Ein Finger vor schwarzem Hintergrund klickt auf das blaue Logo einer Social-Media-App.

22.9.2021 | Von:
Christian Alt
Jochen Dreier
Sylke Gruhnwald

Podcast: Netz aus Lügen – Der Hack (1/7)

Seit Anfang des Jahres werden die privaten E-Mail-Adressen von Bundestagsabgeordneten angegriffen. Die Bundesregierung macht den russischen Militärgeheimdienst dafür verantwortlich. Es wird befürchtet, dass mithilfe der gestohlenen Daten in den Prozess der öffentlichen Meinungsbildung eingegriffen werden könnte. In Polen kann man bereits sehen, wie Desinformationskampagnen nach solchen Angriffen ablaufen. In der ersten Folge des Podcasts "Netz aus Lügen – Der Hack" zeigen wir wie die sogenannte Operation "Ghostwriter" funktioniert und welche Konsequenzen das haben kann.

In der ersten Folge "Der Hack" gehen wir der Frage nach, welche Konsequenzen Desinformationskampagnen nach Hacking-Attacken haben. (© 2021 Bundeszentrale für politische Bildung)



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Transkript von "Netz aus Lügen - Der Hack (1/7)"

00:00 Zuspieler (ZSP) Capitol Riots
6. Januar 2021. Mittwoch.
Es ist zuerst nur ein Raunen, das durch die sozialen Netzwerke geht. Erste Meldungen über das, was in Washington passiert. Menschen drängen zum Kapitol. Schnell tauchen die ersten Fotos auf, alles wird live gestreamt und es wird klar: Hier droht etwas aus dem Ruder zu laufen.

Der Nachrichtensender CNN reagiert schnell, erste Kameraaufnahmen zeigen die Demonstrierenden – inzwischen werden sie von vielen bereits als Terroristen und Terroristinnen bezeichnet. Sie haben einen Galgen für Vize-Präsident Mike Pence aufgebaut.

Denn der ist gerade genau wie die 100 Senatorinnen und Senatoren im Kapitol. In der zweiten Kammer kommen dazu noch die 435 Mitglieder des Repräsentantenhauses. Hier zählen sie die Stimmen der Bundesstaaten aus - es ist der letzte Schritt, der die Wahl von Joe Biden offiziell macht.

Nur hat einer damit ein Problem.

ZSP Trump
"Ich hoffe, Mike Pence wird das Richtige tun. Denn wenn er das richtige tut, dann gewinnen wir die Wahl. Die Staaten sind betrogen worden, sie haben die Wahlergebnisse aufgrund falscher Ergebnisse zertifiziert, nun wollen sie eine neue Zertifizierung. Das einzige, was Vizepräsident Pence tun muss, ist, die Resultate zurückzuschicken für eine neue Zertifizierung. Und wir werden Präsident und ihr alle seid glückliche Leute."

Dass Mike Pence hier am Resultat der demokratischen Wahl nichts ändern konnte: geschenkt. Nach der Trumprede marschieren Protestierende aufs Kapitol. Sie wollen rein, wollen, dass die Auszählung gestoppt wird. Dass Donald Trump Präsident bleibt.

ZSP Capitol Riots
Sie schlagen Fensterscheiben ein. Verwüsten Büros. Abgeordnete werden durch geheime Tunnelsysteme in Sicherheit gebracht.

Fünf Menschen sterben.

Und all das wegen einer Lüge.

Über Jahre hat Donald Trump die Angst vor falscher Stimmabgabe geschürt. Die Briefwahl, die im Corona-Jahr 2020 wichtig wurde, war Trump und seiner Partei schon länger ein Dorn im Auge.

Gut. Von Donald Trump haben wahrscheinlich die wenigsten einen anständigen Abgang erwartet. Aber… was dann doch überrascht hat, war, wie viele bereit waren mitzumachen. Wie viele Mitglieder der republikanischen Partei im vollen Ernst behaupteten, dass es wirklich Ungereimtheiten bei der Wahl gab. Und … wie viele heute noch diese Lüge glauben. 53 Prozent aller republikanischen Wählerinnen und Wähler gaben im Mai bei einer Umfrage an, dass Donald Trump der rechtmäßige Präsident sei. 53. Prozent.

Wie kann das sein? Wie wird aus einer Lüge für viele Menschen die Wahrheit?

Jingle: "Netz aus Lügen - Die globale Macht der Desinformation" - ein Podcast der Bundeszentrale für politische Bildung. Folge 1 - Der Hack

03:24 Hallo, mein Name ist Ann-Kathrin Büüsker und in diesem Podcast geht es um Lügen. Damit meinen wir nicht Alltagslügen wie "Sorry, mein Computer hatte sich aufgehängt, deshalb bin ich zu spät zum Meeting” - sondern politische Lügen. Lügen, die Menschen täuschen sollen, sie verunsichern, sie zweifeln lassen an der Demokratie. Kurz: wir reden über Desinformation.

In diesem Podcast wollen wir über den Tellerrand schauen. Wir wollen uns Desinformation weltweit ansehen. Raus aus Deutschland, um den Blick für die Dinge zu schärfen, die alle Lügen gemeinsam haben.

Jede Folge schauen wir uns ein anderes Land an. Von Russland über die USA, bis nach Taiwan - wir wollen rausfinden: welche Rolle spielt Desinformation in der Welt? Ist es wirklich so schlimm wie wir denken - oder ist Desinformation nur ein Gespenst?

Fangen wir mal bei uns selbst an - denn schließlich stehen hier auch gerade Wahlen an.

ZSP Bundestag
"Ich rufe den Tagesordnungspunkt 24 auf:
Beratung des Antrags der Abgeordneten Konstantin Kuhle"


Donnerstag, 22. April 2021. Der Wahlkampf, er hat just in dieser Woche angefangen. Gerade hat die Union ihren Kanzlerkandidaten Armin Laschet vorgestellt und damit wurde auch ein monatelanger Machtkampf, wer denn nun von Unions-Seite antritt, beendet. Auch wenn der September noch ewig weit weg scheint - im Bundestag geht es schon ums Ganze. Der FDP-Abgeordnete Konstantin Kuhle bringt mit anderen Fraktionsmitgliedern einen Antrag ein. Er fordert unter anderem die Gründung einer Taskforce gegen Desinformation, in der dann vom Auswärtigen Amt über das Innenministerium bis zum Bundesnachrichtendienst alle Informationen gebündelt werden. Außerdem fordert er von den Plattformen mehr Informationen über Desinformationskampagnen.

