Die Illusion der Ruhe
Israel, Hisbollah und die brüchige Souveränität des Libanon
Sarit Zehavi
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Seit Jahrzehnten wird das israelisch-libanesische Verhältnis durch die Rolle des Libanon als Ausgangspunkt für Terrorismus überschattet, eine zentrale Stellung nimmt dabei die Hisbollah ein.
Aus israelischer Sicht ist der Libanon ein Land voller Widersprüche – verbunden mit einer ausgeprägten kognitiven Dissonanz. Einerseits gibt es in Israel eine tief verwurzelte Affinität zur libanesischen Kultur, zur Küche und zu den beeindruckenden Landschaften. Bis heute besteht die Vorstellung einer grundlegenden kulturellen Nähe zwischen Israelis und Libanesen. Im kollektiven israelischen Bewusstsein genießt der Libanon daher ein positives Image: Er steht für Weltoffenheit, Gastfreundschaft, gutes Essen und ein lebendiges Nachtleben. Zugleich lebt die Sehnsucht nach einer normalen Nachbarschaft im Nahen Osten fort. Sie zeigt sich etwa in der Beliebtheit libanesischer Restaurants oder in romantisierten Bildern des kosmopolitischen Beirut und seines Nachtlebens.
Diese kulturelle Nähe wird jedoch durch die harte politische Realität überschattet. Seit Jahrzehnten wird das israelisch-libanesische Verhältnis durch die Rolle des Libanon als Ausgangspunkt für Terrorismus überschattet. Verschiedene Terrororganisationen haben libanesisches Territorium als Ausgangsbasis für systematische Angriffe auf den Staat Israel genutzt. Jegliche Analyse der gegenwärtigen Situation muss von diesem Spannungsverhältnis ausgehen: der Libanon als kultureller Raum einerseits und als Brennpunkt des Konflikts andererseits.
Um die gegenwärtigen Militäroperationen der israelischen Streitkräfte im Südlibanon zu verstehen, ist ein Blick auf die Geschichte beider Nachbarländer erforderlich, Ein weiterer Faktor ist die anhaltende Unfähigkeit des libanesischen Staates, seine Souveränität durchzusetzen.
Historischer Hintergrund: 1970 bis 1982
Die Wurzeln des heutigen Konflikts reichen bis in die 1970er-Jahre zurück – eine Zeit, in der der Libanon zunehmend unter internen Auseinandersetzungen litt. Die demografische und politische Landkarte des Libanon war und ist bis heute ein spannungsgeladenes Mosaik.
Mangels aktueller Bevölkerungsstatistik beruhen alle hier genannten demografischen Angaben auf Schätzungen. Die Bevölkerung ist zu etwa 50 Prozent muslimisch-schiitisch, zu 20 bis 25 Prozent christlich, zu 25 Prozent muslimisch-sunnitisch und zu etwa 5 Prozent drusisch. Die christliche Bevölkerung ist in verschiedene Konfessionen unterteilt, darunter die maronitische, die griechisch-orthodoxe, die armenische und die römisch-katholische Konfession sowie weitere konfessionelle Gruppen. Die Bevölkerung des Libanons wird auf etwa fünf Millionen geschätzt. Hinzu kommen etwa 200.000 als palästinensische Flüchtlinge definierte Personen sowie mehrere hunderttausend syrische Flüchtlinge.
Die Verfassung regelt die Verteilung der politischen Macht nach einem genau festgelegtenInterner Link: religiösen und konfessionellen Proporz. Der Präsident ist ein maronitischer Christ, der Ministerpräsident ein sunnitischer Muslim und der Parlamentspräsident ein schiitischer Muslim. Das Parlament setzt sich zu gleichen Teilen aus christlichen und muslimischen Abgeordneten zusammen.
