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#21 Wie verrückt ist das SpaceX-Abenteuer?

Henrik Müller

/ 7 Minuten zu lesen

🚀 10, 9, 8, 7, 6, 5, 4, 3, 2, 1 - die neue Ausgabe von "Zahlen, bitte!" hebt ab. Heute geht's um den größten Börsengang der Geschichte und Elon Musks Firma SpaceX. Wie erklärt sich der geradezu fantastische Börsenwert? Was ist SpaceX' Geschäftsmodell? Und welche Probleme folgen daraus für Finanzmärkte und die Gesamtwirtschaft?

(© picture-alliance/AP, Eric Gay)

🤔 Was ist los?

Der US-Kapitalismus protzt mal wieder mit Superlativen. Im Juni fand der größte Börsengang der Geschichte statt. SpaceX, das Weltraum- und Künstliche-Intelligenz-Unternehmen von Elon Musk, Externer Link: hat 86 Milliarden US-Dollar am Aktienmarkt eingesammelt.

Bislang war SpaceX ein privates Unternehmen. Mit dem „Interner Link: Initial Public Offering“ (IPO) können sich nun Investmentgesellschaften und Privatanleger beteiligen. Die Nachfrage war so groß, dass SpaceX alle Vorläufer in den Schatten stellte (siehe Abbildung 1). Selbst wenn man berücksichtigt, dass die anderen Börsengänge schon einige Jahre zurückliegen und seither durch die Inflation die Preise insgesamt gestiegen sind, übertrifft Elon Musks Firma alle bisherigen IPOs.

Noch beeindruckender: Da nur ein kleiner Teil der Aktien unter die Anleger gebracht wurde, ist der Gesamtwert des Unternehmens weit höher. Zum Zeitpunkt des Börsengangs betrug er zwei Billionen Dollar. Das ist achtmal so viel wie Siemens, das derzeit wertvollste deutsche Unternehmen.

Aber: SpaceX ist vergleichsweise klein und macht hohe Verluste. Der Umsatz betrug 2025 nur 18,7 Milliarden Dollar. Der Verlust lag bei 4,9 Milliarden. Noch mal Siemens zum Vergleich: Der Münchner Konzern fuhr umgerechnet 94 Milliarden Dollar Umsatz und knapp 12 Milliarden Gewinn ein, während SpaceX weniger Umsatz als der Externer Link: mittelständische Dübel-Hersteller Würth aus Künzelsau macht.

Üblicherweise geht man davon aus, dass sich im Aktienkurs künftige Gewinne widerspiegeln. Wenn die Anleger einer Firma hohes Wachstumspotenzial zutrauen, sind sie bereit, viel Geld für eine Aktie hinzublättern. So wird die derzeit teuerste Firma der Welt, der US-Chipproduzent Nvidia, mit dem 30-fachen Jahresgewinn bewertet – angesichts der fetten Profitabilität ein durchaus normales Niveau, trotz des hohen Gesamtwerts von Nvidia. Auch die anderen Firmen auf der Rangliste der teuersten Unternehmen der Welt (siehe Grafik 2) machen Gewinne. Sie haben über Jahre bewiesen, dass sie auf soliden Geschäftsmodellen fußen. Auf SpaceX trifft das nicht zu.

Statt sich der Gewinnschwelle zu nähern, wachsen die Verluste. Allein im ersten Vierteljahr 2026, neuere Zahlen liegen derzeit nicht vor, machte die Firma 1,9 Milliarden Dollar Minus bei gerade mal 4,7 Milliarden Umsatz. Optimistisch könnte man sagen: bei solch enormen Zukunftsvisionen ist das ganz normal, zunächst muss man Schulden machen, um Investitionen zu tätigen, die sich erst später auszahlen.

Das scheint auch die Finanzbranche zu meinen, die SpaceX wie einen etablierten Konzern behandelt. Beim Börsengang war die Crème der Topbanken aktiv, voran Goldman Sachs, aber auch europäische Institute wie UBS, ING und Deutsche Bank. Als SpaceX dann kurz nach dem Börsengang auch noch in großem Stil neue Schulden aufnahm, standen abermals die Anleger Schlange: Anleihen für 25 Milliarden Dollar kamen auf dem Markt, zu vergleichsweise niedrigen Zinsen, was den Vertrauensvorschuss belegt, den das Unternehmen genießt.

