Wer trifft heute die politischen Entscheidungen in Iran? Diese Frage lässt sich längst nicht mehr allein mit einem Blick auf die Verfassung der Islamischen Republik beantworten. Zwar beruhte das politische System seit seiner Gründung 1979 auf einer Kombination republikanischer und theokratischer Institutionen, deren oberste Autorität beim religiösen Führer lag. Doch in den vergangenen Jahrzehnten hat sich das Machtzentrum schrittweise verschoben.
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Die entscheidende Machtverschiebung in Iran verläuft heute nicht zwischen Reformern und Hardlinern oder zwischen Staat und Gesellschaft. Sie findet innerhalb des Herrschaftssystems selbst statt: weg von einer primär religiös legitimierten Ordnung, hin zu einem sicherheitspolitischen Machtzirkel, in dem die Revolutionsgarden (persisch Pasdaràn für „Wächter“, englisch Islamic Revolutionary Guard Corps, kurz IRGC) eine zunehmend zentrale Rolle einnehmen.
Daher lautet die eigentliche Frage weniger, ob Iran weiterhin eine Theokratie ist, sondern wie stark sich die politische Macht inzwischen von religiösen Institutionen hin zu sicherheitspolitischen Akteuren verlagert hat.
Iran: vom religiösen zum sicherheitspolitischen Staat
1979 führte die Auflehnung gegen die iranische Monarchie zur Islamischen Revolution. Sie endete mit dem Sturz des Schahs und der Gründung der Islamischen Republik. Mit ihr schuf Revolutionsführer Ajatollah Ruhollah Chomeini ein einzigartiges Herrschaftssystem, das republikanische und theokratische Elemente miteinander verbindet. Dabei steht der Revolutionsführer an der Spitze des Staates als Oberster Führer. Zwar existieren gewählte Institutionen wie Parlament und Präsident, die politische Autorität wurde jedoch eindeutig beim Obersten Führer konzentriert. Doch diese Ordnung sollte sich verändern.
Irans Machtstrukturen (Stand: 2020) (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de
Irans Machtstrukturen (Stand: 2020) (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de
Eine Schlüsselrolle spielte dabei der Iran-Irak-Krieg (1980-1988). Die Revolutionsgarden wurden ursprünglich gegründet, um die Revolution und die neue Ordnung gegen innere und äußere Bedrohungen zu schützen. Die reguläre Armee wurde aufgrund ihrer Nähe zur Monarchie von den neuen Machthabern lange als politisch unzuverlässig angesehen. So konnten die Revolutionsgarden ihre Stellung kontinuierlich ausbauen und entwickelten sich während des Krieges zu einer eigenständigen militärischen Kraft.
Unter Ali Chamenei, dem Nachfolger Chomeinis, setzte sich dieser Prozess ab 1989 fort. Aus einer militärischen Organisation wurde schrittweise ein politischer, wirtschaftlicher und sicherheitspolitischer Machtfaktor. Heute kontrollieren die Revolutionsgarden große Teile der Bau-, Infrastruktur- und Finanzwirtschaft. Sie verantworten das Raketen- und Atomprogramm und verfügen über einen eigenen Nachrichtendienst. Spätestens im Jahr 2005, mit der Präsidentschaft Mahmoud Ahmadinedschads, der früher selbst Mitglied der Garden war, wurde deren Einfluss auch institutionell sichtbar. Zahlreiche ehemalige und aktive Revolutionsgardisten übernahmen Schlüsselpositionen innerhalb der Regierung.
Der Aufstieg der Revolutionsgarden ging einher mit einer schrittweisen Schwächung anderer Machtzentren. Besonders deutlich zeigt sich dies am Reformlager. Mit der Wahl Mohammed Chatamis zum Präsidenten im Jahr 1997 verbanden viele Iranerinnen und Iraner die Hoffnung auf politische Reformen und eine vorsichtige Öffnung des Landes. Diese Hoffnungen wurden jedoch zunehmend enttäuscht. Reformorientierte Politiker verloren schrittweise an Einfluss, wurden von politischen Gegnern marginalisiert oder dauerhaft aus dem politischen Leben gedrängt. Zwar existieren Reformkräfte bis heute, ihr politischer Handlungsspielraum ist jedoch erheblich eingeschränkt.