Im Jahr 1975 versank der Libanon in einem brutalen Bürgerkrieg, in dem praktisch jeder gegen jeden kämpfte. In dieses Machtvakuum drang die Organisation für die Befreiung Palästinas (PLO) ein, die 1970 aus Jordanien vertrieben worden war. Die PLO errichtete im Libanon Terrorstützpunkte, um Raketenbeschuss und grenzüberschreitende Angriffe auf unmittelbar an der libanesischen Grenze liegenden Gemeinden in Galiläa durchzuführen.
Israel marschierte erstmals 1978 in den Libanon ein, um den Terrorismus zu bekämpfen. 1982 folgte eine weitaus größere militärische Operation. Dabei erreichte die israelische Armee Beirut. Israel gelang es, die PLO zum Abzug aus dem Libanon zu zwingen. Das war ein bedeutender Erfolg. Dennoch beschloss Israel, im Libanon zu bleiben, da es keine libanesische Regierung gab, die ihre Souveränität wirksam ausüben konnte. Bemühungen, in die inneren Angelegenheiten des Libanon einzugreifen oder ein Friedensabkommen mit der christlichen Führung zu erzielen, führten zu keiner tragfähigen Lösung.
Außerdem wurde Israel in die Rivalitäten und Machtkämpfe zwischen den verschiedenen Bürgerkriegsparteien verwickelt. Diese Verstrickung erreichte ihren Höhepunkt mit dem Massaker von Sabra und Schatila zwischen dem 16. und 18. September 1982. Dieses Ereignis beschädigte Israels internationales Ansehen schwer und machte die Risiken einer Einmischung in die inneren Konflikte des Libanon deutlich.
Letztendlich blieb der Libanon ein zersplitterter Staat, den terroristische Organisationen für ihre eigenen Zwecke nutzten.
Der Aufstieg der Hisbollah und die Sicherheitszone (1985 bis 2000)
Anfang der 1980er Jahre begann sich die Hauptbedrohung von bewaffneten palästinensischen Terrororganisationen auf einen neuen Akteur zu verlagern: die Interner Link: Hisbollah. Da Iran ihr Potenzial schon sehr früh identifizierte, versorgte er sie mit Ideologie, Waffen und Ausbildung und unterstützte sie finanziell.
Die erste Flagge der Hisbollah trug die Aufschrift „Die Islamische Revolution im Libanon“. Erst in den 1990er Jahren wurde sie in „Der Islamische Widerstand im Libanon“ geändert, um die Organisation auch für nichtschiitische Libanesinnen und Libanesen attraktiver erscheinen zu lassen. Da in Israel die Wehrpflicht gilt, betrafen die Ereignisse in der Sicherheitszone nahezu die gesamte Gesellschaft. Viele Familien hatten Angehörige im Einsatz oder im Kampf verloren. Entsprechend ist die Erinnerung an die israelische Präsenz im Südlibanon bis heute überwiegend negativ.
Zwischen 1985 und 2000 hielt Israel die Sicherheitszone im Libanon aufrecht – einen mehrere Kilometer breiten Gebietsstreifen entlang der 120 Kilometer langen Grenze. Sie sollte Terroristen den unmittelbaren Zugang zur Grenze verwehren und so die israelische Zivilbevölkerung schützen. Zwar erschwerte die Sicherheitszone grenznahe Angriffe, sie konnte diese jedoch nicht vollständig verhindern. Die Hisbollah griff weiterhin israelische Soldaten innerhalb der Sicherheitszone an und beschoss wiederholt Städte im Norden Israels mit Raketen.
Zugleich entwickelte sich in Israel eine intensive Debatte über Sinn und Zweck des Verbleibs im Libanon. Einen Wendepunkt markierte das Hubschrauberunglück von 1997 – die bis dahin größte Katastrophe in der Geschichte der IDF. Beim Zusammenstoß zweier Transporthubschrauber auf dem Weg in den Libanon kamen 73 Soldaten ums Leben. Obwohl das Unglück nicht auf einen Angriff der Hisbollah zurückzuführen war, verstärkte es die öffentliche Kritik am Einsatz erheblich. Unter der Führung israelischer Mütter entstand die Protestbewegung der „Vier Mütter“, die den Abzug der israelischen Streitkräfte aus dem Libanon forderte.
