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Israelisch-türkische Beziehungen Zwischen Gaza-Krieg und Machtwechsel in Syrien

Dr. Nimrod Goren

/ 11 Minuten zu lesen

Der Gazakrieg belastet das Verhältnis zwischen Israel und der Türkei. Trotz Krisen und Differenzen in Syrien bieten gemeinsame Sicherheitsinteressen in der Region Perspektiven für eine Annäherung.

Kurzes Zwischenhoch in den türkisch-israelischen Beziehungen. Israels Staatspräsident Herzog am 9.3.2022 zu Besuch beim türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan in Ankara. (© picture alliance / Xinhua News Agency | Mustafa Kaya)

Die Beziehungen zwischen Israel und der Türkei durchliefen seit Israels Gründung 1948 Höhen und Tiefen. Der Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 hat aber beispiellose Rückschläge ausgelöst. Umso wichtiger ist es für Israel und die Türkei, deutlich zu machen, dass eine weitere Verschärfung ihrer Rivalität nicht unvermeidlich ist. Sie sollten deshalb Wege zur Verbesserung ihrer Beziehungen suchen und und dementsprechend handeln.

Der vorliegende Beitrag beleuchtet die Entwicklung und die bestimmenden Faktoren der israelisch-türkischen Beziehungen und untersucht die Spannungen nach dem 7. Oktober 2023 und dem Gazakrieg. Er analysiert den Sturz Baschar al-Assads in Syrien als möglichen Katalysator sowohl für verstärkte Konkurrenz als auch für neue Formen der Kooperation. Abschließend werden Möglichkeiten einer Wiederannäherung zwischen den beiden Staaten aufgezeigt.

Entwicklung und prägende Faktoren der bilateralen Beziehungen

Die Türkei hat als erstes muslimisches Land Israel 1949 anerkannt. Seitdem unterhalten die beiden Staaten ununterbrochen diplomatische Beziehungen.

Die Entscheidung der Türkei Israel anzuerkennen, wurde auch durch positive historische Narrative begünstigt. Dazu zählt die Externer Link: Aufnahme sefardischer Juden im Osmanischen Reich nach ihrer Vertreibung aus Spanien im Jahr 1492. Hinzu kamen der Externer Link: Schutz, den die Türkei jüdischen Flüchtlingen aus Nazi-Deutschland gewährte, sowie die Tatsache, dass prominente zionistische Persönlichkeiten – darunter Externer Link: David Ben Gurion – in Istanbul studiert hatten.

Auch geopolitische Überlegungen der Nachkriegszeit beeinflussten die Haltung der Türkei gegenüber Israel. Dazu gehörten der pro-westliche Kurs der Türkei, geprägt durch das Erbe Mustafa Kemal Atatürks und gefestigt durch den Externer Link: Beitritt des Landes zur NATO im Jahr 1952. Ferner spielten historische Belastungen und Spannungen in den türkisch-arabischen Beziehungen eine Rolle für die türkische Politik.

Im Laufe der Jahrzehnte gelang es beiden Staaten, erhebliche Krisen und Differenzen in ihren Beziehungen zu überwinden. Zeitweise waren die Beziehungen verdeckter als es die öffentliche Wahrnehmung vermuten ließ. In diesen Phasen lag der Schwerpunkt stärker auf der sicherheitspolitischen Zusammenarbeit als auf diplomatischen Beziehungen, zivilgesellschaftlichen Kontakten und Wirtschaftsbeziehungen.

Das Ausmaß und die Intensität der israelisch-türkischen Beziehungen hingen für gewöhnlich mit dem Stand der türkisch-arabischen Beziehungen sowie mit Entwicklungen im israelisch-palästinensischen Konflikt einschließlich des Friedensprozesses zusammen. Der Gazastreifen und Jerusalem waren dabei wiederholt Streitpunkte in den bilateralen Beziehungen.