ZSP Kuhle
"Wir müssen die Social-Media-Plattformen an einen Tisch bekommen, und wir dürfen es uns mit unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung und als offene Gesellschaft nicht gefallen lassen, dass wir unterwandert werden, mit dem Ziel, diese Errungenschaften abzuschaffen. Schützen wir gemeinsam die Bundestagswahlen 2021! Ich freue mich auf die Debatte."

Wer sich jetzt vielleicht ein bisschen am Kopf kratzt und fragt… "Moment mal. Was ist denn eigentlich passiert? Ist die Wahl denn gefährdet?”, der ist nicht alleine. Wirkliches Aufmacherthema war das im Frühjahr nicht, aber Kuhle bezieht sich in seinem Antrag auch auf einen neuen Bericht.

ZSP Kuhle
"Es gibt Untersuchungen, des Auswärtigen Europäischen Dienstes, die ganz klar benennen, dass es kein Land in der Europäischen Union gibt, das in so einem starken Fokus der Desinformation steht, wie die Bundesrepublik Deutschland"

05:45 Dieser Bericht kommt von der "East Stratcom Task Force” des Europäischen Auswärtigen Diensts. Diese beschäftigt sich primär mit Desinformation, die Osteuropa betrifft. Und im März 2021 gibt diese Taskforce einen Bericht heraus, der es in sich hat.

ZSP Güllner
"Also dieser Bericht, den mein Team gemacht hat, der hat sich einfach mal angeschaut: Was ist in den letzten zwei Jahren passiert, was haben wir da für Fälle gesehen?"

Das ist Lutz Güllner. Er ist der Leiter der Desinformations-Taskforce.

"Wer ist da eigentlich in die Zielscheibe gekommen? Oder wer war da so ein bisschen im Fadenkreuz? Welche Länder waren das, welche Themen? Und uns ist aufgefallen, dass über die letzten 18 Monate, dass sich das so ein bisschen verschoben hat, dass Deutschland - das lange Zeit eigentlich gar nicht so sehr in den Mittelpunkt oder in die Zielscheibe genommen wurde durch die bekannten Akteure - dass es da immer mehr sozusagen Fokus gab."

Er und sein Team sorgen sich vor allem um die Manipulation von Wahlen. Dem heiligsten Prozess einer jeden Demokratie.

ZSP Güllner
"Wir haben es gesehen in den Vereinigten Staaten. 2016. Auch 2020 noch mal. Wir haben es gesehen in Frankreich 2017, in vielen anderen Bereichen, dass man tatsächlich mit dieser Desinformation solche Prozesse destabilisieren kann. Manchmal kann man sogar die Ergebnisse beeinflussen. Wie sehr. Das muss man noch genau untersuchen. Also da gibt's keine Regel, dass man da irgendwie fünf oder zehn Prozent hin und herschieben kann. So einfach ist es auch nicht. Aber man kann das gesamte Umfeld vorher beeinflussen. Und das macht es dann doch ein bisschen gefährlicher."

Gegründet wurde die Task-Force im Jahr 2016. Die EU-Staaten wollten auf russische Desinformationskampagnen in Osteuropa reagieren, die nach der Annexion der Krim 2014 immer lauter wurden.

ZSP Güllner
"Also ursprünglich haben wir ja mal angefangen mit einem ganz klaren, relativ eng begrenztem Auftrag. Es war 2016, als die Task Force geschaffen wurde. Da sollte man sich anschauen: "Wie funktionieren insbesondere die russischen Desinformationskampagnen bei unseren östlichen Nachbarn?” Also das war die Zeit der Ukraine, die Annexion der Krim. Der Krieg begann in der Ostukraine und es gab ein massives - ja, wie soll ich sagen - ein flächendeckendes Ausführen von Desinformationskampagnen von russischen Akteuren in der Ukraine insbesondere. Und da hat sich die EU gesagt: Wir müssen dagegenhalten."

Und obwohl die Task-Force des Europäischen Auswärtigen Dienstes natürlich eine Institution mit klarem politischen Auftrag ist. Lutz Güllner ist Fachmann - er und sein Team schauen sich genau an, wie groß die versuchte Einflussnahme in europäischen Staaten ist. Auf der Webseite der Taskforce wird dann zusammengetragen, welche Narrative im Umlauf sind - zum Redaktionsschluss hat die Datenbank 12784 Einträge. Diese Datenbank ist das Herzstück der Arbeit - zusätzlich veröffentlicht Güllners Taskforce noch Analysen, berät Mitgliedsstaaten und Think Tanks.

Konstantin Kuhle sagt im Bundestag: Es geht hier nicht nur um pro-russische Narrative. Der Westen soll als handlungsunfähig erscheinen.

ZSP Kuhle
"Autoritäre Regierungen nutzen das Internet als Kommunikationsplattform, aber auch als Plattform für Cyberangriffe. Sie nutzen die sozialen Medien, sie nutzen verdeckte Finanzierungen, sie nutzen andere Wege, um die Willensbildung in demokratischen Staaten Europas auf ganz unterschiedlichen Kanälen zu beeinflussen. Warum tun sie das, meine Damen und Herren? Sie tun das aus folgendem Grund: Je mehr Menschen an der Handlungsfähigkeit staatlicher Organisationen und Institutionen zweifeln, umso leichter können sich Putin und Erdogan als starke Führungspersönlichkeiten inszenieren."

Wir wollen in dieser Folge herausfinden, wie Desinformation aus dem Ausland gestreut wird. Und ob diese Desinformation genutzt werden kann, in unseren Wahlkampf einzugreifen.

09:31 Ganz konkret geht es um eine Aktion, die mit Hacks und Leaks arbeitet und vermutlich aus Russland kommt. Konstantin Kuhles Rede im deutschen Bundestag hat einen ganz konkreten Anlass. Denn spätestens seit Februar gibt es eine koordinierte Hacking-Attacke gegen Mitglieder des deutschen Bundestags. Das Ziel: Desinformation soll auf ihren Social-Media-Accounts verbreitet werden.

ZSP Kuhle
"Was passiert konkret, und was muss geschehen? Erstens. Wir erfahren in diesen Tagen, dass in den letzten Wochen und Monaten mindestens sieben Bundestagsabgeordnete zum Ziel, zu Opfern von Phishing-Angriffen geworden sind. Da wird versucht, Passwörter auszuforschen, mit denen man sich in die Social-Media-Präsenzen von Abgeordneten einloggen kann, um dort Desinformation zu verbreiten. Was lernen wir daraus? Wir müssen nicht nur an der IT-Sicherheit der Exekutive arbeiten, sondern auch an der IT-Sicherheit der Legislative, auch bei den Kandidatinnen und Kandidaten, bei den Parteien, bei den Landespolitikern, bei den Kommunalpolitikern."

