischen Soldaten sich freiwillig gemeldet haben.

Viele der russischen Soldaten sind unfreiwillig in den Kampf geschickt worden. Einige von ihnen wurden mit Desinformationen aus dem Ausland oder aus der Haft heraus angeworben. Sie wurden belogen, dass ihr Wehrdienst ungefährlich sein oder ein hoher Sold bezahlt würde. Einige durften nach dem Eintritt in die Armee nicht ausscheiden und wurden gezwungen, weiterzukämpfen. Andere wurden zwangsmobilisiert. Einige zogen freiwillig in den Krieg und sind deswegen auch stark ideologisch motiviert. Ein Rekrut möchte ein „Russisches Imperium der Slawen“ errichten, ein anderer träumt von einem „Großrussland“ und davon, die „Banderisten“ zu besiegen. Andere Interviewte wiederum sind Berufssoldaten oder dienten schon in früheren Kriegen und traten später eine zweite Dienstzeit an. Bei den russischen Soldaten in unserer Stichprobe überwiegt aber die Zwangsrekrutierung.

Unter den interviewten ukrainischen Soldaten beschwerte sich nur einer über die Anwendung von Zwang. Er gehöre zu „jenen, die es nicht geschafft haben, der Mobilisierung zu entkommen“. Der befragte Soldat beschwert sich, dass Personal fehle und „alle Freiwilligen sich schon vor einer ganzen Weile der Armee angeschlossen hatten“. Im Interview spricht er davon, dass viele neuen Soldaten unfreiwillig einberufen worden waren. Auf ukrainischer Seite kämpfen also Mobilisierte und Freiwillige, jedoch weisen die meisten eine hohe Motivation auf, ihre Heimat, Familie oder ihre Freiheit zu schützen. Die überwiegende Mehrzahl berichtet, dass sie sich aus diesen Gründen freiwillig der ukrainischen Armee angeschlossen hat, teilweise sogar schon 2014 nach dem russischen Angriff auf den Donbas, aber vor allem nach dem Angriffskrieg Russlands 2022. Einige Veteranen des Donbas-Krieges hielten sich nach ihrer Dienstzeit bereit für den nächsten russischen Angriff, einer berichtet: „Ich habe eine AKM 7.62 und Munition gekauft und mich auf eine neue Offensive der Russen vorbereitet.“ Diese Vorbereitung und der Wiedereintritt aus der Reserve in die aktiven Streitkräfte ist kein Einzelfall.

Das Verhältnis zwischen Soldaten und ihren vorgesetzten Offizieren wurde in insgesamt 29 Interviews angesprochen und anhand von Aspekten wie deren taktischen Kompetenz, Führungsqualität und den zwischenmenschlichen Fähigkeiten ausgewertet (siehe Grafik 2 auf S. 26).

Russische Soldaten berichten von einer willkürlichen und korrupten Führung, die oftmals der Selbstbereicherung der Offiziere zu dienen scheint. Es werden beispielsweise Urlaubstage an den Meistbietenden verkauft oder die Plünderung ziviler Einrichtungen befohlen. Teilweise können die Offiziere bei Operationen gegen zivile Ziele sogar mit Beförderungen rechnen. Auch die persönliche Führungsstärke der Vorgesetzten wird häufig infrage gestellt. Alkoholmissbrauch, Massenbestrafungen sowie willkürliche Gewalt gegenüber den eigenen Soldaten werden häufig beanstandet. Die taktische Kompetenz der Offiziere sehen die Interviewten ebenfalls kritisch. Es häufen sich Berichte über Eigenbeschuss, taktische Fehlentscheidungen mit hohen Verlusten oder völlige Planlosigkeit in den Einheiten. Die Interviewten gewannen den Eindruck, dass ihr Leben von der Militärführung und den Offizieren nicht wertgeschätzt wird. Ein Soldat bringt es auf den Punkt: „Mobilisierte werden nicht als Menschen betrachtet“.

