Das Internet spielt eine zunehmend zentrale Rolle in Radikalisierungsprozessen. Viele islamistische Akteur:innen nutzen das Internet heute zur Organisation, Rekrutierung und Verbreitung ihrer Ideologien. Ihre Aktivitäten, Kommunikations- und Propagandastrategien nachzuzeichnen und zu analysieren, ist das Ziel von Monitoring. Mit der steigenden Bedeutung des Internets für islamistische Strömungen hat auch das Interesse an Monitoring in der Präventionsarbeit zugenommen, denn es unterstützt Fachkräfte dabei, sich einen Überblick darüber zu verschaffen, mit welchen extremistischen Personen, Inhalten und Dynamiken ihre Zielgruppen potenziell in Berührung kommen. Auf Grundlage dessen können Präventionsstrategien dann gezielt weiterentwickelt und angepasst werden.
Monitoring im Kontext digitaler Radikalisierung
Monitoring bedeutet auf Deutsch „Überwachung“ oder „Aufsicht“. Im deutschen Sprachraum setzte sich der Begriff ab den späten 1980er-Jahren zunehmend durch und fand insbesondere seit den 2010er-Jahren breite Verwendung in Publizistik, Verwaltung und Wissenschaft (DWDS 2026). Das digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) assoziiert den Begriff typischerweise mit technisch-administrativen Tätigkeiten, der Duden definiert Monitoring als „[Dauer]beobachtung [eines bestimmten Systems]“ (Duden 2025). Dazu können das Wetter oder Geräte auf der Intensivstation, aber auch die wissenschaftliche Beobachtung von Radikalisierungsprozessen im Bereich des Extremismus (zum Beispiel MOTRA-Monitor) zählen. Im hier verwendeten Sinne wird Monitoring als kontinuierliche, systematische Beobachtung von Prozessen, Inhalten oder Entwicklungen klar abgegrenzter Systeme anhand definierter Variablen verstanden und nicht als individuelle oder repressive Überwachung. Ziel ist es, Veränderungen, Trends oder potenzielle Risiken frühzeitig zu erkennen und darauf reagieren zu können. Übertragen auf digitale Öffentlichkeiten richtet sich Monitoring auf das Beobachten dynamischer Online-Räume, insbesondere Interner Link: Social Media, die durch hohe Geschwindigkeit, Reichweite und Vernetzungsdichte gekennzeichnet sind. Dabei existieren unterschiedliche Arten von Monitoring, die sich jeweils hinsichtlich ihres Umfangs sowie ihrer Ziele und Anwendungsinteressen unterscheiden.
Das Monitoring, das in diesem Beitrag behandelt wird, umfasst das Social Media-Ökosystem. Social Media-Monitoring fungiert dabei gewissermaßen als digitaler Sensor: Es registriert in Echtzeit, was in Social Media sichtbar wird (zum Beispiel Hashtags, Schlagwörter oder Erwähnungen), um zeitnah reagieren zu können. Damit können umfassende Erkenntnisse über die Entwicklungen islamistischer Szenen, Ideologien, Akteur:innen und Netzwerke gewonnen werden, die die Arbeitsgrundlage vieler Präventionsprojekte bilden. Viele Fachkräfte verfügen im Arbeitsalltag kaum über ausreichend zeitliche Ressourcen, um sich kontinuierlich selbstständig über aktuelle Entwicklungen und Trends in extremistischen Szenen zu informieren. Auf diesen Bedarf reagiert das (zivilgesellschaftliche) Monitoring islamistischer Akteur:innen, indem es relevante Entwicklungen zusammenfasst und zielgerichtet für die Präventionsarbeit aufbereitet.
Entwicklung und Institutionalisierung des Monitorings: vom sicherheitsbehördlichen OSINT zu zivilgesellschaftlichen Initiativen
Frühe Formen des Monitorings wurden in westlichen Staaten bereits im Ersten und Zweiten Weltkrieg angewendet, etwa beim Office of Strategic Services (OSS), dem Vorläufer des US-Auslandsgeheimdienstes CIA, oder vergleichbaren britischen Institutionen. Diese werteten Medienberichte, Regierungstexte und visuelle Materialien systematisch aus (Van Puyvelde/Rienzi 2024: 534ff.).
Mit dem Internet, sozialen Netzwerken und Messengerdiensten erweiterte sich im Laufe der 2000er-Jahre das potenzielle Beobachtungs- und Tätigkeitsfeld erheblich. Im sicherheitsbehördlichen Bereich wird die Beobachtung von digitalen Kanälen und Social Media-Ökosystemen im Bereich der Open Source Intelligence (OSINT) verortet. Der Verfassungsschutz definiert den OSINT-Bereich etwa folgendermaßen:
Damit geht OSINT – und speziell Social Media Intelligence (SOCMINT) als Teilbereich von OSINT – über ein einfaches Social Media-Monitoring hinaus, was etwa in der zivilgesellschaftlichen Monitoring-Arbeit verbreitet ist, denn: Ziel von OSINT ist nicht nur die Erfassung von offenen Quellen, sondern die kontextualisierte Analyse von Inhalten, Akteursnetzwerken und Dynamiken unter Einbezug von Metadaten, Interaktionen und historischen Verläufen.
