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Israels Medien | Israel 2026 | bpb.de

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Israels Medien eine Bestandsaufnahme

Gisela Dachs

/ 9 Minuten zu lesen

In der vielfältigen Medienlandschaft Israels bleibt das Fernsehen in Krisen als Informationsmedium zentral. Während Zeitungen unter Druck geraten gewinnen Social Media Angebote stark an Bedeutung.

Die israelischen TV-Kanäle 12 und 13 berichten am 21.11.2023 live vom Platz der Geiseln in Tel Aviv über die Verhandlungen zwischen Israel und der Hamas um die Freilassung der in Gaza gefangengehaltenen Geiseln (© picture alliance / Hans Lucas | Laetitia Notarianni)

Nachrichten als Lebensader einer vernetzten Gesellschaft

Die Mehrheit der israelischen Bevölkerung gilt als „Nachrichtenjunkies“. Das ist kein Wunder. Ihr Alltag wird in einem Maße von der Aktualität bestimmt wie in kaum einer anderen westlichen Demokratie. 1998 beschrieb der Politikwissenschaftler Yaron Ezrachi in seinem Buch „Gewalt und Gewissen“ das Land als einen Ort, an dem die Menschen auf die Nachrichten warteten, „als wären sie tägliche Urteilssprüche über ihr Leben“. Dieser Befund gilt noch immer, er hat sich lediglich in weitere Kanäle verlagert. Vermutlich gibt es kaum eine Nation, die digital so vernetzt ist. Nach einer Studie des Israel Democracy Institute (IDI) von 2024 informieren sich 63 Prozent der Befragten täglich online.

Der Medienkonsum der arabischen Bevölkerung ist häufig mehrsprachig und transnational geprägt: Viele nutzen hebräische israelische Medien, arabischsprachige Medien aus Israel sowie regionale arabische Sender und soziale Netzwerke. Während hebräische Medien für Alltag, Politik und Integration wichtig bleiben, fühlen sich viele arabische Bürger dort nicht ausreichend repräsentiert - insbesondere bei Themen wie etwa dem Gaza-Krieg - und greifen deshalb zusätzlich auf arabische Medienräume zurück. Besonders die Jüngeren konsumieren Nachrichten zunehmend über Plattformen wie Telegram, TikTok oder Instagram, was die Unterschiede zwischen jüdischen und arabischen Informationswelten weiter verstärkt.

Vom Parteijournalismus zur pluralistischen Medienlandschaft

Historisch lässt sich die Entwicklung der Medien in mehrere Phasen gliedern: von einem stark ideologisch und parteipolitisch geprägten Journalismus in den frühen Jahrzehnten nach der Staatsgründung über eine Phase staatlicher Dominanz bis hin zu einer breit gefächerten Medienlandschaft, die die ethnische, religiöse und politische Diversität der Gesellschaft widerspiegelt. Neben den grossen Mainstream-Medien existieren Nachrichtenportale in russischer, arabischer und englischer Sprache, hinzukommen ultraorthodoxe Medien und wirtschaftsorientierte Fachjournale.

Die hebräische Sprache mit ihrer begrenzten Leserschaft macht Israel zu einem vergleichsweise kleinen Medienmarkt. Er ist zudem mit globalen Trends konfrontiert, wie man das auch anderswo kennt: sinkende Einnahmen durch schrumpfende Printauflagen und kostenlose digitale Inhalte.

Die Krise der Printmedien

Die großen Tageszeitungen befinden sich in einer tiefgreifenden Krise. Von den drei historisch wichtigsten Blättern sind heute vor allem noch zwei prägend: die populäre Externer Link: Jediot Achronot („Neueste Nachrichten“) und die deutlich kleinere, linksliberale Externer Link: Haaretz („Das Land“). Letztere genießt mit ihrer zusätzlichen englischen Ausgabe international hohes Ansehen für ihren investigativen und kritischen Journalismus, hat jedoch im Inland eine vergleichsweise kleine, eher akademisch geprägte Leserschaft. Die einstige Nummer zwei, Externer Link: Maariv („Abend“), in der einst Ephraim Kishon seine ersten Zeilen schrieb, befindet sich heute am Rande der Bedeutungslosigkeit.