Im Mai 2000 ordnete Ministerpräsident Ehud Barak den einseitigen Rückzug Israels aus dem Libanon an. Die Entscheidung beruhte auf der Annahme, dass sich die Sicherheit Israels auch von der international anerkannten Grenze aus gewährleisten lasse. Zugleich galt eine politische oder sicherheitspolitische Vereinbarung mit der Hisbollah als ausgeschlossen.
Die Illusion einer Grenze
Unmittelbar nach dem Rückzug besetzte die Hisbollah die Stellungen der israelischen Streitkräfte (IDF). Von dort aus konnte sie die Grenzlinie überblicken. Die Südlibanesische Armee, eine von Israel unterstützte lokale Miliz, brach noch in derselben Nacht zusammen. Ihre Mitglieder erhielten in Israel Asyl.
Nach dem Rückzug im Mai 2000 traten zwei grundlegende sicherheitspolitische Herausforderungen zutage – eine taktische und eine strategische.
Die erste betrifft die geografischen Gegebenheiten entlang der israelisch-libanesischen Grenze. Da sie nicht entlang natürlicher Barrieren verläuft, sondern überwiegend durch hügeliges Gelände führt, liegen in vielen Grenzabschnitten die strategisch wichtigen Anhöhen auf libanesischer Seite. Von dort aus kann die Hisbollah israelische Ortschaften unmittelbar einsehen und überwachen, was deren Verteidigung erheblich erschwert.
Die zweite Herausforderung ergab sich aus den Folgen des israelischen Rückzugs. Weder wurde die Hisbollah entwaffnet, noch gelang es dem libanesischen Staat, seine Souveränität im Südlibanon durchzusetzen. Stattdessen übernahm die Hisbollah unmittelbar nach dem Abzug der israelischen Streitkräfte die geräumten Stellungen, etablierte ihre Präsenz entlang der Grenze und baute sowohl ihre militärischen Fähigkeiten als auch ihren politischen Einfluss kontinuierlich aus. Da der libanesische Staat die Region kaum kontrollierte, entwickelte sich die Organisation zur dominierenden Kraft im Südlibanon.
Die Folgen dieser Entwicklung zeigten sich im Juli 2006. Die Hisbollah führte einen grenzüberschreitenden Angriff durch, entführte zwei israelische Soldaten und beschoss israelische Grenzorte mit zahlreichen Raketen. Der anschließende, rund einen Monat dauernde Krieg endete unter internationalem Druck mit der Verabschiedung der Externer Link: Resolution 1701 des UN-Sicherheitsrats.
Die Resolution knüpfte an die bereits 2004 verabschiedete Externer Link: Resolution 1559 an das verabschiedet wurde, nachdem die Hisbollah 2004 den libanesischen Ministerpräsidenten Hariri ermordet hatte. Diese hatte die Entwaffnung aller Milizen im Libanon, einschließlich der Hisbollah, gefordert. Resolution 1701 bekräftigte diese Forderung und legte zusätzlich fest, dass das Gebiet südlich des Litani-Flusses bis zu einer Tiefe von rund 30 Kilometern frei von allen nicht staatlich autorisierten Waffen sein müsse.
Für die Umsetzung der Resolution wurden die libanesischen Streitkräfte verantwortlich gemacht, unterstützt und überwacht von der Externer Link: UNIFIL, der Interimstruppe der Vereinten Nationen im Libanon. Deren Truppenstärke wurde auf rund 10.000 Soldaten erhöht. In der Praxis hielt der Waffenstillstand zwar weitgehend, die Entwaffnung der Hisbollah blieb jedoch aus.