Die Beziehungen zwischen Israel und der Türkei verschlechterten sich in verschiedenen Phasen, so Anfang der 1950er-Jahre, als sich die Türkei politisch der arabischen Welt annäherte. Weitere Spannungsphasen gab es Mitte der 1960er-und in den 1970er-Jahren, als die Türkei wirtschaftlich zunehmend vom arabischen Öl abhängig wurde, sowie 1980, als Israel Externer Link: Ostjerusalem annektierte.

In den 2000er-Jahren reagierte Israel militärisch auf die palästinensische Al-Aqsa-Intifada, und in den 2010er-Jahren kam es wiederholt zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Israel und der Hamas im Gazastreifen. Diese Entwicklungen belasteten die bilateralen Beziehungen. Zwar wurden die Beziehungen nie vollständig abgebrochen, jedoch wurden sie durch die Herabstufung diplomatischer Vertretungen, scharfe gegenseitige Rhetorik und Einschränkungen der Zusammenarbeit beeinträchtigt.

Hingegen blühten die Beziehungen zwischen Israel und der Türkei auf, wenn Israel Fortschritte in Richtung Frieden und Normalisierung mit den Palästinensern und den arabischen Ländern machte. Beispiele dafür sind die Madrider Konferenz von 1991, die Osloer Abkommen von 1993 und der israelisch-jordanische Friedensvertrag von 1994.

Es ist daher kein Zufall, dass Israel und die Türkei Mitte der 1990er-Jahre eine Reihe Externer Link: strategischer Abkommen unterzeichneten. Ihre Beziehungen in diesem Jahrzehnt wurden öffentlich gewürdigt und auf nicht sicherheitspolitische Bereiche ausgeweitet. In der Bevölkerung beider Länder nahmen positive Einstellungen gegenüber dem jeweils anderen Land zu. Strategische Überlegungen und als ähnlich empfundene Bedrohungen stärkten historisch gesehen die Zusammenarbeit zwischen Israel und der Türkei.

Bereits 1958 vereinbarten diese beiden nichtarabischen und weitgehend säkularen Länder der Region eine Zusammenarbeit fernab der Öffentlichkeit im Rahmen eines „Externer Link: Bündnisses der Peripherie“ . Auch in den folgenden Jahrzehnten führten gemeinsame strategische Anliegen – im Zusammenhang mit dem Iran, Syrien, Terroranschlägen, separatistischen Bewegungen und religiösem Fundamentalismus – zu einer Annäherung.

Die Palästinafrage trieb einen Keil in die Beziehungen, insbesondere nach dem Machtantritt der Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) im Jahr 2002. Unter der Führung von Recep Tayyip Erdoğan wurde die Türkei innenpolitisch konservativer und religiöser, zeigte Sympathie für Bewegungen der Muslimbruderschaft wie die Hamas und strebte nach dem Arabischen Frühling nach einer führenden geopolitischen Rolle in Nahost.

Tausende türkische Demonstranten begrüßen das Schiff „Mavi Marmara“ am 26. Dezember 2010 in Istanbul (Türkei) mit palästinensischen und türkischen Flaggen vom Hafen und von Booten aus, als es nach dem tödlichen Überfall Israels auf eine Hilfsflotte für den Gazastreifen am 31. Mai nach Istanbul zurückkehrt. Am 31. Mai 2010 stürmten israelische Kommandos sechs Schiffe, auf denen sich Hunderte pro-palästinensischer Aktivisten auf einer Hilfsmission in den blockierten Gazastreifen befanden. Dabei kamen mindestens 10 Menschen ums Leben und Dutzende wurden verletzt, nachdem die Streitkräfte beim Entern der Schiffe auf unerwarteten Widerstand gestoßen waren. (© picture alliance / dpa | Stringer)

Verbunden mit Israels Rechtsruck und der zunehmenden Eskalation des israelisch-palästinensischen Konflikts, führte dies nach dem Arabischen Frühling zu Krisen in den Beziehungen zwischen Israel und der Türkei. Die Probleme häuften sich. Der Externer Link: Vorfall in Davos (2009) und die Externer Link: Mavi-Marmara-Flottille (2010) führten zu einem tiefen Bruch und zur Herabstufung der Beziehungen.