"Ghostwriter” heißt die Operation dahinter.

Das US-amerikanische Sicherheitsunternehmen Mandiant hat die Operation Ghostwriter getauft, weil "Einheimische, Journalistinnen und Analysten in den Zielländern nachgeahmt werden, um Artikel und Meinungsbeiträge zu posten.” Ghostwriter produziert falsche Nachrichten, verschafft sich dann Zugang zu Nachrichtenseiten und Blogs in Litauen, Lettland und Polen, schreibt Mandiant .

Hier ein paar Meldungen, die Ghostwriter in den vergangenen Jahren auf Nachrichtenseiten und Blogs platziert hat.

SPR2 28. März 2017: Deutscher Bundeswehroffizier ist ein russischer Spion

SPR3 7. Juni 2018: Ein Nato-Panzer überfährt ein litauisches Kind

SPR2 29. Mai 2019: Deutsche Nato-Soldaten schänden einen jüdischen Friedhof in Litauen

SPR3 20. April 2020: Kanadische Nato-Soldaten schleppen Covid-19 nach Lettland ein

All diese Meldungen sind falsch, erstunken und erlogen. Und alle Meldungen sollen wohl Misstrauen gegen die Nato in baltischen Ländern und Polen schüren. Die Ghostwriter-Kampagne folgt dabei "russischen Sicherheitsinteressen”, wie Mandiant schreibt.

Und diese Kampagne… die soll jetzt eben auch in Deutschland laufen.

ZSP Haldenwang
"Seit Februar diesen Jahres beobachtet das BfV intensive Angriffs-Aktivitäten eines Cyber-Akteurs in Deutschland."

Eine eilig einberufene Pressekonferenz in Berlin. Es ist der 14. Juli. Innenminister Horst Seehofer, der Bundeswahlleiter, der Chef des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik und der Chef des Verfassungsschutzes Thomas Haldenwang sprechen. Haldenwang haben wir gerade schon gehört.

"Nach bisheriger Kenntnislage ist ein nachrichtendienstlicher Hintergrund wahrscheinlich. Im Fokus dieser Phishing-Angriffe der Cyber-Gruppierung Ghostwriter stehen insbesondere private E-Mail-Adressen von Abgeordneten des Deutschen Bundestages und der Landtage und deren Mitarbeitende."

Im Nicht-Fachdeutsch heißt das: Ghostwriter versucht deutsche Abgeordnete auf Fake-Webseiten zu locken, die zum Beispiel aussehen wie ihr Online-Banking oder ein Online-Shop. Wenn diese dann dort ihr Passwort eingeben, dann haben das die Hacker. Oder Hackerinnen.

Nochmal Thomas Haldenwang:
"Das Konto einer Person wird gleichsam gekapert und mit gestohlenen Daten bestückt. So ist es auch in anderen Ländern geschehen. Desinformationen können außerdem über weitere Verbreitungswege in Umlauf gebracht werden. Hierzu gehören sogenannte Hack-and-Publish-Operationen, bei denen echte und damit grundsätzlich glaubwürdige Nachrichtenseiten im ersten Schritt angegriffen und dann kompromittiert werden, um dann in einem zweiten Schritt Desinformationen auf diesen Nachrichtenkanäle zu veröffentlichen. Das ist nur ein kleiner Auszug der Bedrohungssituation."

Das, was Thomas Haldenwang so trocken erzählt, ist eigentlich ein ziemlicher Hammer. Das merkt man, wenn man den Blick aus Deutschland richtet, und sich ein Land anschaut, bei dem Ghostwriter schon länger aktiv ist.

13:48 Polen. Ich male kurz ein Bild. Stellt euch vor, die E-Mails von Kanzleramtsminister Helge Braun würden gehackt werden. Und dann gäbe es eine Telegram-Gruppe, ich nenne sie mal "Braun Leaks”, die andauernd neue Mails von Braun posten. Passend mit lustigen Sprüchen und Memes.

Genau das ist in Polen passiert. Die Mails des dortigen Kanzleramtsministers Michalł Dworczyk - der Job ist jetzt nicht hundertprozentig derselbe aber sehr nah dran - wurden im Juni 2021 geleaked, auf Telegram. Zum Beispiel die Nachricht von Dworczyk, in der er einen Einsatz der polnischen Armee gegen Demonstrantinnen gegen das Abtreibungsverbot ablehnt.

Der Telegram-Kanal hatte 90.000 Abrufe am Tag - bis er stillgelegt wurde.

Nicht nur Michał Dworczyk ist betroffen. Mehr als 700 gehackte E-Mail-Accounts wurden bislang gefunden. Wie viel Material wirklich abgefischt wurde, ist noch nicht bekannt. In manchen Fällen gab es sogar direkten Zugriff auf die Social-Media-Konten von Politikerinnen und Politikern.

Im Januar wurde zum Beispiel der Twitter-Account des stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der regierenden PiS-Partei von Ghostwriter übernommen. Auf dem Account von Marek suski wurden Bilder gepostet, die eine Lokalpolitikerin der PiS-Partei in roter Unterwäsche zeigten. Dazu die Aufforderung, dass die Politikerin aufhören solle, ihm Fotos zu schicken und ihn zu belästigen.

Ob diese Bilder echt waren oder nicht, ist unklar - ihre E-Mail-Adresse war jedenfalls auch auf einer Liste kompromittierter Accounts zu lesen. Der Hashtag Suskigate ging rum . Die Bilder der Politikerin hängen fest im Netz. Das Ziel, größtmögliche Verwirrung zu stiften, zu destabilisieren - das ist geglückt.

Und all das ist das Werk von Ghostwriter.

ZSP Gielewska
"Ich heiße Anna Gielewska, ich bin Investigativ-Chefin bei Reporter’s Foundation und VSquare. Meine journalistischen Themen sind Desinformationskampagnen und Propaganda"

Anna Gielewska verfolgt den Ghostwriter-Skandal schon lange. Dabei ist es gar nicht so einfach zu sagen "DAS ist Ghostwriter”. Es geht nicht nur um Falschmeldungen, es geht nicht nur ums Hacken, nicht nur ums Leaken, sondern es ist ein Zusammenspiel verschiedenster Methoden.

