Wenn man den Zweck der Veranstaltung bedenkt, war die Gästeliste bemerkenswert. Im Januar 2026 fand in Jerusalem die Externer Link: Internationale Konferenz zur Bekämpfung von Antisemitismus statt. Sie wurde vom israelischen Ministerium für Diaspora-Angelegenheiten unter Minister Amichai Chikli veranstaltet. Das Ereignis führte schnell zu Kontroversen: Mehrere Teilnehmende wurden nämlich mit der Externer Link: radikalen Rechten in Europa in Verbindung gebracht. Dies rief Kritik jüdischer Diasporagemeinden und liberaler jüdischer Organisationen hervor. Viele fragten, wie eine Konferenz zur Bekämpfung des Antisemitismus politische Akteure aus dem Dunstkreis der Fremdenfeindlichkeit, des Geschichtsrevisionismus und des ausgrenzenden Nationalismus legitimieren könne.
Die Kontroverse spiegelte einen tiefgreifenden Wandel in Israels Beziehungen zur europäischen radikalen Rechten unter Benjamin Netanjahu wider. Jahrzehntelang wäre eine solche Zusammenarbeit politisch undenkbar gewesen. In den vergangenen zehn Jahren hat sich Israels Politik in dieser Beziehung jedoch verändert. Unter Netanjahu haben israelische Regierungen enge Beziehungen zu nationalistischen Regierungen sowie zu populistischen und radikal rechten Parteien in ganz Europa aufgenommen. Diese Beziehungen sind zunehmend durch die gemeinsame Berufung auf Souveränität, die Ablehnung des liberalen Universalismus und das Bild eines zivilisatorischen Konflikts geprägt.
Wie kam es zu dieser Annäherung, ungeachtet der langjährigen Verbindung der radikalen Rechten in Europa mit Antisemitismus und Geschichtsrevisionismus? Im vorliegenden Beitrag soll dargelegt werden, dass dieser Wandel nicht nur diplomatischen Pragmatismus widerspiegelt. Vielmehr entspringt er auch tiefergreifenden politischen und ideologischen Veränderungen in Israel sowie in Teilen der europäischen radikalen Rechten. Die wachsende Annäherung hat wichtige Folgen für Israels Beziehungen zu Europa, für die dortigen jüdischen Gemeinden und für die liberale Ordnung, die in der Nachkriegszeit die Beziehungen zwischen beiden Seiten lange prägte.
Die radikale Rechte in Israel: ideologische Grundlagen und Wandel
Die enge Beziehung zwischen den rechtsgerichteten Regierungen Israels auf der einen und populistischen sowie rechtsradikalen Kräften in Europa auf der anderen Seite ist ohne eine Analyse der Entwicklung auf der israelischen Rechten nicht zu erklären. Die Wurzeln des israelischen Rechtsradikalismus reichen weit tiefer in die Geschichte zurück als die israelische Besetzung des Westjordanlands und des Gazastreifens im Jahr 1967. Bereits vor der Staatsgründung vertrat der mit
Der Sechstagekrieg von 1967 markierte einen Wendepunkt. Israels Sieg und die dadurch erlangte Kontrolle über Ostjerusalem, das Westjordanland und den Gazastreifen verwandelten langjährige territoriale Ansprüche in ein konkretes politisches Programm. Die Siedlungsbewegung gewann an Stärke. Religiös-zionistische Gruppen betrachteten die jüdische Besiedlung der besetzten Gebiete zunehmend als einen nationalen und religiösen Imperativ. Die in den 1970er-Jahren gegründete Bewegung „
Mit der Zeit nahm die israelische radikale Rechte Merkmale an, die heute auch rechtsextreme Bewegungen in anderen Ländern prägen. Externer Link: Ami Pedahzur stützt sich auf das Rahmenkonzept Cas Muddes
Diese Tendenzen traten besonders unter Premierminister Benjamin Netanjahu deutlich zutage. Er wurde immer mehr von seinen religiös-nationalistischen und rechtsextremen Koalitionspartnern abhängig. Politiker wie Bezalel Smotrich und Itamar Ben-Gvir – Anhänger des rassistischen Rechtsextremisten und ehemaligen Knessetabgeordneten Meir Kahane – verkörperten diesen Wandel. Beide lehnen einen palästinensischen Staat ab und interpretieren jüdische Souveränität maximalistisch und radikal. Zugleich stellen sie liberale Begrenzungen politischer Macht infrage. Nach dem Überfall vom 7. Oktober 2023 und dem Ausbruch des Gazakrieges forderten sie offen eine Externer Link: erneute jüdische Besiedlung des Gazastreifens und setzten sich für die „Externer Link: freiwillige Auswanderung“ von Palästinenserinnen und Palästinensern aus Gaza ein.
