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Ole Jantschek am 06.11.2019

Gemeinsam rätseln und demokratisch entscheiden: Escape Games in der politischen Bildung

Rätseln, kombinieren, knobeln, sich dabei gemeinsam aus einem geschlossenen Raum herausarbeiten und auch noch etwas lernen: Wie sich Escape Games in der politischen Bildung einsetzen lassen, erklärt Gastautor Ole Jantschek.

Lernen im Escape Room: Teilnehmende des Games "General Solutions" stehen in einem Raum.Lernen im Escape Room: Teilnehmende des Games "General Solutions" Lizenz: cc by/3.0/de (Spielemarkt)

Live Escape Games oder Escape Rooms gibt es mittlerweile in fast allen größeren Städten in Deutschland. Zumeist von kommerziellen Anbietern entwickelt, folgen sie immer einem ähnlichen Prinzip: Eine Gruppe von Spielerinnen und Spielern hat eine begrenzte Zeit zur Verfügung – meistens 60 Minuten –, um sich den Weg aus einem verschlossenen Raum heraus zu bahnen. Dabei müssen sie Hinweise entschlüsseln und Rätsel lösen, bei denen Geschicklichkeit und logisches Denken gefragt sind.

Während bei diesen Angeboten in der Regel Spaß und eine schöne Teamerfahrung im Mittelpunkt stehen, sind Escape Games auch für die außerschulische Bildung ein spannendes Format geworden. Mit der passenden Geschichte und zugehörigen Rätseln bieten sie einen spielerischen und niedrigschwelligen Einstieg in Themen und Lernerfahrungen – unabhängig von Alter und Vorkenntnissen der Teilnehmenden.

Mobil, kreativ und digital gestaltbar

Escape Games sind oft an einen Ort gebunden. Gerade wenn authentische Räume vorhanden sind – zum Beispiel leerstehende Gebäude mit einer fesselnden Geschichte oder einer besonderen Atmosphäre – entsteht ein besonderer Nervenkitzel. Um Escape Games flexibel in ein Seminar einzubinden, etwa in Bildungsstätten, einer Schule oder bei Festivals, sind mobile Varianten eine ebenso spannende Alternative – mit einer potentiell höheren Reichweite. Wenige Gegenstände und dekorative Elemente reichen aus, um einen beliebigen Raum in ein Escape Game zu verwandeln: Vorhandene Elemente wie Möbel oder Bilder können in das Spiel integriert oder mit Aufklebern ("Inventar, nicht anfassen") markiert werden. Zudem gehört zu jedem Escape Game eine Sicherheitseinweisung vor Beginn des Spiels, in der darauf hingewiesen wird, dass es im Raum auch Gegenstände, elektrische Geräte oder Stromquellen gibt, die nicht angefasst oder geöffnet werden dürfen. Diese werden zusätzlich farbig markiert. In der Regel ist es für die Spieldynamik nicht notwendig, den Raum physisch zu verschließen. Sollte dies doch der Fall sein, muss sich sichergestellt werden, dass die Schließung jederzeit aufgehoben werden kann, um zum Beispiel im Brandfall oder bei Unwohlsein von Teilnehmenden schnell den Raum zu verlassen. Wenn die Tür tatsächlich verschlossen wird, sollte man zu Beginn fragen, ob sich jemand damit unwohl fühlt und auf die Möglichkeit hinweisen, das Spiel jederzeit zu verlassen.