ZSP Gielewska
"Wenn wir von Ghostwriter sprechen, dann meinen wir in der Regel eine Vielzahl von Angriffen mit unterschiedlichen Tools und verschiedene Arten von Angriffen. Es ist eine große Cyber-Spionage-Operation. Die beinhaltet Phishing und Desinformationskampagnen. In Polen trifft das hauptsächlich Politiker und Politikerinnen der Regierungspartei PiS, aber auch die Lokalpolitik ist betroffen."

Wie Anna Gielewska eigentlich zum Thema Ghostwriter gekommen ist, zeigt schön, wie umfassend die Attacke ist. Im April 2020 - also mehr als ein Jahr vor dem Telegram-Kanal mit den Mails vom Kanzleramtsminister - wird auf der Webseite der Polnischen Militärakademie ein gefälschter Brief veröffentlicht. Der Präsident der Akademie, die man am ehesten mit der Universität der Bundeswehr vergleichen könnte, rief in dem gefälschten Brief dazu auf, dass Soldaten gegen die Nato rebellieren sollten. Anna Gielewska hört von dieser Story und denkt sich nichts weiter dabei - eine Hacking-Geschichte unter vielen. Als dann aber im Herbst 2020 die Social-Media-Accounts von polnischen Politikerinnen und Politikern gehackt werden, denkt sie: Moment mal. Vielleicht sind das nicht einzelne Attacken. Vielleicht gehört das alles zusammen.

ZSP Gielewska
"Wir haben uns das mal genauer angeschaut und dabei herausgefunden, dass es eine massive Phishing-Kampagne in Polen gibt. Im März haben wir dann den ersten Report veröffentlicht, in dem wir versucht haben die polnische Bevölkerung zu warnen: Knapp 1000 E-Mails wurden vermutlich angegriffen, in mehreren hundert könnte der Einbruch geglückt sein."

Passiert ist nach der Warnung übrigens… nichts. Erst als die Mails des Kanzleramtsministers veröffentlicht wurden, haben die Menschen in Polen zugehört. Inzwischen haben sich auch andere Institutionen wie das Stanford Internet Observatory oder die Sicherheitsfirma Mandiant den Fall in Polen angesehen und kommen zu dem Schluss: Vermutlich läuft die Attacke schon seit 2017.

ZSP Żaryn
"Yes, we’re ready."

ZSP Żaryn
"Stanisław Żaryn - I'm a spokesperson of Spokesperson of the Minister-Special Services Coordinator. I'm responsible for the information policy of the Secret Service community in Poland."

Stanisław Żaryn ist der Pressesprecher der polnischen Geheimdienste. Er sagt offen: die Attacke kommt aus Russland. Er kennt die falschen Schlagzeilen über die Nato, den Hashtag Suskigate, die geleakten E-Mails von Michal Dworczyk.

Als aller erstes wollen wir deshalb auch von ihm wissen: Wer oder was ist Ghostwriter?

ZSP Żaryn
Die Ghostwriter-Kampagne ist eine langfristige und breit angelegte Operation der russischen Geheimdienste gegen Polen, gegen die baltischen Staaten -- und gegen Deutschland.

PAUSE

Woher die polnische Geheimdienste wissen, dass Russland hinter Ghostwriter steckt? Attribuieren - also zuschreiben - heißt das im Fachjargon der Spione.

ZSP Żaryn
"Naja.. die Beweise, die der polnische Geheimdienst gesammelt hat, sind vertraulich. Deshalb kann ich leider keine Details erzählen. Aber wir haben unsere Erkenntnisse mit unseren Verbündeten der Nato geteilt. Mit denen kommunizieren wir recht offen. Aber leider kann ich darüber nicht öffentlich sprechen."

Da wird dann auch Stanisław Żaryn schmallippig: Die von der polnischen Spionageabwehr gesammelten Beweise sind vertraulich, sagt er. Er kann und darf nicht über Details sprechen. Er habe keine Befugnis. Kein Kommentar.

Und ganz lange geht uns das in der Recherche immer wieder… Niemand will so wirklich reden...bis wir bei ihm hier durchkommen.

ZSP Kramer
"Mein Name ist Stephan Kramer. Ich bin seit 2015 Präsident des Amtes für Verfassungsschutz in Thüringen und leite diese Behörde."

Mit dem Zug geht es nach Erfurt. Das Landesamt für Verfassungsschutz von Thüringen hat hier seine Büros, großer grauer Klotz, acht Stockwerke, Parkplätze. An der Straßenlaterne davor hängen Wahlplakate der CDU und der SPD. Früher wurde hier an Mikroelektronik geforscht. Um zum Chef des Thüringer Nachrichtendienst zu gelangen, muss der der Ausweis gezeigt und das Handy abgeben werden. Und drinnen ist es dann so amtlich, dass an den Desinfektion-Spendern darauf hingewiesen wird, sie zu nutzen, aber danach "am Ort der Bereitstellung stehen zu lassen". Und, klar, es gilt: Maske an.

ZSP Kramer
"Wir hatten Fälle in Thüringen im überschaubaren Maße, aber es waren auch Thüringer und Thüringer Politikerinnen und Politiker betroffen."

Auch Politikerinnen aus Thüringen haben Phishing-E-Mails in Zuge der Operation Ghostwriter erhalten. Und woher stammen die E-Mails? Wo sitzt Ghostwriter?

ZSP Kramer
"Schauen Sie, Ghostwriter ist seit einiger Zeit jetzt bekannt. Es ist uns im Verfassungsschutzverbund, aber auch mit BSI, also dem Bundesamt für Sicherheit in der Information, aber auch anderen Sicherheitsbehörden gelungen. Und da muss ich sagen wir weniger jetzt lokal, sondern das sind eher unsere Kolleginnen und Kollegen auf Bundesebene, die da auch technisch ganz anders aufgestellt sind. Also es ist uns gemeinsam gelungen, in der Tat festzustellen, dass nicht wenige der Ursprungs Ressourcen sich in Russland finden. In der Tat ist es so, dass wir hinter diesem Phänomen Ressourcen in Russland nicht nur vermuten, sondern teilweise auch belegen können."

PAUSE

Russland. Was hat Russland davon? Und warum gerade jetzt, geht es um die Bundestagswahl Ende September?