Besonders durch die stärkere Nutzung der sozialen Medien als Instrument politischer Botschaften und der gesellschaftlichen Mobilisierung für politische Proteste und Kampagnen bekamen Beobachtungen und Analysen über Diskurse und Geschehnisse auf der Welt größere Bedeutung. Mit der sogenannten Interner Link: Grünen Bewegung im Iran 2009 wurde erstmals deutlich, welche Bedeutung das Internet als Plattform zur Koordinierung von Protesten und zur Formierung gemeinsamer Narrative auch für OSINT erlangte. Durch die Analyse öffentlich zugänglicher Informationen zu Orten, Aktivitäten und Ereignissen konnten externe Beobachter:innen trotz staatlicher Abschottung ein Lagebild der Proteste rekonstruieren (Colquhoun 2016). Damals entwickelte sich beispielsweise die Mikroblogging-Plattform Twitter (heute X) zu einer immer wichtigeren Quellengrundlage für das OSINT, weil immer mehr Menschen, darunter aus dem Iran, Informationen zu Geschehnissen in ihrem unmittelbaren Umfeld dort mit der Welt teilen konnten. Der syrische Bürgerkrieg ab 2011 zählt – neben dem Krieg in der Ukraine ab 2022 – aufgrund der enormen Menge audiovisueller und textlicher Inhalte sowie der Verfügbarkeit technischer Analysewerkzeuge zu den am detailliertesten dokumentierten Konflikten des 21. Jahrhunderts. Sowohl Proteste als auch militärische Auseinandersetzungen zwischen Regime, Rebellen und dschihadistischen Akteuren wie dem sog. „Islamischen Staat“ konnten über das Internet und Social Media im Speziellen nahezu in Echtzeit nachvollzogen werden.
Aufgrund der zentralen Rolle und Verbreitung von Social Media markieren die frühen 2010er-Jahre den Durchbruch zivilgesellschaftlicher Monitoring-Plattformen. Zivilgesellschaftliche Initiativen spezialisierten sich dabei auf jeweils verschiedene Aspekte der OSINT und auf unterschiedliche Themen. Im Bereich der Beobachtung des islamistischen Extremismus online handelte es sich dabei zunächst vielfach um nicht-kommerzielle Initiativen von Einzelpersonen und Forscher:innen, die auf Blogs Berichte veröffentlichten oder auf Mikrodiensten wie Twitter Erkenntnisse teilten. Zu diesen frühen Formen zivilgesellschaftlichen Monitorings zählten unter anderem:
Sammlung, Archivierung und Analyse islamistischer Propaganda, darunter Einzelpersonen-Projekte wie jihadica und Jihadology (Aaron Y. Zelin et al.), Chechen Jihad (Joanna Paraszczuk), die Arbeiten von Aymenn Jawad Al-Tamimi, in Deutschland Blogs wie Erasmus Monitor (Heiner Vogel) und Ojihad (Florian Flade);
Geolokalisierung von Ereignissen wie Anschlägen, Frontverläufen oder militärischen Bewegungen auf Basis visueller Inhalte, etwa durch den Brown Moses Blog und Bellingcat (Eliot Higgins);
Analyse von Waffensystemen, deren Herkunft und Einsatz in Konfliktgebieten, unter anderem durch Projekte wie Calibre Obscura und Militant Wire;
Analyse von Finanzströmen islamistischer und terroristischer Gruppen, darunter der Think Tank Institute for Strategic Dialogue (ISD) oder die britische NGO Hope not Hate.
Im Zuge dieser Entwicklungen und einem wachsenden Interesse an Informationen zu Dynamiken in der islamistischen und dschihadistischen Szene kam es neben dem sicherheitsbehördlichen OSINT auch zur weiteren Ausdifferenzierung und Institutionalisierung von zivilgesellschaftlichen Projekten, wahlweise angesiedelt bei unterschiedlichen Medien, in der Forschung und in der Präventionsarbeit. Wo und wie genau zwischen den Akteur:innen die Grenzen verlaufen, welche Verbindungen zwischen ihnen bestehen und welche Motive sie verfolgen, ist Gegenstand von aktuellen Debatten der spezialisierten OSINT-Forschung (Van Puyvelde/Rienzi 2025: 536).
