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US-Innenpolitik und Gesellschaft im Zweiten Weltkrieg - "A Journey" (1945) | "Projections of America" | bpb.de

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US-Innenpolitik und Gesellschaft im Zweiten Weltkrieg - "A Journey" (1945)

Sonja Hugi

/ 6 Minuten zu lesen

Ein wohlwollendes Porträt der USA im Krieg: Der Film "A Journey" zeigt vier amerikanische Städte und die kriegsbedingten Veränderungen, die ihre Bewohner gemeinsam bewältigen. Quer durch's Land, von Alabama bis zu den Rocky Mountains.

Der Film "A Journey"

A Journey (1945)

The American Scene - A series

A Journey (1945)

Dieser Kurzfilm inszeniert gemeinschaftliche Initiativen der US-Bevölkerung in einer entbehrungsreichen, auf den Krieg ausgelegten Wirtschaft und hebt das Engagement des Einzelnen hervor.

"A Journey" (Eine Reise) führt den Zuschauer durch vier Städte in vier Bundesstaaten der USA. Anhand von persönlichen Schicksalen porträtiert der Film wohlwollend die kriegsbedingten Veränderungen, die die Gesellschaft durchlebt. Hervorgehoben wird die Einsatz- und Opferbereitschaft der amerikanischen Zivilbevölkerung, den Krieg zu gewinnen und selbst auf den "heiligen" Sonntag zu verzichten. Zudem wird der Erfindungsreichtum und der praktische Geist der Amerikaner betont. Repräsentativ erbringen Männer, Frauen und Kinder ihren Anteil. Afroamerikaner werden nicht gezeigt. Die Städte bilden einen geografischen und kulturellen Querschnitt des Landes, wobei der Erzähler die Geschichte der jeweiligen Orte mit ihrer Bedeutung für den Krieg verbindet.

Einzelne Filmszenen mit Kommentar

(© United States, Office of War Information) (© United States, Office of War Information) (© United States, Office of War Information) (© United States, Office of War Information) (© United States, Office of War Information) (© United States, Office of War Information) (© United States, Office of War Information) (© United States, Office of War Information) (© United States, Office of War Information)

US-Innenpolitik und Gesellschaft im Zweiten Weltkrieg

Der Kriegseintritt der USA 1941 bringt große Veränderungen für die amerikanische Gesellschaft. Die Rüstungsindustrie sorgt für einen massiven ökonomischen Aufschwung und bis 1944 sinkt die Arbeitslosenrate mit unter zwei Prozent auf den niedrigsten Stand seit dem Ersten Weltkrieg .

Bruttonationaleinkommen und Rüstungsausgaben der USA von 1938-1948 (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Der Zweite Weltkrieg bringt die US-Volkswirtschaft nach der Weltwirtschaftskrise wieder in Schwung. Drei Jahre nach dem Kriegseintritt der USA hat sich das Bruttonationaleinkommen beinahe verdoppelt. Die Weltwirtschaftskrise von 1929 scheint damit überwunden. Vom kriegsbedingten Aufschwung profitieren jedoch nur bestimmte Bevölkerungsschichten; die afroamerikanische Bevölkerung bleibt von den gut bezahlten Arbeitsplätzen in der Kriegsindustrie weitgehend ausgeschlossen.

Linktipps: Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung in der US-amerikanischen Kriegswirtschaft

Farbposter der "War Manpower Commission" zur Kampagne "United we win" von 1943. Zu sehen sind ein schwarzer und ein weißer Arbeiter bei der Arbeit in einer Flugzeugfabrik, eine Montage unter Verwendung einer Fotografie von Howard Liberman. (© picture-alliance, picture-alliance / akg)