ZSP Kramer
"Um diese Frage zu beantworten, müsste ich oder versetze ich mich einfach in die Rolle derjenigen, die auf der anderen Seite sitzen, um Ghostwriter einzusetzen. Und gebe noch eine Prise Fantasie dazu und vielleicht noch eine Prise an Ideen, die einem aus dem klassischen Bereich der Spionage, Destabilisierung und Desinformation in den letzten Jahren schon begegnet sind. Ich gehe davon aus, dass wir in den letzten, in den nächsten vier Wochen bis zum Wahltermin noch sehr vorsichtig, sehr aufmerksam sein müssen und sehr genau hinschauen müssen, wenn neue Skandale vermeintlich das Licht der Öffentlichkeit erblicken. Ob es dann wirklich Skandale sind oder ob es nicht fabrizierte Propaganda ist bzw. ob diese Dinge nicht möglicherweise genau aus diesem Ghostwriter-Aktionen noch hervorkommen"

Um das nochmal zu betonen. Nachdem uns wochenlang niemand was zu Ghostwriter erzählen wollte, sagt uns jetzt der Chef des thüringischen Verfassungsschutzes: Es könnte gut sein, dass Ghostwriter vor der Wahl zuschlägt.

Ob das die Wahl in die ein odere andere Richtung drehen würde, ist unklar. Übrigens ist der echte Einfluss von Desinformation auf Wahlausgänge in der Wissenschaft noch größtenteils unerforscht. Denn dafür bräuchte man Vergleichsdaten, eine Grundlage, wie Wählerinnen und Wähler ohne die Desinformation abgestimmt hätten. Und in die Köpfe von Menschen reinzuschauen, das ist schwer.

Aber was klar ist: Desinformation kann das Umfeld im Vorfeld einer Wahl beeinflussen. Oder wie Stephan Kramer sagt:

ZSP Kramer
"Ziel ist destabilisieren, verunsichern, Angst verbreiten, Wut verbreiten, gesellschaftliche Gruppen gegeneinander oder gegen Einzelpersonen aufzuhetzen."

ATMO/PAUSE

ZSP Kramer
"Ich will es nochmal deutlich sagen, das sind nicht irgendwelche Verrückten, die sich ausgedacht haben, sowas zu tun, sondern es sind in der Regel staatliche Institutionen dieser Länder, die diese Maßnahmen ganz gezielt einsetzen, um damit auch eine politische, militärische oder andere Strategie zu verfolgen. Also wir sollen nicht so naiv sein zu glauben: "Ach ja, die können ja gar nichts dafür”, sondern das sind irgendwelche Leute, die sich das ausgedacht haben, irgendwelche Gangster, die damit nur irgendetwas erringen wollen, sondern das sind ganz gezielte Maßnahmen, die in ihrer Art und Umfang auch nur durch staatliche und mit staatlicher Unterstützung eingesetzt werden können. In einer neuen Form von Krieg, der geführt wird. Also hier geht es gar nicht mal mehr darum, dass Soldatinnen und Soldaten auf dem Schlachtfeld mit dem Gewehr rumlaufen, sondern hier wird eine Form von Kriegsführung genutzt, um andere Gesellschaften zu destabilisieren, um politische Systeme umzuwälzen, um z.B. internationale Allianzen aufzubrechen,"

PAUSE

24:57 An dieser Stelle muss ich mal kurz die Stopp-Taste drücken. Weil hier sind jetzt ein paar Begriffe gefallen. Zuerst mal die Einordnung: Stephan Kramer ist der Präsident des Thüringischen Verfassungsschutz. Wenn er hier also von einer Form von Kriegsführung spricht, merkt man daran auch eine sicherheitspolitische Sicht auf Desinformation.

Ok, das war der einfache Teil. Denn wenn wir schon bei Begrifflichkeiten sind, können wir gerade noch klären, was wir meinen, wenn wir Desinformation sagen. Denn andere hätten vielleicht dazu "Fake News” gesagt. Oder "Misinformation”, also Falschinformation.

Um hier ein bisschen weiterzukommen, müssen wir kurz die Definitionen checken. Was meinen wir, wenn wir "Desinformation” sagen. Wir benutzen in diesem Podcast die Definition der Forscherin Claire Wardle. Die macht nämlich drei große Kategorien auf, wenn es um Lügen im Netz geht.

1. Misinformation - Falschinformation

Unter Misinformation fällt alles, was falsch ist, aber nicht in böser Absicht erstellt wurde. Zum Beispiel geht kurz nach dem Hochwasser im Juli 2021 ein Video rum, das eine zerstörte Wuppertaler Talsperre zeigen soll. 30.000 Menschen sehen das Video in den ersten Tagen allein bei Telegram. Dabei ist dort nicht die Talsperre in Wuppertal zu sehen, sondern der Tagebau in Inden in NRW - 100 Kilometer entfernt.

Falschinformation verbreitet sich in einer unübersichtlichen Lage rasend schnell - aber natürlich nie in böser Absicht.

2. Disinformation - Desinformation

Bei der Desinformation kommt dann die böse Absicht dazu. Andere Menschen sollen bewusst getäuscht werden, um Personen, Organisationen oder sogar Staaten zu schaden. Gerade im Wahlkampf sehen wir natürlich recht viel klassische Desinformation. Virale Posts legen Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter falsche Zitate in den Mund - er wolle den "Ossis das Wahlrecht entziehen” oder den Deutschen das Grillen verbieten . Und auch Armin Laschet wurde zum Ziel: Nach der Flutkatastrophe hieß es, der gemeinnützige Verein "Aktion Lichtblicke” würde das für die Flutopfer gesammelte Geld - 6,6 Millionen Euro - komplett an Armin Laschet spenden.

Und dann fehlt laut Claire Wardle nur noch eine Kategorie:

3. Malinformation

Ein Begriff, der leider keine schöne deutsche Übersetzung hat, aber ein ganz breites Spektrum abgreift. Wardle fasst unter Malinformation alles, was zwar wahr ist, aber trotzdem schaden soll. Das sind die echten Mails, die in der Telegram-Gruppe in Polen veröffentlicht wurden. Oder wenn die privaten Daten von Promis einfach geleakt werden - Fachbegriff Doxxing.

26:48 Damit man mit der Wahrheit schaden kann, braucht es aber noch etwas. Eine ausreichende Polarisierung. Erst dann geht die ungute Saat so richtig auf. Der Pressesprecher des polnischen Geheimdienstes Stanisław Żaryn beobachtet, wie sich die Sprechchöre im Netz zusammenfinden. Wie Journalistinnen über das berichten, was auf Telegram veröffentlicht wird; über das, was halb Twitter bespricht, über die Meldungen und Hashtags, die es morgens auf die Titelseiten der Zeitungen schaffen und abends in die Nachrichtensendungen im Fernsehen, sich sonntags an Stammtischen niederlassen, und so die Grenzen des Virtuellen passieren.