Das Format Escape Game lässt sich mit vielfältigen Themen der politischen Bildung verbinden: Die Beispiele reichen von Datenschutz und digitalen Themen über Populismus und Radikalisierungsprozesse bis zum Klimawandel. Der Fantasie sind in dieser Hinsicht keine Grenzen gesetzt, solange eine spannende Story das Thema trägt und konsequent durch unterschiedliche Medien im Raum erzählt wird. Das können Gegenstände, Bilder, Videos, Browserspiele, Chats, nachgebaute Social Media-Plattformen, Schauspielerinnen und Schauspieler, Geräusche, Gerüche und Vieles mehr sein. Außerdem kann durch eine Bandbreite an unterschiedlichen Rätselarten auf verschiedene Spieltypen und Kompetenzen eingegangen werden. So können manche Aufgaben eher logisches Denken ansprechen und andere kreative Fähigkeiten erfordern. Manche Rätsel mit vielen Bausteinen sind nur durch Kooperation in der Gruppe zu lösen, während andere ideal für Tüftler und Tüftlerinnen sind, die gern für sich arbeiten. Wichtig ist es, die Aufgaben unterschiedlich komplex zu gestalten, damit sie unterschiedlich schnell lösbar sind, und dafür zu sorgen, dass alle in der Gruppe beschäftigt sind.

Wenn digitale Anwendungen und Tools zum Einsatz kommen, sollte die Gefahr für technische Probleme minimiert werden. Grundsätzlich gilt: Alles, was schief gehen kann, passiert auch, gerade dann, wenn sich eine Gruppe unter Zeitdruck in einem Raum bewegt. Gegenstände, die nicht geöffnet oder verändert werden dürfen, insbesondere mögliche Gefahrenquellen wie Stromanschlüsse, sollten sichtbar gesichert sein. Tablets oder andere digitale Geräte müssen so vorbereitet werden, dass die Spielerinnen und Spieler nur die Inhalte sehen und nur die Eingaben machen können, die zur Lösung der Rätsel oder als gezielte Ablenkung vorgesehen sind. Gerade bei mobilen Escape Games sollte man davon ausgehen, dass vor Ort nicht auf eine stabile WLAN-Verbindung zurückgegriffen werden kann. So beinhaltet das Spiel "General Solutions" der Evangelischen Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung beispielsweise einen mehrstufigen Rätselstrang, der in das interne Firmennetz führt. Es wurde in der App Actionbound als offline verfügbares Mini-Game gestaltet. Videobotschaften, die im Spiel eine Rolle spielen, sind entweder fest darin integriert oder können von der Spielleitung extern gesteuert werden.

Auf der anderen Seite sind der Integration weiterer digitaler Tools und ihrer Verknüpfung mit realen Gegenständen im Raum keine Grenzen gesetzt. Einfache Hinweise im Raum, wie beispielsweise ein versteckter QR-Code, können den Einstieg in einen digitalen Rätselstrang ermöglichen. Umgekehrt kann die Unterhaltung mit einem Bot den entscheidenden Hinweis für die Lösung eines Rätsels im Raum enthalten.

Spieldynamik ernst nehmen und Nachbereitung einplanen

Die Stärke von Escape Games besteht darin, dass sie flexibel für vielfältige Bildungsziele eingesetzt werden können. Dabei ist zu beachten, dass die Spieldynamik eine starke Wirkung entfalten kann. Ab dem Moment, in dem die Gruppe ihre Aufgabe erhält, beispielsweise durch eine dramaturgisch gestaltete Einführung der Spielleitung oder wie bei "General Solutions" durch die Videobotschaft eines Whistleblowers, steht für die Gruppe der Spieltrieb im Vordergrund. Die Teilnehmenden beginnen in der Regel alle gleichzeitig, den Raum zu entdecken, Puzzleteile zu finden, zu kombinieren und Lösungswege auszuprobieren. Dabei haben sie den starken Wunsch, das Spiel zu gewinnen.

Das muss bedacht werden, wenn die Geschichte und Rätsel des Escape Games als Ausgangspunkt für eine vertiefte Auseinandersetzung mit einem bestimmten Thema dienen sollen. Unmittelbar nach dem Spiel bietet es sich an, zunächst mit den Erlebnissen zu arbeiten, die die Teilnehmenden beim Spielen gemacht haben. Diese Phase kann im Raum stattfinden, in dem das Escape Game gespielt wurde. Damit wird es für die Jugendlichen einfacher zu erklären, was sie erlebt haben und sie können Erfahrungen miteinander teilen. Einen schönen Einstieg in das Gespräch bietet an dieser Stelle auch die Frage nach den "Aha"-Erlebnissen, also denjenigen Momenten, die ihnen aus dem Spiel besonders in Erinnerung geblieben sind.

