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"City Harvest" (ca. 1943)

Sonja Hugi

/ 3 Minuten zu lesen

Der Kurzfilm "City Harvest" zeigt, wie die Menschen in Chicago während des 2. Weltkrieges gemeinschaftlich Nahrungsmittel herstellten, um die amerikanische Armee zu versorgen.

Der Film "City Harvest"

City Harvest (1943)

Projections of America

City Harvest (1943)

Dieser Kurzfilm dokumentiert, wie die Bürger der Stadt Chicago während des Zweiten Weltkrieges gemeinschaftlich Nahrungsmittel herstellten, um die Versorgung der amerikanischen Armee zu gewährleisten.

Schauplatz von "City Harvest" (Die Ernte der Stadt) ist die Millionenstadt Chicago. Der Film idealisiert den Zusammenhalt der amerikanischen Einwohner an der "Heimatfront". Er zeigt Menschen mit unterschiedlichen ethnischen und kulturellen Wurzeln, die gemeinsam nach Feierabend "Victory Gardens" (Siegesgärten) auf Dächern oder im öffentlichen Raum anlegen. Ihre Anstrengungen werden durch eine reiche Ernte belohnt und Vizepräsident Henry A. Wallace würdigt die Stadtfarmer mit Auszeichnungen. "City Harvest" inszeniert die Einwohner Chicagos als funktionierende multikulturelle Gemeinschaft, die stellvertretend für eine friedliche und produktive Eintracht der amerikanischen Gesellschaft stehen soll. Der beschwerliche Kriegsalltag wird durch Fleiß und harte Arbeit gemeinsam bewältigt.

Einzelne Filmszenen mit Kommentar

(© United States, Office of War Information) (© United States, Office of War Information) (© United States, Office of War Information) (© United States, Office of War Information) (© United States, Office of War Information)

Gesellschaft im Krieg – die amerikanische Heimatfront

Nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 und dem darauffolgenden Kriegseintritt der USA steigt die Unterstützung in der Bevölkerung auch in den Kreisen derjenigen, die sich zuvor gegen eine amerikanische Kriegsbeteiligung geäußert haben. Dies ist entscheidend für die Kriegsfinanzierung, denn fast die Hälfte der amerikanischen Kriegskosten von etwa 340 Milliarden US-Dollar wird durch den Verkauf von Kriegsanleihen an die Bevölkerung bestritten. Aber die Armee braucht nicht nur finanzielle Unterstützung. So werden beispielsweise Tausende Schreibmaschinen für das Militär von Privatleuten zur Verfügung gestellt, weil die Industrieproduktion den Bedarf nicht decken kann. Auch private Yachten und Flugzeuge werden für das Militär angekauft. Der Krieg wird für die Bevölkerung besonders spürbar, als bestimmte Lebensmittel und Konsumgüter rationiert werden, wie etwa Tee, Zucker, Seide, Gummi und viele Gewürze. Andere Waren wiederum werden während des Krieges nicht hergestellt, weil die Fabriken stattdessen für die Rüstung produzieren. Aber noch bevor die Rationierungen beginnen, bedrohen Hamsterkäufe die Versorgung.

Film: "Dig for Victory" ("Buddeln für den Sieg")

Während des Krieges wird Schätzungen des Landwirtschaftsministeriums zufolge beinahe die Hälfte des Lebensmittelbedarfs der US-Bevölkerung mit selbstangebauten Lebensmitteln gedeckt. Die Menschen legen Obst- und Gemüsegärten auf Hausdächern, Baseballfeldern, in Hinterhöfen oder Stadtparks an – das "Victory Gardens"-Programm zeigt Wirkung.* (Quelle: Imperial War Museum London)
*V. R. Cardozier: The Mobilization of the United States in World War II: how the government, military and industry prepared for war, North Carolina 1995, S. 241.

Anstehen für Zucker 1942-1945. Zucker ist eines der ersten Produkte, das in den USA rationiert wird. Durch die japanische Besatzung der Philippinen fällt im Frühjahr 1942 ein Hauptlieferant weg. Die Zuckerrationierungen beginnen offiziell am 4. Mai 1942, werden aber bereits im Januar angekündigt, was zu Hamsterkäufen führt. (© Office for Emergency Management. Office of War Information. Overseas Operations Branch. New York Office. News and Features Bureau. (12/17/1942 - 09/15/1945), U.S. National Archives)

Plakat des OWI 1943. Die Bevölkerung wird während des Krieges dazu aufgefordert, umsichtig mit Lebensmitteln umzugehen und diese nach Möglichkeit selbst zu produzieren. ("Food is a weapon - Don't waste it! - Buy wisely - Cook carefully - Eat it all - Follow the National Wartime Nutrition Program") (© United States, Office of War Information, Division of Public Inquiries Externer Link: [OWI Poster No. 58, UNT Libraries Government Documents Department])