Eine 2016 vereinbarte Wiederannäherung war nur von kurzer Dauer, da Spannungen um Gaza und Jerusalem 2018 eine weitere Krise auslösten. Auch diese konnte durch einen vorsichtigen Externer Link: Annäherungsprozess bis 2022 schrittweise überwunden werden. Dies ermöglichte die Rückkehr zu diplomatischen Beziehungen auf Botschafterebene. Sie führte schließlich zu einem Externer Link: Treffen zwischen Benjamin Netanjahu und Recep Tayyip Erdoğan im September 2023 in New York, bei dem beide Seiten eine verstärkte Zusammenarbeit vereinbarten. Rund 20 Tage später wurde diese positive Dynamik durch den Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 aber zunichte gemacht.

Der 7. Oktober und der Gaza-Krieg

Im Jahr 2007 verdrängte die Hamas die Palästinensische Autonomiebehörde gewaltsam von der Macht im Gazastreifen. Während der darauffolgenden Eskalationszyklen zwischen Israel und der Hamas bemühte sich die Türkei, eine diplomatische Rolle in Gaza zu übernehmen. Sie bot Vermittlung an, doch dies wurde sowohl von Israel – aufgrund von Erdoğans Hamas-freundlicher Haltung – als auch von Ägypten abgelehnt. Ägypten wollte seine Rolle als wichtigster Vermittler sichern, zudem waren seine Beziehungen zur Türkei damals angespannt.

Mit der Externer Link: israelisch-türkischen Aussöhnung von 2016 wurde der Streit um die Gaza-Flottille beigelegt. Das bilaterale Abkommen eröffnete der Türkei die Möglichkeit, ihre Unterstützung für die palästinensische Bevölkerung im Gazastreifen auszubauen. Die Türkei nutzte diese Möglichkeit jedoch nicht. Stattdessen versuchte Erdoğan, innenpolitisches Kapital herauszuschlagen, indem er sich in der Gaza-Frage gegen Israel positionierte.

Wann immer er sich um eine Bereinigung des Verhältnisses zu Israel bemühte, begründete er dies vor allem damit, dass die Türkei dadurch größeren Einfluss in der Palästina-Frage gewinnen könne. Auch nach dem 7. Oktober wollte die Türkei eine diplomatische Rolle spielen. Die Voraussetzungen dafür waren günstiger als zuvor. Die Türkei unterhielt sowohl mit Israel als auch mit Ägypten bessere Beziehungen als während früherer Konfrontationen zwischen Israel und der Hamas.

Ankara erwartete daher geringeren Widerstand gegen eine türkische Beteiligung an diplomatischen Bemühungen in dem Konflikt. Erdoğan war einer von nur zwei regionalen Staatschefs – der zweite stammte aus den Vereinigten Arabischen Emiraten –, die nach dem Angriff der Hamas den israelischen PräsidentenExterner Link: Isaac Herzog anriefen.

Dieses Zeichen guten Willens verpuffte jedoch fast sofort, als der türkische Präsident bereits zwei Tage später Israel eines Massakers in Gaza Externer Link: beschuldigte. Die harsche Kritik der Türkei an Israels Vorgehen verschärfte sich in den folgenden Monaten. Parallel dazu strebte die Türkei die Rolle einer Externer Link: offiziellen Schutzmacht der Palästinenserinnen und Palästinenser an. Israel lehnte eine türkische Beteiligung an der Gaza-Diplomatie ab, und so wurde die bilaterale Rhetorik von Tag zu Tag schärfer.