In den darauffolgenden Jahren haben auch vermehrt Träger der deutschen Präventionsarbeit Monitoring-Projekte im Phänomenbereich Islamismus etabliert. Ziel dieser Angebote ist es, Fachkräfte aus unterschiedlichen Arbeitsbereichen durch die Bereitstellung aktueller, übersichtlich aufbereiteter Informationen in ihrer Arbeit zu unterstützen. Die meisten Projekte werden durch private Stiftungen oder öffentliche Fördermittel finanziert. Manchen Trägern kommen dabei auch Aufgaben zu, die zwischen den Bereichen Sicherheitsbehörden und Zivilgesellschaft verortet werden können. Sie beobachten nicht nur digitale Räume, sondern verfügen über gesetzlich geregelte Interventionsinstrumente wie die Anordnung von Sperrungen oder die Löschung extremistischer Inhalte. Eine der ältesten Plattformen, die das Monitoring in das eigene Publikationsangebot integrierte, und über solche Instrumente verfügt, ist jugendschutz.net. Die staatlich finanzierte Stelle wurde 1997 gegründet und fungiert als gemeinsames Kompetenzzentrum von Bund und Ländern für den Schutz von Kindern und Jugendlichen. Neben jugendgefährdenden Inhalten und sexualisierter Gewalt auf Social Media-Plattformen beobachtet jugendschutz.net auch Inhalte des politischen Extremismus, seit 2012 auch explizit im Phänomenbereich Islamismus. Die Inhalte werden auf Grundlage des Jugendmedienschutz-Staatsvertrags hinsichtlich ihrer Legalität sowie ihrer potenziellen Wirkung auf die Entwicklung von Minderjährigen bewertet. Mit regelmäßigen Reports zu aktuellen Trends und themenspezifischen Lageberichten leistete das Angebot früh Pionierarbeit im Bereich des präventionsbezogenen Monitorings (vgl. jugendschutz.net 2024). Dabei informiert jugendschutz.net auch Internetanbieter über illegale Inhalte, um deren Löschung zu erreichen, wenn sie Jugendliche in ihrer Entwicklung zu beeinträchtigen drohen.
Im Phänomenbereich Islamismus hat die Forschungsstelle Modus – Zentrum für angewandte Deradikalisierungsforschung (modus|zad) mit den Projekten Externer Link: ABAT Online-Salafismus (2019; „Aktuelle Begriffe, Akteure und Trends salafistischer (Online-)Diskurse und Implikationen für die Praxis der Radikalisierungsprävention“), Externer Link: KorRex (2020; „Korrelationen der religiös begründeten englisch- und deutschsprachigen Extremismusperipherie auf YouTube und Implikationen für die Radikalisierungsprävention“) und dem Interner Link: bpb-Basismonitoring der Peripherie des islamistischen Extremismus (2021-2025), gefördert durch die Bundeszentrale für politische Bildung, seit den späten 2010er-Jahren grundlegende Arbeit geleistet. Durch regelmäßige Monitoringberichte zu aktuellen Trends, Netzwerkanalysen relevanter Akteur:innen sowie Fortbildungsangeboten für Fachkräfte wurde frühzeitig eine systematische Auseinandersetzung mit dynamischen Entwicklungen im islamistischen Spektrum ermöglicht (modus|zad 2024).
Mit Externer Link: KN:IX plus bestand zwischen 2022 und 2024 im Rahmen des Kompetenznetzwerks Islamistischer Extremismus (KN:IX) eine weitere Monitoring-Plattform, die Akteur:innen des islamistischen Spektrums kontinuierlich beobachtete und Trend- sowie Kontextanalysen zur Szene bereitstellte. Inzwischen wird dieses Monitoring durch modus | zad im Verbundprojekt KN:IX connect fortgeführt (KN:IX plus o. D.). Seit 2025 bietet auch das Verbundprojekt Externer Link: dist[ex], das speziell auf den Bereich der Beratungs- und Distanzierungsarbeit fokussiert, Monitoring-Berichte an (dist[ex] o. D.).
Im Rahmen ihrer Monitoring-Arbeit befassen sich die genannten Projekte regelmäßig mit zentralen Themenfeldern des islamistischen Extremismus, darunter Verschwörungserzählungen, Antisemitismus, Geschlechterrollen, Sexualität, Demokratieverständnisse, internationale Konflikte, Militanz und Terrorismus. Darüber hinaus prägen tagesaktuelle Ereignisse wie gesellschaftliche Debatten, Kampagnen oder Terroranschläge die inhaltliche Ausrichtung und Schwerpunktsetzung der unterschiedlichen Monitorings.
Methoden und Arbeitsweisen im Monitoring zu islamistischem Extremismus
Zu Beginn des Monitorings besteht für alle Fachkräfte die zentrale Herausforderung darin, relevante Akteur:innen des Phänomenbereichs im Internet zu identifizieren und angemessen einzuordnen. Viele zivilgesellschaftliche Monitoring-Projekte setzen dabei eine Mischung von Monitoring und OSINT ein: die plattformbasierte Beobachtung von Trends und Akteur:innen in der Szene sowie die Analyse und Bewertung von Rollen und Inhalten. Neben eigenen Bewertungen greifen sie zur Absicherung und zum kritischen Abgleich ihrer Einschätzungen häufig auf Sekundärquellen wie Behördenberichte oder bestehende Forschungsarbeiten und Presseberichte zurück.