Möglich war das, weil die drei führenden Rating-Agenturen S&P, Moody’s und Fitch die künftige Zahlungsfähigkeit von SpaceX optimistisch bewerten. Sie alle vergaben ein „Investment Grade“. Das heißt: Die Schuldenanalytiker schätzen die Wahrscheinlichkeit hoch ein, dass Musks Firma ihre Verbindlichkeiten irgendwann zurückzahlen kann. Üblicherweise gibt es diese Bewertung erst, nachdem eine Firma über mehrere Jahre ihre Profitabilität bewiesen hat.

Die SpaceX-Geschichte ist in vielerlei Hinsicht abenteuerlich. Einerseits ist sie ein weiterer Beleg für die Vitalität und Innovationskraft des US-Kapitalismus; die Zeitschrift „The Economist“ schrieb kürzlich von „Capitalism on Rocket Fuel“. Elon Musk, nebenher auch noch Chef des E-Auto-Bauers Tesla, ist zweifellos ein hochgradig begabter Unternehmer mit einer beeindruckenden Reihe von Erfolgen. Andererseits stellt sich bei nüchterner Betrachtung die Frage, ob bei SpaceX alles mit rechten Dingen zugeht – oder ob es sich nicht um den Auswuchs einer gigantischen Börsenblase handelt, bei der einige Leute alle Vorsicht über Bord werfen.

⚠️ Wo ist das Problem?

Es gibt mehr als ein Problem. Ich sehe vor allem vier:

  • Die Ziele des Unternehmens sind geradezu fantastisch.

  • Die Ballung von Macht und Vermögen in den Händen von Elon Musk ist für eine freiheitliche Gesellschaft schwer erträglich.

  • Sinnvolle Finanzmarktregeln wurden für den Börsengang aufgeweicht.

  • Die Risiken für die Finanzstabilität sind nicht zu unterschätzen.

Der Börsenprospekt von SpaceX liest sich in Teilen wie Science Fiction. Als Firmensitz wird angegeben: I Rocket Road, Starbase, Texas. Den Ort an der Golfküste hat Musk für sein Raketenprogramm geschaffen. Neben vielen farbigen Bildern von Raketenstarts und Weltraumpanoramen heißt es zum Geschäftszweck: „Unsere Mission ist es, Systeme und Technologien zu bauen, die nötig sind, um das Leben multiplanetar zu machen, um die wahre Natur des Universums zu verstehen und das Licht des Bewusstseins zu den Sternen zu tragen.“ So fängt der Text des mehr als 250-seitigen Dokuments an. Dann folgt eine kurze Erklärung dazu, wie das geschehen soll: „Um das zu erreichen, haben wir die ambitionierteste, vertikal integrierte Innovationsmaschine auf (und außerhalb) der Erde geschaffen mit unvergleichlichen Fähigkeiten…“ Und so weiter. Letztlich wolle man eine „Basis auf dem Mond und Städte auf anderen Planeten bauen“.

Der US-Version des Externer Link: Börsenprospekts ist ein Zitat von Elon Musk vorangestellt:

Man will morgens aufwachen und denken, dass die Zukunft großartig sein wird – und darum geht es bei einer raumfahrenden Zivilisation. Es geht darum, daran zu glauben, dass die Zukunft besser sein wird als die Vergangenheit. Ich kann mir nichts Aufregenderes vorstellen, als nach da draußen vorzudringen und zwischen den Sternen zu sein.

Damit ist der Ton gesetzt. Mit der vorsichtig abwägenden Sprache, die solche Dokumente üblicherweise auszeichnet, hat das wenig zu tun. Es geht um den Verkauf von Visionen und Träumen. (Die Externer Link: EU-Version des Börsenprospekts beginnt immerhin mit auf einem Dutzend Seiten, auf denen die größten Risiken für das Firmengeschäft ausbuchstabiert sind.) Selbst bei Veranstaltungen mit Top-Investoren unmittelbar vor dem Börsengang („Roadshow“) sei es um Fragen der Mars-Kolonisation und ähnlichem gegangen, Externer Link: berichteten Finanzmedien.

2002 hat Musk SpaceX als Raketenbaufirma gegründet. Das Ziel, den Mars zu besiedeln, verfolgt er dabei schon lange – die erste bemannte Mars-Mission hatte Externer Link: eigentlich schon 2024 starten sollen. Inzwischen hat Musk das Unternehmen zu einem weit verzweigten Tech-Konglomerat ausgebaut, zum dem auch die KI-Firma xAI und das Soziale Netzwerk x.com (früher Twitter) sowie die Immobilientochter CTC gehören (Abbildung 3 gibt einen vereinfachten Überblick).

