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Das Office of War Information | "Projections of America" | bpb.de

"Projections of America" "Prelude to War" (1942) – Warum wir kämpfen müssen "City Harvest" (ca. 1943) US-Flüchtlingspolitik - "The Cummington Story" (1944) US-Innenpolitik und Gesellschaft im Zweiten Weltkrieg - "A Journey" (1945) Das Office of War Information Der Kalte Krieg beginnt Redaktion

Das Office of War Information

Sonja Hugi

/ 9 Minuten zu lesen

Hintergründe zum United States Office of War Information (OWI) - eine US-Regierungsbehörde, die von 1942-1945 alle Bereiche der Propaganda und der Kriegsdarstellung koordinierte.

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Entstehung und Struktur

Die Overseas Branch unter der Leitung von Robert Sherwood ist grün dargestellt. Rot markiert ist das Bureau of Overseas Motion Pictures (BMP), das unter anderem für die Produktion und Distribution von dokumentarischen Kurzfilmen zuständig ist. Obwohl Film ein wichtiges Medium der Übersee-Propaganda ist, ist das BMP nur eine kleine Abteilung innerhalb der bei Kriegsende etwa 8.400 Mitarbeiter zählenden Overseas Branch. (V. R. Cardozier: The Mobilization of the United States in World War II: how the government, military and industry prepared for war, North Carolina 1995, S. 128.) (Angaben nach: Public Opinion Quarterly, Frühling 1943) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Franklin D. Roosevelt unterzeichnet am 13. Juni 1942 die Anordnung (executive order) zur Gründung des Office of War Information (OWI). Das OWI soll wahrheitsgetreu über den Kriegsverlauf informieren. Mit dieser "strategy of truth" (Strategie der Wahrheit) soll es sich klar von den Methoden des NS-Reichspropagandaministeriums abgrenzen. Weiterhin distanziert sich die Roosevelt-Administration so deutlich von der amerikanischen Propaganda im Interner Link: Ersten Weltkrieg. Die sogenannte Creel-Kommission hatte seinerzeit durch ihre aggressiven Kampagnen Konflikte in der eigenen Bevölkerung geschürt. Das OWI ist in eine Domestic Branch (Inlandsabteilung) und eine Overseas Branch (Auslandsabteilung) unterteilt. Die Domestic Branch wirbt innerhalb der USA für mehr Unterstützung für den Krieg, die Overseas Branch soll außerhalb des eigenen Landes amerikanische Werte vermitteln.

Das OWI bekommt schnell Probleme mit der Glaubwürdigkeit. Die Unstimmigkeiten zwischen Interner Link: Rassendiskriminierung im Inland und der Bekämpfung des Faschismus in Übersee sind augenfällig.

OWI-Publikation "Negroes and the War" von Chandler Owen, 1942

(© United States, Office of War Information, 1942) (© United States, Office of War Information, 1942) (© United States, Office of War Information, 1942) (© United States, Office of War Information, 1942) (© United States, Office of War Information, 1942) (© United States, Office of War Information, 1942) (© United States, Office of War Information, 1942)
Zitat

15 Männer und Frauen, die gerade aus der OWI-Publikationsabteilung zurückgetreten sind, haben heute öffentlich bekundet, dass sie das OWI verlassen haben, weil es ihnen unmöglich gemacht wurde, die "volle Wahrheit" zu sagen und dass die Inlandsaktivitäten des OWI kontrolliert werden von "Leuten, die Druck ausüben und eine aalglatte Verkaufstaktik einer ehrlichen Informationspolitik vorziehen.

Lewis Wood New York Times vom 16. April 1943

Die politisch eher linksliberal eingestellten Mitarbeiter des OWI erzürnen durch ihre idealisierte Darstellung der Zustände in den USA sowohl politisch Konservative als auch benachteiligte Minderheiten. Schon 1942 kürzt der Kongress das Budget der Domestic Branch von sieben auf zwei Millionen Dollar, demgegenüber erhält die Overseas Branch 1943 24 Millionen Dollar. Im selben Jahr geben die USA 145 Milliarden Dollar für Rüstung und Militär aus.