Von gemeinsamen Interessen zu gemeinsamer Weltanschauung
Israels zunehmende Annäherung an die radikale Rechte in Europa war ursprünglich pragmatisch motiviert. Die Kritik an der israelischen Politik nahm innerhalb der EU zu, insbesondere wegen des Siedlungsbaus und des Gazakrieges. Im Gegenzug suchte – und fand – Netanjahus Regierung Schritt für Schritt die Nähe zu ideologisch nahestehenden europäischen Regierungen und Parteien. Diese Strategie erwies sich vor allem in Mitteleuropa als erfolgreich. Externer Link: Ungarn unter Viktor Orbán und in jüngster Zeit die von rechtsextremen Parteien mitgetragene Externer Link: tschechische Regierung bemühten sich um eine Entschärfung oder Blockade israelkritischer EU-Positionen. So leisteten sie – angesichts der oft erforderlichen Einstimmigkeit bei außenpolitischen Entscheidungen der EU – wirkungsvolle diplomatische Unterstützung für Israel.
Die Annäherung lässt sich jedoch nicht allein durch tagespolitisches Kalkül erklären. Sie spiegelt auch Veränderungen in Teilen der europäischen radikalen Rechten wider. Zwar gingen viele dieser Parteien aus der Tradition von Fremdenfeindlichkeit, Nationalismus und in einigen Fällen Antisemitismus hervor. Allerdings nahmen sie mehr und mehr proisraelische Positionen ein. Dieser Wandel war nicht in erster Linie das Ergebnis einer plötzlich entdeckten Verbundenheit mit Jüdinnen und Juden oder mit der jüdischen Geschichte. Vielmehr erblickten viele Akteure der radikalen Rechten in Israel einen vorbildlichen Nationalstaat, einen Verbündeten und einen Vorposten in einem umfassenderen Kampf gegen Islamismus, Migration und Multikulturalismus. Die Unterstützung Israels ermöglichte ihnen, sich als Verteidiger der „jüdisch-christlichen Zivilisation“ zu präsentieren und sich gegen den Vorwurf des Antisemitismus abzuschirmen.
Die wachsende Verbundenheit zwischen Teilen der radikalen Rechten in Israel und Europa beruhte nicht nur auf gemeinsamen Interessen, sondern auch zunehmend auf ähnlichen politischen Narrativen. Auf beiden Seiten wurde die nationale Souveränität betont. Beide stellten Migration und Multikulturalismus als Bedrohungen der jeweiligen kollektiven Identität dar. Zugleich äußerten sie wachsende Skepsis gegenüber liberalen Institutionen und supranationaler Politik. (Das israelische Recht behandelt die jüdische Einwanderung als Rückkehr in die historische Heimat und nicht als Migration. Letztere wird in einem separaten Gesetz geregelt.)
