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Politik zwischen Jerusalem und Washington Eine Geschichte aus zwei Städten

Assaf Orion

/ 9 Minuten zu lesen

Trotz militärischer Erfolge gegen den Iran wächst die Abhängigkeit Israels von den USA. Zugleich schwindet die internationale Legitimität, was das Land zu einer Wende seiner Sicherheitsdoktrin zwingt.

Präsident Donald Trump empfängt den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu am Montag, dem 29. Dezember 2025, in seinem Mar-a-Lago-Club in Palm Beach, Florida. (© picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Alex Brandon)

„Es war die beste aller Zeiten, es war die schlimmste aller Zeiten …“ (Charles Dickens)

Im Sommer 2026 befindet sich Israel in mehrfacher Hinsicht in einer strategisch entscheidenden Phase: mit Blick auf seinen Charakter, seine Rolle im Nahen Osten und seine Beziehungen zu den Vereinigten Staaten. Einerseits wurde das militärische und politische Verhältnis zwischen den USA und Israel seit dem Kriegsausbruch am 7. Oktober 2023 enger denn je. Andererseits ging die öffentliche und politische Unterstützung für Israel im Westen als Ganzem deutlich zurück. Wachsende strategische Abhängigkeit und gleichzeitig schwindende Legitimität prägen heute Israels strategisches Umfeld.

Israel im Krieg

Das Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 löste einen bis heute anhaltenden Krieg aus. Der Konflikt weitete sich vom Gazastreifen zu einem Regionalkrieg aus, an dem auch die Hisbollah, die Houthis, schiitische Milizen im Nahen Osten und vor allem der Iran beteiligt waren.

Militärisch konnte Israel große Erfolge erzielen und das Netz iranischer Proxys in Nahost erheblich schwächen. Die Schwächung der Hisbollah im Herbst 2024 trug zudem zum Sturz des Assad-Regimes in Syrien bei. Dadurch kollabierte die sogenannte „Achse des Widerstands“ faktisch als strategische Brücke zwischen Teheran und dem Mittelmeer.

Seinen Höhepunkt erreichte der Krieg mit der gemeinsamen amerikanisch-israelischen Offensive gegen den Iran, der einen erheblichen Teil seines strategischen Spielraums einbüßte. Die Offensive zeichnete sich durch eine beispiellose operative Kooperation und Abstimmung zwischen den Streitkräften der Vereinigten Staaten und Israels aus.

Der militärische Erfolg führte jedoch nicht zu einer dauerhaften Lösung. Hamas und Hisbollah bleiben weiterhin aktive Akteure, und auch der Iran verfügt nach wie vor über erhebliche militärische Fähigkeiten. An allen Fronten herrschen höchstens brüchige Feuerpausen, während stabile politische Regelungen weiterhin in der Ferne liegen. Der Weg zur Beseitigung der nuklearen Bedrohung durch den Iran, seines Raketenarsenals und seines Stellvertreterterrorismus bleibt lang.

Wachsende Abhängigkeit

Israels lang andauernder Krieg und insbesondere die Offensive gegen den Iran verdeutlichen das Ausmaß der amerikanischen Unterstützung für Israel, zugleich aber auch den historischen Wandel in Israels strategischer Ausrichtung. Seit seiner Gründung hielt Israel am Grundsatz fest, sich nur mit eigenen Streitkräften zu verteidigen, wenn auch mit ausländischen Waffen. Der seit dem 7. Oktober 2023 andauernde Krieg machte Israels wachsende Abhängigkeit von militärischer, logistischer, diplomatischer und politischer Unterstützung durch die USA deutlich.

Washington übt zunehmend Einfluss auf Zeitpunkt, Umfang und Dauer israelischer Militäroperationen aus. Besonders deutlich kam diese Abhängigkeit in den Verhandlungen über Gaza, den Libanon und den Iran zum Ausdruck, bei denen amerikanische Interessen Israels Handlungsfreiheit häufig Grenzen setzten.

Israels neues Sicherheitskonzept

Die Katastrophe des 7. Oktober und der anschließende Krieg führten zu einer tiefgreifenden Veränderung des israelischen Sicherheitskonzepts. Das Versagen des Frühwarnmechanismus verlagerte den Schwerpunkt der militärischen Aufklärung von der Erkennung feindlicher Absichten auf die tatsächlichen Fähigkeiten des Gegners. Der Überfall auf grenznahe Ortschaften verdeutlichte zudem die Folgen der mangelnden Verteidigungstiefe. Das Versagen der israelischen Abschreckung wiederum führte dazu, dass die Präventionsdoktrin künftig nicht nur auf regulär, sondern auch auf irregulär aufgestellte Gegner angewandt wird. Künftig wird Israel Bedrohungen begegnen, sobald sie sich abzeichnen, und sie bereits im Vorfeld vereiteln, statt zu warten, bis sie sich materialisieren.