Stattdessen errichtete die Organisation in den folgenden 17 Jahren eine umfassende militärische Infrastruktur. Bis Oktober 2023 verfügte sie über eine militärische Stärke, die aus israelischer Sicht eine strategische Bedrohung darstellte. Ihre Eliteeinheit „Radwan“ war entlang der Grenze stationiert und hatte im syrischen Bürgerkrieg umfangreiche Kampferfahrung gesammelt. Gleichzeitig entstand im Süden des Libanon ein weit verzweigtes Tunnelsystem. Hinzu kamen Schiffsabwehrraketen, Luftabwehrsysteme, präzisionsgelenkte Munition sowie Zehntausende Raketen, die nahezu jeden Ort in Israel erreichen konnten.
Besonders schwer wog aus israelischer Sicht der von der Hisbollah entwickelte Plan für einen groß angelegten Angriff auf Galiläa. Spezialeinheiten sollten in israelisches Gebiet eindringen, Ortschaften im Norden besetzen und Zivilisten als Geiseln nehmen. Gleichzeitig war ein massiver Raketen- und Drohnenangriff auf das gesamte Staatsgebiet vorgesehen. Dafür verfügte die Organisation nach israelischen Angaben über Tausende Präzisionsraketen sowie ein umfangreiches Arsenal unbemannter Luftfahrzeuge
Während dieser 17 Jahre unternahm die libanesische Regierung keine wirksamen Schritte, um diese Entwicklung zu verhindern. Im Gegenteil: Die Hisbollah zog in das Parlament und in die Regierung ein und baute ihren politischen Einfluss kontinuierlich aus. Der libanesische Staat geriet immer mehr unter den Einfluss der Organisation und wurde aus israelischer Sicht zunehmend zur Geisel eines von der Hisbollah dominierten Machtgefüges.
Die Hisbollah betrachtet die Zerstörung Israels als einen zentralen Bestandteil ihres ideologischen Selbstverständnisses und ihrer Mission, die islamische Revolution zu verbreiten. Ihr Weltbild orientiert sich an den Grundsätzen der Islamischen Republik Iran. Dazu gehören die Loyalität gegenüber dem Obersten Führer, die Verherrlichung von Opferbereitschaft und Märtyrertum sowie eine ausgeprägte Feindschaft gegenüber den Vereinigten Staaten und westlichen Werten.
Über vier Jahrzehnte errichtete die Hisbollah im Libanon schrittweise einen eigenen Staatsapparat, um den Einfluss der islamischen Revolution auszubauen. Auf ideologischer Ebene betrieb sie Indoktrination durch ein dichtes Netz eigener Bildungs-, Sozial- und Religionsinstitutionen. Auf militärischer Ebene lagerte sie Zehntausende Raketen und weitere Waffen innerhalb ziviler Ortschaften ihrer schiitischen Hochburgen und integrierte ihre militärische Infrastruktur gezielt in das zivile Umfeld.
Parallel dazu bereitete die Islamische Republik Iran einen möglichen Mehrfrontenkrieg gegen Israel vor. Dabei kam der Hisbollah als militärisch stärkstem und strategisch wichtigsten Stellvertreter des Iran eine Schlüsselrolle zu. Die Organisation sollte ihre im syrischen Bürgerkrieg an der Seite des Assad-Regimes erworbene Kampferfahrung in einem künftigen Konflikt mit Israel einsetzen.
Eskalation im Norden: vom 8. Oktober 2023 bis 2026
Am 7. Oktober 2023 drang die Hamas in den Süden Israels ein. Aus israelischer Sicht entsprach der Angriff in wesentlichen Elementen dem Invasionsplan, den die Hisbollah für Galiläa im Norden Israels entwickelt hatte. Bereits am 8. Oktober schloss sich die Hisbollah den Kampfhandlungen an. Zwar verzichtete sie aus bis heute nicht abschließend geklärten Gründen auf eine Bodenoffensive, eröffnete jedoch einen anhaltenden Beschuss israelischer Grenzgemeinden.