Die US-Regierung unter Joe Biden war dennoch bereit zu prüfen, welchen Beitrag die Türkei leisten könnte. Im Rahmen seiner Pendeldiplomatie im Nahen Osten während des Gazakrieges besuchte US-Außenminister Externer Link: Antony Blinken auch die Türkei. Die Bemühungen um einen türkischen Beitrag führten jedoch zu keinem diplomatischen Ergebnis und wurden schließlich eingestellt. Je länger der Krieg andauerte, desto schlechter stand es um die Beziehungen zwischen Israel und der Türkei. Führende Politiker Externer Link: griffen einander öffentlich verbal an. Die Türkei Externer Link: beschränkte den Handel mit Israel, die diplomatischen Beziehungen wurden de facto herabgestuft, Externer Link: Direktflüge eingestellt und die Kontakte zwischen Bürgern beider Länder kamen nahezu zum Stillstand. Zugleich breiteten sich in der Türkei Externer Link: antiisraelische Massenproteste aus. Die offiziellen Beziehungen blieben zwar erhalten, wurden jedoch weitgehend inhaltsleer. Die Beziehungen erreichten damit einen Tiefpunkt, der in beiden Ländern die Angst vor einem bevorstehenden Zusammenstoß weckte.

Die Bemühungen von US-Präsident Donald Trump, den Krieg im Gazastreifen zu beenden und seinen Externer Link: 20-Punkte-Plan für Gaza voranzutreiben, ermöglichten es schließlich der Türkei, die von ihr seit Jahren angestrebte Rolle einzunehmen. Aufgrund ihrer persönlichen Verbundenheit Externer Link: unterstützte Trump Erdoğans Beteiligung an den politischen Bemühungen. Ferner ging er davon aus, Erdoğan könne die Hamas beeinflussen. Die Türkei wurde offiziell zu einem der Externer Link: vermittelnden Länder, die neben Ägypten und Katar die US-Initiativen unterstützten. Zudem wurde sie Externer Link: Mitglied des „Board of Peace“, und ihr Außenminister Hakan Fidan wurde Externer Link: in das Gaza-Exekutivgremium berufen.

Diese Entwicklungen waren für die Türkei von symbolischer Bedeutung, stießen in Israel jedoch auf heftigen Widerstand. Netanjahu machte Trump gegenüber deutlich, dass die Entsendung türkischer Truppen nach Gaza eine Externer Link: rote Linie darstelle. Das wurde von den USA respektiert. Somit wurde die Türkei zwar in den neuen internationalen Mechanismen für Gaza einbezogen, erhielt aber keinen wirklichen Einfluss. Auf diese Weise vereitelten die belasteten Beziehungen zu Israel eine wesentliche Rolle der Türkei in der Palästina-Frage. Stattdessen schloss sich die Türkei einer Gruppe gleichgesinnter Länder („Externer Link: Haager Gruppe“) an, die sich für Sanktionen gegen Israel einsetzte.

Konkurrenz und Kooperation in Syrien nach dem Machtwechsel

Neben der Palästina-Frage stellt die Lage in Syrien einen wichtigen Faktor in den Beziehungen zwischen Israel und der Türkei dar. Für beide Länder ist Syrien von strategischer Bedeutung. Der türkische Fokus in Syrien liegt vor allem auf dem Externer Link: kurdischen Nationalismus, den Externer Link: Migrationsströmen und der russischen Dominanz. Israels Anliegen betreffen die Sicherheit der Grenze auf den Golanhöhen, den Externer Link: Waffenschmuggel an die Hisbollah über den Libanon, die Präsenz und den Externer Link: Einfluss des Iran in Syrien sowie das Schicksal der Externer Link: drusischen Gemeinschaft.

Die israelischen und die türkischen Interessen in Syrien beruhen nicht so sehr auf religiösen Bestrebungen, emotional aufgeladener Rivalität oder konkurrierenden Ideologien. Vielmehr sind dort nationale Interessen und Sicherheitserwägungen ausschlaggebend. Das unterscheidet das Verhältnis zwischen Israel und der Türkei in Syrien von der Palästina-Frage. Zudem geht es beiden Staaten um unterschiedliche Regionen Syriens.

Das Augenmerk der Türkei konzentriert sich hauptsächlich auf den syrischen Nordosten, in dem das Gros der kurdischen Bevölkerung lebt. Demgegenüber ist für Israel der nahe seiner Grenze gelegene Südwesten des Nachbarlandes entscheidend. Diese Faktoren bauen die Spannung ab, schaffen Möglichkeiten zu gegenseitiger Abstimmung und Zusammenarbeit und erleichtern den Informationsaustausch.