Der Krieg verschob zugleich die Parameter militärischen Vorgehens durch Israel. Im Laufe des langjährigen Konflikts hatten seine Feinde zivile Infrastruktur und die Zivilbevölkerung gezielt und systematisch als Schutzschilde für ober- wie unterirdische militärische Aktivitäten genutzt. Das hatte den Umfang israelischer Militäroperationen jahrelang aus Rücksicht auf Legitimität, Moral und Recht begrenzt. Das Trauma des 7. Oktober veränderte jedoch Israels Hemmschwellen und den Blick auf die Verhältnismäßigkeit möglicher Kollateralschäden.

Während Mao die Bewegung von Guerillakämpfern innerhalb der Bevölkerung als „Fische im Wasser“ beschrieb, begann Israel, dieses Meer trockenzulegen, indem es die Bewohner zur Evakuierung aufforderte und militärisch genutzte Gebiete zerstörte. Zum Schutz seiner grenznahen Ortschaften richtete Israel zudem Pufferzonen und Vorposten auf feindlichem Gebiet ein. Die menschlichen Kosten in der Zivilbevölkerung sind stark gestiegen. Mit ihnen nahm auch die Kritik an Israel zu, während Israels eigene Empfindlichkeit gegenüber dieser Kritik nach dem Trauma des 7. Oktober abnahm.

Israels neue Sicherheitsdoktrin spiegelt einen zwiespältigen und widersprüchlichen Ansatz wider. Einerseits beschreibt Ministerpräsident Netanjahu Israel als unaufhaltsame Regionalmacht, die den Nahen Osten neugestalten könne. Andererseits ist Israels Gefährdungswahrnehmung extrem empfindlich, und seine Toleranz gegenüber selbst geringsten Bedrohungen bleibt minimal. Israels präventiv-aggressives Verhaltensmuster löst daher auch bei einigen Staaten der Region Besorgnis aus, die deshalb versuchen, Israel zurückzuhalten.

Die Golfstaaten und die Abraham-Abkommen

Der Gaza-Krieg hat die Bemühungen um eine Normalisierung zwischen Israel und Saudi-Arabien erheblich erschwert. Obwohl die Golfstaaten Israel weiterhin als Sicherheitspartner gegen den Iran sehen, fordert Saudi-Arabien angesichts des Gazakrieges nunmehr sichtbare Fortschritte in der Palästinafrage und betrachtet sie als Voraussetzung für eine umfassendere regionale Integration.

Während Trumps Besuch am Golf im Mai 2025 wurden Waffenhandel, Technologietransfer, zivile Kernenergie und Investitionen anvisiert, ohne von Fortschritten im Verhältnis Saudi-Arabiens zu Israel abhängig gemacht zu werden. Somit ließ Saudi-Arabiens Motivation, sich auf Vereinbarungen mit Israel einzulassen, nach. Das Land hat damit keine Eile.

Während des Krieges gerieten die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Bahrain und Kuwait, aber auch Saudi-Arabien, Katar und Oman unter Beschuss. Israel leistete seinem engen Partner, den VAE, Hilfe in Form fortschrittlicher Luftabwehr. Das wurde hochgeschätzt. Israels Beziehungen zu den Golfstaaten werden von der gemeinsamen Besorgnis angesichts der iranischen Bedrohung, dem durchaus anerkannten Wert Israels als Sicherheitspartner, aber auch von der Befürchtung geprägt, Israel strebe militärische Hegemonie an. Zudem erwarten die Golfstaaten politische Fortschritte im israelisch-palästinensischen Konflikt.

Entwicklungen in den Vereinigten Staaten

Während die militärische Zusammenarbeit zwischen den israelischen Streitkräften und dem US-Militär neue Höhen erreicht hat, ist Israel mehr denn je von den Vereinigten Staaten abhängig. Zugleich nimmt die Unterstützung der amerikanischen Öffentlichkeit für Israel schnell und drastisch ab. Jüngste Umfragen deuten auf einen drastischen Rückgang der Sympathie für Israel in weiten Teilen der amerikanischen Öffentlichkeit hin, insbesondere unter Demokraten, jüngeren Wählern und zunehmend sogar innerhalb traditionell proisraelischer Wählergruppen wie den Evangelikalen. Die negative Sicht auf Israel ist bei unter Dreißigjährigen mit 75 Prozent besonders ausgeprägt.