BiografieElmer Davis (1890-1958)

Der OWI-Direktor Elmer Davis präsentiert auf einer Pressekonferenz am 6. März 1934 Propagandamaterial, das die Achsenmächte in neutralen Ländern verteilen und stellt die Gegenpropaganda des OWI vor. (© Externer Link: Library of Congress, Prints & Photographs Division, Farm Security Administration/Office of War Information Black-and-White Negatives)

Der amerikanische Journalist und Autor Elmer Davis wächst in einer großbürgerlichen Familie in Indiana auf und studiert an der englischen Eliteuniversität Oxford. Nach einer Europareise arbeitet Davis von 1914 bis 1924 als Journalist für die Tageszeitung "The New York Times". Als Experte für amerikanische Innen- und Außenpolitik verfasst er Kolumnen und politische Kommentare, überdies publiziert Davis literarische Texte und kulturpolitische Essays. Ab 1939 berichtet er für den Radiosender CBS über den Interner Link: Zweiten Weltkrieg und ist als Nachrichtensprecher und politischer Analyst landesweit bekannt. Rund die Hälfte aller amerikanischen Haushalte hört um 1940 seine Nachrichtensendungen. Es heißt, keiner könne so unaufgeregt, knapp, fundiert und doch verständlich über politische Ereignisse berichten. Während einer London-Reise im Frühjahr 1941 gelangt Davis zu der Überzeugung, dass sich Amerika nicht länger aus dem Krieg heraushalten könne. Im Juni 1942 beruft ihn Präsident Franklin D. Roosevelt zum Direktor des "Office of War Information". Mit seinem Anspruch, möglichst objektiv und professionell über den Kriegsverlauf zu informieren, stößt Davis als Leiter des OWI an Grenzen. Für das Militär und die republikanischen Gegner der Roosevelt-Regierung ist das OWI lediglich ein Vehikel zur Verbreitung politischer Propaganda. Die Titelgeschichte des Time-Magazine "Truth and Trouble" vom 15. März 1943 schildert die Schwierigkeiten des OWI und seines Leiters ausführlich. Der Autor verteidigt Elmer Davis als aufrichtigen Journalisten, der aber an den Widersprüchen seiner Aufgabe scheitern müsse:

„Davis’ Leitgedanke ist, dass ein freies Volk das Recht auf Informationen hat‘. Er strebt an, die Propaganda auf der Wahrheit aufzubauen, sofern er sie in Washington ausfindig machen kann. Doch die Wahrheit ist nicht immer bekömmlich, – weder daheim oder im Ausland. Die Alliierten sind nicht erfreut von Streiks, den Stümpereien in Washington oder innenpolitischen Querelen zu hören – die Achse dagegen schon. Doch Davis, der mit einer freien Presse aufwuchs, kann und möchte diese Fakten nicht unterdrücken. Daher lautet eine seiner großen Herausforderungen, der Welt das Wesen der USA in zufriedenstellender Weise zu erklären. Dies ist eine gewaltige Aufgabe. Ein totalitärer Staat vermag es, mit einer Stimme (der Stimme ihres Anführers) zu sprechen; er kann seine Logik, Stärke und Fakten in einer Propagandalinie anordnen. Doch eine Demokratie ist – per Definition – ein Land der vielen Stimmen. Sie hat mehr als nur ein Sprachrohr; sie kann keine einheitliche Propagandalinie haben, da ihre einzige Propaganda [eben] die ist, dass sie keine hat. Die USA kann als freies Land nur die Freiheit selbst zu Propagandazwecken nutzen – und zu dieser Freiheit gehört, dass jeder Mensch das Recht hat, seiner Regierung zu widersprechen, zu streiken, gegen die Regierung zu stimmen und lautstark gegen sie zu protestieren. Und das Recht der freien Presse ist es, diese Aktivitäten als Nachrichten zu drucken. Oftmals sind solche Nachrichten sowohl schlechte Propaganda im Ausland als auch beunruhigend zu Hause. An der Heimatfront kann Davis nicht besser sein als die Regierung. An der Front im Ausland kann er nicht besser sein als die Außenpolitik seines Landes. Bislang hat er die US-amerikanischen Kriegsziele nicht viel klarer gemacht als die nebulöse [schwammige] Atlantik-Charta [die wird ja anderswo erklärt, richtig? Dann eventuell einen Link dorthin setzen; er kann [aber] nicht dafür gerügt werden, dass er die Strategie des Außenministeriums in Nordafrika nicht erklären kann.“