Im Juni 1941, also ein halbes Jahr vor Interner Link: Pearl Harbor und zwei Jahrzehnte vor dem berühmten Interner Link: „Marsch auf Washington“ im August 1963 planen afroamerikanische Bürgerrechtler unter Führung von A. Philip Randolph, dem Gewerkschaftschef der Brotherhood of Sleeping Car Porters, einen großen Protestmarsch in die amerikanische Hauptstadt, vor allem um die Diskriminierung in der Rüstungsindustrie anzuprangern. Präsident Roosevelt will diese Demonstration von zehntausenden Schwarzen unbedingt verhindern und verfügt durch eine Anordnung (Executive Order 8802: Prohibition of Discrimination in the Defense Industry, 25. Juni 1941), dass in der Rüstungsindustrie und in der Regierung niemand mehr aufgrund der Hautfarbe, seiner Herkunft oder der Religionszugehörigkeit benachteiligt werden soll: "There shall be no discrimination in the employment of workers in defense industries or Government, because of race, creed, color, or national origin." Das Interner Link: Office of War Information startet eine entsprechende Kampagne: "United We Win". Diese Ereignisse sind wichtige Erfolge für die Bürgerrechtsbewegung, die in den folgenden Jahren die „Double V campaign“ verfolgt (Sieg im Ausland und Zuhause).

Linktipps: Double-V-Campaign

Mexikanische Landarbeiter im kalifornischen Stockton im Mai 1943. Viele in der Landwirtschaft beschäftigte Amerikaner suchen sich lukrativere Arbeitsplätze in der boomenden Rüstungsindustrie. Das Bracero-Programm erlaubt es 4,5 Millionen Mexikanern, zwischen 1942 und 1964 als Gastarbeiter in die USA zu kommen. Sie können dort die durch die Kriegswirtschaft verwaisten Arbeitsplätze in der Landwirtschaft besetzen – allerdings nur in weniger qualifizierten (Saison-) Jobs, z.B. auf kalifornischen Landwirtschaftsbetrieben. (© picture-alliance, picture alliance/Everett Collection)

Durch die inneramerikanische Arbeitsmigration entstehen soziale Spannungen. Hunderttausende Menschen ziehen in die großen Städte, in denen für den Krieg produziert wird. Dort wird der zur Verfügung stehende Wohnraum knapp. Zugezogene Arbeiter leben in prekären Verhältnissen in Gemeinschaftsschlafsälen, Notunterkünften oder Wohnwagenparks.

Die Regierung versucht der Wohnungsnot in den Städten entgegenzuwirken. Sie lässt sogenannte War Housing Trailer – Kriegswohnwagen – produzieren. Hier werden die neuesten Modelle der Notunterkünfte im November 1941 in Washington vorgestellt. (© Library of Congress, U.S. Farm Security Administration/Office of War Information Collection, Prints & Photographs Division, Externer Link: [LC-USF34-090023-D])

Tausende von Kindern gehen nicht regelmäßig zur Schule. Die Jugendkriminalität steigt und allein 1943 kommt es in 47 Städten zu über 240 Rassenunruhen und -krawallen .

Vom 20. auf den 21. Juni 1943 wird das von Fremdarbeitern stark überbevölkerte und segregierte Detroit von Ausschreitungen erschüttert. Die rassistisch motivierten Straßenkämpfe fordern über 30 Todesopfer und zeigen die großen sozialen Spannungen in der Bevölkerung. Die US-Polizei muss vom Militär unterstützt werden, um die Unruhen zu beenden. Das NS-Regime schlachtet den Fall propagandistisch aus. (© picture-alliance/AP, picture alliance/AP Images)

Eine andere gesellschaftliche Auswirkung des Krieges ist die Mehrbeschäftigung von Frauen. Gesetze aus den 1930er Jahren, die verheirateten Frauen die Erwerbstätigkeit untersagen, werden aufgehoben und Frauen werden nun sogar ausdrücklich aufgefordert, in der Industrie zu arbeiten. Da Millionen Männer in den Krieg ziehen und damit in der Rüstungsproduktion fehlen, gibt es vor allem seit 1942 groß angelegte Werbekampagnen, um Frauen für die Industriearbeit zu gewinnen. Ihre Botschaft: ohne den Einsatz der Frauen kann der Krieg nicht gewonnen werden und je mehr Frauen dabei sind, desto eher können ihre Männer zurückkehren.

