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Der ländliche Raum: Frankreichs neues Sorgenkind

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Der ländliche Raum: Frankreichs neues Sorgenkind

Nina Henkelmann

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Die Kluft zwischen dem Frankreich der Metropolen und der ländlichen Regionen hat sich verschärft und beeinflusst auch den Präsidentschaftswahlkampf. Präsident Macron ringt mit Hilfsversprechen darum, seiner Konkurrentin Marine Le Pen ihre besondere Beliebtheit auf dem Land streitig zu machen, und der rechtsradikale Zemmour stellt eine Geburtenprämie in Aussicht. Wessen Strategie geht auf?

Die kleine Gemeinde Le Martinet in Südfrankreich. (© picture-alliance, abaca)

Jahrzehntelang erregten Frankreichs Banlieues aufgrund von Arbeitslosigkeit, Diskriminierung und Gewalt große Aufmerksamkeit. Inzwischen seien "die Vorstädte zu den großen vergessenen Themen des Wahlkampfs" geworden, klagen Bürgermeister der Pariser Region (vgl. Externer Link: Franceinfo, 31.01.2022). Im Fokus steht stattdessen nun der ländliche Raum. Die Tageszeitung Externer Link: La Croix (18.02.2022), die das Wort Ländlichkeit als einen der zentralen Begriffe des Präsidentschaftswahlkampfs 2022 ausgemacht hat, beruft sich in ihrer Analyse auf den Soziologen Nicolas Renahy: Die Geringschätzung der ländlichen Gebiete reiche bis in die 1980er-Jahre und die Gründung des Stadtministeriums 1990 unter François Mitterrand zurück. "Von da an werden soziale Probleme geografisch zugeordnet und man vergisst, dass die ländlichen Gebiete manchmal stärker durch die Arbeiterschaft geprägt sind als einige Vorstädte." Ein tiefer Spalt sei entstanden, der sich mitunter im Wahlverhalten äußere, merkt Externer Link: Le Républicain Lorrain (10.01.2022) an: "Die großen Städte haben sich allmählich nach links orientiert, in den ländlichen Gebieten vollzog sich der umgekehrte Wandel. Weitere Gründe für Unverständnis treten im Licht der ökologischen Herausforderungen zutage. … Die Interessen in der Stadt und auf dem Land schienen noch nie so divergent. Es handelt sich dabei um eine der größten Bruchlinien unseres Landes."

Schlagartig zutage getreten war diese Kluft zwischen den Metropolen und dem auch als "vergessene Gebiete" bezeichneten ländlichen Raum bei den wochenlangen Protesten im Herbst/Winter 2018/2019, die sich anfangs gegen die Anhebung der Kraftstoffsteuer richteten, schrittweise aber auch weitere Sorgen der Landbevölkerung thematisierten. "Die Gelbwesten-Krise hat gezeigt, dass die vergessenen Gebiete zählen. … Das Ausrichten der öffentlichen Daseinsvorsorge auf Leistung hat zu einem Abbau öffentlicher Dienste in Gegenden geführt, die bereits in Schwierigkeiten waren. Daher überrascht es nicht, dass ein Teil der Bevölkerung der Regierung nicht mehr glaubt und seine Forderungen durch Demonstrationen oder Stimmenabgabe für extreme Parteien zum Ausdruck bringt." erläutert Externer Link: La Tribune (19.01.2022) und schlussfolgert: "Eines ist sicher: Die Präsidentschaftskandidaten können diese vergessenen Gebiete, denen es an der Wahlurne oder auf der Straße oft gelungen ist, die Aufmerksamkeit zurückzuerobern, nicht ignorieren." Die Kluft habe sich jüngst sogar noch weiter vergrößert, sind Gilles Poux, kommunistischer Bürgermeister von La Courneuve, und der Ökonom Thomas Porcher in Externer Link: Le Journal du Dimanche (12.03.2022) alarmiert: "Die Lage ist für Millionen Franzosen in Sachen Zugang zu Bildung, Gesundheit, Beschäftigung und Wohnen kritisch."

Die ideale Gelegenheit, sich dem Thema ländlicher Raum zuzuwenden und die dortige Bevölkerung (rund ein Drittel der Einwohner Frankreichs)* anzusprechen, ist für die Bewerber um das höchste Amt im Staat traditionell die Ende Februar/Anfang März in Paris stattfindende Landwirtschaftsmesse. "Im prall gefüllten Terminkalender des Wahlkampfs ist der Besuch der Landwirtschaftsmesse für die meisten Präsidentschaftskandidaten ein Muss", erläutert Externer Link: Les Echos (26.02.2022). Zum einen, weil das Branchentreffen starke Medienaufmerksamkeit erhält, zum anderen, weil die Landwirte großen Einfluss in Gegenden haben, die für Politiker schwer zu erreichen sind, so das Wirtschaftsblatt weiter. Die meisten Franzosen haben ein positives Bild der Bauern und die Lebensmittelbranche ist ein wichtiger Beschäftigungssektor. "Von dieser Minderheit gemocht zu werden, erlaubt es auch, seine Beliebtheit in der Gesellschaft allgemein zu steigern", präzisiert Externer Link: Slate (22.02.2022).