Nach dem Krieg arbeitet Davis wieder als Nachrichtenmoderator, jetzt auch für das Fernsehen. Mit der 1954 unter dem Titel "But We Were Born Free" veröffentlichten Textsammlung grenzt er sich strikt von der antikommunistischen Hysterie der Interner Link: McCarthy-Ära ab.

Fußnoten

  1. Zitiert nach: „Truth and Trouble“, Time-Magazine vom 15. März 1943: "Davis‘ guiding principle is that of ‚a free people has a right to know.‘ He tries to base propaganda on plain truth, whenever he can dig it out in Washington. But the truth is not always palatable, either at home or abroad. The Allies do not enjoy hearing of strikes, Washington bungling, domestic political quarrels – but the Axis does. Yet Davis, reared under a free press, could not and would not suppress such facts. Thus one of his big problems is to explain the U.S. satisfactorily to the world. This is a tremendous task. A totalitarian State can speak with one voice, its master’s, can marshall all its logic, force and facts into one strong propaganda line. But a democracy, by its very nature, is a land of many voices. It can have no single speaking tube; it cannot have a single propaganda line, because its only propaganda is that is has none. The U.S., as a free nation, can only propagandize its freedom – and freedom includes the right of men to dissent from their Government, to strike, to vote against it, to cry out against it. And the right of a free press is the right to print these doings as news. Such news is very often bad propaganda abroad, as well as disturbing at home. On the home front, Davis can be no better than the Administration. On the foreign front, he can be no better than his nation’s foreign policy. He has not yet made U.S. war aims sound much clearer than the foggy Atlantic Charter; he cannot be blamed for being unable to explain what the State Department is up to in North Africa."

Die Overseas Branch

Die Overseas Branch des OWI soll die Welt auf die Rolle vorbereiten, die die USA nach Interner Link: Kriegsende einnehmen wollen. Auch in den noch von den Achsenmächten besetzten Gebieten arbeitet sie daran, das Bild Amerikas als Botschafter für Freiheit und Demokratie zu etablieren. Besonders wichtig scheint es dabei, der Welt zu zeigen, wie die Amerikaner wirklich sind – jenseits der von Interner Link: Hollywood geprägten Klischees. Robert Sherwood, der Leiter der Abteilung, nennt dieses Unterfangen die "Projections of America".

BiografieRobert Sherwood (1896–1955)

Robert E. Sherwood im Mai 1936. (© picture-alliance/AP)

Robert Sherwood wird als Sohn eines Börsenmaklers und einer Künstlerin in der Nähe von New York geboren. Schon während der Schulzeit gibt er ein vom Vater gegründetes Magazin heraus, schafft es aber nur mit Mühe, 1914 von der Eliteuniversität Harvard angenommen zu werden. Als Kriegsfreiwilliger wird er in Frankreich eingesetzt; er wird verwundet und überlebt einen deutschen Giftgasangriff nur knapp. Die Kriegserfahrung macht ihn zum Pazifisten.

1919 kehrt Sherwood nach New York zurück. Er verfasst Theaterstücke und Drehbücher, arbeitet aber hauptsächlich journalistisch: Seine Kolumnen und Theaterkritiken, besonders aber seine Filmanalysen werden weithin beachtet. Sherwood ist überdies Herausgeber des Magazins "Life". Erst ab 1928 widmet sich Sherwood ganz dem literarischen Schreiben und gewinnt gleich mehrfach den Pulitzerpreis. In den 1930er Jahren wird er Redenschreiber des demokratischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt. Dieser macht ihn außerdem Mitte 1941 zum Direktor des amerikanischen Auslandsinformationsdienstes (FIS). 1942 gelangt er als Leiter der OWI Overseas Branch nach Europa. Vom Auslandsbüro in London aus werden über BBC die als "Voice of America" bekannten Radiomeldungen in diversen Sprachen ausgestrahlt. Seine Arbeit wird von den zunehmenden Konflikten zwischen ihm und dem Leiter des OWI, Elmer Davis, überschattet. Davis missfällt der Führungsstil Sherwoods, wie etwa dessen Kompetenzüberschreitungen und die mangelhaften Absprachen mit der OWI-Führung. Außerdem sieht Davis Sherwoods enge politische Bindung an den Präsidenten kritisch.