Musk hat es geschafft, zentrale Raketenteile sicher landen zu lassen und wiederzuverwenden. Dadurch sind die Kosten von Raumtransporten in zuvor kaum vorstellbaren Größenordnungen gefallen. Auf dieser Basis hat Musk ein dichtes Netz von Satelliten in erdnahen Umlaufbahnen installiert, auf dem er das Kommunikationssystem „Starlink“ betreibt. Ein profitables Geschäft: 2025 erwirtschaftete diese Konzernsparte einen Gewinn von 7,2 Milliarden Dollar. Andere Konzernteile hingegen sind hochdefizitär.

Das betrifft vor allem die KI-Tochter xAI, die zig Milliarden Dollar an Investitionen verbrennt und gerade erst an Fahrt aufnimmt. Deren eigenes LLM „Grok“ kann zwar nicht mit der Konkurrenz mithalten (von zahlreichen Skandalen – darunter rechtsextreme und antisemitische Äußerungen des Sprachmodells – ganz zu schweigen), doch hat es ein Geschäftsfeld gefunden, indem es Rechenkapazität etwa an OpenAI und Google vermietet. Unter anderem verfolgt Musk den futuristischen Plan, solarbetriebene KI-Rechenzentren im All zu installieren.

Die gesamte Unternehmensstruktur ist auf den CEO persönlich ausgerichtet. Durch ein Zwei-Klassen-Stimmrecht bei den Aktien hat er auch nach dem Börsengang praktisch alleine das Sagen. Faktisch kann er nicht abgesetzt werden. Eine Nachfolgeregelung gibt es nicht. Wie es mit der Firma weitergeht, wenn der 55-jährige Musk unweigerlich irgendwann ausfällt, ist offen.

Die Machtkonzentration ist politisch bedenklich. Musk ist inzwischen der reichste Mensch der Welt mit einem Vermögen von rund einer Billion Dollar. Seine politischen Ambitionen sind weitreichend. Im zurückliegenden Wahlkampf hat er massiv für Donald Trump getrommelt und hunderte Millionen Dollar gespendet, später dann als inoffizielles Regierungsmitglied Bundesbehörden zusammengekürzt. Mit x.com verfügt er über eine Plattform zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung, nicht nur in den USA, sondern auch in Europa. Er nutzt es auch, um rechtsnationalistische Kräfte zu stützen und Verschwörungsmythen zu verbreiten. Mit Starlink steuert er ein Netzwerk, das sicherheitspolitisch relevant ist und derzeit die Kriegsführung der Ukraine unterstützt. Wie mächtig künftig große KI-Provider sein werden, ist offen. Auch auf diesem Gebiet könnte Musk eine Schlüsselrolle zuwachsen.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass für Musk die Regeln der Technologiebörse Nasdaq aufgeweicht wurden. So nimmt der New Yorker Finanzplatzbetreiber SpaceX nahezu unmittelbar in seinen Index Nasdaq 100 auf. Das sichert Nachfrage nach den Aktien, weil viele Fonds, ETFs und Privatanleger solche Indizes abbilden – und damit zum Kauf von SpaceX-Aktien verpflichtet sind. Eigentlich müssen Firmen eine Art Soliditätstest bestehen, bevor sie aufgenommen werden. Dazu gehört eine Bewährungszeit als börsennotierte Firma sowie ein gewisser Mindestanteil an frei gehandelten Aktien („free float“), bevor man sich für den Index qualifiziert. Im Vorfeld des SpaceX-IPOs sind diese Regeln außer Kraft gesetzt worden, Externer Link: wie der „Spiegel“ analysiert hat. Weitere KI-Firmen wie OpenAI und Anthropic, die genau wie SpaceX heute Verluste machen, sich aber eine rosige Zukunft ausmalen, wollen ebenfalls bald an die Börse, um an frisches Kapital zu kommen. Sie dürften ebenfalls von den lockereren Regeln profitieren. Negative Folgen hat das für andere Unternehmen, die deshalb aus dem Index fliegen.

Der US-Kapitalismus ist derzeit extrem auf KI konzentriert. Von Energieerzeugung und -Netzen über Computerprozessoren bis zu Speicherchips – die fünf größten amerikanischen Datenriesen („Hyperscalers“) investieren 2025 und 2026 zusammen mehr als eine Billion Dollar, so die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ). SpaceX und andere werden den Boom zusätzlich anheizen. Die Externer Link: deutsche Außenhandelsgesellschaft GTAI schätzt, dass die KI-Investitionen für 2,5 Prozent der US-Wirtschaftsleistung sorgen – und damit das gesamte Wachstum der US-Wirtschaft.

