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„Die Existenz von Antisemitismus an Schulen auszublenden, erschwert nur den Umgang damit“. Ein Interview über Verantwortung von Schulen im Umgang mit Antisemitismus

Thure Alting Benny Momper

/ 12 Minuten zu lesen

Antisemitische Vorfälle nehmen an Schulen zu. Die Bildungsreferenten Thure Alting und Benny Momper vom Wiesbadener Verein Spiegelbild vermitteln in Workshops mit Lehrkräften sowie Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern, wie diese angemessen und umsichtig darauf reagieren können. Ein Interview mit ihnen über die große Verantwortung von Schulen im Umgang mit Antisemitismus.

Antisemitische Äußerungen in Schulen müssen erst gestoppt, dann thematisiert werden, sagen Benny Momper (links) und Thure Alting von Spiegelbild, einem Wiesbadener Verein für politische Bildung. (© bpb, bundesfoto / Laurin Schmid)

Redaktion InfoPool: Welche Formen von Antisemitismus treten Ihrer Erfahrung nach besonders häufig in Schulen auf?

Thure Alting: Alle Formen von Antisemitismus, die in der Interner Link: Gesellschaft in Erscheinung treten, finden sich auch in der Schule wieder. Wir nehmen dabei eine neue Quantität, aber auch eine neue Qualität von Antisemitismus wahr, die durch den erstarkenden Rechtsextremismus in der Gesellschaft zusätzlich befördert wird. Dies zeigt sich auch daran, dass alter Geschichtsrevisionismus in neuem Gewand auftritt: Wehrmachtslieder werden zu TikTok-Hits und der Nationalsozialismus wird verharmlost oder verherrlicht. Darüber hinaus sind Schulen auch immer wieder mit antisemitischen Narrativen konfrontiert, die aus islamistischen und antiimperialistischen Zusammenhängen stammen.

Ich gebe Ihnen ein Beispiel, wie diese Entwicklung in bedrohliches antisemitisches Mobbing münden kann, das sich kürzlich in einer Schule ereignet hat: Als dort der Nationalsozialismus Thema war, wurde eine jüdische Schülerin mit den Worten adressiert: „Jetzt pass mal genau auf, was passiert.“ In der darauffolgenden Stunde, als die Lehrkraft diesen Vorfall thematisieren und skandalisieren wollte, schalteten Schüler:innen eine Bluetooth-Box an und spielten ein Wehrmachtslied ab.

Zugenommen hat auch der Interner Link: israelbezogene Antisemitismus. Nach dem Interner Link: 7. Oktober 2023 hat sich die ohnehin fragile Situation für jüdische Kinder und Jugendliche drastisch zugespitzt. Kaum jemand wagt es heute noch, offen zu seiner jüdischen Identität zu stehen. Ist das Jüdischsein bekannt, werden Schüler:innen pauschal mit Israel identifiziert und so zur Zielscheibe von Hass, Verschwörungserzählungen und gewalttätigen Angriffen. Dies geschieht unabhängig davon, ob und wie sie sich individuell zum Krieg im Gazastreifen positionieren. Der Krieg dient dabei lediglich als Vorwand, sie aufgrund ihrer Identität in eine Repräsentationsrolle zu drängen und ihnen einen pauschalen Bekenntniszwang abzuverlangen.

Eine besonders bedeutsame Form des Antisemitismus sind außerdem Interner Link: Verschwörungsmythen; die Vorstellung einer geheimen, verschworenen Elite, die im Hintergrund die Fäden zieht. Diese Vereinfachung und verzerrte Darstellung gesellschaftlicher Konflikte ist weitverbreitet. In Schulen treten solche Mythen selten als geschlossenes antisemitisches Weltbild auf. Meist handelt es sich zunächst um unverstandene Fragmente von Ideologien, die wiedergegeben werden. Erst im Verlauf des Älterwerdens formen sich diese Fragmente zu geschlossenen antisemitischen Weltbildern.