Nach Auflösung des OWI 1945 arbeitet Sherwood erneut für Hollywood. Sein Drehbuch für den vielfach preisgekrönten Kriegsheimkehrerfilm "The best years of our lives" (1946) wird mit dem Oscar ausgezeichnet: Dieser Film wird mit großem Erfolg auch in Deutschland gezeigt.

Zitat

Wir erzählen dem Rest der Welt von den Vereinigten Staaten nicht mit dem Ziel, gemocht und bewundert zu werden, sondern weil wir verstanden haben, dass andere Nationen uns besser verstehen müssen als sie dies in der Vergangenheit getan haben, wenn wir effektiv und harmonisch zusammen an einem langanhaltenden Frieden arbeiten wollen.

OWI-Memorandum über Nachkriegspropaganda 14. Mai 1945

1943 hat die Overseas Branch bereits Standorte in 26 Ländern auf der ganzen Welt, 18 weitere sind in Planung. Von den insgesamt 2.885 Mitarbeitern sind 493 Ausländer, von denen wiederum 343 die US-Staatsbürgerschaft beantragt haben. (Winkler: The Politics of Propaganda, S. 44) (Angaben nach: Public Opinion Quarterly, Frühling 1943 ) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Von zuletzt über 40 auf dem Globus verteilten Außenposten aus propagiert die Overseas Branch mithilfe von Publikationen, Radiosendungen, Flugblättern und Filmen ihre Ziele. Die vom OWI anvisierte "Strategie der Wahrheit" wird hier auf eine harte Probe gestellt. So muss die "Wahrheit" den unterschiedlichen politischen Bedingungen der jeweiligen Länder angepasst werden. In Großbritannien verbreitet das OWI beispielsweise nicht die gleiche Botschaft über die Ziele der USA wie in der britischen Kolonie Indien, in der es eine starke Interner Link: Unabhängigkeitsbewegung gibt.

Zitat

Wenn die ersten Patrouillen in einer Stadt oder einem Dorf eintreffen, müssen wir vorbereitet sein, reinzugehen und die lokale Presse und Radiostationen zu übernehmen und diese in der lokalen Sprache zu betreiben. Wir müssen Filme bereithalten und Plakate und Publikationen aller Art. Wir haben in Großbritannien 6.178 Filmrollen gelagert. Diese beinhalten Unterhaltung (ausgewählte Produkte der Hollywood Industrie) und Lehr- und Nachrichtenfilme aller Art und in allen europäischen Sprachen.

Einschätzung von Robert Sherwood 14. April 1944

Das wichtigste Medium der Overseas Branch ist der Rundfunk. Der bis heute existierende Auslandsradiosender "Voice of America" (Stimme Amerikas) sendet von 1942 an über britische Stationen ins besetzte Europa und nach Nordafrika – und bis in "Dritte Reich". Der Sender hat über 50 Fremdsprachendienste, darunter auch die deutschsprachige "Stimme Amerikas", für die zeitweise etwa 150 deutsche Exilanten in den USA arbeiten.

Quelle: Voice of America, YouTube

Die Existenz der Overseas Branch ist geprägt durch eine chaotische Organisation, häufige Personalwechsel und dauernde Kompetenzstreitigkeiten mit dem US-Außenministerium. Obwohl das OWI lediglich als Sprachrohr der US-Regierung gedacht war, versucht Robert Sherwood in Übersee Außenpolitik mitzugestalten.