Diese negative Einstellung junger Menschen gegenüber Israel deutet auf wachsende Probleme hin, denen Israel sich in Zukunft in den USA gegenübersehen wird. Dies betrifft nicht nur die progressive Öffentlichkeit im linken Teil des politischen Spektrums, sondern auch die Rechte.

Die Gründe für den Sympathieverfall sind vielfältig. Progressive Kreise lehnen Israels Politik in der Palästinafrage, den verheerenden und tödlichen Krieg, die Vertreibungs- und Enteignungskampagne gewalttätiger jüdischer Milizen im Westjordanland sowie Menschenrechtsverletzungen ab. Amerikanische Isolationisten, die eine Rückzugspolitik und die Konzentration auf die eigenen Angelegenheiten befürworten, lehnen ein übermäßiges Engagement der USA in der Welt ab – auch im Nahen Osten und zugunsten Israels.

Das außen- und verteidigungspolitische Establishment ist der Ansicht, dass die größte strategische Herausforderung für die Vereinigten Staaten im indopazifischen Raum liegt. Der Krieg mit dem Iran wird von vielen Kreisen als Ablenkung von den wichtigeren Herausforderungen in Asien wahrgenommen. Der Irankrieg ist in der amerikanischen Öffentlichkeit unbeliebt. Einige glauben, dass Israel und insbesondere Ministerpräsident Netanjahu die Vereinigten Staaten in diesen Krieg hineingezogen haben.

Die veränderte Haltung gegenüber Israel liegt zu einem großen Teil an innenpolitischen Entwicklungen in den Vereinigten Staaten: politischer Polarisierung, Radikalisierung und demografischen Veränderungen. Wegen Netanjahus wahrgenommener Nähe zu Präsident Trump projizieren Trumps Gegner ihre Feindseligkeit auch auf Israel. Die Regierungen Netanjahus haben im Laufe der Jahre die parteiübergreifende Unterstützung untergraben, die Israel in der Vergangenheit in den USA genossen hatte.

Auch politische Trends in Israel wirken sich auf die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten aus: Die gemeinsamen Werte und Israels Status als Demokratie werden untergraben. Das Verhältnis von Staat und Religion verändert sich. Der wachsende Einfluss der Ultraorthodoxen in Israel hat zur Entfremdung großer Teile des amerikanischen Judentums von Israel geführt. Smotrichs [der israelische Finanzminister – d. Red.] Beharren auf einer Annexion des Westjordanlands und einer Enteignung palästinensischer Böden hat ebenfalls breite Kritik hervorgerufen. Das gilt auch für das Bestreben, einen Zusammenbruch der Palästinensischen Autonomiebehörde zu erzwingen.

Zu Israels Ungunsten wirken auch der zunehmende Antisemitismus, Antizionismus und antiisraelische Haltungen quer durch das politische Spektrum in den USA. Auf der Rechten stützen sich diese Haltungen auf Rassismus, den Wunsch nach weißer Vorherrschaft und neonazistischen Nationalismus, auf der linken Seite auf eine Kombination aus radikal-progressivem und „antikolonialem“ Diskurs, im Verbund mit einer antiisraelischen Kampagne der Muslimbruderschaft an Hochschulen und in der Zivilgesellschaft. Entwicklungen in der westlichen Politik der vergangenen zwei Jahrzehnte kommen hinzu.

Der Wandel in der amerikanischen Öffentlichkeit ist bereits im politischen Establishment angekommen. Jüngste Abstimmungen im Senat über Waffenlieferungen an Israel spiegeln den wachsenden Widerstand gegen Israel unter den Demokraten wider. Die zunehmenden Forderungen nach strengeren Auflagen für Waffenverkäufe an Israel spielen ebenfalls eine Rolle. Auch die Rufe, die Militärhilfe für Israel ganz einzustellen, werden lauter. Netanjahu sinniert über eine Reduktion der US-Hilfe und deren Beendigung binnen eines Jahrzehnts.