Linktipps: Die Frauen sollen die Männer jedoch nur temporär ersetzen

Externer Link: Poster "Do the Job HE left behind" (Quelle: Audiovisual Collections and Digital Initiatives Department, Hagley Museum and Library) (englisch)

Auch in der Werbung wird bereits zu Kriegszeiten diese Idee verwendet:
Externer Link: "Mother, when will you stay home again?" (Quelle: Indiana University Library) (englisch)

Broschüre des War Departments
Externer Link: "You are going to employ women" mit dem Hinweis "A woman is a substitute like plastic instead of metal." (Quelle: The Massachusetts Archives) (englisch)

(© picture-alliance/AP, picture alliance / Photo12) (© picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Sue Ogrocki) (© picture alliance / World History Archive)

Linktipps: Die Ikone "Rosie the Riveter"

Der Prozentsatz der erwerbstätigen Frauen steigt während des Krieges von 25 auf 36 Prozent. Nach Kriegsende sinkt er wieder auf 29 Prozent.

Prozentanteil der Frauen am US-Arbeitsmarkt vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg.
Der Zweite Weltkrieg gilt lange als Motor für die Emanzipation der Frau, da Frauen während des Krieges teilweise "typisch" männliche Berufe ausüben. Und tatsächlich spielen traditionelle Geschlechterrollen im Krieg eine untergeordnete Rolle. Im Alltag der Frauen macht sich das aber in der Nachkriegszeit zunächst kaum bemerkbar. Sie werden aus den besser bezahlten Jobs im Büro oder in der Industrie, die sie in Kriegszeiten übernommen haben, wieder verdrängt und in vielen Bereichen sinkt der Frauenanteil beinahe wieder auf Vorkriegsniveau. Eine Frau die ihre Stelle behalten will steht im Verdacht, diese einem Mann "wegzunehmen". (Infografik: bpb/Sonja Hugi, Angaben nach: Woman’s Bureau – Handbook of Facts on Women Workers. Bulletin No. 225, United States Department of Labor, Washington 1948, S. 3) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Die Auswirkungen, die die Kriegsbeschäftigung auf den Frauenanteil am Arbeitsmarkt hat, werden lange Zeit überschätzt. Gerade aus den besser bezahlten Stellen im Büro oder in der Industrie werden die Frauen nach Kriegsende wieder verdrängt. Eine Frau, die ihre Stelle behalten will, steht im Verdacht, diese einem Mann „wegzunehmen“.

Kontext: Die antiamerikanische Agitation der Nationalsozialisten

Unmittelbar nachdem Adolf Hitler den USA am 11. Dezember 1941 den Krieg erklärt hat, präsentiert das Reichspropagandaministerium unter der Leitung von Joseph Goebbels seine Strategie für die antiamerikanische Agitation. Diese sieht vor, auf unterschiedlichen medialen Kanälen sowohl die deutsche Intelligenz als auch die breite Masse von der angeblichen Kulturlosigkeit der USA zu überzeugen.

(© Deutsches Historisches Museum, Berlin) (© Verrückte neue Welt, Ernst Machek, Berlin 1943) Externer Link: United States Holocaust Memorial Museum Collection) (Wikimedia, Gino Boccasile (1901–1952), via Wikimedia Commons) Lizenz: cc by-sa/4.0/deed.de

Die Propaganda setzt dabei oft bei vorhandenen positiven Amerika-Klischees an – Freiheit, Fortschritt, unbegrenzte Möglichkeiten – und konterkariert diese. Dekadenz, Materialismus, Kulturlosigkeit und Oberflächlichkeit sind geläufige Attribute, mit denen sie die USA in Druckschriften, Radiosendungen und Filmen versieht. Zudem verspottet das Propagandaministerium bis 1943 die militärische Schlagkraft der USA, die US-Soldaten erscheinen als kaum ernst zu nehmende Gegner.