Damit liegt Israel im globalen Trend. Aber zu dieser Entwicklung trug auch mit die Gründung des Gratisblatts Externer Link: Israel Hajom 2007 durch den US-Milliardär Sheldon Adelson bei. Die niedrigen Anzeigenpreise und die kostenlose Verteilung veränderten die Marktmechanismen grundlegend. Heute ist Israel Hajom an Werktagen mit einem Marktanteil von 21,8 Prozent (Stand 2025, Target Group Index) die meistgelesene Zeitung vor Jediot Achronot (16,1 %) und Haaretz (4,3 %). Israel Hajom verfolgt dabei eine klare Linie: Professionelle Berichterstattung in vielen Bereichen, gepaart mit einer Unterstützung für das Regierungslager. Die Zeitung war explizit als Gegengewicht zu den Mainstream-Medien konzipiert worden, die von der Rechten oft als „links“ und elitär diskreditiert werden.

Fernsehen zwischen Konkurrenz und Einflussnahme

Insbesondere in Krisenzeiten ist in Israel das Fernsehen das Leitmedium. Es wurde 1966 eingeführt, beginnend mit dem Bildungsfernsehen. Der reguläre, allgemeine Fernsehbetrieb (Kanal 1) startete jedoch erst 1968. Die Transformation vom staatlichen Monopol, das lange Zeit nur einen einzigen Sender zuliess, hin zu einem fragmentierten Markt begann in den 1990er-Jahren. Heute konkurrieren neben dem öffentlich-rechtlichen Sender Externer Link: Kan 11 vier weitere private Anbieter (Externer Link: Keshet 12, Externer Link: Reshet 13, Externer Link: Channel 14 und neuerdings auch Externer Link: i24news/Channel 15) um Zuschauer. Wobei Keshet 12, der viel Wert auf Unterhaltung legt, als der populärste gilt.

Doch diese Vielfalt hat ihren Preis: Der Werbemarkt ist begrenzt, viele Sender arbeiten defizitär. Besonders Reshet 13 geriet wiederholt in finanzielle Schwierigkeiten und musste 2026 durch Investoren aus der Tech-Branche gerettet werden, darunter Unternehmer um WIZ-CEO Assaf Rappaport. Beobachter sprechen von einer „Tycoonisierung“ der Medien: Reiche Eigentümer sichern das Überleben von Sendern – gewinnen aber zugleich potenziellen Einfluss auf Inhalte und Ausrichtung.

Medienreformen und politische Kontrolle

Eine bereits auf den Weg gebrachte Medienreform soll den Markt nun noch weiter liberalisieren und modernisieren, um (noch) mehr Wettbewerb zu schaffen und den Markteintritt neuer TV-, Radio- und Streaminganbieter zu erleichtern. Kritiker sehen darin jedoch vor allem ein Instrument der Regierung, um mehr Einfluss auf Medieninhalte und -strukturen zu gewinnen. Auch eine Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks steht erneut auf der Agenda. „Wozu soll eine Anstalt gut sein, wenn wir sie nicht kontrollieren können?“, erklärte dazu bereits vor Jahren die damalige Likud-Kulturministerin Miri Regev. Bemerkenswert ist, dass nach der oben zitierten IDI-Umfrage der öffentlich-rechtliche Fernsehsender Kan 11 das höchste Vertrauen - verglichen mit allen anderen Kanälen - genießt. Ein wichtiger Grund dafür ist, dass Kan als unabhängiger wahrgenommen wird als andere israelische Medien, die häufig — ob berechtigt oder nicht — mit reichen Eigentümern, politischen Lagern, wirtschaftlichen Interessen oder engen Beziehungen zu Politikern verbunden werden.

Ein seit 2022 von Kommunikationsminister Shlomo Karhi vorangetriebenes Gesetzesvorhaben sieht die Auflösung der bisherigen unabhängigen Regulierungsbehörden vor. Diese sollen durch eine zentralisierte Behörde mit weitreichender Aufsicht über Fernsehen, Radio und Internet ersetzt werden. Petitionen zur rechtlichen Prüfung dieser Reform liegen bereits beim Obersten Gerichtshof.

Pressefreiheit unter Druck

Formal ist die Pressefreiheit durch eine unabhängige Justiz gesichert. Journalisten decken regelmäßig Skandale auf, die zum Rücktritt hochrangiger Amtsinhaber führen. Investigative Formate wie Sman Emet („Zeit der Wahrheit“) oder Uvda („Tatsache“) sowie die beliebte Satiresendung Eretz Nehederet („Ein wunderbares Land“) nehmen kein Blatt vor den Mund. Dennoch hat sich das Verhältnis zwischen Politik und Medien verschärft. Der 2014 gegründete Channel 14 positioniert sich dabei als dezidiert rechtsgerichteter Sender, der unverrückbar hinter dem Regierungschef steht und Journalisten anderer Kanäle regelmäßig als Gegenpol zur „wahren Stimme des Volkes“ angreift.

