Eindruck vom Hackathon, Entwicklung von Prototypen

Annie Berend am 10.05.2017

Kleines 3x3: Arbeitszeitmodelle für die Lehrenden der Zukunft

Die Arbeitszeiten von Lehrenden sind häufig nicht klar geregelt und beziehen sich beispielseweise nur auf die unterrichteten Stunden. Diese uneindeutige Handhabung der Arbeitszeitmodelle wird kontrovers diskutiert. Werkstatt.bpb.de hat Dr. Frederik Ahlgrimm, wissenschaftlicher Mitarbeiter für Schulentwicklung an der Universität Potsdam, Dorothea Doerr, Studentin der Erziehungswissenschaften und den Schulleiter und Autor Johannes Baumann gefragt, wie sie zur aktuellen Arbeitszeitregelung stehen.

Interview: Kleines 3x3 Lehrende der ZukunftDie Arbeitszeiten von Lehrenden sind häufig nicht klar geregelt (jairojehuel / bearbeitet / Pixabay / Lizenz CCO)

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation der Arbeitszeitregelung von Lehrenden im Verhältnis zu ihren Bedürfnissen ein?

Dr. Frederik Ahlgrimm: Ich halte es für sehr problematisch, dass häufig nur die Anzahl der Unterrichtsstunden geregelt wird, und zwar sowohl für die einzelne Lehrperson als auch für die Schule insgesamt. Für Lehrerinnen und Lehrer bleibt unklar, an wie vielen und welchen Konferenzen, Fortbildungen, Studientagen, Klassenfahrten etc. sie teilnehmen müssen. Vor- und Nachbereitungen, Klassenleitertätigkeiten und viele andere Verpflichtungen jenseits des Unterrichts sind zudem niemals wirklich abgeschlossen, sondern potenziell unbegrenzt. Das schafft Unklarheit und Unzufriedenheit, weil es keinen Maßstab gibt, der besagt, wann eine Lehrperson genug, zu wenig oder zu viel leistet. Mit Blick auf die Schulqualität und -entwicklung fehlen außerdem Zeiten für Teamsitzungen, Besprechungen oder Workshops, da der Unterricht vielerorts bis in den frühen Nachmittag hinein stattfindet. Später am Tag, an Wochenenden oder in Schulferien erwarten Lehrkräfte, über ihre Zeit frei verfügen zu können. Wann sollen Lehrkräfte dann miteinander reden? Ohne Zeiten und Freiräume für Austausch und Zusammenarbeit bleibt es beim berüchtigten Einzelkämpfertum in Schulen, das psychischen Belastungen Vorschub leistet und die Schulentwicklung behindert.

Johannes Baumann: Die Arbeitszeit der Lehrkräfte ist aktuell einigermaßen klar, wenn auch nicht unbedingt gerecht, geregelt. Es zählen die geleisteten und im Stundenplan festgelegten Unterrichtsstunden (abgesehen von einigen Stunden, die eine Schule für besondere Aufgaben als sog. Anrechnungs- oder Freistellungsstunden an Kolleginnen und Kollegen weitergeben kann). Damit ist allerdings nur ein Teil des Aufgabenspektrums der Lehrkräfte beschrieben: Zu den Tätigkeiten gehören außerdem die Vor- und Nachbereitung von Unterricht, Aufgaben der Schul- und Unterrichtsentwicklung, Gespräche mit Schülerinnen und Schülern, Eltern, Kolleginnen und Kollegen und schulischen Partnern. Da dieser nicht-unterrichtliche Teil nicht beschrieben und somit in keiner Weise quantifiziert ist, ist er gewissermaßen "nach oben offen": Immer neue Aufgaben (etwa das Erstellen von Selbstlernmaterialien, die Erarbeitung von pädagogischen Konzepten, kollegiale Hospitationen, die Etablierung von Feedbacksystemen mit den Schülerinnen und Schülern etc.), die pädagogisch sehr sinnvoll sind, kommen hinzu. Das stimmt mit den Bedürfnissen und Ressourcen der Lehrkräfte nicht mehr überein. Die Festlegung der Lehrerarbeitszeit, die sich aktuell nur an den unterrichteten Stunden orientiert, wird der veränderten und sich verändernden Wirklichkeit des Berufs nicht mehr gerecht.

