Symbolbild gemalte Menschen mit Smartphones

19.1.2018 | Von:
Margot Schüller
Yun Schüler-Zhou

China als Advokat des Freihandels?

Chinas Integration in das Welthandelssystem

Chinas außenwirtschaftliche Indikatoren machen deutlich, dass das Land die Chancen der ökonomischen Globalisierung genutzt hat. Durch eine Verbesserung der nationalen Standortbedingungen einerseits und der hohen Attraktivität des chinesischen Marktes andererseits gelang es den chinesischen Unternehmen rasch, sich in regionale und globale Produktionsnetzwerke zu integrieren. Die Verlagerung von Teilen der verarbeitenden Industrie aus den Industrieländern nach China begünstigte die Entwicklung des Landes zur "Werkbank der Welt". Die starke Verflechtung in der globalen Wertschöpfung und im weltweiten Handel spiegelt sich in Chinas Anteil am globalen Export wider (Tabelle). Da der chinesische Außenhandel deutlich rascher als der internationale Handel zunahm, gewann China gegenüber den traditionellen Handelsmächten wie dem Vereinigten Königreich und den USA sowie später Japan und Deutschland immer mehr Anteile am globalen Warenexport. Der größte Zuwachs des chinesischen Anteils fand vor allem nach dem Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO) Ende 2001 statt. Zwischen 2003 und 2016 stieg Chinas Exportanteil von 5,9 Prozent auf 13,6 Prozent.
Anteile ausgewählter Länder am globalen Warenexport (in Prozent)Anteile ausgewählter Länder am globalen Warenexport (in Prozent). (© World Trade Organization (WTO), World Trade Statistical Review 2017, S. 100)

Die Integration chinesischer Unternehmen in die globalen Wertschöpfungsketten wurde durch den schrittweisen Abbau von Investitionshemmnissen für die Ansiedlung ausländischer Unternehmen ermöglicht. Diese investierten in China vor allem in die verarbeitende Industrie, wo China im Rahmen seines WTO-Beitritts umfangreiche Zugeständnisse hinnehmen musste. Auch heute fließt noch ein hoher Anteil der ausländischen Direktinvestitionen in die verarbeitende Industrie. 2016 entfielen vom Zufluss ausländischer Direktinvestitionen in Höhe von 126 Milliarden US-Dollar rund 28 Prozent auf die verarbeitende Industrie.[3] Mit einem Investitionsvolumen von mehr als 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr zählt China zu den wichtigsten Standorten für ausländische Direktinvestitionen.

Charakteristisch für die chinesische Außenwirtschaft ist der Verarbeitungshandel, der auf dem Import von Zwischenprodukten und Komponenten für die Weiterverarbeitung und dem Export der Endprodukte basiert. 2016 lag der Anteil des Verarbeitungshandels an den gesamten Exporten nach chinesischen Statistiken bei 54 Prozent.[4] Aufgrund der exportorientierten Produktion kann angenommen werden, dass sich China für offene Märkte und eine Stärkung der Institutionen des Welthandelssystems einsetzen wird. Dies trifft nicht auf Teilbereiche von Dienstleistungsbranchen zu, die ein relativ niedriges Niveau der Marktliberalisierung aufweisen. Hier liegt der Exportanteil Chinas auch im internationalen Vergleich zurück. So rangierte China 2016 bei den Dienstleistungsexporten weltweit auf dem vierten Platz (4,3 Prozent) hinter dem Vereinigten Königreich (6,7 Prozent) und Deutschland (5,6 Prozent). Die USA belegten mit einem Anteil von 15,2 Prozent den ersten Platz.[5]

Obwohl die binnen- und außenwirtschaftliche Liberalisierung Wachstum und Wohlstand brachte, schwankte die chinesische Handelspolitik zwischen einem liberalen Kurs und einer merkantilistischen Handelspolitik, die durch eine staatliche Förderung des Handels geprägt ist. Beispiel hierfür ist die nur zögerlich verfolgte Liberalisierung des Systems fester Wechselkurse in der Währungspolitik. Auf die verschiedenen Gründe hierfür kann an dieser Stelle nicht eingegangen werden, aber wir nehmen an, dass die aktuelle Umsteuerung des Wachstumsmodells einen wichtigen Einfluss auf die zukünftige Ausrichtung der chinesischen Handelspolitik haben wird. Die Verlagerung der Wachstumstreiber von Investition und Export hin zur binnenwirtschaftlichen Orientierung auf Konsum und Dienstleistungen wird die Rolle der Außenwirtschaft verändern. So prognostiziert der Internationale Währungsfonds beispielsweise, dass Chinas Importvolumen in den nächsten fünf Jahren nur halb so schnell wie die Bruttoinlandsproduktion wachsen wird. Das bedeutet, dass Chinas Wirtschaft weniger Absatzmöglichkeiten für andere Länder bieten wird, als bisher erwartet wurde.[6]

Die chinesische Regierung will zudem die heimische Industrie stärken. Mit der 2016 veröffentlichten "Made in China 2025"-Strategie verfolgt China das Ziel, den inländischen Anteil an wichtigen Komponenten und Werkstoffen auf 70 Prozent zu erhöhen. Bereits in der Vergangenheit war die Tendenz der zunehmenden einheimischen Wertschöpfung zu beobachten. Statistiken der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zufolge bestanden 1995 drei Viertel des Gesamtwertes der IT-Exporte Chinas aus Zulieferungen aus dem Ausland, bis 2011 sank diese Relation auf die Hälfte. Eine ähnliche Entwicklung fand auch bei anderen Hightech-Industrien wie elektrischen Maschinen und Transportausrüstungen statt.[7] Die Frage über die Auswirkung des Strukturwandels auf den künftigen Kurs der chinesischen Handelspolitik bleibt somit spannend.

Fußnoten

3.
Vgl. China National Bureau of Statistics (NBS), Statistical Communiqué of the People’s Republic of China on the 2016 National Economic and Social Development, 28.2.2017, http://www.stats.gov.cn/english/pressrelease/201702/t20170228_1467503.html«.
4.
Vgl. ebd.
5.
Vgl. World Trade Organization (WTO), World Trade Statistical Review 2017, o.O. 2017, S. 104; nach OECD/WTO-Statistiken lag der ausländische Wertschöpfungsanteil an den Exporten Chinas 2011 bei über einem Drittel, sodass China innerhalb der G20-Staaten den zweiten Platz hinter Südkorea hinsichtlich der Integration in globale Wertschöpfungsketten einnahm: vgl. OECD/WTO, Trade in Value Added: China, Oktober 2015, http://www.oecd.org/sti/ind/tiva/CN_2015_China.pdf«.
6.
Vgl. Koivu (Anm. 2), S. 6.
7.
Vgl. OECD/WTO (Anm. 5).
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