Im Mittelpunkt der Analyse stehen vor allem die vermittelten Botschaften, deren Einordnung fundierte Vorkenntnisse zum jeweiligen Phänomenbereich voraussetzt. In der Regel arbeiten hier Fachkräfte unterschiedlicher Disziplinen – etwa aus der Islamwissenschaft, Sozialwissenschaft oder Politikwissenschaft – zusammen, um möglichst belastbare Zuschreibungen und Einordnungen vornehmen zu können.
Die eingesetzten Methoden lassen sich grundsätzlich in qualitative und quantitative Ansätze unterscheiden. Häufig werden sie experimentell und triangulierend (im Sinne eines Methodenmixes) eingesetzt, um ihren jeweiligen Erkenntnisgewinn zu evaluieren und ihre Eignung für die Beschreibung des Phänomenbereichs zu prüfen. Das Monitoring erstreckt sich dabei inzwischen auf eine Vielzahl von Internetplattformen und Messengerdiensten, darunter YouTube, Instagram, TikTok, Facebook und Telegram.
Bei genuin qualitativen Ansätzen wird die Grundgesamtheit beobachteter Kanäle in sozialen Netzwerken in regelmäßigen Abständen stichprobenartig untersucht, um zu erfassen, welche Themen in der islamistischen Szene aktuell von Bedeutung sind. Darauf aufbauend werden Inhalts- und Begriffsanalysen durchgeführt, zentrale Protagonist:innen beschrieben und Ereignisse kontextualisiert, etwa im Hinblick auf Ursachen, Abläufe oder mögliche Folgen. Zudem werden Aspekte wie Sprache, Kommunikations- und Propagandastrategien sowie audiovisuelle Gestaltungselemente qualitativ analysiert. In seltenen Fällen kommen auch qualitative Interviews zum Einsatz, bei denen direkt mit Akteur:innen kommuniziert wird, um Einblicke in Motive, Ziele und Überzeugungen sowie in interne Dynamiken der Szene zu gewinnen. Mitunter handelt es sich dabei um Personen, die sich selbst in Berichten des Monitorings wiederfinden und sich aus ehrlichem oder provokantem Interesse, aufgrund von Empörung oder eines empfundenen Erklärungsdrucks an Monitoring-Akteur:innen wenden. Resultiert aus solchen häufig zunächst online geführten Gesprächen ein klärender und vertrauensvoller Austausch auf Augenhöhe, können über das Monitoring hinaus auch Fachberatungskräfte hinzugezogen werden, die eigene Einschätzungen treffen und gegebenenfalls den Personen ein Beratungsangebot unterbreiten. Ein solches Zufallsresultat des Monitorings ist allerdings von anderen spezialisierten Formen der Onlineprävention wie der aufsuchenden digitalen Sozialarbeit als proaktiver Ansprache von Zielgruppen in relevanten Social Media-Räumen, wie sie beispielsweise durch die Projekte Interner Link: Streetwork@Online oder Interner Link: Aware.Net verfolgt werden, zu unterscheiden.
Da qualitative Ansätze mit einem vergleichsweise hohen Zeit- und Ressourcenaufwand verbunden sind, haben Monitoring-Projekte in den vergangenen Jahren ihre technischen Kapazitäten deutlich ausgebaut. Mithilfe quantitativer Erhebungs- und Auswertungsinstrumente werden heute große Datenmengen analysiert. In Zusammenarbeit mit Informatiker:innen werden hierfür Bots und Crawling-Tools entwickelt, die im Voraus identifizierte Kanäle in Social Media-Räumen, etwa über einschlägige sprachliche Codes, Begriffe oder Hashtags, über längere Zeiträume beobachten. Mithilfe von sogenannten Scraping-Protokollen oder API-basierten Abfragen (Application Programming Interface), also dem automatisierten Auslesen, Extrahieren und Speichern öffentlich zugänglicher Daten, werden entsprechende Datensätze dieser Kanäle auf eigenen Servern in Datenbanken gesichert. Technisch erfolgt dies häufig über programmierte Skripte (zum Beispiel in Python), die auf Servern oder Cloud-Infrastrukturen in regelmäßigen Intervallen ausgeführt werden, Plattformdaten automatisiert abrufen, strukturieren und direkt in Datenbanksysteme (zum Beispiel SQL-Datenbanken) übertragen. Auf diese Weise können fortlaufend aktualisierte Datensammlungen aufgebaut werden. Diese Daten können anschließend auf unterschiedliche Weise ausgewertet werden. So werden beispielsweise Interaktionszahlen wie Likes, Kommentare oder Videoaufrufe dokumentiert, wodurch Zeitreihenanalysen möglich werden. Diese liefern Hinweise auf Reichweite, Zielgruppenansprache und den relativen, quantifizierbaren Erfolg einzelner Akteur:innen und Inhalte. Auf dieser Grundlage werden teilweise Ranglisten erstellt, was die Beliebtheit ausgewählter Akteur:innen und Kanäle der Szene angeht. Darüber hinaus kommen Netzwerkanalysen zum Einsatz, mit denen Communities, Echokammern oder koordinierte Online-Kampagnen identifiziert und nachvollzogen werden können. Eine Verschränkung quantitativer und qualitativer Methoden (Triangulation) erfolgt bei der Auswertung großer Mengen textbasierter Daten, etwa von Videotranskripten, die sowohl quantitativ als auch qualitativ analysiert werden.