Dorothea Doerr: Wenn der Lehrende nur für die Unterrichtszeit bezahlt wird, hierzu zählen im weitesten Sinne auch die nichtbezifferte Vor- und Nachbereitungzeit sowie Korrekturen, dann fallen einige wichtige Aufgaben nicht in seine Arbeitszeit, etwa Elterngespräche, die Arbeit an der Entwicklung der Schule und im Kollegium und außerdem die Beziehungen zu Schülerinnen und Schülern. Wenn für all diese wichtigen Aufgaben der Lehrperson keine Zeit zur Verfügung gestellt wird und auch die Räume und Wertschätzung dafür fehlen, dann brauchen wir nicht nur eine neue Lernkultur für Lernende, sondern auch eine neue Arbeitskultur für Lehrende.

Wie kann ein zukunftsfähiges Arbeitszeitmodell aussehen?

Dr. Frederik Ahlgrimm: Veränderungen bei den Arbeitszeitregelungen werden kaum umsetzbar sein, wenn den Beteiligten nicht sehr deutlich deren Vorteile aufgezeigt werden können. Dazu gehören meines Erachtens die klarere Abgrenzung von Arbeits- und Privatleben, soziale Unterstützung und Problemlösungen am Arbeitsort Schule sowie eine Entlastung zu Hause. Für viele Lehrerinnen und Lehrer wäre es vermutlich mehr als wünschenswert, im Gegenzug die Arbeit in der Schule zu lassen und abends und an Wochenenden nicht am Schreibtisch sitzen zu müssen. Dazu braucht es auch an Nachmittagen und in Schulferien verbindliche Präsenzzeiten in Schulen. Das macht zugleich gut ausgestattete Lehrerarbeitsplätze und Teamräume notwendig. Interessant finde ich zudem Versuche, verschiedene Arten von Lehrerarbeit zu erfassen und zu berücksichtigen, wie es in Hamburg getan wird: Auch wenn das dortige Modell keineswegs perfekt ist, bietet es dennoch gute Anhaltspunkte für ehrlichere und gerechtere Arbeitszeitregelungen, denn es berücksichtigt auch "Zeiten, die für allgemeine Aufgaben in der Schule benötigt werden".

Johannes Baumann: Es ist nicht leicht, ein neues Arbeitszeitmodell für Lehrende zu entwickeln. Zum einen fehlen vielerorts die strukturellen Voraussetzungen (z.B. gut ausgestattete Arbeitsplätze in der Schule), zum anderen gibt es noch keinen zufriedenstellenden Ansatz, der den unterschiedlichen Arbeitsaufwand in den verschiedenen Fächern, Stufen oder Schularten angemessen berücksichtigt. Auch die vielfältigen, nicht unmittelbar unterrichtlichen Tätigkeiten der Lehrkräfte sind schwer zu gewichten und zu quantifizieren. Versuche in diese Richtung sind häufig wegen des hohen bürokratischen Aufwands (Problem der Erbsenzählerei) und der nicht vollständig herstellbaren Gerechtigkeit zum Scheitern verurteilt. Ein Präsenzmodell, das den Schulen die flexible Verteilung der anstehenden Arbeit ermöglicht, also gewissermaßen die Abkehr von der Anzahl der Unterrichtsstunden als Maß aller Dinge bei gleichzeitiger Aufwertung und Würdigung anderer Tätigkeiten, könnte für diese Frage zielführend sein. Dies würde jedoch einen radikalen Paradigmenwechsel im Hinblick auf die tief verinnerlichte Kultur der Lehrerarbeitszeit und der allgemeinen Wahrnehmung des Lehrerberufs bedeuten. Kolleginnen und Kollegen mit hohem außer-unterrichtlichem Engagement oder sehr arbeitsintensiven Fächern wären natürlich an einem entsprechenden Paradigmenwechsel interessiert.

Dorothea Doerr: Es muss grundlegende Veränderungen in der Schulstruktur und damit auch bei der Arbeitszeit von Lehrenden geben. Es gibt zum Beispiel Schulen wie die Evangelische Schule Berlin Zentrum (ESBZ), die Integrierte Gesamtschule (IGS) im niedersächsischen Oyten oder die Laborschule Bielefeld, denen es gelungen ist, sich von dem starren Korsett der Vorgaben zu lösen. Lernbüros entlasten den Fachlehrer, Klassenlehrerteams erleichtern die Beziehungsarbeit und projektbasiertes Lernen fördert nicht nur wichtige Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern, sondern ermöglicht Lehrenden gemeinsam Materialien zu erstellen und eigene Stärken zu nutzen. Wenn Projekte wie Let’s play Schule, bei dem Studierende den Unterricht für eine Woche übernehmen und Lehrende Zeit für die Schulentwicklung haben, in die Ausbildung von Lehrenden implementiert werden, dann wird auch ein zusätzliches Zeitfenster für Großgruppenprozesse in Lehrerkollegien geschaffen, um innovativ zu werden.