Tatsächlich ist die deutsche Bevölkerung während der Zeit des Nationalsozialismus weitgehend von Informationen aus der Welt abgeschnitten. Was man über das Leben durchschnittlicher US-Bürger zu wissen glaubt, stammt aus Goebbels’ Feder oder aus den von ihm abgesegneten Hollywoodfilmen. Mit fortschreitendem Kriegsverlauf und mit den zunehmenden militärischen Erfolgen der Alliierten wird die antiamerikanische Propaganda im Ton aggressiver.

Je gehässiger und hysterischer Goebbels’ Ministerium über die USA und die angeblichen Gräueltaten der US-Armee spricht, desto weniger Wirkung zeigt die Propaganda aber auf die deutsche Bevölkerung. Während zu Beginn der US-Luftangriffe Ressentiments noch leicht geschürt werden können, klaffen Realität und Propagandabotschaft gegen Kriegsende zu weit auseinander. Der Einmarsch der US-Streitkräfte erscheint nun vielen gegenüber der Bedrohung durch die Rote Armee als das kleinere Übel.

Quellen / Literatur

Ina Merkel: Kapitulation im Kino. Zur Kultur der Besatzung im Jahr 1945, Berlin 2016

Noakes, Jeremy (Hg.): The Civilian in War. The Home Front in Europe, Japan and the USA in World War II, Exeter 1992.

Brigitte J. Hahn: Umerziehung durch Dokumentarfilm? Ein Instrument amerikanischer Kulturpolitik im Nachkriegsdeutschland (1945-1953), Münster 1997.

Heiner Roß (Hg.): Lernen Sie diskutieren! Re-education durch Film Strategien der westlichen Alliierten nach 1945, Berlin 2005.

Günter Moltmann: Amerikaklischees der deutschen Kriegspropaganda 1941-1945, in: Amerikastudien, Jahrgang 31 Heft 3/1986, S. 303-314.

Reinhild Kreis: Amerikahäuser, in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: Externer Link: https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Amerikah%C3%A4user

V.R. Cardozier: The Mobilization of the United States in World War II. How the Government, Military and Industry Prepared for War, North Carolina 1995

David M. Kennedy, Freedom from Fear. The American People in Depression and War, 1929-1945, New York 2001.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Neil A. Wynn: The United States, in: Jeremy Noakes (Hg.): The Civilian in War. The Home Front in Europe, Japan and the USA in World War II, Exeter 1992, S. 82. / Stanley Lebergott: Annual Estimates of Unemployment in the United States, 1900-1954, in: The Measurement and Behavior of Unemployment, 1957, S. 216, Externer Link: http://www.nber.org/chapters/c2644 (In der Literatur finden sich unterschiedliche Prozentzahlen zur Arbeitslosenrate 1943 zwischen 1,3 und 2 Prozent. Das liegt vor allem an unterschiedlichen Gruppen, die in die Statistik eingerechnet worden sind. Teilweise wurden etwa Jugendliche ab 16 Jahren, teilweise bereits ab 14 mitgezählt.)

  2. Nikki L. M. Brown/Barry M. Stentiford (Hg.): Jim Crow. A Historical Encyclopedia of the American Mosaic, Greenwood 2015, S. 441.

  3. ebd., S. 86.

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Sonja Hugi, M.A. Public History, studierte Geschichte, Kommunikationswissenschaften und Grafikdesign. Als Historikerin, Autorin, Illustratorin und Grafikerin betätigt sie sich in verschiedenen Bereichen der Geschichtsvermittlung. Ihr Fokus liegt auf Themen der jüngeren deutschen Geschichte.