Nicht auf allen Plattformen ist die Datenerhebung gleichermaßen möglich, da Plattformen wie X oder Meta (unter anderem Facebook) den Zugang zu Daten teilweise technisch einschränken. Werden zu viele Daten automatisiert abgefragt, kann dies zur Sperrung von API-Zugängen führen, die von den Plattformbetreibern als Instrument zur Regulierung von Datenzugriffen eingesetzt werden. Auf diese Weise sollen Systemüberlastungen vermieden, die missbräuchliche Nutzung unterbunden sowie datenschutzrechtliche und ökonomische Interessen gewahrt werden. Diese Beschränkungen stellen ein erhebliches Hindernis für die quantitative Monitoring-Arbeit dar und beeinflussen Reichweite, Tiefe und Vergleichbarkeit der Analysen.
In der genuinen Präventionsarbeit im Phänomenbereich Islamismus ergänzen aufgrund der technischen und organisatorischen Hürden sowie permanenter Ressourcenknappheit bislang nur wenige Angebote ihr Monitoring mit quantitativen Ansätzen, darunter KN:IX connect und dist[ex]. Mit dem Hinzukommen KI-basierter Lösungen könnte es in diesem Bereich zu weiteren Innovationen kommen. Allerdings lässt sich die methodische Aussagekraft quantitativer Analysen – etwa bei Ranglisten (zum Beispiel Manipulationsanfälligkeit von Klick- oder Like-Zahlen durch Kanalbetreiber:innen) oder Netzwerkanalysen (zum Beispiel die Gefahr interpretativer Zirkelschlüsse infolge vorausgehender Kategorisierungen) – nur eingeschränkt beurteilen. Ein quantitativ-qualitativer Methodenmix sichert Analysen in diesem Bereich demnach am sinnvollsten ab. Gleichwohl können quantitative Analysen Fachkräften in der Präventionsarbeit einen kursorischen Überblick darüber bieten, welche Akteur:innen der islamistischen Szene mit welchen Themen auf welchen Plattformen Reichweite und Aufmerksamkeit generieren.
Beitrag des Monitorings zur Präventionsarbeit
Das Monitoring extremistischer Akteur:innen kann Fachkräfte in der Präventions- und Beratungsarbeit wirksam unterstützen, indem es sie von zeitintensiven Recherchetätigkeiten entlastet. Diese Arbeitsteilung spiegelt zugleich die multiprofessionelle Ausrichtung der Präventionsarbeit wider, in der unterschiedliche Aufgabenbereiche verteilt und in der Praxis eng miteinander verschränkt werden. Vergleichbare Formen arbeitsteiliger Kooperation finden sich beispielsweise auch in psychotherapeutisch-psychiatrischen Beratungsnetzwerken, wie etwa bei Interner Link: nexus, wo Monitoring-Erkenntnisse sowohl in der Beratungsarbeit, im Bereich der Heilberufe, als auch in Form von internen Weiterbildungen (zum Beispiel im Rahmen von themenbezogenen Intervisionen) gezielt und bedarfsorientiert vermittelt werden.
Monitoring bildet in vielen Praxisprojekten den Ausgangspunkt und die Grundlage für die Entwicklung von Unterrichts- und Fortbildungsangeboten, Informationsmaterialien sowie für die Beschreibung von Phänomenbereichen, ideologischen Strömungen und neuen Dynamiken. Regelmäßige Monitoringberichte, unter anderem auf einschlägigen Fachportalen der Präventionsarbeit, stellen dabei eine zentrale Wissensquelle für Praktiker:innen dar. Monitoring übernimmt damit auch eine wichtige Öffentlichkeitsfunktion, indem aktuelle Erkenntnisse nicht nur innerhalb der Präventionspraxis, sondern auch gegenüber Behörden, Medien und der interessierten Öffentlichkeit kommuniziert werden. Darüber hinaus leistet Monitoring durch die systematische Aufbereitung und Analyse von Daten einen Beitrag zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Extremismusphänomenen.
Eigene Erfahrungen aus dem Pilotprojekt „Erasmus Monitor“ und dem begleitenden Monitoring beim Beratungsnetzwerk nexus zeigen zudem, dass Monitoring nicht ausschließlich eine beobachtende Rolle einnimmt, sondern in Einzelfällen auch initiierende Impulse für die Fallarbeit liefern kann. Durch die öffentliche Thematisierung extremistischer Akteur:innen, ähnlich wie es auch im Journalismus der Fall ist, können sich diese oder ihr erweitertes Umfeld mitunter angesprochen fühlen und neben anderen Faktoren manchmal auch zur Reflexion und Auseinandersetzung mit ihren Werdegängen angeregt werden. Allein dass extremistische Akteur:innen sich auch kritisch mit solchen Berichten auseinandersetzen, zeigt, dass Monitoring auch in die Szene, in ihre Diskurse und auch in individuelle Gedankenwelten hineinwirken kann. Wie bereits weiter oben skizziert können sich daraus, wenn auch selten, Situationen ergeben, in denen sich hilfesuchende oder radikalisierte Personen direkt (durch Kontaktaufnahmen, Gespräche und Diskussionen mit Monitoring-Akteur:innen) oder indirekt (selbstinitiativ) über diese Strukturen an Fachkräfte oder Beratungsstellen wenden und so erste Impulse in Richtung eines Reflexions- oder Ausstiegsprozesses angestoßen werden.