Der Einfall der russischen Armee in die Ukraine zwei Tage vor Veranstaltungsbeginn änderte jedoch den traditionellen Ablauf. "Die Rückkehr der Landwirtschaftsmesse von der Ukraine-Krise auf den Kopf gestellt", titelte beispielsweise Externer Link: L'Express (26.02.2022). Von der Außenpolitik eingenommen stattete der französische Präsident Macron nur einen stark verkürzten Besuch ab. In seiner Eröffnungsrede richtete er nicht nur seinen Dank an die Landwirte für das gute Durchhalten während der Corona-Krise, sondern stimmte diese auch auf neue harte Zeiten aufgrund des Kriegs in der Ukraine ein. Er sicherte ihnen seine Hilfe zu, da Frankreich als neuntgrößtem Lieferanten Russlands für Landwirtschaftsprodukte große Exporteinbußen bevorstünden (vgl. Externer Link: Le Monde, 26.02.2022).

Die Chance zum Stimmenfang zwischen Kühen und Käseverkostungen ließen sich Macrons Herausforderer auch nicht nehmen, allen voran Éric Zemmour, der in den Umfragen um einige Punkte abgerutscht war. "Um wieder aufzuholen, weiß der Kandidat, dass er sein Sympathiekapital ausbauen muss, indem er um jeden Preis Hände schüttelt und auf Selfies posiert", beobachtet Externer Link: Le Figaro (04.03.2022). Inhaltlich treffe der rechtsradikale Kandidat allerdings nicht ins Schwarze, glaubt Externer Link: Libération (14.02.2022): "Die ländlichen Gebiete scheinen für den Polemiker unerreichbar. Seine Vorschläge zu ihren Gunsten scheinen realitätsfern. Seine wichtigste Maßnahme, um ihnen eine neue Dynamik zu verleihen? Eine staatliche Prämie in Höhe von 10.000 Euro für 'jede neue Geburt im ländlichen Raum'."

Mehr Geld aus Paris stellen auch Valérie Pécresse von den konservativen Les Républicains und Marine Le Pen vom rechtsextremen Rassemblement Nationale in Aussicht. Sie wollen die staatlichen Ausgaben für Städte und ländliche Gebiete ausbalancieren. Die Sozialistin Anne Hidalgo und der Grüne Yannick Jadot aus dem linken Spektrum kündigten eine Stärkung der öffentlichen Dienste an. Neben Gefahren sehen die Kommentatoren aber auch Chancen, insbesondere dank der Landlust, die durch die harten Lockdowns im ersten Jahr der Covid-19-Pandemie zunahm. "Der infolge der Corona-Krise gestiegene Appetit der Franzosen, sich außerhalb der Großstädte niederzulassen, ist für die ländlichen Gebiete eine Gelegenheit, ihre Infrastruktur auszubauen und in der landesweiten Debatte stärkeres Gewicht zu erhalten.", zeigt sich die Wirtschaftszeitung Externer Link: Les Echos (17.03.2022) zuversichtlich.

Zumindest im Wahlkampf wird dem Thema ländlicher Raum also mittlerweile deutlich größere Aufmerksamkeit beigemessen. Sicher auch, weil der in den Umfragen führende Emmanuel Macron den starken Zuspruch seiner aussichtsreichsten Herausforderin Marine Le Pen außerhalb der Metropolen verringern will. Bei der Wahl 2017 hatte Emmanuel Macron vor allem in den Städten gesiegt, während Marine Le Pen besonders auf dem Land hohe Werte erzielt hatte (vgl. Externer Link: 20minutes, Externer Link: Le Figaro). Die Entscheidung, seine Kandidatur in regionalen Tageszeitungen zu verkünden, "zeigt ebenfalls den Willen Macrons, sich den Franzosen anzunähern und die Grenzen, insbesondere die sehr ausgeprägte zwischen Paris und dem Rest des Landes, abzubauen", analysiert Externer Link: France Culture (04.03.2022). Und da es derzeit nach einer Neuauflage des Duells von 2017 aussieht, versucht Marine Le Pen, ihre Wählerschaft im ländlichen Frankreich durch Versprechen zur Steigerung ihrer Kaufkraft zu mobilisieren. Der Kampf um die Stimmen auf dem Land hat also begonnen.

*Die Landbevölkerung macht laut Statistikamt Insee rund ein Drittel der Einwohner Frankreichs aus. Externer Link: https://www.insee.fr/fr/statistiques/5040030

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ist euro|topics-Korrespondentin für Frankreich sowie die französischsprachigen Teile Luxemburgs, Belgiens und der Schweiz. Sie hat Romanistik, Kultur- und Kommunikationswissenschaften in Deutschland und Frankreich studiert und ist im Bereich Medien und Öffentlichkeitsarbeit, Fremdsprachenausbildung und Übersetzung in Deutschland, Frankreich und Italien tätig.