Der plötzliche, überraschende Externer Link: Sturz des Assad-Regimes im Dezember 2024 veränderte die Kräfteverhältnisse. Israel und die Türkei verfolgten unterschiedliche Ziele in Syrien. Die Türkei strebte vorrangig ein vereintes, im Externer Link: türkischen Einflussbereich verankertes Syrien mit einem zentral geführten Regime unter Ahmed al-Sharaa an. Demgegenüber bevorzugte Israel ein Syrien mit einem hohen Grad an Eigenständigkeit für verschiedene Minderheitsgruppen. Das von Israel ins Auge gefasste Syrien sollte nach dieser Vorstellung Externer Link: schwach bleiben und nicht unter türkische Vorherrschaft geraten. Damit würde es Israel Spielraum für Externer Link: militärische Aktionen verschaffen – auch als Korridor für Angriffe auf den Iran.

Diese konkurrierenden Bestrebungen schürten zunächst Spannungen zwischen Israel und der Türkei. Die Regierungen tauschten Drohungen aus und verurteilten sich gegenseitig. Spekulationen über eine mögliche Konfrontation zwischen ihnen auf syrischem Territorium nahmen zu. Der ehemalige israelische Ministerpräsident Externer Link: Naftali Bennett erklärte sogar: „Die Türkei ist der neue Iran.“ Diese Einschätzung wird von zahlreichen israelischen Experten als falsch erklärt, prägt den öffentlichen Diskurs in Israel jedoch weiterhin.

In Wirklichkeit zeigte sich, dass die Türkei und Israel - trotz ihrer Differenzen und Streitigkeiten - die roten Linien der anderen Seite still zu respektieren wussten. Sie standen der gegenseitigen Abstimmung offen gegenüber. Die Regierungen nahmen in Aserbeidschan Gespräche über eine Externer Link: Konfliktentschärfung auf, in denen Sicherheitsfachleute beider Seiten auf einen akzeptablen Modus Vivendi hinarbeiteten. Externer Link: Trumps Unterstützung für al-Sharaa verringerte Israels Sorgen um künftige Entwicklungen in Syrien.

Die US-Regierung signalisierte über den Externer Link: Präsidenten und seinen Botschafter in der Türkei, Externer Link: Tom Barrack, ihr Interesse an einer Verbesserung der Beziehungen zwischen Israel und der Türkei. Es ist möglich, dass Syrien ein Streitthema zwischen Israel und der Türkei bleibt. Zugleich ist es aber denkbar, dass beide Länder - zwecks Wahrung ihrer nationalen Interessen - ihre Differenzen überwinden und hinter den Kulissen kooperieren. Ansätze dafür sind bereits erkennbar und könnten zu einer erneuten Verbesserung der Beziehungen beitragen.

Perspektiven für bessere Beziehungen

Die Beziehungen zwischen Israel und der Türkei stecken derzeit in einer tiefen Krise. Beide Länder suchen Externer Link: konkurrierende Allianzen im östlichen Mittelmeerraum und im Nahen Osten. Sie sind aber keine Feinde. Sie unterhalten kontinuierliche diplomatische Beziehungen und haben in der Vergangenheit bewiesen, dass sie Differenzen überbrücken können. Beide haben in verschiedenen Bereichen gemeinsame Interessen und Bedürfnisse. Beide sind mit den USA verbündet – die Türkei ist zudem NATO-Mitglied. Daher wäre es sinnvoll, den politischen Dialog auf bessere Beziehungen auszurichten, statt fälschlicherweise eine weitere Eskalation als unvermeidlich darzustellen.