Dass diese zu Schulzeiten noch selten auftreten, mindert die Ernsthaftigkeit der Situation nicht. Vielmehr verdeutlicht dies die Verantwortung der Pädagog:innen: Antisemitische Äußerungen müssen in allen Kontexten wahrgenommen, reflektiert und thematisiert werden.

Für die Arbeit mit Jugendlichen ist es besonders hilfreich, nicht nur die Äußerung selbst zu betrachten, sondern auch zu fragen: Warum tritt Antisemitismus in dieser Situation auf, und welche emotionalen Bedürfnisse oder Problemlagen können dahinterstehen? Eine solche differenzierte Betrachtung ermöglicht gezieltere und produktivere Interventionen, als wenn Antisemitismus lediglich als starre Kategorie behandelt wird.

Gibt es typische Situationen oder Kontexte, in denen antisemitische Äußerungen oder Handlungen vorkommen?

Benny Momper: Auf Jugendlichen lastet heutzutage ein großer Verhaltensdruck. Widersprüche, Grautöne oder verschiedene Positionen überhaupt nur hinreichend wahrzunehmen, wird immer schwieriger, und es entsteht ein moralischer Imperativ, auf der „richtigen Seite“ zu stehen. Das erzeugt großen Druck auf Jugendliche, sodass sie in Konflikten eine klare Position beziehen und dies auch von anderen einfordern. Antisemitismus bietet dafür sehr einfache und klare Antworten, da er die Welt in Gut und Böse sortiert. So ist nicht immer die Motivation problematisch, aus der heraus Jugendliche Antisemitismus äußern – beispielsweise, wenn sie sich angesichts der Bilderflut für Frieden und Gerechtigkeit einsetzen wollen. Dennoch ist der Bedeutungsrahmen, in dem sie innere und äußere Konflikte verhandeln, stark antisemitisch durchzogen. Deshalb kommt es aktuell immer wieder zu antisemitischen Situationen, wenn es um den Nahostkonflikt geht.

Thure Alting: Eine Gelegenheitsstruktur entstand vor allem dadurch, dass Räume für Auseinandersetzungen, insbesondere nach dem 7. Oktober 2023, nicht ermöglicht wurden. Jugendliche wurden mit einer Flut von antisemitischen und terrorisierenden Inhalten in den unterschiedlichsten Kontexten ihrer Lebenswelt konfrontiert. Das wurde in den Bildungsräumen nicht adäquat begleitet, was wiederum Ausdruck des institutionellen Antisemitismus ist. Die pädagogischen Verantwortlichen werden nicht ausreichend darauf vorbereitet, wie man mit solchen Situationen umgeht. Häufig wurden Räume für Auseinandersetzungen verschlossen aus Angst, die daraus entstehende Diskussion nicht auffangen zu können und somit nicht in der Lage zu sein, Antisemitismus zu erkennen, einzuordnen und pädagogische Gegenstrategien zu entwickeln.

Wie können Lehrkräfte angemessen auf antisemitische Vorfälle im Klassenzimmer oder auf dem Schulhof reagieren?

Benny Momper: Es gibt zwei wichtige Punkte:

  1. Es geht um den Schutz von Jüdinnen und Juden. Dabei sollte immer davon ausgegangen werden, dass jüdische Menschen im Raum sind, auch wenn man es nicht genau weiß.

  2. Es ist wichtig, zugrundeliegende antisemitische Denkweisen zu thematisieren, ohne Jüdinnen und Juden schutzlos auszuliefern. Das heißt, dass eine eskalierende Situation zunächst gestoppt werden muss. Danach muss das Handeln aber auch erklärt werden. Eine Situation lässt sich so möglicherweise nicht sofort auflösen, wohl aber im Nachhinein. Dabei muss man die verschiedenen Akteur:innen im Raum im Blick behalten und den Schutz von Betroffenen nicht der Aufklärung von Antisemitismus entgegensetzen. Nicht immer lässt sich alles gleichzeitig klären.