Beispielsweise erhielt der Monitoring-Blog „Erasmus Monitor“ im Verlauf von rund 15 Jahren des Monitorings und der Berichterstattung über die salafistische Szene zahlreiche Kontaktanfragen sowie Interessensbekundungen für einen Austausch. Darunter befanden sich sowohl Familienangehörige und Freunde radikalisierter oder ausgereister Personen, als auch teilweise die Betroffenen selbst, die eine Möglichkeit zur direkten Auseinandersetzung suchten. Interviewgespräche, unter anderem mit dem ehemaligen Szene-Prediger Marcel Krass und weiteren Personen, deuten darauf hin, dass Veröffentlichungen im Rahmen des Monitorings Reflexionsprozesse mitanstoßen können (Vogel 2019; 2025). Dies weist auf den erwähnten Zusammenhang zwischen der scheinbar passiven Beobachtungstätigkeit und ihrer Wirkung als Impulsgeber hin.
Grenzen und Herausforderungen
Als noch vergleichsweise junger Arbeitsbereich innerhalb der Präventionsarbeit ist Monitoring mit einer Reihe methodischer und ethischer Herausforderungen verbunden, die bislang nur begrenzt systematisch diskutiert worden sind. Im Folgenden werden zentrale Problembereiche skizziert.
Erstens bilden Zuschreibungsprozesse den Ausgangspunkt jeglicher Monitoring-Arbeit. Dies betrifft die Einordnung von Medieninhalten und damit mittelbar auch von Personen oder Gruppen in Kategorien wie Menschenfeindlichkeit, Extremismus und Islamismus oder Demokratiefeindlichkeit. Solche Zuschreibungen können erhebliche soziale, berufliche oder sicherheitsrelevante Folgen für die Betroffenen nach sich ziehen. Entsprechend sorgfältig ist im Monitoring darauf zu achten, auf welcher fachlichen, wissensbezogenen und begrifflichen Grundlage diese Einordnungen erfolgen.
Narciso (2022) verweist in diesem Zusammenhang auf zentrale kognitive Verzerrungen, darunter Bestätigungsfehler (Voreingenommenheit zugunsten eigener Erwartungen), Stichprobenverzerrungen (fehlende Repräsentativität der beobachteten Inhalte) sowie Verfügbarkeitsfehler, etwa durch die Überbewertung einzelner Plattformen. Diese Risiken können eine Tendenz zur Selbstreferenzialität im Monitoring begünstigen, also die Neigung, sich bei Zuschreibungen stärker auf bestehende Einschätzungen von Behörden oder anderen Präventionsakteuren zu stützen (Mitläufereffekt), anstatt eigenständige Bewertungen vorzunehmen.
Erfahrungen aus der Praxis zeigen zudem, dass Zuschreibungen in der Präventionsarbeit immer wieder kontrovers diskutiert werden, sich im Nachhinein als unzutreffend erweisen oder durch dynamische Szenenentwicklungen überholt sind. Auch die zunehmenden Grauzonen und Hybridisierungstendenzen erschweren zunehmend Einordnungen (Vogel 2024). In Einzelfällen kann sich auch herausstellen, dass über längere Zeiträume beobachtete Profile die Szene bereits verlassen haben oder sich als behördliche oder journalistische Accounts entpuppen – bei letzterem herrscht weitgehend Unklarheit über ihr quantitatives Ausmaß und ihre Aktivitäten. Monitoring-Projekte sollten sich daher fortlaufend fragen, wie Identifikation, Problematisierung, Einordnung und Bewertung erfolgen, auf welcher Wissensbasis dies geschieht und wie mit Unsicherheiten umgegangen wird.
Zweitens weist die Beobachtung von Personen und Gruppen im Internet strukturelle Ähnlichkeiten zu geheimdienstlichen Tätigkeiten auf. Viele Monitoring-Projekte arbeiten nicht offen, das heißt, Fachkräfte geben sich gegenüber Beobachteten nicht eindeutig zu erkennen. Hintergrund ist die reale Gefahr von Doxing (das Sammeln und Veröffentlichen von personenbezogenen Daten), Bedrohungen oder gezielten Einschüchterungsversuchen(Saltman/Craanen 2023: 53). Gleichzeitig kann Anonymität Spekulationen begünstigen, etwa über vermeintliche Verbindungen zu Sicherheitsbehörden oder über feindliche Absichten gegenüber bestimmten Gruppen. Besonders problematisch wird es, wenn im zivilgesellschaftlichen Monitoring – auch im Kontext von Online-Streetwork – mit falschen Identitäten gearbeitet wird, um Zugang zu digitalen Räumen zu erhalten oder Personen gezielt anzusprechen. Monitoring-Projekte sollten daher vorab intern klären, welche Form der Beobachtung gewählt wird (transparent oder anonym), ob und in welchem Umfang Interaktionen mit beobachteten Akteur:innen zulässig sind und welche Schutzmaßnahmen für die Sicherheit der Fachkräfte sowie der beobachteten Personen notwendig sind.