Ukrainische Offiziere verfügen über größere taktische Entscheidungsbefugnis und binden ihre Untergebenen durch eine flache Hierarchie stärker in die Operationsplanung und Informationsgewinnung ein. Während Offiziere in der Anfangsphase des Krieges oft als unerfahren und planlos wahrgenommen wurden, werden sie mittlerweile meist als bedacht und kompetent eingestuft. Die Entwicklung neuer Taktiken und Techniken wird außerdem durch Freiräume bei der Umsetzung von Befehlen sowie eine Kultur von „militärischen Start-ups“ (also kleinen Einheiten mit der Befugnis, Waffensysteme oder Taktiken selbst zu entwickeln und zu nutzen) bewusst durch die Offiziere gefördert. Dem Verhältnis zwischen ukrainischen Offizieren und ihren Untergebenen liegt die Wertschätzung individueller Leben zugrunde. Die Offiziere werden als empathisch beschrieben und sorgen sich um das Wohl ihrer Untergebenen: „In erster Linie ist ein Vorgesetzter ein normaler, verständnisvoller und einfühlsamer Mensch, der mit seinen Untergebenen vertraut ist“. Auch an der emotionalen Verarbeitung von Verlusten nehmen die Offiziere direkt teil. Kritisiert wird allerdings die Belastung der Führungskräfte durch administrative Tätigkeiten, die eigentlich auf einer höheren Ebene übernommen werden sollten.

Neben den Offizieren prägen insbesondere die Kameraden das Umfeld der Soldaten. In 37 Interviews äußerten sich Soldaten über Zusammenhalt, Moral und Professionalität ihres Truppenteils (siehe Grafik 3 auf S. 27).

Russische Soldaten berichten, dass administrative Probleme wie ausbleibender Sold oder offene Verstöße gegen den Dienstvertrag die Stimmung in der Einheit belasten und zu Spannungen im Gefecht und in Ruhephasen führen. Die schlechten Lebensbedingungen schüren zudem einen andauernden Konkurrenzkampf in den Einheiten. Verschiedene Interviewpartner bemängeln die fehlende Disziplin und sehen darin einen Zusammenhang mit der Plünderung ziviler Einrichtungen und der Misshandlung von Zivilisten. Um den Zuständen an der Frontlinie zu entkommen, konsumieren russische Soldaten Drogen oder verletzten sich selbst bis zur Einsatzunfähigkeit. Der Fronteinsatz lastet schwer auf den Interviewten, sie haben das Gefühl, vollkommen verzichtbar zu sein. Verletzte Kameraden werden häufig zurückgelassen, und die Soldaten bekommen dabei das Gefühl, lediglich „lebendige Ziele“ zu sein. Zersetzende Moral, mangelnder Zusammenhalt und unprofessionelles Verhalten führen zunehmend zur Erosion des Kampfwillens.

Ukrainische Soldaten berichten dagegen deutlich positiver über ihre Einheiten. Trotz ständiger personeller Wechsel durch Verluste, Neubesetzungen und Rotationen entsteht ein starkes Gemeinschaftsgefühl zwischen den Soldaten. Das gemeinsame Ziel stellt die meisten internen Differenzen in den Hintergrund. Die Soldaten sind erschöpft, sie sind aber davon überzeugt, den Krieg zu Ende bringen zu müssen: „Wir müssen uns ausruhen, aber erst nach dem Krieg“. Sie ziehen Kraft aus der erfolgreichen taktischen Zusammenarbeit und dem professionellen Umgang innerhalb der eigenen sowie mit anderen Einheiten auf dem Schlachtfeld. Die Soldaten betonen, wie wichtig es ist, offen miteinander zu reden und sich auch über die eigene Einheit hinaus gegenseitig zu helfen. Trotz schwieriger Bedingungen entsteht so ein Gefühl des Zusammenhalts. Das gemeinsame Ziel, die Ukraine zu verteidigen, schweißt die Soldaten zusammen. Dies hilft ihnen, trotz schwieriger Missionen oder Fehlschlägen motiviert zu bleiben und die Moral hochzuhalten.

In 42 Interviews wurde der Grad der Motivation der Soldaten anhand ihres Enthusiasmus für den Krieg oder indirekt anhand ihrer Wortwahl ermittelt (siehe Grafik 4 auf S. 27). Auf russischer Seite ist ein breites Spektrum an Überzeugungen erkennbar, allerdings auch eine Tendenz zu schwacher Motivation. Wiederholt bringen die Soldaten Apathie, Unglaube, oder eine Abneigung, an der Front zu sein, zum Ausdruck. Einige der Soldaten mit schwacher Motivation haben sich zwar freiwillig für den Krieg gemeldet, berichten aber von einer raschen Desillusionierung. Ein Soldat würde sogar lieber an der Front sterben, als sein Dasein als Häftling in Russland zu fristen. Viele russische Soldaten ziehen allerdings aus Überzeugung in den Krieg, stellen jedoch offensichtlich nicht die Mehrheit dar. Einige motiviert der Patriotismus und das Gefühl von Kameradschaft. Soldaten, die aus tiefster Überzeugung kämpfen, sind mordlustig und wollen sich an den Ukrainern rächen. Sie unterstützen somit die imperialen Bestrebungen des Kremls.