Da auch die Finanzmärkte eine immer stärkere KI-Schlagseite bekommen, steigt die Gefahr von gesamtwirtschaftlichen Rückschlägen. Sollte eine gigantische Blase platzen, weil sich die großen Erwartungen nicht erfüllen, könnte das eine tiefe Krise auslösen, warnt die BIZ. SpaceX mit all den Muskschen Extravaganzen ist gewissermaßen die Schaumkrone auf dieser Welle.

📰 Ist das neu?

Neue Entwicklungen bringen häufig Übertreibungen an den Finanzmärkten mit sich. Solche Bubbles durchziehen die Geschichte des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Es gibt viel zu verdienen, gerade auch für die Finanz- und Beratungsbranche. Staatliche Behörden unterstützen den Hype typischerweise durch eine Lockerung der Regeln. Die Finanzierungsbereitschaft von Börsen und Banken ermöglicht dann Investmentbooms, die Kapazitätsausweitungen schaffen, weit über den Bedarf hinaus. Irgendwann endet der Boom im Crash, wenn nämlich unübersehbar ist, dass sich übertriebene Hoffnungen nicht erfüllen.

So analysiert die BIZ in Externer Link: ihrem aktuellen Jahresbericht frühere Hype-Phasen – darunter den Eisenbahnbau in den 1840er Jahre, die Elektrifizierungsblase der 1920er sowie die Internet-Blase der 1990er – und vergleicht sie mit der aktuellen KI-Euphorie. Nach diesen Berechnungen übersteigt der derzeitige Investitionsboom frühere Phasen. Auch die rasch zunehmende Verschuldung bereitet den BIZ-Experten Sorgen. Entsprechend groß könnte das Rückschlagpotenzial sein. Wie Marktanalysten der ING-Bank Externer Link: modelliert haben, würde ein Einbruch der KI-Aktien nicht bloß den Finanzmarkt in die Krise stürzen, sondern auch Konsum und Investitionen einbrechen lassen und damit die Gesamtwirtschaft belasten – vor allem in den USA selbst.

Die SpaceX-Story ist so gesehen Teil eines größeren Trends. Bei einer Börsenbewertung, die derzeit beim 100-fachen Jahresumsatz (Gewinne macht das Unternehmen ja nicht) liegt, und einer sich rasch beschleunigenden Investitionstätigkeit geht manche Alarmglocke an.

⏩ Was passiert als nächstes?

Technologiebooms hinterlassen aber nicht nur finanzielle Schieflagen. Sie können auch den Fortschritt beschleunigen. Die Eisenbahntrassen des 19. Jahrhunderts und die Stromnetze des frühen 20. Jahrhunderts hatten einen langfristig positiven Effekt auf die Entwicklung. Teils werden sie bis heute genutzt. Das Internet verschwand nicht mit dem Crash des Jahres 2000, sondern gehört heute zur zentralen Infrastruktur einer zunehmend datengetriebenen Wirtschaft. Nicht alle Unternehmen, die damals für Furore sorgten, sind verschwunden. Einige entwickelten sich prächtig und finden sich heute unter den wertvollsten der Welt, darunter der Online-Händler Amazon (gegründet 1994) und die Suchmaschine Google (gegründet 1998, heute Alphabet). Auf Basis dieser Technologie wurden neue Geschäftsmodelle möglich, etwa das Soziale Netzwerk Facebook (Gründungsjahr 2004, heute Meta).

Denkbar, dass auch SpaceX dereinst dazu gehören wird. Die Profitabilität des Satellitennetzes Starlink zeigt das Geschäftspotenzial, das im nahen Weltraum wartet. Vielleicht sind auch Rechenzentren im All irgendwann Standard. Klar ist aber auch, dass sich das Unternehmen irgendwann von seinem hochdrehenden Gründer Elon Musk emanzipieren muss. Stabile Unternehmen brauchen stabile Strukturen. Sie werden dann solide – und langweilig.

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Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der TU Dortmund. Der promovierte Volkswirt arbeitete lange als Wirtschaftsjournalist, zuletzt als stellvertretender Chefredakteur der Zeitschrift manager magazin. Für den SPIEGEL schreibt er seit 2013 eine wöchentliche Kolumne („Externer Link: Müllers Memo“). Müller ist Autor diverser Bücher (zuletzt erschien Externer Link: Challenging Economic Journalism. Covering Business and the Economy in an Age of Uncertainty, Palgrave Macmillan 2023).

An der TU Dortmund leitet Müller den Bachelor-Studiengang "Externer Link: Wirtschaftspolitischer Journalismus".