Am 9. August 1943 ereignet sich ein diplomatisches Desaster: Nach der Abdankung Benito Mussolinis bezeichnet ein Sprecher von „Voice of America“ den italienischen König Vittorio Emmanuele III als „moronic little king“ (idiotischen kleinen König). Er sei eine Marionette des faschistischen Premierministers Pietro Badoglio. Diese Meldung steht im Widerspruch zur Position der US-Regierung. Der Vorfall ist ein Beispiel für die immer wieder aufflammenden Konflikte um die Kompetenzen der Overseas Branch. Im August 1945 wird das OWI aufgelöst. Teile der Overseas Branch werden danach ins US-Außenministerium eingegliedert, andere Mitarbeiter übernimmt die Central Intelligence Agency (CIA), die Auslandsspionage der USA.

Das Overseas Bureau of Motion Pictures und die "Projections of America"-Filme

Neben Radiosendungen, Publikationen und Flugblättern ist der Film das wichtigste Medium zur Verbreitung der amerikanischen Botschaft in der Welt. Dafür verantwortlich ist das Overseas Bureau of Motion Pictures (BMP) unter der Leitung von Hollywood-Drehbuchautor Robert Riskin. Hauptaufgabe des BMP ist es zunächst, Spielfilme auszuwählen, die in den neutralen und befreiten Gebieten gezeigt werden können. Dabei steht der Unterhaltungswert im Vordergrund – Filme gelten als geeignetes Mittel, die Moral der kriegsleidenden Bevölkerungen zu heben. Ausgewählt werden Filme, die ein unkritisch-positives Bild von den USA zeichnen.

BiografieRobert Riskin (1897–1955)

Robert Riskin bei der Arbeit. (© Externer Link: projectionsofamerica.com)

Der Drehbuchautor Robert Riskin stammt aus einfachen Verhältnissen. Seine Eltern sind jüdische Immigranten aus Russland. Da das Geld knapp ist, muss er schon als Jugendlicher mitverdienen. Riskin verdankt dem Elternhaus sein Sprachtalent und den Sinn für Humor. Schon früh schreibt er Kurzgeschichten und Theaterstücke und versucht sich in Filmprojekten. So macht er sich in den 1920er Jahren in New York einen Namen als freier Autor von Drehbüchern am Broadway. 1931 erhält Robert Riskin einen Vertrag bei der Firma "Columbia" in Hollywood. Für diese realisiert er zusammen mit dem Regisseur Interner Link: Frank Capra in den folgenden Jahren zahlreiche erfolgreiche Filmprojekte. 1935 wird er sogar mit dem Oscar für das "beste adaptierte Drehbuch" (1935) ausgezeichnet. Der Interner Link: Kriegseintritt der USA 1941 wird zum Wendepunkt in Riskins Biografie. Er stellt sich in den Dienst des OWI und wird 1942 Chef des "Overseas Motion Picture Bureau", das Filme für die Auslandspropaganda herstellt. Die unter seiner Leitung entstehenden Filme zeigen den Europäern die Facetten des Alltags im demokratischen Amerika. Nach dem Krieg arbeitet er als Filmproduzent und schreibt bis zu einem Schlaganfall erneut Drehbücher für Hollywood.

Sowohl in den USA als auch in Europa gibt es für die Übersee-Abteilung des OWI vielfältigen Abstimmungsbedarf – Riskin regelt allem Anschein nach viele Dinge persönlich. Überdies produziert das BMP 26 dokumentarische Kurzfilme, die als "Projections of America"-Serie zusammengefasst werden können. Riskin engagiert für diese Aufgabe namhafte Autoren, Regisseure, Produzenten, Dokumentarfilmer, Musiker und Schauspieler. Die Filme porträtieren – im Sinne einer "positiven" Propaganda – die USA als friedliebende, der Freiheit und Demokratie verpflichtete Kulturnation. So soll in den neutralen oder besetzten Gebieten für Vertrauen geworben werden. In den meisten Filmen werden Aspekte der US-Gesellschaft anhand von persönlichen Schicksalen oder alltäglichen Familiengeschichten beleuchtet. Die Betonung der kulturellen Verbundenheit Nordamerikas mit anderen – vor allem europäischen – Nationen ist ein weiteres Merkmal, das die "Projections"-Filme verbindet.