In der russischen staatlichen Propaganda werden ukrainische Soldaten als demotiviert dargestellt. Einige ukrainische Soldaten erzählen aber auch westlichen Medien, dass sie trotz anfänglich hoher Motivation mittlerweile „genug haben“ und zynisch geworden sind, weil Erfolge an der Front ausbleiben. Viele sind freiwillig in den Krieg gezogen. Auf ukrainischer Seite gibt es allerdings auch zahlreiche Menschen, die sich gegen eine Einberufung in die Armee wehren. Die meisten von ihnen sind davon überzeugt, dass ihre Teilnahme am Krieg wichtig ist und dass ihr Dienst für ihr Land sehr bedeutend ist. Dabei ist die Intensität dieser Überzeugung unterschiedlich stark ausgeprägt. Einige untermauern diese mit Pragmatismus, bei den meisten ukrainischen Soldaten sind jedoch Patriotismus und persönliche Gründe ausschlaggebend. Viele nennen ihre Heimat, die Familie sowie die Freiheit und Zukunft des Landes als Beweggründe, sich den ukrainischen Streitkräften anzuschließen. Für die ukrainischen Soldaten ist ein Sieg alternativlos, denn „der Preis, den wir gezahlt haben, ist schon viel zu hoch, um jetzt einfach aufzugeben“.

Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass überzeugte russische Soldaten den Angriffskrieg und die damit verbundene Gewalt befürworten, während ukrainische Soldaten der Schutz der Heimat motiviert. Mit der Dauer des Krieges tritt auf beiden Seiten Kriegsmüdigkeit auf, jedoch konnten wir ausgeprägte Apathie fast ausschließlich auf russischer Seite feststellen.

Neben der Intensität der Motivation der Soldaten können auch ihre Beweggründe betrachtet werden (siehe Grafik 5 auf S. 28). Niedrige Beweggründe sind beispielsweise gar keine Überzeugung oder Mordlust, Angst oder finanzielle Anreize. Als hohe Beweggründe stufen wir den Schutz der Familie, die Landesverteidigung oder ideologische Überzeugung ein.

Russische Soldaten führen durchgehend niedrige Beweggründe an, die Mehrzahl verorten wir im unteren Drittel der Skala. Einige Soldaten sind in den Kampf gezogen, ohne sich Gedanken über die Gründe gemacht zu haben oder berichten davon, dass ihnen jegliche Motivation fehle. Die Motivation anderer Soldaten leitet sich ebenfalls kaum aus Begeisterung für den Kampf ab, sie fürchten jedoch Bestrafung, Haft oder in finanzielle Notlage zu geraten. Einige russische Soldaten geben an, nicht vollständig über ihre Aufgaben aufgeklärt und von Rekrutierern belogen worden zu sein. Ein paar wenige nennen Loyalität gegenüber dem eigenen Land als Grund, was wir als Mittelwert einstufen. Gleichzeitig ist dieser Beweggrund aber meist mit Enttäuschung oder Desillusionierung von eben diesem Heimatland verbunden. Starke Motivation geht meist mit niedrigen Beweggründen einher, die auf ideologisiertem Hass gegenüber den Ukrainern oder Rachelust gründen. Lediglich in 10 von 42 Interviews stimmen die Werte für die Stärke der Motivation und die Beweggründe überein. Nur ein russischer Soldat nennt die Hoffnung auf einen persönlichen Neustart als einen Grund, warum er in den Krieg gezogen ist.

Die ukrainischen Soldaten führen mehrheitlich höhere Beweggründe an. Zu diesen Gründen gehört, die Verwandtschaft zu befreien, die Verteidigung der Heimat und der Familie, daran beteiligt zu sein, eine Wendepunkt in der Geschichte herbeizuführen oder eine friedliche Zukunft für die Kinder zu garantieren. Auch bei den ukrainischen Soldaten stimmen nur bei 11 Interviews die Werte für den Grad der Motivation und die Beweggründe überein. Dennoch ist der Unterschied nicht so groß wie bei den russischen Soldaten, bei vielen Interviews ist die Abweichung nur gering. Wenig verwunderlich ist, dass das Interview mit dem Wert 1 als niedrigstem Beweggrund von der russischen Staatsagentur TASS stammt. In einem anderen Interview mit einem westlichen Medium berichtet ein ukrainischer Soldat, dass einige der jüngst eingezogenen Soldaten nicht mehr so patriotisch eingestellt sind wie noch zu Beginn des Krieges. Sie seien nur in der Armee gelandet, weil sie ihrer Einberufung nicht entgehen konnten. Insgesamt lässt sich jedoch festhalten, dass die Motivation und die Beweggründe der ukrainischen Soldaten in unserer Interviewstichprobe deutlich höher sind als die der russischen Soldaten.