ZSP Żaryn
"Die Russen benutzen die aktuelle Nachrichtenlage, zum Beispiel gesellschaftliche Konflikte rund um LGBT-Themen oder Abtreibung. Die benutzt Russland gegen uns."

ZSP Gielewska
"Polen ist fruchtbarer Boden für Desinformationskampagnen, denn das Ausmaß an Polarisierung ist sehr hoch. Ich denke, es gibt keine einzige Wahrheit, auf die sich Opposition und Regierung einigen können."

Gesellschaftliche Streitigkeiten würden von Russland sehr oft dazu benutzt, Spannungen zwischen den Menschen in Polen zu schüren, befinden Stanisław Żaryn und Anna Gielewska. Und in Polen wird gestritten: über Pressefreiheit; über das Recht auf Schwangerschaftsabbrüche; über Rechte für die LGBTQ+; über Freiheiten, die katholischen Traditionen und konservativen Lebensansichten entgegenstehen. Ghostwriter wirkt wie ein Verstärker. Zum Beispiel, wenn die Hacker im Dezember 2020 das Facebook-Konto von Polens Frauenministerin Marlena Malag hacken, um dort üble Beschimpfungen auf die Frauen loszuwerden, die für mehr Gleichberechtigung auf die Straße gehen.

PAUSE

Fassen wir zusammen. Ghostwriter hat verschiedene Vorgehensweisen. Zentral ist dabei aber immer der Hack - man verschafft sich Zugriff auf fremde Webseiten, E-Mail-Accounts oder Social-Media-Accounts und greift dort nicht nur Daten ab. Sondern man benutzt diese Accounts dann auch, um eigene Informationen zu streuen - zum Beispiel wie bei der polnischen Militärakademie, die zur Rebellion gegen die Nato aufruft.

Zum Redaktionsschluss wissen wir nur, dass Ghostwriter in Deutschland arbeitet. Einen Leak haben wir noch nicht gesehen. Aber, es gibt dann doch jemandem, dem genau sowas schon mal passiert ist.

29:50 ZSP Ankommen Wuppertal
Alt: "So, ich bin jetzt endlich in Wuppertal angekommen. Heute ist der 11. August. Der Wahlkampf hat vor ein paar Tagen angefangen. Überall hängen schon die Plakate. Auch Helge Lindh hab ich schon gesehen."

ZSP läuft weiter als BETT
Das ist mein Kollege Christian Alt. Er ist in Wuppertal, um Helge Lindh zu besuchen. Lindh sitzt seit 2017 für die SPD im Bundestag. Er engagiert sich vor allem in der Flüchtlingspolitik, und hat zum Beispiel auch ein Schiff der Sea Watch im Mittelmeer besucht. Im Frühjahr 2018 verliert Helge Lindh die Kontrolle über sein E-Mail-Postfach, über seine Profile bei Facebook und Twitter.

ZSP Lindh
Alt: "So genau das Mikro läuft schon mal alles."

Lindh: "Herr Alt, Sagen Sie doch mal etwas über das Büro hier. Das haben wir doch eben besprochen"

Alt: "Ich werde gezwungen zu erwähnen, wie schön das Büro ist. Es ist. Es ist sehr ansprechend, aber es ist wirklich ganz cool. Es ist eine alte Kneipe, in der wir hier sind. Und zwar wurde die umgebaut…"

Helge Lindhs Büro ist wie er selbst. Die umgebaute Stehkneipe in der Wuppertaler Innenstadt ist irgendwie urig, irgendwie exzentrisch, aber dann auch irgendwie cool. Der Bundestagsabgeordnete wird seit Beginn der Legislaturperiode 2017 scharf angegriffen. Und zwar aus verschiedenen politischen Richtungen. Im April 2020 gab es einen Anschlag gegen das Wahlkreisbüro, in dem wir gerade das Interview machen. Unbekannte warfen mehrere Backsteine an die Tür und durchs Fenster. Kurz darauf wurde ein Bekennerschreiben aus dem linksextremen Spektrum veröffentlicht : Die Angreiferinnen und Angreifer wollten damit auf Lindhs Engagement für Geflüchtete aufmerksam machen, das ihnen nicht weit genug ging. Ein Engagement, für die Lindh auch viel Gegenwind von konservativen und rechten Kräften bekommt .

ZSP Lindh
"Also ich hab jetzt nicht nur dieses Hacking Doxing 18/19 erlebt, sondern hab eine beeindruckende Biographie als Zielscheibe von Hass. Werde auch deswegen von Hate Aid schon seit einiger Zeit betreut. Weil bei mir wirklich massenhaft - man kann es nur so umschreiben - massenhaft per Email, per Kommentaren auf meine eigenen Social-Media-Accounts, aber auch auf Plattformen - Tichys Einblick, PI News, Achse des Guten Deutschland Kurier, Junge Freiheit und so weiter und so fort. Dann Artikel und auch entsprechende Entgleisungen, Enthemmungen in den Kommentarspalten erfolgen. Und in diesem Rahmen, also im Rahmen dieser Hasskultur, Hasspost findet auch Desinformation statt."

Über diese Art von Desinformation, die Helge Lindh begegnet, sprechen wir in der nächsten Folge noch. Aber wir sind ja hier, um mit ihm über die Hack-and-Leak-Operation zu sprechen, die sich auf seinen Konten im März 2018 abspielte. Das genaue Datum weiß er zwar nicht mehr, aber…

ZSP Lindh
"Ich kann die Uhrzeit sehr präzise definieren, weil ich noch genau weiß, in welchem Zimmer ich saß. Und es war kurz nach 21 Uhr." Ich war bei einer Freundin, wir waren da, saßen zusammen bei bei ihr Zuhause, als das einschlug, als diese digitale Bombe buchstäblich den Abend in Unruhe versetzte und zerschoss, zerstörte.

Mein Mitarbeiter rief mich an und nahezu zeitgleich bekam ich ein oder zwei WhatsApp-Nachrichten mit dem Hinweis, da gerät etwas außer Kontrolle: Was ist da los bzw. was hast du denn da gerade gepostet? Das kann doch nicht wahr sein. "Rapefugees welcome? bist du das wirklich?” Also die haben sich aufgrund eines Postes sehr irritiert gezeigt und nahezu simultan meldete sich mein Mitarbeiter und sagte: Da stimmt was nicht. Offensichtlich sind wir gehackt worden. Jemand hat was gepostet und ich komme auch in die Accounts nicht rein. Und das ging dann so kaskadenartig: fing bei einem an, Facebook. Dann meldete er: Insta geht nicht und check mal womöglich ist auch E-Mail und sonstiges nicht mehr verfügbar und wir kommen nicht mehr rein. Das war innerhalb von wenigen Minuten"


In nur wenigen Minuten ist alles weg. Selbst die Kreditkarte konnte erbeutet werden, denn ein paar Tage später wird mit dieser ein Amazon-Paket bezahlt und an Lindh geschickt. Darin: ein Kothaufen aus Plastik, Theaterblut, ein Koran und künstlicher Urin . Helge Lindh war aus seinem digitalen Leben ausgesperrt.