Wir plädieren dafür, Interner Link: pädagogisches Handeln als Abfolge von Momenten zu verstehen und verschiedenste Räume anzubieten. Insgesamt ist also der Schutz von jüdischen Betroffenen zentral, gleichzeitig sollte man sich auch überlegen, welche Räume man für eine pädagogische Auseinandersetzung dazu schaffen kann.

Thure Alting: Das Allerwichtigste ist, Antisemitismus als eine Realität in der Geschichte und Gegenwart zu begreifen. In der Gegenwart ist Antisemitismus auch an Schulen real! Die Existenz von Antisemitismus auszublenden, erschwert nur den Umgang damit. Darauf haben auch die Kultusministerien, unter anderem das in Hessen, wo wir tätig sind, reagiert. In verschiedenen Papieren positionieren sie sich deutlich gegen Antisemitismus an Schulen. Das ist der Handlungsrahmen, in dem wir uns bewegen.

Auf institutioneller Ebene benötigt man Verantwortliche, die besonders geschult sind und die Ressourcen haben, sich weiterbilden zu können. Oft machen wir die Erfahrung, dass es einzelne, sehr engagierte Lehrkräfte an der Schule gibt, die sich das Wissen zwar aneignen, aber auch schnell ausbrennen, weil sie von der Schulleitung nicht die nötige Unterstützung erhalten. Das heißt, es braucht Einzelne, die für das Thema verantwortlich und für das Kollegium ansprechbar sind und dafür auch die Unterstützung von oben bekommen. Außerdem braucht es eine gute Anbindung an die Strukturen in der Jugendhilfe. Im besten Fall gibt es an Schulen eine Schulsozialarbeit. Dabei sollte die Schule jedoch die Verantwortung für antisemitismuskritisches Handeln nicht nur an die Soziale Arbeit delegieren, sondern auch im Kollegium Verantwortliche benennen und die jeweiligen Verantwortungsbereiche klar festlegen. Eine Lehrkraft hat andere Möglichkeiten, auf Antisemitismus zu reagieren und damit umzugehen, als eine Schulsozialarbeiterin oder ein Schulsozialarbeiter. Dafür braucht es eine gute Vernetzung und Kommunikation innerhalb des Handlungsfeldes Schule.

Auf der Akteursebene sollten Lehrkräfte eine antisemitismuskritische Haltung entwickeln. Diese Haltung besteht zunächst aus einer Bereitschaft zur Selbstreflexion, sowohl auf der biografischen als auch auf einer institutionellen Ebene. Außerdem sollten Pädagog:innen die Bereitwilligkeit zur Weiterbildung mitbringen, weil Antisemitismuskritik ein fortwährender Prozess ist. Es braucht zudem den Willen, sich auf die Betroffenenperspektiven einzulassen und diese zu einem zentralen Ausgangspunkt des eigenen Handelns zu machen.

Welche Methoden und Ansätze der politischen Bildung eignen sich Ihrer Erfahrung nach besonders, um Schülerinnen und Schüler für das vielschichtige Phänomen Antisemitismus zu sensibilisieren?

Thure Alting: Das Wichtigste ist, dass man sich beim Handeln immer die unterschiedlichen Perspektiven im Raum klarmacht. Dafür gibt es keine allgemeingültige Antwort, sondern diese ist immer situativ. Situationen, in denen antisemitische Handlungen jeglicher Art passieren, verlangen nach der Interner Link: Verantwortungsübernahme der pädagogisch Verantwortlichen: Was bin ich bereit oder nicht bereit zuzulassen? Würde ich anders reagieren, wenn ich wüsste, dass Betroffene anwesend sind? Und damit einher geht immer die Frage: Wen adressiere ich gerade? Adressiere ich die Person, die eine Aussage mit antisemitischem Inhalt tätigt? Oder adressiere ich alle weiteren Personen, die zuhören und dadurch natürlich auch beteiligt sind, damit sie etwas lernen? Oder adressiere ich die potenziell Betroffenen im Raum? Diese drei Perspektiven gilt es immer mitzudenken und hier liegt das Spannungsfeld.