Fazit

Die Untersuchung der Soldatenperspektiven in Russlands Krieg gegen die Ukraine verdeutlicht die zentrale Rolle von Motivation, Führungskultur und Kohäsion im Militär. Wenn einzelne dieser Aspekte positiv bewertet werden, ist es wahrscheinlich, dass der Soldat insgesamt positiv auf den Dienst blickt.

Die vergleichende Analyse zeigt signifikante Unterschiede zwischen russischen und ukrainischen Soldaten, die sowohl auf den Kontext ihrer Einberufung als auch auf ihre persönlichen Beweggründe zurückzuführen sind. Während russische Soldaten in unserer nichtrepräsentativen Stichprobe überwiegend unter Zwang oder Täuschung mobilisiert wurden und niedrige Beweggründe vorbringen, die häufig von Apathie, Angst oder ideologisiertem Hass begleitet sind, dominiert bei ukrainischen Soldaten die freiwillige Teilnahme oder Akzeptanz der Einberufung, getragen von patriotischen, familiären und freiheitsorientierten Beweggründen. Dieser qualitative Unterschied hat laut den untersuchten Interviews unmittelbaren Einfluss auf die Moral, den Zusammenhalt und die Professionalität der Einheiten.

Auch das Verhalten der Offiziere wirkt sich direkt auf die Motivation der Soldaten aus: Korruption, Willkür und taktische Fehlentscheidungen untergraben auf russischer Seite das Vertrauen und verstärken das Gefühl, entbehrlich zu sein. Demgegenüber fördern ukrainische Offiziere durch flachere Hierarchien, Empathie und Innovationsfreiräume eine kooperative Kultur, die zur Stärkung der Truppenmoral beiträgt. Für weitere Wellen der Mobilisierung oder die Rückkehr in das zivile Leben sind die Erfahrungen der Soldaten entscheidend: Sind die Erfahrungen bei Mobilisierung und im Einsatz stark negativ, gestalten sich folgende Mobilisierungswellen und die Rückkehr zur Truppe schwierig. Diese negativen Erfahrungen zeigen sich bei russischen Soldaten durchweg, bei ukrainischen Soldaten hingegen deutlich seltener.

Unsere Stichprobe aus den Jahren 2022 und 2023 zeigt, wie unterschiedliche Arten der Einberufung, Überzeugungen und Erfahrungen in der Einheit zu unterschiedlicher Wahrnehmung des Dienstes führen. Im späteren Kriegsverlauf kam es in beiden Ländern zu tiefgreifenden strukturellen Veränderungen bei der Rekrutierung von Soldaten. Dennoch treffen neu mobilisierte Soldaten auf die bisherigen Erfahrungen und Wahrnehmungen ihrer Kameraden.

Anmerkung: Aus Platzgründen konnten nicht alle Quellen, die dieser Analyse zugrunde lagen, in der Bibliografie angegeben werden. Die vollständige Liste der Quellen kann auf Nachfrage von den Autoren zur Verfügung gestellt werden.

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Konstantin Drascek studiert nach dem Abschluss des Bachelors in Politikwissenschaft an der Universität Regensburg und der American University in Washington DC Demokratiewissenschaften in Regensburg. Er hat den Fokus seines Studiums auf Außen- und Sicherheitspolitik gelegt und interessiert sich insbesondere für europäische Sicherheit, Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung sowie die Rolle aufkommender Technologien in der Geopolitik.

Elisha Iannucci-Laqua ist Master-Studentin der Demokratiewissenschaft an der Universität Regensburg und hat sich auf internationale Politik spezialisiert, mit besonderem Fokus auf Mittel- und Osteuropa und die Kaukasusregion. Sie ist in der Hochschulgruppe für Außen- und Sicherheitspolitik sowie in der United Nations Society Regensburg aktiv. Außerdem arbeitet sie als studentische Hilfskraft im Arbeitsbereich Politik des Leibniz-Instituts für Ost- und Südosteuropaforschung.

Jannik Steinwender promoviert an der Professur für Internationale Politik und transatlantische Beziehungen von Stephan Bierling zur Nutzung hybrider Mittel gegen Deutschland. Die Resilienz von Osteuropa und insbesondere der Ukraine stehen im Fokus des Promotionsprojekts. In der Hochschulgruppe für Außen- und Sicherheitspolitik arbeitet er zu Handelspolitik und asymmetrischen Bedrohungen.