Um auf Themen und Fragestellungen einzugehen, die darüber hinaus in der Story angelegt waren, bietet es sich an, diese erste Phase mit einem Abschütteln der Rollen abzuschließen und den Raum zu verlassen. Die Jugendlichen treten aus dem Spiel und den dortigen Rollen heraus und können nun aus ihrer persönlichen Perspektive auf die Erfahrungen im Spiel blicken. Eine zentrale Frage ist dabei, welche Themen und Fragestellungen in dem Spiel aus Sicht der Jugendlichen auftauchen. Diese können zunächst gesammelt und geordnet werden, um sie in einem nächsten Schritt zu vertiefen. Im Fall von „General Solutions“ stellt sich zum Beispiel die Frage, was den Teilnehmerinnen und Teilnehmern an dem fiktiven Unternehmen aus ihrem eigenen Mediennutzungsverhalten bekannt vorkommt.
  • Ole Jantschek




    Escape Games können ein spannender Ausgangspunkt für ganz unterschiedliche Inhalte und Ziele der politischen Bildung sein.

    Ole Jantschek, Leiter des Escape-Game-Projekts "General Solutions"
  • Ole Jantschek

    Escape Games wecken den Spieltrieb und das Interesse bei Teilnehmenden – unabhängig von Alter und Vorkenntnissen.

    Ole Jantschek, Leiter des Escape-Game-Projekts "General Solutions"
  • Ole Jantschek

    Escape Games eignen sich auch, um die Zusammenarbeit im Team und daran anknüpfend Prozesse demokratischer Entscheidungsfindung in einer Gruppe zu thematisieren.

    Ole Jantschek, Leiter des Escape-Game-Projekts "General Solutions"
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Vielfältig einsetzbar für die politische Bildung

Escape Games eignen sich auch, um die Zusammenarbeit im Team und daran anknüpfend die Prozesse demokratischer Entscheidungsfindung in einer Gruppe zu thematisieren. Ausgehend von der Frage, wie es den Teilnehmenden im Spiel ging, lässt sich zum Beispiel nach Koordinations- und Entscheidungssituationen fragen. In der Regel werden im Spiel unterschiedliche Bedürfnisse an die Zusammenarbeit, verschiedene Lösungsstrategien, Stärken und Rollen in einer Gruppe sichtbar: So gibt es zum Beispiel Tüftlerinnen und Tüftler, die sich in ein Rätsel vertiefen und daran konzentriert arbeiten, Sammlerinnen und Sammler, die erst einmal alles zusammentragen, was sie finden und versuchen zu kombinieren, Koordinatorinnen und Koordinatoren, die einen Vorschlag machen, wie man zusammenarbeiten sollte. Und Teilnehmende, die möglichst schnell einfach gewinnen wollen. Treten während des Spielens Störungen oder Konflikte auf, sind dies Ansatzpunkte, um über die Zusammenarbeit im Team zu sprechen. Wer hat in einem bestimmten Moment eine Entscheidung getroffen? Warum wurden manche Ideen umgesetzt, andere Vorschläge aber nicht gehört oder verwirklicht? Wurde demokratisch entschieden? In einem weiteren Schritt können diese Themen gezielt vertieft und mit Methoden aus dem Bereich des Demokratielernens verbunden werden.