Der langfristige Aufstieg der Revolutionsgarden und die gleichzeitige Schwächung konkurrierender Machtzentren veränderten den Charakter der Islamischen Republik nachhaltig. Politische Entscheidungen werden heute zunehmend von einem kleinen Kreis sicherheitspolitischer Akteure vorbereitet und beeinflusst.
Wer gehört heute zum eigentlichen Machtzentrum?
Die Islamische Republik verfügt über ein komplexes Institutionengefüge. Anders als häufig angenommen, werden politische Entscheidungen nicht allein vom Obersten Führer getroffen. Vielmehr entstehen sie im Zusammenspiel formeller Institutionen und informeller Machtzentren. Zu den formellen Institutionen gehören der Oberste Führer, der Präsident, das Parlament, die Justiz und der Wächterrat. Daneben existieren informelle Machtzentren wie das Büro des Obersten Führers, der Oberste Nationale Sicherheitsrat, die Nachrichtendienste sowie die wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Netzwerke der Revolutionsgarden.
Irans Parlamentssprecher Mohammad Bagher Ghalibaf (3. v. l.) gehört zum neuen Machtzirkel. Ghalibaf und Abgeordnete tragen im Februar 2026 im Parlament die Uniform der Revolutionsgarden. (© picture-alliance/AP, Hamed Malekpour)
Irans Parlamentssprecher Mohammad Bagher Ghalibaf (3. v. l.) gehört zum neuen Machtzirkel. Ghalibaf und Abgeordnete tragen im Februar 2026 im Parlament die Uniform der Revolutionsgarden. (© picture-alliance/AP, Hamed Malekpour)
Entscheidend ist jedoch weniger die institutionelle Architektur als die personelle Besetzung dieser Institutionen. Genau hier zeigt sich die Machtverschiebung der vergangenen Jahre. Der aktuelle Parlamentssprecher Mohammad Bagher Ghalibaf, Justizchef Gholam-Hossein Mohseni-Eje’i und Generalstabschef Ahmad Vahidi
Der Krieg als Beschleuniger bestehender Entwicklungen
Die anhaltende Machtverschiebung innerhalb der Islamischen Republik wird besonders deutlich durch die Entwicklung im Obersten Nationalen Sicherheitsrat, der die militärischen, diplomatischen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Maßnahmen des Landes koordiniert.
Nach dem Tod Ali Laridschanis im Februar 2026 im Zuge der Angriffe der USA und Israels übernahm zunächst Mohammad Bagher Zolghadr
Dies könnte sich nach dem Krieg ändern, sollte die jüngere Generation innerhalb der Revolutionsgarden zunehmend das Zepter übernehmen. Noch ist es zu früh, um mit Gewissheit sagen zu können, wie sich die iranische Führung mit einem Generationswechsel nach innen und außen verändern wird.
Fest steht: Anders als die alte Garde wurde sie nicht durch den Iran-Irak-Krieg geprägt, in dem Iran international weitgehend isoliert war und geschwächt aus acht Jahren Krieg hervorging. Ihr politisches Selbstverständnis speist sich vielmehr aus einer Phase, in der Iran seinen regionalen Einfluss erheblich ausbauen konnte: nämlich aus der US-Invasion im Irak 2003 und dem anschließenden Machtzuwachs Irans in der Region, dem Aufbau der sogenannten „Achse des Widerstands“, der Entwicklung des iranischen Drohnen- und Raketenprogramms sowie zuletzt daraus, dass Iran bislang USA und Israel im aktuellen Krieg standhalten konnte.
Diese Erfahrungen könnten auch zu einem neuen Selbstverständnis der Revolutionsgarden führen. Denkbar ist, dass eine jüngere Führungsgeneration künftig weniger stark auf schiitisch-revolutionäre Ideologie und stärker auf iranischen Nationalismus setzt. Ansätze einer solchen Verschiebung lassen sich bereits in der politischen Rhetorik beobachten, in der zunehmend die nationale Identität und weniger ausschließlich die religiöse Identität Irans betont werden.
Auch die Ernennung Modschtaba Chameneis zum Obersten Führer fügt sich in dieses Bild ein. Er ist seit März 2026 das offizielle Staatsoberhaupt und folgte auf seinen Vater Ali Chamenei, der im Februar durch einen Luftangriff getötet wurde. Seit seiner Ernennung ist er nicht öffentlich in Erscheinung getreten und hat sich bislang lediglich schriftlich an die Bevölkerung gewandt. Es gilt als wahrscheinlich, dass er bei den Luftangriffen schwer verletzt wurde. Über seinen aktuellen Gesundheitszustand ist allerdings wenig bekannt.