Diese Kritik ist oft eingebettet in das Narrativ eines „Deep State“, der Regierungsanhänger feindlich gegenüberstehe. Benjamin Netanyahu selbst sieht sich von den Medien verfolgt; er muss sich vor Gericht verantworten, da er versucht haben soll, über regulatorische Vorteile eine wohlwollende Berichterstattung bei Jediot Achronot und dem Externer Link: Portal Walla zu erwirken. Haaretz wiederum zahlt einen hohen Preis für die eigene Haltung: Als Reaktion auf kritische Äußerungen des Verlegers Amos Schocken im Kontext des Gaza-Krieges brach die Regierung im November 2024 alle staatlichen Beziehungen zur Zeitung ab. Dieses bis heute anhaltende Sanktionspaket verbietet öffentlich finanzierten Einrichtungen Abonnements, Anzeigen und jegliche Kommunikation mit dem Blatt.

Der 7. Oktober und der Wandel der Kriegsberichterstattung

Der 7. Oktober 2023 markierte eine Zäsur, die Fragen nach Pressefreiheit, Zensur und journalistischer Verantwortung neu aufwarf. In den ersten Monaten nach den Angriffen befanden sich die Redaktionen in einem „therapeutischen Modus“, geprägt von Berichten über das nationale Trauma und Trauer, die Schicksale der Geiseln, sowie die Mobilisierung der Armee. Am Bildschirmrand prangten Solidaritätssymbole wie „Gemeinsam werden wir gewinnen“. Zugleich übernahm das Fernsehen eine lebenswichtige Warnfunktion durch Echtzeit-Informationen über Raketenangriffe.

Medien fungieren in Krisenzeiten in Israel oft als Teil der nationalen Mobilisierung. Diese sogenannte „Rally-around-the-flag“-Dynamik führt üblicherweise zu einer stärkeren Unterstützung staatlicher Institutionen. Prominente Moderierende wurden zu Symbolfiguren dieses Journalismus: Danny Kushmaro (Channel 12) verlas am 7. Oktober live Hilferufe aus Schutzräumen, geriet später jedoch in die Kritik, als er im Südlibanon vor laufender Kamera symbolisch einen Sprengknopf zur Zerstörung eines Gebäudes drückte.

Auslassungen und blinde Flecken

Die Berichterstattung ist von Auslassungen geprägt: Während das Leid israelischer Opfer omnipräsent ist, wird die Notlage der palästinensischen Zivilbevölkerung in Gaza in den Mainstreammedien kaum dargestellt. Das hat bei den kommerziellen Sendern aber auch mit dem Kampf ums Rating zu tun. Man bringt Inhalte, die der Zuschauer sehen möchte. Die Informationspflicht ist dem nachgestellt. Es besteht somit eine Kluft zwischen der Innenwahrnehmung und der internationalen Berichterstattung. Wer ein umfassenderes Bild sucht, muss auf ausländische Medien oder kleinere unabhängige Nachrichtenportale wie Externer Link: 972+, Externer Link: Shomrim, Externer Link: HaMakom oder eben Haaretz zurückgreifen, die als seltene Stimmen eine andere Perspektive bieten.

Militärzensur und Einschränkungen der Berichterstattung

Einen zentralen Faktor der israelischen Berichterstattung stellt die militärische Zensur dar. Diese hat in den vergangenen zweieinhalb Kriegsjahren wieder an mehr Einfluss gewonnen. Nach geltendem Recht müssen alle Medieninhalte, die sicherheitsrelevante Informationen betreffen – etwa Truppenbewegungen, militärische Taktiken oder Lageberichte aus Kampfzonen – vor der Veröffentlichung der Zensur zur Prüfung vorgelegt werden. Diese Vorgaben werden von der Armee als notwendig zur Wahrung operativer Sicherheit verteidigt.

Diese Regularien wurden 2025 durch Anweisungen verschärft, die schriftliche Genehmigungen für Live-Berichterstattung aus bestimmten Konfliktzonen verlangen. Zusätzlich ging die Regierung gegen ausländische Sender vor. Konkret im Visier war der katarische Sender Al-Jazeera. Das sogenannte Al Jazeera-Gesetz schuf im April 2024 die rechtliche Basis, um die Aktivitäten des Senders in Israel zu unterbinden. Das Büro wurde daraufhin geschlossen. Ein israelisches Gericht urteilte daraufhin, dass „Al Jazeera von der Terrororganisation Hamas als deren Propaganda- und Geheimdienstarm wahrgenommen wird“. Im Oktober 2024 berichtete die israelische Armee, Dokumente gefunden zu haben, die belegten, dass sechs Al-Jazeera-Journalisten für die Hamas und den Islamischen Dschihad tätig waren. Al Jazeera wies diese Behauptungen zurück.