In Europa stellten rechtsradikale Parteien häufig Gerichte, Universitäten, Nichtregierungsorganisationen und die Europäische Union als Hemmnisse für die Durchsetzung des Volkswillens dar. Eine ähnliche Rhetorik wurde auch in Israel zunehmend vernehmbar. Politiker der Likud-Partei und ihrer Koalitionspartner warfen der Justiz, den Medien und Menschenrechtsorganisationen vor, die demokratische Regierungsführung und die nationalen Interessen zu behindern. Gleichzeitig stellten beide Lager Politik zunehmend als einen Kampf zwischen dem „echten Volk“ und realitätsfernen liberalen oder kosmopolitischen Eliten dar. Sie behaupteten, die Nation gegen vermeintliche innere und äußere Bedrohungen verteidigen zu müssen.
Das Ergebnis war eine Beziehung, die nicht nur auf gemeinsamen strategischen Interessen, sondern zunehmend auch auf ähnlichen politischen Narrativen beruhte. Im Mittelpunkt standen dabei Souveränität, nationale Identität, Zivilisationskonflikte und Skepsis gegenüber dem liberalen Universalismus. Diese ideologischen Gemeinsamkeiten trugen dazu bei, dass sich die ursprünglich pragmatische Partnerschaft zu einer breiteren politischen Allianz zwischen dem Israel der Netanjahu-Ära und Teilen der radikalen Rechten Europas entwickelte.
Strategische, politische und normative Folgen der illiberalen Bündnisse Israels in Europa
Die wachsende politische Nähe zwischen der rechten Regierung Israels und der europäischen radikalen Rechten hat Israel zwar kurzfristig deutliche diplomatische Vorteile verschafft, birgt aber erhebliche langfristige Risiken. Die verschiedenen Regierungen unter Netanjahu bauten enge Beziehungen zu Regierungen auf, die bereit waren, gemeinsame EU-Positionen zu hinterfragen. Das half Israel oft, die Kritik der EU an den Siedlungen und am israelischen Vorgehen im Gazastreifen zu mildern oder zu verhindern. Solche Bündnisse mögen taktisch nützlich sein. Sie bergen aber die Gefahr, die wichtigsten politischen Akteure in der EU vor den Kopf zu stoßen. Diese prägen nach wie vor die EU-Politik auf wichtigen Gebieten wie Wirtschaft, Wissenschaftskooperation und Diplomatie.
Dies ist von besonderer Bedeutung, da die EU für Israels Wirtschaft und Wissenschaft nach wie vor unverzichtbar ist. Die EU ist Israels größter Handelspartner und ein zentraler Partner für Forschung, Innovation und akademische Zusammenarbeit, einschließlich Forschungs- und Entwicklungsprogrammen wie „Horizont Europa“. Insbesondere seit dem Krieg im Gazastreifen sind die Beziehungen in diesen Bereichen angespannt. Es werden Forderungen nach einer Aussetzung der israelischen Teilnahme an europäischen Forschungsprogrammen laut. Immer häufiger kommt es auch zu akademischen Boykotten und zum Druck aus der Zivilgesellschaft. Das verdeutlicht, wie Israels Position innerhalb institutioneller und wissenschaftlicher Netzwerke in Europa ausgehöhlt zu werden droht. Die nationalistischen und euroskeptischen Verbündeten können in diesem Kontext zwar vorübergehenden diplomatischen Schutz bieten, allerdings wird Israels Position gegenüber Europa insgesamt geschwächt.
Historisch gesehen wurde Israel von konservativen, liberalen und sozialdemokratischen Kreisen unterstützt. Die zunehmende Identifikation mit antiliberalen und nationalistischen Akteuren birgt die Gefahr, dass die europäische Politik sich an Israel stärker polarisiert.
Die stets wachsende Normalisierung der radikalen Rechten in Europa im Rahmen der israelischen Diplomatie schafft zudem erhebliche Dilemmata für Europas jüdische Gemeinden. Viele der Parteien und Bewegungen, die sich heute als entschlossen proisraelisch darstellen, tragen weiterhin das historische Erbe von Antisemitismus, Holocaustleugnung, Fremdenfeindlichkeit oder ausgrenzendem Nationalismus in sich. Zwar haben einige von ihnen eine proisraelische und philosemitische Rhetorik übernommen, doch bleibt ihre Unterstützung für Israel oft selektiv und zweckgerichtet.