Israel sah sich daraufhin gezwungen, rund 60.000 Menschen aus 43 Ortschaften im Norden des Landes zu evakuieren. Mehr als ein Jahr lang konnten die Bewohnerinnen und Bewohner wegen der Bedrohung durch Panzerabwehrraketen nicht in ihre Häuser zurückkehren. Diese Waffen können vom Raketenabwehrsystem „Iron Dome“ nicht abgefangen werden und lösen auch keine Luftalarmwarnung aus. Der Norden Israels wurde dadurch faktisch zu einem militärischen Sperrgebiet. Die Hisbollah erreichte so mit vergleichsweise geringem militärischem Einsatz eine erhebliche Wirkung, ohne ihre Radwan-Eliteeinheiten über die Grenze zu schicken. Gleichzeitig konnte sie ihre Einsatzbereitschaft weitgehend aufrechterhalten.
Nach elf Monaten einer Politik der Abwehr und Zurückhaltung gegenüber dem fortgesetzten Beschuss begann Israel im September 2024 eine Offensive gegen die Hisbollah. Ziel war die Zerstörung der militärischen Infrastruktur, die die Organisation entlang der Grenze aufgebaut hatte. Zu den israelischen Operationen gehörte auch ein ausgeklügelter Angriff mit präparierten Pagern, durch den Tausende von Hisbollah-Kämpfern außer Gefecht gesetzt wurden. Zugleich wurde die Fähigkeit der Organisation, Präzisionsschläge gegen israelische Ziele auszuführen und israelische Ballungszentren mit Raketen anzugreifen, erheblich eingeschränkt. Ein solches Szenario hatte die Hisbollah-Führung in den Jahren vor dem Krieg wiederholt angekündigt.
Darüber hinaus richtete Israel seine Angriffe gegen die militärische Führung der Organisation. Dabei wurden der Operationskommandeur Ibrahim Aqil sowie 14 Kommandeure der Radwan-Brigaden während einer Planungsbesprechung zur Invasion Galiläas getötet. Innerhalb der Hisbollah gab es zwar Stimmen, die auf einen Bodenangriff gegen Israel drängten, doch dazu kam es nicht. Im September 2024 wurde zudem Generalsekretär Hassan Nasrallah bei einem israelischen Angriff getötet. Während der Kämpfe entdeckten die israelischen Streitkräfte im Südlibanon nach eigenen Angaben umfangreiche Waffenlager in Privathäusern sowie in Schulen, auf Friedhöfen und in Kirchen. Unmittelbar am Grenzzaun fanden sie außerdem versteckte Gefechtsausrüstung, Uniformen, Stiefel und persönliche Waffen. Diese sollten den Kämpfern ermöglichen, ihre Zivilkleidung innerhalb weniger Minuten abzulegen und bewaffnet nach Israel einzudringen.
Die Kämpfe hatten tiefgreifende Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung im Südlibanon. Israel rief die Bewohner wiederholt auf, die aktiven Kampfgebiete zu verlassen. Zur Begründung verwies es darauf, dass die Hisbollah Waffenlager, Abschussrampen und weitere militärische Infrastruktur systematisch in Wohngebieten eingerichtet habe. Dadurch seien militärische Operationen gegen die Organisation ohne erhebliche Gefährdung der Zivilbevölkerung kaum möglich.
Die israelischen Bedenken hinsichtlich der Rückkehr von Zivilisten in diese Gebiete wurden durch Hinweise bestärkt, wonach Hisbollah-Kämpfer nach dem Waffenstillstand im November 2024 rasch wieder in viele Dörfer zurückkehrten, was die tiefe Verankerung der Organisation in Teilen der lokalen schiitischen Bevölkerung widerspiegelt.
Der Waffenstillstand, der von November 2024 bis März 2026 andauerte, entwickelte sich zu einem Katz-und-Maus-Spiel. Die Hisbollah begann unmittelbar mit dem Wiederaufbau ihrer militärischen Infrastruktur. Nach israelischer Darstellung wurde dieser durch iranische Finanzhilfen in Höhe von rund einer Milliarde US-Dollar ermöglicht. Gleichzeitig erklärten die libanesische Regierung und Teile der libanesischen Armee wiederholt, die Organisation werde entwaffnet. Israel bestritt dies und versuchte seinerseits, den Wiederaufbau durch fortlaufende Luftangriffe zu verhindern. Im Durchschnitt griff die israelische Armee in diesem Zeitraum zweimal täglich Ziele im Libanon an.