Der beste Weg zu einem besseren Verhältnis führt über Fortschritte auf dem Weg zu einem israelisch-palästinensischen Frieden. Dieser würde es Israel ermöglichen, seine Integration in die Region voranzutreiben und die bilateralen Beziehungen zu Ländern der Region, einschließlich der Türkei, aufzuwerten. Ein Führungswechsel in Jerusalem, aus dem eine gemäßigte Regierungskoalition hervorgeht und Extremisten Einhalt gebietet, wäre dabei sehr hilfreich. Die Türkei könnte einen Beitrag leisten, indem sie von der Unterstützung der Hamas abrückt. Schließlich wäre eine Mäßigung der gegenwärtig sehr konfrontativen Rhetorik wichtig.

Annäherungsversuche zwischen Israel und der Türkei sind in den letzten zehn Jahren zweimal gescheitert. Daher könnte der nächste Versuch noch langsamer und vorsichtiger ausfallen. Die Israelis werden sich fragen, ob eine Verbesserung der Beziehungen überhaupt möglich und von Dauer sein kann – insbesondere solange Erdoğan an der Macht bleibt. Um dieser Skepsis entgegenzuwirken, sollten die Wiederaufnahme des Handels und des Flugverkehrs sowie zivilgesellschaftliche Kontakte Vorrang erhalten.

Das gilt auch für informelle Diplomatie, den Austausch auf den Gebieten der Wissenschaft, der Kultur und des Sports, klima- und energiepolitische Zusammenarbeit sowie die Kooperation im Rahmen regionaler Organisationen wie der Union für den Mittelmeerraum. Vor allem sollten sich Israelis und Türken klarmachen, dass die Beziehungen zwischen ihnen nicht von der Politik und der Haltung der derzeitigen Staats- und Regierungschefs diktiert werden dürfen. Gesellschaften sind vielfältig und ermöglichen vielfältige Verbindungen. So fanden beispielsweise Liberale in beiden Ländern eine gemeinsame Basis, als sie sich über ihre Erfahrungen und ihr Vorgehen im parallelen Externer Link: Kampf gegen den Demokratieabbau austauschten.

Es gibt auch weitere gemeinsame Nenner. Sie zu erkennen und aufzugreifen sollte ein wichtiges Anliegen all jener sein – in Israel, der Türkei und der internationalen Gemeinschaft – , denen die israelisch-türkischen Beziehungen am Herzen liegen und die sie wieder in eine positive Richtung lenken wollen.

Aus dem Englischen von Wladimir Struminski

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ist Präsident und Gründer von Mitvim – dem israelischen Institut für regionale Außenpolitik – sowie Mitbegründer und Vorstandsmitglied von Diplomeds – dem Rat für Mittelmeerdiplomatie.

Er promovierte in Nahoststudien und Politischer Psychologie an der Hebräischen Universität Jerusalem und war Hubert-Humphrey-Stipendiat (Fulbright-Programm) an der Maxwell School of Citizenship and Public Affairs der Syracuse University. Nimrod wurde mit dem Victor-J.-Goldberg-Preis für Frieden im Nahen Osten und der Centennial-Medaille des Institute of International Education ausgezeichnet.

Er ist als leitender Experte in einem EU-Projekt tätig, das dem Europäischen Parlament außenpolitisches Fachwissen zur Verfügung stellt, ist Fellow bei der International Dialogue Initiative, Mitglied des Israel Climate Forum von Präsident Isaac Herzog und sitzt in den Lenkungsausschüssen der Genfer Initiative und des türkisch-israelischen Zivilgesellschaftsforums; außerdem ist er Vorstandsmitglied des Center for Enterprising Citizens.

Er ist Experte für inoffizielle Diplomatie, hat zahlreiche „Track-II“-Kanäle im Zusammenhang mit Israel und seinen Nachbarn konzipiert und geleitet, ist häufiger Kommentator zu israelischen und regionalen Angelegenheiten für internationale Medien und Autor sowie Herausgeber zahlreicher Publikationen zur israelischen Außen- und Innenpolitik, zu den israelisch-arabischen Beziehungen, zum Nahost-Friedensprozess, zur Mittelmeerdiplomatie und zur Außenpolitik der Türkei.