Drittens gewinnt der Datenschutz in der zivilgesellschaftlichen Monitoring-Arbeit zunehmend an Bedeutung. Da realen Personen Kategorien und Bewertungen zugeschrieben werden, können im Zweifel Persönlichkeitsrechte, Privatsphäre und soziale Reputation betroffen sein. In der Praxis beschränkt sich Monitoring nicht immer auf die Beobachtung von Inhalten, sondern greift teilweise auch auf weitergehende Recherchen zurück, etwa zur Rekonstruktion von Netzwerken, biografischen Informationen oder regionalen Verortungen von Wortführer:innen. Auch die fortgesetzte Beobachtung ehemaliger Klient:innen der Ausstiegs- und Distanzierungsarbeit bei ihren Internetaktivitäten ist nicht grundsätzlich ausgeschlossen. In diesem Spannungsfeld können Grenzüberschreitungen auftreten, die mit Straftatbeständen wie Doxing oder Stalking assoziiert werden. Zugleich bestehen Überschneidungen mit journalistischer und geheimdienstlicher Arbeit, deren Befugnisse und Rechte gesetzlich klar geregelt sind. Zwar gilt beispielsweise die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) grundsätzlich für Präventionsprojekte, Sicherheitsbehörden und journalistische Akteur:innen. Allerdings unterscheiden sich die jeweiligen Handlungsspielräume erheblich: Während journalistische Akteur:innen von medienrechtlichen Privilegien profitieren, verfügen Sicherheitsbehörden über eigenständige gesetzliche Befugnisse zur Datenerhebung, die auch verdeckte Maßnahmen umfassen können. Präventionsprojekte – wie auch die dort tätigen wissenschaftlichen Mitarbeiter:innen –, unterliegen demgegenüber strengeren datenschutzrechtlichen Einschränkungen und ethischen Wissenschaftsstandards. Das bedeutet allerdings nicht, dass Beobachter:innen im Monitoringbereich bei der Entdeckung akuter Bedrohungen für die Allgemeinheit (Fremdgefährdung), wie konkrete Ankündigungen von Terroranschlägen oder Amokläufen, oder Selbstgefährdungen untätig bleiben dürfen beziehungsweise können. Solche Ereignisse werden im OSINT-Bereich sog. „Zufallsbefunden“ zugeordnet, also Beobachtungen beim Monitoring, die sich erheblich vom bisher beobachteten Content unterscheiden, Zeitdruck erzeugen können und bei denen nicht gesichert ist, dass Sicherheitsbehörden Kenntnis davon erhalten (zum Beispiel Lone Wolf-Attentäter) (Lakomy 2024: 31ff.).
Dementsprechend können zu den Handlungspflichten direkte Hinweise an die Polizei gehören, aber auch der Kontakt zu anderen Ämtern, die in solchen Ausnahmefällen relevant sein könnten. Um Irrtümern oder einem vorschnellen Handlungsdrang vorzubeugen, sollten solche Funde zunächst innerhalb des Projekts besprochen werden, um Beobachtungen und Bewertungen miteinander abzugleichen und eine gemeinsame Vorgehensweise abzustimmen. Für den Monitoring-Bereich stellt sich daher die Frage, wo die rechtlichen und ethischen Grenzen der eigenen Tätigkeit verlaufen und wie mit sensiblen oder personenbezogenen Daten auch bei potenzieller Gefahr im Verzug verantwortungsvoll umzugehen ist.
Viertens birgt Monitoring die Gefahr, über eine reine Beobachter:innenrolle hinauszugehen. Diskussionen über die Unabhängigkeit, Neutralität und mögliche Kompromittierbarkeit von Monitoring-Plattformen. verdeutlichen die Bedeutung einer reflektierten Rollenwahrnehmung. In der Vergangenheit haben Monitoring-Initiativen wie beispielsweise das Middle East Media Research Institute (MEMRI) wiederholt Kontroversen ausgelöst, etwa etwa hinsichtlich ihrer politischen Einordnung, ihrer strukturellen Unabhängigkeit sowie ihrer methodischen Zugänge und Auswahlprozesse (Abualadas 2024: 76ff.). Auch wenn das MEMRI immer wieder wichtige Erkenntnisse liefert, wird der Monitoring-Plattform vorgeworfen, Quellen selektiv auszuwählen, bei Übersetzungen von Inhalten nicht präzise genug zu sein und die arabische bzw. muslimische Welt eher negativ darzustellen (Baker 2010: 347ff.).