Der Schwerpunkt der Angriffe lag im Südlibanon. Daneben wurden jedoch auch Raketen- und Drohnenfabriken, Waffenlager sowie Schmuggelrouten im Bekaa-Tal und in Beirut angegriffen. Insgesamt befanden sich 85,4 Prozent der 855 israelischen Angriffe während des Waffenstillstands im Südlibanon. Betroffen waren Ziele sowohl südlich als auch nördlich des Litani-Flusses.
Im Januar 2026 erklärten die libanesische Regierung und die libanesische Armee die erste Phase der Entwaffnung der Hisbollah südlich des Litani für abgeschlossen. Aus israelischer Sicht entsprach dies jedoch nicht der Realität. Die Hisbollah blieb weiterhin in dem Gebiet präsent, während die libanesische Armee nur wenige überprüfbare Belege für eine tatsächliche Entwaffnung vorlegte.
Zwei Monate später wurde diese Darstellung nach israelischer Auffassung widerlegt. Nach der Tötung des iranischen Obersten Führers Ali Khamenei eröffnete die Hisbollah auf Anweisung Teherans erneut das Feuer auf Israel und löste damit den dritten bewaffneten Konflikt zwischen beiden Seiten innerhalb von zwanzig Jahren aus. Etwa die Hälfte der Angriffe auf israelische Ziele erfolgte in den ersten Wochen aus dem Gebiet südlich des Litani – jenem Gebiet, das nach Angaben der libanesischen Behörden kurz zuvor von Hisbollah-Waffen geräumt worden sein sollte.
Die israelische Armee reagierte diesmal mit einer groß angelegten Bodenoffensive. Sie besetzte rund zwanzig strategisch wichtige Höhenstellungen im Südlibanon, um Angriffe mit Panzerabwehrwaffen auf israelische Grenzorte sowie das Eindringen bewaffneter Kämpfer nach Israel zu verhindern.
Aus israelischer Sicht bedeutete diese Operation eine Rückkehr zur Logik der früheren Sicherheitszone. Erneut kontrolliert die israelische Armee Teile des Südlibanon, um bewaffnete Gruppen von der Grenze fernzuhalten. Damit werden Erinnerungen an die belastende Zeit der Sicherheitszone wach – verbunden mit dem Gefühl, angesichts der Sicherheitslage keine realistische Alternative zu haben. Inzwischen kämpfen bereits Soldatinnen und Soldaten der dritten Generation der israelischen Armee im Libanon.
Eine dauerhafte Ruhe wurde jedoch auch diesmal nicht erreicht. Trotz erheblicher militärischer Verluste greift die Hisbollah weiterhin israelische Truppen im Südlibanon und vereinzelt auch israelische Grenzorte mit Raketen und Drohnen an. Aus israelischer Sicht geht der libanesische Staat nach wie vor nicht entschlossen gegen die Organisation vor und ermöglicht ihr damit, ihre militärischen Aktivitäten fortzusetzen.
Ist Frieden zwischen Israel und dem Libanon möglich?
Nach mehreren Wochen intensiver Kämpfe und dem Beschuss israelischer Ortschaften mit Raketen und Drohnen wurde im November 2024 ein Waffenstillstand verkündet. Er war Teil einer umfassenderen Waffenruhe zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran.
Israel sah sich in seinen Bedenken hinsichtlich einer raschen Rückkehr der Zivilbevölkerung in geräumte Gebiete bestätigt. Die Hisbollah stellte ihre Präsenz in zahlreichen Dörfern innerhalb kurzer Zeit wieder her. Aus israelischer Sicht verdeutlichte dies sowohl die tiefe Verankerung der Organisation in Teilen der schiitischen Bevölkerung als auch ihre Fähigkeit, zivile und militärische Strukturen eng miteinander zu verbinden.