ZSP Lindh
"Das konnten wir nicht entschärfen. Es ging einfach nicht, weil wir keinen Zugriff erhielten. Also in dem Abend war es. Schlicht unmöglich auch korrektiv etwas zu posten, weil andere darüber verfügten."

Alt: "Wissen Sie noch, wann Sie an dem Abend oder in der Nacht ins Bett gegangen sind? Wie?"

Lindh: "Oh, ich glaub, ich habe ganz wenig geschlafen. 2, 3 Uhr vielleicht. Dann ging es ja noch um die ganzen Schritte und man hatte noch überlegt und nun gesucht nach Hotlines. Wie erreicht man jetzt diese amerikanischen Betreiber? Wie macht man das? Kann man noch irgendwas selbst unternehmen? Was folgt womöglich noch daraus? Ich musste meine Eltern auch noch beruhigen. Also das hat einen ganzen Rattenschwanz natürlich an Folgen nach sich gezogen, die weiteren Tage und machte dann natürlich auch im Kopf. Dann nächste Woche Sitzungswoche. Was machst du dann? Wie gehen wir damit um? Und womöglich auch schon da, zu diesem Zeitpunkt: Werden dann auch noch Dritte in Mitleidenschaft gezogen? Also nicht nur du selbst, sondern andere. Wen muss man jetzt informieren?"

Genau wie bei Ghostwriter in Polen geht es nicht nur um die eigenen Daten. Es geht auch um Daten von Dritten, die sich auf den eigenen Online-Konten befinden. Im Fall von Helge Lindh sind das Telefonnummern, E-Mails und Adressen von Geflüchteten, denen er geholfen hat.

ZSP Lindh
"Ganz schnell kam auch die Nachricht der Polizei. Wir müssen dann entsprechende Leute, deren Daten und Konten womöglich mitbetroffen sind, auch informieren. Und das spielt man dann durch. Wen musst du jetzt informieren? Was löst das für Aufregung aus? Werden die stinksauer sein? Was machen die mit ihr? Das ist dann eher meine Sorge, dass da Leute unter Druck gesetzt werden könnten oder was ja, passiert ist das angerufen wird z.B. bei syrischen Geflüchteten, die von einem vermeintlichen Journalisten gefragt werden, ob ich den Personen Vorteile verschafft hätte. Es gäbe da Indizien für, also dass ich sozusagen illegal Leute ins Land geholt hätte oder unterstützt hätte. Sowas besteht aufgrund des Datenmaterials, was damals der Fall war."

Wer genau Helge Lindh damals im März 2018 gehackt hat, das ist bis heute nicht komplett klar. Es gibt allerdings einen starken Verdacht.

ZSP Lindh
"Also bis zum heutigen Tag sind nie Sicherheitsbehörden auf mich zugekommen, haben gesagt, es war dieser oder jener Täter oder muss mutmaßlich dieser oder jener Täter. Mir wurde über Journalisten, über Journalisten, die dann auch den Prozess gegen Johannes S. verfolgt haben, dass man wohl davon ausginge, dass er es selbst war und dass ich zu den ganz früh Betroffenen gehörte"

Der Fall 0rbit. Im Dezember 2018, also neun Monate nach dem Angriff auf Helge Lindh, werden in einem Adventskalender private Daten von Personen aus der Politik geleakt. Martin Schulz, Jan Böhmermann, Robert Habeck oder die Landtagsabgeordnete Eva von Angern. Die privaten Daten von bis zu 1500 Menschen wurden im Internet veröffentlicht - oder um den Fachbegriff zu benutzen - 1000 Menschen wurden gedoxxt. Anfang Januar 2019 dann eine Hausdurchsuchung in Hessen. Der damals 19-jährige Johannes S. soll die Daten zusammengetragen und veröffentlicht haben, im September 2020 wird der geständige Täter zu neun Monaten Jugendstrafe verurteilt. Ob er jetzt auch Helge Lindh gehackt hat - oder die Daten von woanders hat, ist nicht klar. Gedoxxt wurden vor allem jene, die sich für Geflüchtete engagiert haben - AfD-Politikerinnen und Politiker fehlten völlig. Das Gericht war jedoch nicht der Ansicht, dass in Leaks von Johannes S. eine klare politische Position zu erkennen war.

ZSP Lindh
Alt: "Wie lang hatte das alles gedauert, bis sie da ihre Konten wieder zurück hatten?"

Lindh: "Unterschiedlich mehrere Tage. Es gingen bei Twitter relativ schnell, also so ungefähr vielleicht ein Tag Twitter, Instagram. Bei Facebook war es so dann, dass man auch bis zu den Abteilungen und Repräsentanzen in Berlin gehen musste. Also normale Hotlines und sowas waren hoffnungs und aussichtslos, sodass dann bei Facebook so war, dass das dann geblockt werden konnte, stillgelegt wurde, aber dann nochmal enteignet wurde. Also dass ist es zwar offensichtlich Facebook nicht gelungen, diesen Zugriff wirklich wasserdicht zu machen, sodass es dann nochmal sichtbar wurde, dass da jemand drauf Zugriff hatte und das Passwort geändert hatte. Bis dann endgültig diese Fremd-Aneignung und dieses Hacking beendet war. Bei meinem E-Mail-Konto dauerte es mehrere Wochen. Es dauerte mehrere Wochen. Ich habe surreale Telefonate mit irgendwelchen Hotlines, die mir die Identität nicht glaubten, also die ernsthaft die Position vertraten: "Da sind Sie nicht. Jemand anders ist das. Wir haben keinen Grund zu glauben, dass Sie Sie sind.” Bis dann mit vielen Schreiben und auch mit der Kontaktaufnahme zu einem Anwalt. Dieses Unternehmen in Deutschland vertrat endlich Bewegung in die Sache kam."

Ob das heute schneller gehen würde, ist unklar. Immerhin hat Facebook eine automatisierte Hotline eingerichtet, an die sich Politikerinnen und Politiker wenden können - dann wird ihr Fall schneller bearbeitet.