Benny Momper: Angenommen, wir befinden uns in einem Jugendzentrum und ein Jugendlicher äußert sich stark antisemitisch. Der Sozialarbeiter sagt daraufhin: „So läuft das hier nicht.“ Damit setzt er erst einmal einen Stopp, weil er in dem Moment möglicherweise keine Gelegenheit sieht, Antisemitismus zu thematisieren. Er sagt also nur: „Lass uns das bitte nächste Woche noch mal besprechen, mich interessiert, wie du darauf kommst.“

Wir müssen Antisemitismus als etwas verstehen, bei dem es um viele Emotionen und Bedürfnisse geht. Gerade in der Sozialen Arbeit müssen wir ernst nehmen, dass Jugendliche das Recht haben, in den gemeinsamen Räumen einen Ausdruck für diese Bedürfnisse und Emotionen zu erlernen. Das heißt auch, dass sie sich reiben, Widerspruch und Grenzen erfahren sollen, und dies immer wieder auch wollen.

Das bedeutet keinesfalls, dass wir es gutheißen, wenn Jugendliche sich antisemitisch äußern. Wir müssen stets den Schutz der Betroffenen im Blick behalten. Gleichzeitig bietet die Jugendarbeit geeignete Räume, um Auseinandersetzungen zu ermöglichen.

Thure Alting: Man sollte die Jugendlichen nicht als potenzielle Antisemit:innen adressieren, sondern als Menschen, die bereit sind, sich mit Dingen auseinanderzusetzen. Man sollte mit der klaren Botschaft in die Interaktion gehen: „Ich habe ein Interesse daran zu verstehen, wie du zu dem kommst, was du jetzt gerade sagst.“ Man muss deutlich machen, dass man der antisemitischen Aussage nicht zustimmt und diese bei einem selbst Bauchschmerzen auslöst. Trotzdem muss man klarstellen: „Ich will jetzt noch mal hören, was genau du damit meinst.“ Oder dass man sagt: „Ich will später noch mal mit dir darüber sprechen.“ Das ist für Sozialarbeiter:innen viel leichter, weil vorgesehen ist, dass es auch Einzelsettings mit den Schüler:innen gibt. Für Lehrkräfte ist das schwieriger, aber auch da gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, solche Settings zu schaffen, in denen man über Antisemitismus spricht.

Benny Momper: Die Schule ist ein Raum, in dem Jugendliche die gesellschaftlichen Widersprüche sehr konkret spüren. Besonders fällt das auf, wenn es um Ungleichwertigkeitsideologien geht, wie Antisemitismus, Rassismus, Sexismus, aber auch Klassismus. Wir glauben, dass sich am besten aus Erfahrung lernen lässt. Wir nennen das ein Lernen an und zur Erfahrung.

Dabei gehen wir mit den Jugendlichen immer von den eigenen Erfahrungen aus, um diese besprechbar zu machen, sie zu politisieren und als Widersprüche und Strukturelemente von Gesellschaft zu thematisieren. Dieses Positioniert-Sein oder Positioniert-Werden in gesellschaftliche Strukturen macht deutlich: Wir sind alle auf die eine oder andere Art von den verschiedensten Ungleichwertigkeitsideologien betroffen. Es geht also, ausgehend von Fragen zur eigenen Biographie, um eine Perspektivübernahme. In diesem Zusammenhang ist es sehr wichtig, auch jüdische Perspektiven und Erfahrungen miteinzubeziehen. Dafür arbeiten wir häufig auch mit Filmen, zum Beispiel mit dem Kurzfilm Masel Tov Cocktail (2020), um eine jüdische Sichtweise in den Raum zu bringen.