Viele Amerikaner haben während der Wirtschaftskrise Verzicht geübt und wollen nun, da die Wirtschaft wieder in Schwung kommt, von ihrem neuen Wohlstand profitieren. Sie besorgen sich auf dem Schwarzmarkt rationierte Produkte. Die Lebensqualität der Amerikaner verbessert sich ungeachtet der Einschränkungen während des Krieges: Die Arbeitslosenrate sinkt, Löhne steigen und die Lücke zwischen Reichen und Armen verringert sich. Abgesehen von den direkt betroffenen Familien, die um das Leben von Angehörigen bangen, ist die vorherrschende Stimmung nicht negativ. Die Menschen haben das Gefühl, einen "guten" Krieg zu führen. Amerika und Konsum sind zwei Begriffe, die in der deutschen und europäischen Wahrnehmung schon lange vor dem Krieg miteinander verbunden werden. Der "American Dream", die Idee, dass grundsätzlich jeder ein Leben in Luxus führen kann, wird auch von vielen Deutschen geteilt. Aber Amerika ist sowohl Feindbild als auch Sehnsuchtsort, denn die unbegrenzten Konsummöglichkeiten werden gleichzeitig als Verschwendungssucht verurteilt. Während sich viele Deutsche klischeehaft als pflichtbewusst, gemeinschaftsorientiert und hart arbeitend wahrnehmen, erblicken sie in "den" Amerikanern verallgemeinernd Hedonisten, skrupellose Kapitalisten, unbeschwerte Cowboys oder Gangster.

Das Office of War Information

Franklin D. Roosevelt unterzeichnet am 13. Juni 1942 die Dokumente zur Gründung des Interner Link: Office of War Information (OWI). Das OWI soll wahrheitsgetreu über den Kriegsverlauf informieren. Mit dieser "strategy of truth"* (Strategie der Wahrheit) soll es sich klar von den Methoden des NS-Reichspropagandaministeriums abgrenzen. Weiterhin distanziert sich die Roosevelt-Administration so deutlich von der amerikanischen Propaganda im Ersten Weltkrieg. Das OWI ist in eine Domestic Branch (Inlandsabteilung) und eine Overseas Branch (Auslandsabteilung) unterteilt. Die Domestic Branch wirbt innerhalb der USA für mehr Unterstützung für den Krieg, die Overseas Branch soll außerhalb des eigenen Landes amerikanische Werte vermitteln.

*Die "strategy of truth" ist eine OWI-Doktrin, die vor allem von Sherwood und MacLeish vertreten wird, siehe dazu u.a. Allan M. Winkler: The Politics of Propaganda. The Office of War Information 1942-1945, New Haven/London 1978, S. 76. Oder: Nicholas Evan Sarantakes: Word Worriers: Information Operations during World War II, in: James Jay Carafano/Richard Weitz (Hg.): Mismanaging Mayhem. How Washington Responds to Crisis, Westprot/London 2008, S. 32. Oder: Justin Hart: Empire of Ideas: The Origins of Public Diplomacy and the Transformation of U.S. Foreign Policy, Oxford 2013, S.75.

Kontext: Die antiamerikanische Agitation der Nationalsozialisten

Unmittelbar nachdem Adolf Hitler den USA am 11. Dezember 1941 den Krieg erklärt hat, präsentiert das Reichspropagandaministerium unter der Leitung von Joseph Goebbels seine Strategie für die antiamerikanische Agitation. Diese sieht vor, auf unterschiedlichen medialen Kanälen sowohl die deutsche Intelligenz als auch die breite Masse von der angeblichen Kulturlosigkeit der USA zu überzeugen.

Die antiamerikanische Agitation der Nationalsozialisten

(© Deutsches Historisches Museum, Berlin) (© Verrückte neue Welt, Ernst Machek, Berlin 1943) Externer Link: United States Holocaust Memorial Museum Collection) (© 1942 Franckh'sche Verlagshandlung/Franckh- Kosmos Verlags-GmbH & Co KG, Stuttgart)

Die Propaganda setzt dabei oft bei vorhandenen positiven Amerika-Klischees an – Freiheit, Fortschritt, unbegrenzte Möglichkeiten – und konterkariert diese. Dekadenz, Materialismus, Kulturlosigkeit und Oberflächlichkeit sind geläufige Attribute, mit denen sie die USA in Druckschriften, Radiosendungen und Filmen versieht. Zudem verspottet das Propagandaministerium bis 1943 die militärische Schlagkraft der USA, die US-Soldaten erscheinen als kaum ernstzunehmende Gegner.

Sonja Hugi, M.A. Public History, studierte Geschichte, Kommunikationswissenschaften und Grafikdesign. Als Historikerin, Autorin, Illustratorin und Grafikerin betätigt sie sich in verschiedenen Bereichen der Geschichtsvermittlung. Ihr Fokus liegt auf Themen der jüngeren deutschen Geschichte.