MINI-PAUSE

Die meisten auf Facebook haben natürlich sofort gemerkt, dass der echte Helge Lindh nicht "Rapefugees welcome” posten würde. Seine Facebook-Freunde posteten Dinge wie:

ZSP Lindh
"Das kann doch nicht sein. Da stimmt doch was nicht. Also wiederholt die Reaktion Du musst gehackt worden sein und nicht bist du jetzt unter die Rechtspopulisten und Rechtsextreme gegangen."

Versiertere Angreifer hätten vielleicht unter das echte Material noch Lügen gemischt, Lindh Fehltritte unterstellt, Daten gefälscht. Aber auch so war der Hack ein entscheidender Moment in Lindhs Leben, der ihn bis heute nicht loslässt.

ZSP Lindh
"Denn sowas wie ein Hacking und Doxing ist ja vergleichbar mit dem Einbruch in eine Wohnung und Leute, die man Wohnungseinbruch erlebt haben. Ich habe das bei meinen Nachbarn in Jugend erfahren, waren bis zum Ende ihres Lebens davon betroffen, weil das ein höchst. In tiefer Eingriff in ihr Leben, den sie nie vergessen konnten. Im Digitalen ist das. Auch wenn das dann so abstrakt wird, genauso konkret ist, es ist genauso erschütternd und genauso persönlich."

PAUSE

40:45 ZSP ATMO PK
Der 6. September 2021. Kurz vor unserem Redaktionsschluss. Andrea Sasse, die Sprecherin des Auswärtigen Amtes sitzt in der Bundespressekonferenz.

ZSP Sasse
"Der Bundesregierung liegen verlässliche Erkenntnisse vor, aufgrund derer die Ghostwriter-Aktivitäten Cyberakteuren des russischen Staates und konkret dem russischen Militärgeheimdienst GRU zugeordnet werden können. Die Bundesregierung betrachtet dieses inakzeptable Vorgehen als Gefahr für die Sicherheit der BRD und für den demokratischen Willensbildungsprozess. Und als schwere Belastung für die bilateralen Beziehungen."

Nach monatelangem Schweigen jetzt endlich eine Erklärung. Die Bundesregierung sagt ganz klar, dass Russland hinter den Angriffen steckt. Inzwischen hat sogar der Generalbundesanwalt ein Ermittlungsverfahren eröffnet. Die Tagesschau berichtet, dass die Hackingversuche Ende August noch einmal deutlich zugenommen haben sollten, einige waren wohl erfolgreich. Das russische Außenministerium bestreitet die Vorwürfe: "Unsere Partner in Deutschland haben gar keine Beweise für eine Beteiligung der Russischen Föderation an diesen Attacken vorgelegt"

Fest steht nur, dass wir bisher vermutlich noch keinen Ghostwriter-Leak in Deutschland gesehen haben. Das Szenario, dass Geheimdienste und das Auswärtige Amt beunruhigt, es ist bisher noch nicht eingetreten.

Aber… dass ausländische Akteure Desinformation verbreiten, ist ja nur eine Dimension des Problems. Eine Dimension, die das Außenministerium beschäftigt und die Geheimdienste.

Im Inland sehen wir ganz organisch jede Menge Desinformation. Lügen, mit denen sich auch Politiker wie Helge Lindh tagtäglich rumschlagen müssen. Er lebt in Wuppertal, eine Stadt, die im Juli von einer großen Flutkatastrophe erwischt wurde. Und in diesem Zusammenhang gabs natürlich auch Desinformation.

ZSP Lindh
"Da gabs ein Bild von mir bei Facebook. Dann hatte ich einen Sandsack in der Hand, den ich aber real hatte, weil ich da an einem Einsatzort war mit dem THW. Und ich hatte in meine normale Klamotten von diesem Tag an: Jeans und Hemd und meine weißen Sneakers, die ich, wie Sie jetzt gerade bezeugen können, wie Sie vor mir sitzen, ich regelmäßig trage. Und dann wurde verbreitet: Das hat ja alles nur inszeniert oder dann später auch bei weiteren Post, der hilft gar nicht. Das ist alles nur Erfindung, Show und so weiter und so fort. Ich habe aber erlebt, dass ich vor Ort in Wuppertal-Beyenburg, wo ich fast jeden Tag bin und versuche, mein Möglichstes zu tun, also einerseits mit Beratung, Unterstützung, aber auch mit buchstäblichem Anpacken. Dass mich dann eine Frau ansprach, die selbst Betroffene war und dann behauptete Sie sind doch der, der gar nicht anpackt, sondern der da pseudomäßig nur inszeniert mit dem Sandsack war. Sie war, das muss man sich vor Augen führen, selbst eine Betroffene, laß aber wie mir andere erzählten, schon seit langer Zeit vornehmlich entsprechende Seiten auf Facebook und anderen Plattformen und hat daraus ihr Wissen bezogen. Das heißt, diese digitale Realität, das was ihr da vorgekaut wurde, war für sie realer als das real Erlebte. Das finde ich bemerkenswert."

Auch das gehört zur Geschichte: Für die Betroffenen ist es egal, ob die Desinformation von einem staatlichen Akteur kommt oder von Privatleuten. Lügen im Netz sind nun mal Lügen im Netz.

Diese Lügen wirken wie Nadelstiche. Eine einzige Lüge führt nicht dazu, dass anders gewählt wird. Aber das Wahlumfeld, das kann schon beeinflusst werden. Und das ist besonders kritisch, wenn wir an eine Sache denken:

ZSP Capitol Riots 2

44:17 Die Briefwahl.

Darum gehts in der nächsten Folge. Während wir uns in dieser Folge um Desinformation aus dem Ausland gekümmert haben, gehts nächste Mal um Lügen aus dem Inland. Denn auch in Deutschland wird seit Monaten die Legitimität der Briefwahl angezweifelt.

Das war die erste Folge von "Netz aus Lügen - die globale Macht der Desinformation”.

Diese Folge wurde geschrieben von Christian Alt, Sylke Gruhnwald und Jochen Dreier. Redaktion BPB: Marion Bacher. Audio-Produktion: Simone Hundrieser. Fact-Checking: Karolin Schwarz. Produktionshilfe: Lena Kohlwees.

"Netz aus Lügen - die globale Macht der Desinformation” ist ein Podcast der Bundeszentrale für politische Bildung, produziert von Kugel und Niere. Ich bin Ann-Kathrin Büüsker und wenn ihr Feedback zu dieser Folge habt, schreibt uns doch unter podcast@bpb.de. Bis nächstes Mal.


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