Welches Potenzial bringt die zunehmende Digitalisierung des Bildungsbereichs für neue Arbeitszeitmodelle mit sich?

Dr. Frederik Ahlgrimm: Auch wenn es vielleicht überraschen mag: Eine zunehmende Digitalisierung kann ich in den meisten Schulen kaum erkennen. An manchen Stellen werden vielleicht Vertretungspläne digitalisiert, aber der Unterricht ist überwiegend sehr traditionell analog angelegt. Für die meisten Schülerinnen und Schüler dürfte der Schultag inzwischen die einzige smartphonefreie Zeit darstellen, auch weil vielerorts Verbote herrschen. Für die digitale Zukunft der Schule fehlen bislang die Konzepte. Und Visionen dafür werden auch nicht entwickelt werden, wenn nicht klar wird, wann in ihrer Arbeitszeit Lehrerinnen und Lehrer sich gemeinsam Gedanken darüber machen sollen, wie eine Schule der Zukunft aussehen soll.

Johannes Baumann: Die zunehmende Digitalisierung ist für die Schulen eine große Herausforderung und birgt zugleich zahlreiche Potenziale. Auch die Tätigkeit der Lehrenden wird sich dadurch sukzessive verändern. In Teilen werden klassische Unterrichtssituationen aufgelöst werden. Die Kommunikation mit Schülerinnen und Schülern über den Unterricht hinaus (individualisierte Hausaufgaben, individuelle Rückmeldungen etc.) wird zunehmen. Die strikte Aufteilung zwischen schulischem und häuslichem Lernen – vorausgesetzt die Schule ist keine Ganztagsschule – wird aufweichen, wodurch sich die Tätigkeit der Lehrenden noch intensiver und anspruchsvoller gestalten wird. In einer Schule der Zukunft wird meiner Ansicht nach dennoch die Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden maßgeblich sein, das lebendige Schulleben und damit die möglichst breite Präsenz der Lehrkräfte an der Schule. An gut ausgestatteten Lehrerarbeitsplätzen in der Schule wird aus meiner Sicht kein Weg vorbeiführen.

Dorothea Doerr: Die Digitalisierung von Wissen, von Material, von Informationen kann und wird die Arbeit in Bildungsinstitutionen noch weiter vereinfachen und effizienter machen. Allerdings kann das nur funktionieren, wenn die Lehrenden und Lernenden die neuen Möglichkeiten auch richtig nutzen und verstehen. Die Hardware bereitzustellen, reicht nicht aus. Es geht nicht um die Frage, ob wir mit neuen Medien arbeiten, sondern um die Frage, wie wir lernen und arbeiten wollen. Dann können wir entscheiden, ob uns digitale Lösungen dabei unterstützen können. Digital bedeutet nicht automatisch innovativ. Man kann auch mit modernen Medien veralteten Unterricht machen.

Über unsere Interviewpartner:

Dr. Frederik Ahlgrimm ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für empirische Unterrichts- und Interventionsforschung der Universität Potsdam. Seine Forschungs-und Arbeitsschwerpunkte umfassen Schulentwicklung und -management, Umgang mit Heterogenität und binnendifferenzierender Unterricht, Kooperation in Bildungseinrichtungen, Organisationstheorie der Schule und Lehrerbildung. Er berät und moderiert regelmäßig Entwicklungsprozesse in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen. Als Geschäftsführer leitet er democaris, eine Gesellschaft zu Förderung von Bildung und Erziehung mit Sitz in Berlin.

Johannes Baumann, seit 1991 Schulleiter am Gymnasium Wilhelmsdorf, Fortbildner im Bereich schulischer Führungskräfte, Lehrbeauftragter an der Universität Konstanz und Autor (zuletzt erschienen: Lehrer sein! Ein Plädoyer für Leidenschaft und Engagement in einem anspruchsvollen Beruf, Seelze, Friedrich Verlag, Klett Kallmeyer, 2017).

Dorothea Doerr studiert an der Freien Universität Berlin Erziehungswissenschaften im Bachelor und engagiert sich in der Lehrerausbildung. Bei der Initiative Kreidestaub entwickelt sie neue Konzepte, um die Lehrerbildung zu ergänzen und besucht regelmäßig mit Studierenden ausgezeichnete Lernorte in Deutschland. Außerdem arbeitet sie als studentische Hilfskraft bei der Initiative „Schule im Aufbruch“ und unterstützt Schulen auf dem Weg ihrer Entwicklung zu einem Lernort, der seine Möglichkeiten erkennt und nutzt.



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