Thure Alting: Es geht also um einen erfahrungsorientierten Blick auf Bildung. In einer Handreichung von uns werden unterschiedliche Methodenbeispiele erläutert, die Erfahrungsperspektiven von Antisemitismus abbilden. Diese Methoden nähern sich dem Thema Antisemitismus, indem sie dazu einladen, sich in die Erfahrungsperspektive von Jüdinnen und Juden hineinzuversetzen. Unserer Erfahrung nach schafft das eine ganz andere Offenheit, als wenn man sich diesen Themen vor allem kognitiv, historisch oder inhaltlich nähert.

Wie können von Antisemitismus Betroffene geschützt und unterstützt werden?

Thure Alting: Die Realität zeigt, dass Schulen und andere Bildungseinrichtungen Betroffenenschutz sehr häufig nicht gewährleisten können. Betroffenenschutz bedeutet, dass man immer wieder signalisieren muss: Wir wollen hier eine Atmosphäre schaffen, an der alle teilhaben können. Wenn es zu Vorfällen kommt, muss man klare Grenzen setzen und das auch öffentlich machen. Das kann zum Beispiel durch Elternbriefe oder mithilfe einer Durchsage des Leiters oder der Leiterin der Schule geschehen, wenn auf dem Pausenhof etwas Antisemitisches vorgefallen ist. Das hat eine Signalwirkung an die Betroffenen sowie deren Eltern und Familien. Es zeigt: „Wir nehmen das ernst und Ihr könnt Euch an uns wenden“. Zudem braucht es eine Klarheit über Zuständigkeiten, Verantwortlichkeiten und Wissen über die Interner Link: Unterstützungsangebote externer Träger:innen, zum Beispiel, dass man Familien oder Jugendliche an Beratungsstellen wie OFEK verweisen kann.

Benny Momper: Außerdem ist die Fort- und Weiterbildung von Lehrkräften sehr wichtig. Die sehr realitätsnahen Fälle, die wir nutzen, lösen bei den Lehrkräften oft viele Emotionen aus, die wir in der Fortbildung thematisieren. Welche Gefühle kommen in mir auf? Wie würde ich handeln? In Konfliktsituationen ist es wichtig, dass Lehrkräfte oder Sozialarbeitende sich sicher fühlen oder auch mit ihrer Unsicherheit umgehen können und sagen: „Ich kenne die Unsicherheit und mir ist bewusst, dass ich die Situation zwar in diesem Moment nicht lösen kann, aber trotzdem weiß ich, was zu tun ist.“ Die klar geregelten Strukturen helfen, mit dieser Unsicherheit zurechtzukommen. Diese Vorgehens- und Denkweise muss eingeübt und reflektiert werden.

Thure Alting: Zusammenfassend muss gesagt werden, dass die bittere Realität ist, dass Jüdinnen und Juden tagtäglich Antisemitismuserfahrungen machen, auch in der Schule. Man weiß aus der Antisemitismusforschung, dass es für Betroffene häufig noch viel schlimmer ist als der eigentliche Vorfall, wenn die pädagogisch Verantwortlichen nicht reagieren. Und das zeigt, wie groß die Verantwortung von pädagogischem Personal ist und wie viel man erreichen kann, wenn man adäquat reagiert. Es wird zwar nicht funktionieren, Antisemitismus in Schulen zu verhindern. Aber man kann die Atmosphäre für Jüdinnen und Juden angenehmer gestalten, indem man die pädagogische Verantwortung wahrnimmt und signalisiert: Wir nehmen das ernst und wollen Antisemitismus, so gut es geht, unterbinden.

Wohin können sich von Antisemitismus Betroffene wenden?

Thure Alting: Auf institutioneller Ebene ist die zentrale Anlaufstelle OFEK, die bundesweite Fachberatungsstelle bei antisemitischer Gewalt und Diskriminierung. Des Weiteren gibt es Träger:innen mit einer kommunalen Orientierung, wie unseren Verein Spiegelbild Wiesbaden. Außerdem gibt es die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus RIAS, die in vielen Bundesländern vertreten ist.