Einerseits können politische oder institutionelle Interessen Einfluss auf Monitoring nehmen, etwa durch selektive Themenwahl oder die Reproduktion bestimmter Deutungsmuster (Framing). Andererseits können Erwartungen von Behörden, Medien oder sogar extremistischen Akteur:innen die eigene Positionierung beeinflussen. Entsprechend sollte Monitoring auch immer die Frage reflektieren, welche Selbst- und Fremdwahrnehmungen der eigenen Beobachter:innenrolle zugrunde liegen und wie eine professionelle Distanz zu den beobachteten Akteur:innen und anderen Interessensgruppen (zum Beispiel sicherheitsbehördlichen Akteur:innen) gewahrt werden kann. In diesem Zusammenhang können auch direkte oder indirekte Eingriffe – beispielsweise behördliche Maßnahmen wie die Anordnung zur Löschung von Inhalten oder Ermittlungen im Zusammenhang mit dem Besitz oder der Verbreitung extremistischer Propaganda – eine potenziell einschüchternde Wirkung auf Akteur:innen des Monitorings entfalten. Dies kann auch dann relevant werden, wenn entsprechende Inhalte zu Analyse- oder Dokumentationszwecken, wie zur Veranschaulichung oder zur Bereitstellung für andere Forschende, genutzt werden. Viele Monitoring-Projekte sichern ihre Angebote deshalb inzwischen durch Zugangsbeschränkungen ab, um solche Konflikte zu vermeiden, beispielsweise in Form vorgelagerter Registrierungs- oder Verifizierungsverfahren (vgl. Zelin 2021).
Fünftens ist der Aspekt der Psychohygiene von zentraler Bedeutung. Zwar fokussieren viele Monitoring-Projekte in der Präventionsarbeit primär auf nicht-gewalttätige Akteur:innen. Dennoch kann die regelmäßige Auseinandersetzung mit verbaler Gewalt, menschenfeindlichen Inhalten oder die zufällige Konfrontation mit dschihadistisch-terroristischer Propaganda zu erheblichen psychischen Belastungen führen (Lakomy/Bożek 2023). Hinzu kommen Bedrohungen aus extremistischen Szenen, auf die viele Fachkräfte und Forschende nur unzureichend vorbereitet sind (Pearson et al. 2023: 36ff.). Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie belastende Inhalte verarbeitet werden können und welche organisatorischen, kollegialen und institutionellen Rahmenbedingungen erforderlich sind, damit sich Monitoring-Fachkräfte in ihrer Arbeit sicher fühlen.
Schlussfolgerungen
Monitoring ist ein noch junges, dynamisches Arbeitsfeld der Präventionsarbeit, dessen Potenzial weniger in abschließenden Bewertungen, als in der kontinuierlichen Beobachtung, Einordnung und Kontextualisierung extremistischer Entwicklungen liegt. Gerade im Phänomenbereich des islamistischen Extremismus ermöglicht Monitoring eine arbeitsteilige Wissensproduktion, die Beratungsfachkräfte entlastet und ihre Handlungssicherheit stärkt.
Die gegenwärtig noch experimentelle Ausgestaltung vieler zivilgesellschaftlicher Monitoring-Projekte ist dabei weniger als Defizit denn als Ausdruck eines offenen Lernprozesses zu verstehen. Entscheidend ist, dass Monitoring nicht losgelöst von der Präventionspraxis betrieben wird, sondern sich an deren konkreten Bedarfen orientiert und Erkenntnisse auf diese Weise in handlungsrelevantes Wissen übersetzt werden können.
Für die Weiterentwicklung des Monitorings in der Präventionsarbeit lassen sich mehrere praxisbezogene Handlungsempfehlungen ableiten. Erstens sollten Monitoring-Projekte ihre methodischen Vorgehensweisen transparent dokumentieren und regelmäßig reflektieren, um Zuschreibungen nachvollziehbar und überprüfbar zu machen. Zweitens ist eine enge Rückkopplung mit der Beratungs- und Bildungsarbeit notwendig, um sicherzustellen, dass Monitoring nicht primär datengetrieben, sondern bedarfsorientiert arbeitet. Drittens bedarf es klarer ethischer Leitlinien für zivilgesellschaftliches Monitoring, insbesondere im Umgang mit personenbezogenen Daten, Unsicherheiten in der Einordnung sowie mit der eigenen Beobachter:innenrolle. Viertens sollten Strukturen zur kollegialen Beratung, Supervision und Psychohygiene fester Bestandteil von Monitoring-Projekten sein, um die langfristige Arbeitsfähigkeit der Fachkräfte zu sichern.
Schließlich ist eine stärkere Vernetzung zwischen Monitoring-Projekten auf nationaler und internationaler Ebene anzustreben. Der Austausch über Methoden, Herausforderungen und bewährte Praktiken – etwa im Rahmen spezialisierter Fachkonferenzen – kann dazu beitragen, gemeinsame Standards zu entwickeln und Monitoring als professionelles Handlungsfeld innerhalb der Präventionsarbeit nachhaltig zu etablieren.