Diese Art von Filmpropaganda ist neuartig und sagt mehr über die visionären Ideale der Filmemacher aus als über US-Realität jener Zeit. Häufig zeigen die Filme eher Vorstellungen einer besseren, amerikanischen Zukunft als eine realistische und kritische Auseinandersetzung mit der Gegenwart.

Das BMP ist verantwortlich für die Produktion und Übersetzung der Filme in bis zu 27 Sprachen, ebenso für die Distribution der Filmrollen und die Organisation von Vorführmöglichkeiten. Nach der Auflösung des OWI im August 1945 übernimmt eine dem Außenministerium zugehörige Abteilung für internationale Informationspolitik und kulturelle Angelegenheiten (Office of International Information and Cultural Affairs) die Filme.

Zitat

Von all unseren Medien sind unsere Dokumentarfilme der direkteste Weg, Amerikas aktive Rolle im Krieg zu vermitteln und das Bemühen der Nationen zu zeigen, die gegen Deutschland verbündet sind, eine bessere Welt zu schaffen. Dieser visuelle Ansatz ist eine der besten Methoden, den Menschen verstehen zu helfen, was Amerika ist.

OWI Overseas Branch "Operational Guidance" 24. November 1944

Robert Riskin geht bei der Auswahl der Filme, die in Übersee gezeigt werden sollen, sehr gewissenhaft vor. Filme, die die USA in keinem guten Licht zeigen, werden von der Liste gestrichen. So zensiert der bekannte Drehbuchautor unter anderem auch sein eigenes, teilweise kritisches Werk.

Zitat

Wenn die Welt die USA bisher als ein Land von Gangstern, Vieh stehlenden Cowboys und ungehobelter Sprache gesehen hat, wird sie bald eines Besseren belehrt werden. Die Regierung ist dabei eine Reihe von Kurzfilmen zu produzieren, um die Wahrheit über dieses Land zu erzählen und die falschen Vorstellungen zu zerstreuen.

Robert Riskin Motion Picture Herald vom 13. März 1943

Rezeption der OWI-Filme in Nachkriegsdeutschland

In Deutschland werden die Filme, die das BMP des OWI für das Publikum in Übersee produziert, nach Kriegsende zumindest teilweise im Zuge der Interner Link: Umerziehung der Bevölkerung eingesetzt.

Zitat

Keiner dieser Filme ist für die Augen der immer noch vorhandenen Nazis bestimmt, die wir in Deutschland nach der Niederlage vorfinden werden. Diese Filme richten sich an die denkenden Deutschen, die, wie tief sie auch von der glorreichen Zukunft des Nationalsozialismus überzeugt gewesen sein mögen, immer noch in der Lage sind zu denken und ihre Meinung zu ändern und sich möglicherweise mit dem Rest der Welt einigen können.

OWI Inter-Office Memorandum 27. März 1944

Die dokumentarischen Kurzfilme werden im Kino zwischen der Wochenschau und dem Unterhaltungsfilm abgespielt. Kinos sind gut besucht, da sie oft besser beheizt sind als die eigenen Unterkünfte, der Besuch erschwinglich und die Ablenkung vom tristen Nachkriegsalltag willkommen ist.

Die Reaktionen der deutschen Zuschauer auf die OWI-Filme sind – soweit dokumentiert – fast durchgehend positiv. Die US-Behörden führen bereits ab Juli 1945 Zuschauerbefragungen durch, aus denen hervorgeht, dass das Publikum diese Filme eher schätzt als solche, die Kriegshandlungen zeigen. Die Amerikaner vermuten, dass sich die Deutschen aufgrund des im Nationalsozialismus verinnerlichten Prinzips der "Interner Link: Volksgemeinschaft" mit den in den OWI-Filmen behandelten Themen von Zusammenhalt und gemeinsamer Anstrengung für ein übergeordnetes Ziel identifizieren können.