Benny Momper: Und es wäre natürlich wünschenswert, wenn es an jeder Schule pädagogisch Verantwortliche gibt, an die sich Betroffene wenden können. Wenngleich das eben nicht heißen darf, das Thema an einzelne Fachkolleg:innen auszulagern.

Welche Strukturen und Beratungsansätze existieren, um Lehrkräfte im Umgang mit Antisemitismus zu unterstützen?

Thure Alting: Das Portal Anders denken der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (KIgA) stellt diverse didaktische Methoden zur Verfügung, um sich mit Antisemitismus auf einer inhaltlichen Ebene besser auseinanderzusetzen – zum Beispiel auch zum erwähnten Kurzfilm Masel Tov Cocktail. Außerdem ist eine Übersicht von unterschiedlichen Träger:innen einsehbar, die man je nach Bundesland aussuchen kann. Dann gibt es noch den Kooperationsverbund gegen Antisemitismus, in dem ein paar große bundesweit agierende Träger:innen zusammengeschlossen sind, wie beispielsweise die erwähnte KIgA.

Benny Momper: Es gibt auch kommunale Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe, die aber noch gestärkt werden müssten. Wir bei Spiegelbild bieten beispielsweise Fallberatungen für Schulen an. Das heißt, eine Schule spricht uns aufgrund eines antisemitischen Vorfalls an, den wir dann gemeinsam besprechen und sehen, was dort zu tun ist. Gerade vor dem Hintergrund, dass Ganztagsunterricht jetzt flächendeckend eingeführt wird, sollte man solche Angebote noch viel mehr forcieren. Es braucht nicht nur große überregionale Träger:innen, sondern auch regionale Träger:innen, die vor Ort sind, die Akteur:innen kennen und die Situation richtig einschätzen können. Außerdem können diese Träger:innen die Situation vielleicht auch sozialräumlich nachvollziehen, weil sie beispielsweise das Jugendzentrum oder auch die Schule der Jugendlichen kennen. Sie können im Zweifel zum Beispiel einen Runden Tisch initiieren. Solche Kooperationen zwischen Kinder- und Jugendhilfe, politischer Bildung und Schulen auf kommunaler Ebene sind leider noch viel zu wenig vorhanden.

Weiterführende Links

Pädagogische und didaktische Materialien

Beratungs- und Meldestellen

  • Fachberatungsstelle bei antisemitischer Gewalt und Diskriminierung, OFEK, unter der Schirmherrschaft des Beauftragten der Bundesregierung für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus Dr. Felix Klein:
    Externer Link: https://ofek-beratung.de/

  • Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus RIAS, gefördert unter anderem durch die Europäische Union und das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend:
    Externer Link: https://report-antisemitism.de

Weitere Inhalte

Thure Alting ist Sozialarbeiter (M.A.) und seit 2016 als Bildungsreferent bei Spiegelbild - Politische Bildung aus Wiesbaden e.V. tätig. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der diskriminierungskritischen Organisationsbegleitung und antisemitismuskritischen Bildungsarbeit im Kontext Schule und Kinder- und Jugendhilfe. Er veröffentlichte zuletzt „Die Soziale Arbeit und ihr Umgang mit dem Nationalsozialismus von 1945 bis 1990“ (2024).

Benny Momper ist Sozialarbeiter (B.A.) und seit 2018 als Bildungsreferent bei Spiegelbild - Politische Bildung aus Wiesbaden e.V. tätig. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der diskriminierungskritischen Organisationsbegleitung und antisemitismuskritischen Bildungsarbeit im Kontext Schule und Kinder- und Jugendhilfe. Er veröffentlichte zuletzt „Mit Sicherheit kritisch - Politische Bildung als sicherheitspolitische Aufgabe“ (2024).