Die Kämpfe im Südlibanon dauern ebenso an wie der Beschuss israelischer Ortschaften. Aufgrund des Drucks der Vereinigten Staaten sind israelische Angriffe außerhalb des Südlibanons jedoch selten geworden. Nach israelischer Einschätzung erleichtert dies der Hisbollah den Wiederaufbau ihrer militärischen Fähigkeiten. Dazu gehören der Schmuggel von Waffen sowie die Wiederaufnahme der Waffen- und Drohnenproduktion auf libanesischem Boden.
Die syrischen Behörden vereiteln zwar regelmäßig Schmuggelversuche. Angesichts der rund 400 Kilometer langen und weitgehend ungesicherten Grenze zwischen Syrien und dem Libanon ist jedoch davon auszugehen, dass zahlreiche Transporte unentdeckt bleiben. Die Grenze verfügt über keine durchgehenden Sperranlagen wie Zäune oder Mauern. Berichte über die Produktion von Drohnen veröffentlichte die Hisbollah selbst. Zudem lassen sich Produktionsstätten für Raketen und Drohnen vergleichsweise leicht verbergen.
Gleichzeitig wurden rund 50 schiitische Dörfer im Südlibanon, die der Hisbollah als militärische Stützpunkte dienten, weitgehend zerstört. Nach israelischer Darstellung war dies eine Folge der Entscheidung der Organisation, Waffen in Wohngebieten zu lagern und von nahezu jedem Haus aus Tunnel anzulegen.
Solange die Hisbollah nicht tatsächlich entwaffnet ist und innerhalb der unter iranischer Ägide aufgebauten „Widerstandsgesellschaft“ zivile Häuser weiterhin als Raketenabschussstellungen gegen Israel nutzen kann, wird Israel nach eigener Auffassung die notwendigen Maßnahmen zum Schutz seiner Nordgrenze ergreifen.
Dies kann auch eine fortgesetzte israelische Präsenz in Teilen des Südlibanons erforderlich machen. Die damit verbundene Instabilität entlang der Grenze gilt aus israelischer Sicht als das geringere Risiko. Gefährlicher wäre eine trügerische Ruhe, die es der Hisbollah in den vergangenen Jahren ermöglichte, ihre militärische Infrastruktur unmittelbar an der Grenze auszubauen und benachbarte israelische Gemeinden dauerhaft zu bedrohen.
Vor kurzem wurden unter amerikanischer Vermittlung direkte Verhandlungen zwischen Israel und dem Libanon aufgenommen. Das ist ein historischer Schritt, von dem sich viele ein Friedensabkommen erhoffen. Die Hisbollah lehnt die Gespräche ab und brandmarkt die Führung des libanesischen Staates als „Verräter“. Unterdessen dauern die Kämpfe zwischen Israel und der Hisbollah im Südlibanon an.
Die Differenzen zwischen den Verhandlungspartnern sind weiterhin groß. Israel fordert die Entwaffnung der Hisbollah, während der Libanon den vollständigen Abzug der israelischen Truppen aus dem Libanon verlangt.
Seit zwei Jahrzehnten ist es dem libanesischen Staat nicht gelungen, die Hisbollah zu entwaffnen und das staatliche Gewaltmonopol durchzusetzen. Aus israelischer Sicht ermöglichte dies der Organisation, ihre militärischen und politischen Strukturen auszubauen und den libanesischen Staat zunehmend zu untergraben. Eine nachhaltige Lösung setzt daher ein koordiniertes Vorgehen der libanesischen Regierung, der internationalen Gemeinschaft und Israels gegen die militärischen Fähigkeiten der Hisbollah voraus. Israels Handlungsspielraum bleibt jedoch begrenzt – sowohl durch internationalen politischen Druck als auch durch die eigenen militärischen und wirtschaftlichen Belastungen.