Obwohl Publikumsbefragungen ergeben, dass Jugendliche und besser Gebildete die Filme kritischer betrachten als andere Zuschauer, hält die Mehrheit der Befragten die Filme für interessant und frei von Propaganda. Die positive Resonanz muss jedoch kritisch betrachtet werden, da sie auf Befragungen durch die Besatzer erfolgt. Insgesamt lässt sich heute nur noch bruchstückhaft nachvollziehen, wer die OWI-Filme zu sehen bekommt und wie jeder einzelne rezipiert wird. Dokumente über Distributionswege, Anzahl Kopien, übersetzte Sprachen und Zuschauerzahlen sind auf verschiedene Archive verteilt und unvollständig.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Die „strategy of truth“ ist eine OWI-Doktrin, die vor allem von Sherwood und MacLeish vertreten wird, siehe dazu u.a. Allan M. Winkler: The Politics of Propaganda. The Office of War Information 1942-1945, New Haven/London 1978, S. 76. Oder: Nicholas Evan Sarantakes: Word Worriers: Information Operations during World War II, in: James Jay Carafano/Richard Weitz (Hg.): Mismanaging Mayhem. How Washington Responds to Crisis, Westprot/London 2008, S. 32. Oder: Justin Hart: Empire of Ideas: The Origins of Public Diplomacy and the Transformation of U.S. Foreign Policy, Oxford 2013, S.75.

  2. Zitiert nach Lewis Wood, Writers Who Quit OWI Charge It Bars "Full Truth" for "Ballyhoo'" New York Times vom 16. April 1943. Wood schreibt über die Autoren, die das OWI verlassen haben und ihre Vorwürfe, die "volle Wahrheit" werde zugunsten eines Werbespektakels für den Krieg verschwiegen.

  3. Hugh Rockoff: The United States: from ploughshares to swords, in: Mark Harrison (Hg.): The economics of World War II. Six Powers in international comparison, Cambridge 1998, S. 83.

  4. Hart, S. 89.

  5. Zitiert nach Hart, S. 104: "We are telling the rest of the world about the United States not because we want liking and admiration as ends in themselves, but because we realize that in order to work effectively and harmoniously with us in the creation of a lasting peace, other nations must understand us better than they have in the past."

  6. Zitiert nach Richard Dyer MacCann: The People’s Films. A Political History of U.S. Government Motion Pictures, New York 1973, S. 139: "When the first patrols enter any city or town, we must be prepared to move in and take over the local press and radio stations and operate them in the local language. We must have motion pictures ready, and posters and publications of all kinds. We have now stockpiled in Great Britain 6 178 reels of motion picture films. They include straight entertainment (selected products of the Hollywood industry) and educational and news films of all kinds and in all European languages."

  7. Vgl. Brigitte J. Hahn: Umerziehung durch Dokumentarfilm? Ein Instrument amerikanischer Kulturpolitik im Nachkriegsdeutschland (1945-1953), Münster 1997, S. 48-57; 94.

  8. Zitiert nach Hahn: Umerziehung durch Dokumentarfilm?, S. 54: "Of all our media, our documentaries are one of the most direct ways of projecting America’s active role in the war and in the effort of the United Nations to establish a better world. This visual approach is one of the best methods of helping people to understand what America is."

  9. Zitiert nach Motion Picture Herald vom 13. März 1943: "If the World abroad hitherto has pictured the United States as a land of gangsters, cattle thieving cowboys and raucous slang, it soon will learn better. The Government are about to set cameras rolling en masse on a program for the production of motion picture short subjects ,to tell the truth and dispel the fanciful conceptions' about this country."

  10. Zitiert nach Hahn: Umerziehung durch Dokumentarfilm?, S. 45: "Incidentally, none of these films are aimed at the lingering dead weight of degenerate Nazis that will be found in Germany after her defeat. These films are aimed at those thinking Germans who, however deeply convinced of the glorious future that the Nazis at one time held out for Germany, are still capable of thought and of changing their minds and possibly coming to terms with the rest of the world."

  11. Hahn: Umerziehung durch Dokumentarfilm?, S. 83-84.

  12. Hahn: Umerziehung durch Dokumentarfilm?, S. 97.

  13. Ebd., S. 98.

Sonja Hugi, M.A. Public History, studierte Geschichte, Kommunikationswissenschaften und Grafikdesign. Als Historikerin, Autorin, Illustratorin und Grafikerin betätigt sie sich in verschiedenen Bereichen der Geschichtsvermittlung. Ihr Fokus liegt auf Themen der jüngeren deutschen Geschichte.