Sein Aufruf, Israel als ein „Super-Sparta“ zu gestalten, spiegelt vielleicht die Erkenntnis wider, Israel müsse unabhängiger werden, ignoriert jedoch Israels bestehende Abhängigkeit von externen Lieferketten. Das Bild eines „Spartas“ ignoriert eine weitere Tatsache: Israels „spartanische“ Militärmacht beruht darauf, dass es ein demokratisches, liberales, wissenschaftsfreundliches und international vernetztes „Athen“ ist. In jedem Fall werden die kommenden Verhandlungen über die künftige US-Militärhilfe an Israel ebenso wie die US-Einstellung zur Aufrechterhaltung von Israels qualitativer militärischer Überlegenheit die Sicherheitslage des Landes für die kommende Generation prägen.

Die Entfremdung von Europa

Die Beziehungen zwischen Israel und Europa haben sich während des Gaza-Kriegs drastisch verschlechtert. Hauptgründe dafür waren die humanitären Kosten des Krieges und die unterschiedliche Auslegung des Völkerrechts.

Mit dem Irankonflikt hat sich die Krise weiter verschärft. Spanien und andere Länder setzten sich für eine Aussetzung des Assoziierungsabkommens zwischen der Europäischen Union und Israel ein. Seinerseits kündigte Israel an, keine Rüstungsgüter mehr aus Frankreich zu beziehen. Auch äußerte es den Wunsch, Paris aus den Verhandlungen zwischen Israel und dem Libanon herauszuhalten.

Israel und Europa driften öffentlich und politisch auseinander, obwohl die Europäische Union Israels größter Handelspartner ist. Zugleich wächst jedoch in Europa angesichts der zunehmenden Angst vor der russischen Bedrohung die Nachfrage nach israelischen Waffen, die sich im Kampfeinsatz bewährt haben.

Fazit und Ausblick

In den letzten Jahren ist es zu dramatischen Veränderungen in den Beziehungen zwischen Israel und den USA gekommen. Gründe dafür sind Verschiebungen in der Innen- und Außenpolitik beider Länder sowie die Kriege in Nahost. Gleichzeitig ist ein gravierender Rückgang der Unterstützung für Israel in der amerikanischen Öffentlichkeit zu verzeichnen, der sich in den kommenden Jahren wahrscheinlich weiter verschärfen wird.

Die USA sehen den indopazifischen Raum als Hauptschwerpunkt ihrer Interessen, den strategischen Wettbewerb mit China als ihre größte Herausforderung und Zukunftstechnologien, insbesondere Künstliche Intelligenz und Quantentechnologie, als den Kernbereich dieses Kräftemessens. Israel ist für die Vereinigten Staaten ein sehr wertvoller Nahost-Verbündeter. In Zukunft könnte es für die USA nicht nur als geostrategischer Partner für die regionale Sicherheit, sondern auch als geotechnologischer Innovationspartner von Bedeutung sein.

Die nächste langfristige Zielvereinbarung zwischen den USA und Israel könnte den Übergang von einer Beziehung zwischen Schutzmacht und Kundenstaat zu einer strategischen wissenschaftlich-technologischen Partnerschaft erleichtern. Dabei würde Israels Innovationskraft die Innovationsbasis der Vereinigten Staaten erweitern. Eine solche Entwicklung erfordert eine solide Grundlage gemeinsamer Werte und eine breite, parteiübergreifende Unterstützung für Israel.

Damit die regionale Synergie zwischen Israel und den USA voll zum Tragen kommt, müsste Israels Integration in die Nahostregion voranschreiten, der Krieg beendet und der israelisch-palästinensische Konflikt entschärft und künftig gelöst werden.

All diese Ziele erfordern möglicherweise einen politischen Wandel in Israel und die Bildung einer gemäßigten und pragmatischen Regierung. Diese könnte ein Ende des Krieges anstreben und versuchen, Israels Wirtschaft, Gesellschaft und Außenbeziehungen wieder ins rechte Lot zu bringen, insbesondere zu den Vereinigten Staaten, aber auch zu Europa. Dies wird ein langer Weg sein, der mit einem Schritt beginnen muss – demokratischen Wahlen.

Aus dem Englischen von Wladimir Struminski

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ist Brigadegeneral der Reserve und Verteidigungsstratege, dessen Forschungsspektrum von den Beziehungen Israels zu China bis hin zu dessen regionaler politisch-militärischer Strategie und Politik reicht, ist „Liz and Mony Rueven International Fellow“ am Externer Link: The Washington Institute in Washington DC.