Entscheidender als die Person Modschtaba Chamenei ist die Frage, was seine Ernennung über die Entwicklung des politischen Systems aussagt. Anders als seine Vorgänger verfügt er weder über eine eigenständige religiöse Autorität noch über eine politische Laufbahn innerhalb der Institutionen der Islamischen Republik. Sollte die Funktion des Obersten Führers künftig stärker auf die symbolische Legitimation des Systems beschränkt bleiben, während politische Entscheidungen zunehmend kollektiv innerhalb eines sicherheitspolitischen Machtzirkels getroffen werden, würde dies den Charakter der Islamischen Republik nachhaltig verändern. Hinzu kommt Chameneis enge Verbindung zu den Revolutionsgarden darauf hindeutet, dass ihr Einfluss auch unter seiner Führung weiter wachsen dürfte.
So wurde zum Beispiel jüngst verkündet, dass General Ali Abdollahi, ein langjähriger hochrangiger Kommandeur der Revolutionsgarden und Militärführer, die reguläre Armee anführen wird.
Die Folgen für Staat und Gesellschaft
Die Verschiebung des Machtzentrums bleibt nicht auf die politischen Eliten beschränkt. Sie verändert auch das Verhältnis zwischen Staat und Gesellschaft. Je stärker sicherheitspolitische Akteure das Zentrum politischer Entscheidungen bilden, desto stärker prägen Sicherheitslogiken den Umgang mit gesellschaftlichem Protest.
Mit Beginn des Iran-Kriegs im Februar 2026 wurden die Repressionen wieder deutlich verschärft.
Gleichzeitig veränderte sich die gesellschaftliche Dynamik. Wie in vielen bewaffneten Konflikten lässt sich auch in Iran ein Rally-around-the-flag-Effekt beobachten. Angesichts eines äußeren Angriffs rückte für viele Menschen zunächst die Verteidigung des Landes in den Vordergrund. Daraus sollte jedoch nicht auf eine langfristige Unterstützung der politischen Führung geschlossen werden. Die Ursachen der wiederkehrenden Proteste – wirtschaftliche Krise, Missmanagement, Korruption, politische Repression und fehlende Zukunftsperspektiven – bestehen weiterhin. Der Krieg hat diese Konflikte nicht gelöst, sondern vorübergehend überlagert.
Die iranische Zivilgesellschaft ist deshalb weder verschwunden noch dauerhaft befriedet. Ihr Handlungsspielraum ist jedoch so stark eingeschränkt wie selten zuvor.
Tiefgreifende Machtverschiebung mit langer Vorgeschichte
Die Islamische Republik befindet sich in einem tiefgreifenden institutionellen Wandel. Noch ist es zu früh, von einer vollständigen Abkehr vom theokratischen System zu sprechen. Die religiösen Institutionen bestehen fort und bleiben eine zentrale Quelle politischer Legitimation. Gleichzeitig deutet vieles darauf hin, dass sich das eigentliche Machtzentrum von religiösen Autoritäten hin zu einem sicherheitspolitischen Machtzirkel verlagert.
Der aktuelle Iran-Krieg markiert dabei keinen Neubeginn, sondern den vorläufigen Höhepunkt eines langfristigen Prozesses. Er hat den Einfluss der Sicherheitsapparate weiter gestärkt, politische Entscheidungen stärker zentralisiert und den Handlungsspielraum der Zivilgesellschaft zusätzlich eingeschränkt. Die Machtverschiebung innerhalb der Islamischen Republik hat jedoch lange vor den aktuellen Ereignissen begonnen. Die entscheidende Frage für die kommenden Jahre lautet daher nicht allein, wer das Amt des Obersten Führers innehat. Ausschlaggebend wird vielmehr sein, ob religiöse Legitimation weiterhin politische Macht begründet oder ob sie zunehmend zur symbolischen Fassade eines Herrschaftssystems wird, dessen Entscheidungen von einem sicherheitspolitischen Machtzirkel getroffen werden. Gerade darin könnte die tiefgreifendste Transformation der Islamischen Republik seit ihrer Gründung liegen.