Dossierbild Polen

7.9.2009 | Von:
Gertrud Pickhan

Polski Jazz

Ein Fenster zur Freiheit

In der Zeit des Tauwetters entwickelte sich ein eigenständiger Stil des Polski Jazz. 1956 trat Krzysztof Komeda auf dem Jazz-Festival von Sopot erstmals vor einem großen Publikum auf. Mit seinem Jazz-Piano-Spiel und seinen Kompositionen wurde er zum Begründer einer genuin polnischen, oft als lyrisch bezeichneten Jazz-Tradition. Durch seinen frühen Tod – er starb 1969 im Alter von nur 38 Jahren – hatte Komeda in Polen einen ähnlichen Kultstatus wie der ebenfalls jung gestorbene Schauspieler Zbygniew Cybulski, der auch als polnischer James Dean bezeichnet wurde. Komeda und Cybulski sind beide in Andrzej Wajdas Film "Die unschuldigen Zauberer" (Niewinni czarodzieje) als Protagonisten zu sehen. Der Film kam 1960 in die Kinos und erzählt die Geschichte eines jungen Arztes Andrzej.

Die Filmmusik stammt Krzysztof Komeda. Im Zentrum des Films stehen die Begegnung des jungen Arztes mit einer jungen Frau und ihre subtilen Annäherungsversuche während einer Nacht. Sein Hauptmotiv ist jedoch das Spiel. Der "homo ludens" begegnet uns im Film in zahlreichen Varianten: im Spiel der Jazz-Band, der Andrzej in seiner Freizeit angehört, im sportlichen Wettkampf von Boxern, bei einem Pfand-Spiel der Verliebten in der Nacht und in den spielerischen Rangeleien der jungen Männer, Jazz-Musiker und Fans, im Morgengrauen. Wenngleich Andrzej Wajda selbst diesen Film für einen seiner unpolitischsten hielt, ist festzuhalten, dass die spielerischen Manifestationen des Films im Kontext eines Staats- und Gesellschaftssystems, das von seinen Mitgliedern Ernsthaftigkeit und Disziplin erwartete, sehr wohl als Repräsentationen einer spielerischen Gegenkultur verstanden werden konnten. Der Jazz war ihr musikalischer Ausdruck.

Wie Komeda bekannte, hatte er seine wichtigsten Impulse in den 50er-Jahren durch die Jazz-Sendungen von Voice of America erhalten. Die gezielte Verbreitung von amerikanischer Jazz-Musik durch die amerikanischen Rundfunkstationen in Europa und die Tourneen amerikanischer Jazz-Größen im Ostblock trugen wesentlich zur Verbreitung des Jazz in Polen bei. Insbesondere die täglichen Jazz-Sendungen von Willis Conover, der Polen mehrfach besuchte, machten den Jazz gleichsam zum Instrument des Kalten Kriegs, was wohl niemand treffender zusammenfasste als der britische Feldmarshall und stellvertretende NATO-Oberbefehlshaber Montgomery, der die Parole ausgab: "Wenn wir den kommunistischen Osten nicht mit der Waffe erobern können, dann mit der Jazz-Trompete." In friedlicher Mission reiste Dave Brubeck 1958 nach Polen, wo er zwölf Konzerte in mehreren Städten gab. Der Jazzpianist war sehr beeindruckt von der polnischen Jazz-Szene der späten 50er-Jahre und brachte diese Faszination auch in seiner Musik zum Ausdruck. Als Dank und Anerkennung komponierte er den Song "Dziękuję" (Danke), in den er Motive aus der Klaviermusik Chopins aufnahm.

Der musikalische Kulturtransfer verlief somit nicht nur in eine Richtung. Im selben Jahr, in dem Brubeck nach Polen reiste, trat erstmals auch ein polnischer Jazz-Musiker, Jan Ptaszyn Wróblewski, zusammen mit dem westdeutschen Jazz-Posaunisten Albert Mangelsdorf als Vertreter der europäischen Jazz-Szene auf dem amerikanischen Jazz-Festival in Newport auf. Zum wichtigsten Jazz-Festival in Polen wurde ab 1958 das Warschauer Jazz Jamboree, das unter Federführung von Leopold Tyrmand zunächst im Studentenklub "Stodoła" (Die Scheune), ab 1965 dann auch im großen Kongresssaal des Warschauer Kulturpalasts stattfand. Bis heute ist es eines der größten und bedeutendsten Jazzfestivals in Europa. Großer Beliebtheit erfreut sich auch das Breslauer Festival Jazz nad Odrą, das seit 1964 zum Ausgangspunkt und Sprungbrett für die Karriere vieler polnischer Jazzmusiker wurde. Legendär sind auch Warschauer und Krakauer Jazzclubs wie Hybrydy, Akwarium oder der Club "Unter den Salamandern".

Wenngleich der Jazz auch in Polen durch den Rock seinen Status als bevorzugter musikalischer Ausdruck der Jugendkultur verlor, so genießt er dennoch bis heute an Weichsel und Oder eine weit größere Beliebtheit als in den meisten Ländern Westeuropas. Davon zeugen auch international anerkannte Jazzmusiker wie Tomasz Stanko, Leszek Modzer, Zbygniew Namyslowski oder das Simply Accoustic Trio. Der Besuch in einem polnischen Jazzclub bleibt ein Erlebnis, das man nicht vergisst.


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