Die didaktische Gestaltung hängt primär davon ab, in welchem Kontext das Escape Game zum Einsatz kommt: ob als Kurzformat, in dem nur 30 Minuten für eine Auswertung vorhanden sind, oder im Rahmen einer Themenreihe bis hin zu einem mehrtägigen Seminar. Hier können Methoden zum Einsatz kommen, bei denen Wissen erarbeitet, unterschiedliche eigene und politische Handlungsoptionen diskutiert oder die kritische Reflexion über das Thema verstärkt werden können. Im Anschluss an das Spiel „General Solutions“ wird beispielsweise erarbeitet, wie Geschäftsmodelle digitaler Plattformen funktionieren. Die Spielerinnen und Spieler werden dazu eingeladen, sich kritisch mit dem eigenen Mediennutzungsverhalten auseinanderzusetzen und darüber nachzudenken, welchen Einfluss die massenhafte Erfassung und Auswertung von Daten auf die persönliche Freiheit, das Menschenbild und die Gesellschaft haben. Ebenso enthält das Spiel Elemente, bei denen es um den kritischen Umgang mit medialen Inhalten geht. In einer Dilemma-Situation müssen sich die Teilnehmenden darüber klar werden, ob sie selbst bereit wären, sich einer technischen Entwicklung zu widersetzen, selbst wenn damit für sie persönlich Nachteile verbunden sind.

Escape Games kollaborativ entwickeln

Die Entwicklung eines Escape Games für die politische Bildung ist ein kreativer, lohnenswerter, aber auch zeitintensiver Prozess. Die Herausforderung liegt darin, eine Geschichte und eine Rätselstruktur so zu gestalten, dass sie als Spiel funktionieren und zugleich einen guten Einstieg in die Auseinandersetzung mit einem Thema im Rahmen der politischen Bildung bieten. Dabei haben sich die Erfahrungen und frei verfügbaren Tipps anderer als große Ressource erwiesen.

Für den praktischen Austausch über Rätsel gibt es eine Vielzahl von deutsch- und englischsprachigen Facebook-Gruppen. Gerade in diesem Bereich der politischen Bildung ist aber auch die Offenheit dafür, Wissen zu teilen und voneinander zu lernen besonders groß. So haben zum Beispiel die Open Knowledge Foundation ihr Spiel "Auf Mikas Spuren" oder die Agentur für Medienbildung "Mediale Pfade" ihr Alternate-Reality-Game "Data Run" hervorragend aufbereitet, so dass Interessenten direkt damit arbeiten können. Auch die Evangelische Trägergruppe stellt "General Solutions" als Open Educational Ressource zur Verfügung und möchte anderen Akteuren ermöglichen, das Spiel selbst zum Einsatz zu bringen und weiterzuentwickeln. Im ersten Halbjahr 2020 können Interessierte das Spiel in zwei Workshops kennen lernen und den Einsatz erlernen. Gerade weil es viele professionell gestaltete kommerzielle Escape Games gibt, sollten auch Angebote der politischen Bildung sich Zeit für eine ansprechende Gestaltung, spannende Rätsel und digitale Tools nehmen. Wie bei vielen anderen Spielen, digitalen Tools und Anwendungen kann die Entwicklung gemeinsam mit Jugendlichen selbst erfolgen.

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Links zu Escape Games in der politischen Bildung

"General Solutions" – Die Teilnehmenden sind in der Firmenzentrale von „General Solutions“ zu Gast, um ein Auswahlverfahren zu durchlaufen. Doch dazu kommt es nicht, denn ein mysteriöser Whistleblower bittet sie dringend um ihre Hilfe…

"Code Breakers" - Die Menschheit steht vor ihrer größten Bedrohung, noch nie war die Zivilisation so dicht am Abgrund. Doch den Teilnehmenden bleibt nicht viel Zeit, um den Code des mysteriösen x-Algorithmus zu knacken und die Menschheit zu retten.

"Auf Mikas Spuren" - Besorgte Nachbarn bitten die Jugendlichen um ihre Mithilfe um Mika zu finden, bevor die Eltern zurück nach Hause kommen. Im Verlauf des Spieles kommen immer wieder neue Informationen hinzu, die Mika in ein unterschiedliches Licht rücken: Ist er/sie Rechtsextremist/in oder Islamist/in geworden? Oder keines von beidem?

"Das verschollene Manuskript" - Das Bibliotheksgame entführt die Teilnehmenden ins Berlin der 1930er Jahre. Aufgabe ist es, den Code eines Tresors zu knacken, in dem sich das verschollene Manuskript des bekannten Schriftstellers Kurt Tucholsky befindet, der im Zuge der Bücherverbrennung vor den Nazis ins Exil flüchten musste.

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