In vielen Fällen ist die Unterstützung Israels Teil eines umfassenderen zivilisatorischen Narrativs, das Juden als akzeptable Verbündete gegen eine vermeintlich größere Bedrohung durch den Islam, Migration und Multikulturalismus darstellt. Gleichzeitig konstruieren diese Bewegungen häufig implizite Hierarchien des Antisemitismus. Sie stellen den mit muslimischen Gemeinschaften oder mit der politischen Linken in Zusammenhang gebrachten Antisemitismus als die gegenwärtig primäre Gefahr dar. Hingegen spielen sie den aus nationalistischen und rechtsextremen Traditionen hervorgehenden Antisemitismus herunter oder relativieren ihn. Infolgedessen bedeutet die Unterstützung für Israel nicht zwangsläufig ein umfassenderes Engagement für den Schutz jüdischer Minderheiten im eigenen Land oder die Bekämpfung des Antisemitismus in all seinen Formen.
Diese Spannungen zeigen sich besonders deutlich im Bereich der Erinnerungspolitik. Die Regierung Viktor Orbáns pflegte beispielsweise enge Beziehungen zu Israel und förderte gleichzeitig Kampagnen gegen George Soros, für die sie sich nach Ansicht vieler jüdischer Organisationen aus dem Arsenal klassischer antisemitischer Klischees bediente. Im weiteren Sinne haben mehrere nationalistische Parteien in ganz Europa versucht, die Kriegsvergangenheit ihrer Länder neu zu interpretieren. Sie spielen die Kollaboration während des Holocausts herunter oder stellen den Nachkriegskonsens zum Gedenken an die Opfer infrage. Dadurch wird Israel mit einem grundlegenden Widerspruch konfrontiert. Die Unterstützung durch die radikale Rechte spiegelt oft eher die Bewunderung Israels als eines starken ethnonationalen Staates und Verbündeten gegen den Islamismus wider. Sie ist kein Bekenntnis zu Pluralismus, Minderheitenschutz oder zu den jüdischen Gemeinschaften selbst. Wie Externer Link: wissenschaftliche Untersuchungen zur europäischen radikalen Rechten gezeigt haben, werden Jüdinnen und Juden, die nationalistische Narrative vertreten, möglicherweise als Teil der Nation willkommen geheißen. Dagegen werden liberale oder kosmopolitische Jüdinnen und Juden als distanzierte Eliten wahrgenommen, die die Nation untergraben. Für viele jüdische Menschen in Europa ist die wachsende Annäherung Israels an Parteien, denen sie selbst weiterhin mit Misstrauen begegnen, zu einer immer belastenderen Realität geworden.
Allgemeiner betrachtet spiegeln die wachsenden Verbindungen zwischen dem Israel der Netanjahu-Ära und der radikalen Rechten in Europa eine Abkehr vom Muster der Nachkriegszeit wider. Damals war die Unterstützung für Israel eng mit liberaler Demokratie, Holocaust-Gedenken und Antifaschismus verbunden. Heute basiert die Zusammenarbeit zunehmend auf gemeinsamen Vorstellungen von nationaler Souveränität, der Ablehnung der Migration und dem Widerstand gegen den liberalen Universalismus. Dieser gemeinsame Nenner erklärt zum Teil die zunehmende Affinität zwischen Teilen der israelischen und der europäischen Rechten. Gleichzeitig deutet er darauf hin, dass eine anfänglich pragmatische Partnerschaft sich zu einer umfassenderen politischen Annäherung entwickelt hat. Deren langfristige Folgen – für Israel, für Europa und für die jüdischen Gemeinschaften – lassen sich bislang nicht absehen.
Aus dem Englischen von Wladimir Struminski