Aus israelischer Sicht erweist sich die internationale Gemeinschaft weder bei der Unterbindung der Finanzierungsquellen der Hisbollah noch bei einem entschlossenen Vorgehen gegen das iranische Regime als verlässlicher Partner. Auch die libanesische Regierung beschränkt sich häufig auf politische Erklärungen. Konkrete Maßnahmen bleiben häufig aus. Solange die Hisbollah weder nachhaltig geschwächt noch ihre militärischen und finanziellen Strukturen wirksam eingeschränkt werden, erscheint eine stabile Sicherheitsordnung an der Nordgrenze Israels kaum erreichbar. Dies verlängert den Konflikt. Zugleich verzögert es den dringend notwendigen Wiederaufbau – sowohl im Libanon als auch in den betroffenen israelischen Grenzregionen.
Israels Ziel ist 2026 dasselbe wie bereits 1978, 1982 und 2006: den Bewohnerinnen und Bewohnern des Nordens ein sicheres Leben entlang der Grenze zu ermöglichen. Israel erhebt weder historische noch ideologische oder territoriale Ansprüche auf libanesisches Staatsgebiet. Zugleich trugen die Erfahrungen mit der Sicherheitszone im Südlibanon in den 1980er- und 1990er-Jahren lange dazu bei, militärische Interventionen möglichst zu vermeiden. Aus israelischer Sicht erleichterte diese Zurückhaltung jedoch den Aufstieg der Hisbollah zu einer hochgerüsteten militärischen Kraft unmittelbar an der Grenze.
Die Erfahrungen des 7. Oktober 2023 sowie die Einschätzung, Israel sei einer noch schwereren Bedrohung entgangen, weil die Hisbollah ihre Eliteverbände nicht gleichzeitig gegen Nordisrael einsetzte, führten zu einem grundlegenden Wandel des israelischen Sicherheitsdenkens. Im Mittelpunkt steht heute ein präventiver Ansatz, der Bedrohungen möglichst früh begegnen und ihnen die Initiative nehmen soll.
Nach diesem Sicherheitskonzept lässt sich die Bevölkerung im Norden nur schützen, wenn zwischen den israelischen Grenzgemeinden und den Stellungen der Hisbollah ein ausreichender Sicherheitsabstand besteht. Da die Hisbollah über Raketen, größere unbemannte Luftfahrzeuge sowie kleine Mehrrotor-Drohnen verfügt, wird über die notwendige Tiefe einer solchen Pufferzone diskutiert. Aus israelischer Sicht wären gegenwärtig etwa zehn Kilometer erforderlich.
Nach drei Kriegen innerhalb von zwanzig Jahren lautet die Botschaft eines großen Teils der israelischen Öffentlichkeit: Nie wieder. Entsprechend unterstützt ein erheblicher Teil der Bevölkerung den sicherheitspolitischen Kurs der Regierung und fordert teilweise sogar ein noch entschiedeneres Vorgehen gegen die Hisbollah.
Aus israelischer Sicht bleibt die Hisbollah zugleich das größte Hindernis für ein Friedensabkommen zwischen Israel und dem Libanon. Die Organisation erkennt den Staat Israel nicht an, lehnt direkte Kontakte ab und ist nicht bereit, ihre Waffen aufzugeben oder dem libanesischen Staat das alleinige Gewaltmonopol zu überlassen.
Vor diesem Hintergrund gilt in Israel ein Waffenstillstand lediglich als Unterbrechung der Kämpfe, nicht als Frieden. Solange kein von den maßgeblichen politischen Kräften im Libanon getragenes und durchgesetztes Friedensabkommen besteht, erscheint eine dauerhafte sicherheitspolitische Lösung auf diplomatischem Weg kaum erreichbar.
ist Oberstleutnant der Reserve und Gründerin und Präsidentin von Alma, einem israelischen Institut, das sich auf sicherheitspolitische Herausforderungen entlang der libanesischen Grenze spezialisiert hat. Sie war fünfzehn Jahre lang im Nachrichtendienst der IDF tätig, zunächst in den Bereichen Forschung und Analyse und später beim Nordkommando.