Die Berichterstattung aus Gaza bleibt eine Herausforderung. Israel hält bisher weiterhin ein Einreiseverbot für internationale Journalisten aufrecht, die nur unter Aufsicht der Armee („embedded“) aus dem Gazastreifen berichten können. Laut dem Committee to Protect Journalists sollen über 200 palästinensische Journalisten durch israelisches Feuer getötet worden sein, was die Berichterstattung erschwere. Versuche der Foreign Press Association, sich den Zugang rechtlich zu erstreiten, haben bisher nicht gefruchtet. Das Oberste Gericht hat eine Entscheidung über ihre Petition immer wieder vertagt.

Soziale Medien, Telegram und Desinformation

Doch Informationen lassen sich im digitalen Zeitalter nicht aufhalten. Die klassische Gatekeeper-Funktion der Redaktionen wird zunehmend durch soziale Medien wie Telegram, X (ehemals Twitter), Facebook, Instagram und TikTok unterlaufen. Hier zirkulieren Nachrichten ungefiltert und außerhalb der Reichweite der Zensur. Insbesondere Telegram hat sich gerade bei jüngeren Israelis zu einer populären Quelle entwickelt. Dort gibt es Informationen, etwa über ein tödliches Gefecht, die erst Stunden später in den etablierten Medien gebracht werden.

Zugleich aber öffnen solche digitalen Plattformen auch Tür und Tor für Desinformation und Fake News. Hier fehlt bisher jegliche Regulierung. Das wirft Fragen auf nach der Verantwortung für schädliche Inhalte, Diffamierung und Aufhetzung. Staatliche und nichtstaatliche Akteure aber nutzen längst gezielt solche digitalen Plattformen, um Narrative zu prägen, gesellschaftliche Spannungen zu befeuern und Siegesbotschaften zu verkünden. Zu diesen Akteuren gehört sicherlich der Iran, der im jüngsten Krieg mit gefälschten Videos Tel Aviv als eine Stadt in Schutt und Asche porträtierte und Benjamin Netanyahu für tot erklärte, aber auch die Hamas, die ihre mit Go-Pro Kameras selbst gefilmten Greueltaten am 7.Oktober ins Netz stellte, um die Schockwirkung noch zu vergrößern. Die Tatsache, dass das Netz Inhalte verbreitet, die oft in den etablierten Medien nicht zu finden sind, stellt die Glaubwürdigkeit der letzteren verstärkt in Frage.

Der Sonderfall Galei Zahal

Eine Sonderrolle in Israel spielt weiterhin der Militärsender Externer Link: Galei Zahal („Wellen der Armee“). Trotz seiner Beliebtheit steht er vor einer möglichen Schließung, da die Regierung argumentiert, ein militärisch betriebener Sender sei für die Zivilbevölkerung unangemessen. Bis heute fungiert Galei Zahal als Nachwuchsschmiede. Die prominentesten Medienschaffenden haben ihre Karriere dort begonnen und arbeiten zum Teil immer noch dort. Da der Sender jedoch als unabhängige Stimme geschätzt wird, stößt der Plan auf Widerstand. Der Oberste Gerichtshof hat die Entscheidung vorläufig ausgesetzt, so dass der Sender bis zur rechtlichen Klärung erst einmal weiter besteht.

Fazit: Eine dynamische, aber polarisierte Medienlandschaft

Die israelische Medienlandschaft 2026 ist von Widersprüchen geprägt: Sie ist dynamisch, technologisch fortschrittlich und leistungsfähig – zugleich aber wirtschaftlich fragil, politisch unter Druck, und gesellschaftlich polarisiert. Medienschaffende sind somit nicht mehr nur Beobachtende, sondern selbst zentrale Akteure der Auseinandersetzung um den Charakter der israelischen Gesellschaft.

Weitere Inhalte

ist Professorin am DAAD-Center for German Studies und am Europäischen Forum an der Hebräischen Universität von Jerusalem sowie Autorin und Journalistin. Sie war viele Jahre Israel-Korrespondentin der deutschen Wochenzeitung Die Zeit und schreibt für die Neue Zürcher Zeitung am Sonntag und das österreichische Magazin Wina.