Bildung im digitalen Wandel


Für eine politische Bildung, die Digitalisierung integriert

Die Corona-Pandemie stellt auch die außerschulische Bildung vor neue Herausforderungen. Wie politische Bildung digital funktionieren kann, zeigt die Evangelische Trägergruppe mit ihrem neuen Format "Auf einen Kaffee mit…“.

Ein Mikrofon steht auf einem Tisch, an dem zwei Personen sitzen. Nur die Hände der Personen sind sichtbar. Im Hintergrund steht ein Laptop und ein Strauß Tulpen in einer Vase.Podcasts und andere digitale Formate habe sich in der Corona-Pandemie als Bildungsmethoden bewährt. (© CoWomen, unsplash.com/photos/UUPpu2sYV6E)

Was ist das Ziel Ihres kurz nach Ausbruch der Corona-Pandemie gestarteten Online-Formats "Auf einen Kaffee mit..."?

Wir hatten für Ende März sowieso eine Fachtagung rund ums Thema Digitalisierung geplant. Als die Veranstaltung dann ausfiel, haben wir die Chance genutzt und ein Online-Format daraus gemacht. Wir haben schnell festgestellt, dass das Format eine große Chance sein kann, um Fachkräfte der politischen Bildung aus ganz Deutschland zu vernetzen. Für eine analoge Veranstaltung würden manche nicht extra irgendwo hinfahren. Aber sie haben Lust, an kurzen und niedrigschwelligen Online-Formaten teilzunehmen. Davon ausgehend haben wir "Auf einen Kaffee mit…" schrittweise weiterentwickelt. Das Hauptziel war es, trotz dieser Krise in Kontakt zu bleiben und zu fragen: Gibt es jetzt sowas wie einen Digitalisierungsschub? Und wenn ja, wie müssen und können wir den gestalten, damit etwas entsteht, was in unserem Arbeitsfeld eine nachhaltige Wirkung entfaltet und nicht nur eine Reaktion auf die aktuellen Herausforderungen ist, die danach wieder verpufft.

Kann ein solches Format partizipativ sein?

Wir haben eine super Resonanz erhalten. Es ist sogar mehr Interaktion mit den Teilnehmenden entstanden, als ich das von Präsenzveranstaltungen kenne. Weil die Veranstaltung bereits auf einer digitalen Plattform stattfindet, schreiben Teilnehmenden auch eher noch eine Mail hinterher. Wie partizipativ ein Online-Format ist, kommt darauf an, wie moderiert wird und wie viele Interaktionen schon am Anfang entstehen. Das kennen wahrscheinlich die meisten auch aus Online-Meetings: Es macht einfach einen enormen Unterschied, ob am Anfang schon jeder etwas gesagt hat oder Smalltalk entsteht und man sich in diesem Raum gemeinsam wohlfühlt. Und für die Moderation ist es immer wichtig, dass man präzise ist, Leute gezielt anspricht und ihnen Fragen stellt. Die Aufmerksamkeitsspanne ist online einfach geringer als bei Präsenzveranstaltungen.

Wie haben Sie die Themen gewählt, die von guter (digitaler) Bildung über Nachhaltigkeit bis hin zu Verschwörungsideologien reichen?

Links und rechts sind jeweils zwei Kreise mit einem Foto abgebildet. Auf den linken Foto schaut eine junge Frau mit gestreiftem Oberteil lachend in die Kamera. Unter dem Foto steht "Annika Gramoll". Auf dem rechten Foto lächelt ein junger Mann mit braunen Haaren und Bart. Unter dem Foto steht "Ole Jantschek". Der Hintergrund ist ein Farbverlauf von türkis nach grün. Zwischen den Fotos steht "Auf einen Kaffee mit... Moderation""Auf einen Kaffee mit.." wird moderiert von Annika Gramoll und Ole Jantschek. (© Evangelische Trägergruppe)
Man kann in den Themen eine Entwicklung sehen, die auch mit der Corona-Entwicklung zusammenhängt. Es gibt Themen, die auf technische Fragen ausgerichtet sind: Welche Plattformen und Methoden kann man nutzen, wenn man versucht, digitale oder politische Bildung digital durchzuführen? Daran anknüpfend haben wir beispielsweise Folgen zu Webvideos, Online-Kursen, Online-Spielen oder zu Podcasts umgesetzt. Es gibt aber auch Themen, die sich aus der politischen Dynamik ergeben haben. Das letzte Jahr war von der Frage geprägt, wie sich unsere Demokratie und unsere Gesellschaft im Zuge dieser Corona-Pandemie entwickeln und welche Rolle digitale Medien mit Blick auf politische Diskurse spielen. Da haben wir das Thema Hassrede und digitale Zivilcourage aufgegriffen. Auch Verschwörungsideologien und Radikalisierungen im Kontext der Querdenken-Demonstrationen waren ein wichtiges Thema. Und im Sommer erlangte das Thema Rassismus im Zuge der Black-Lives-Matter-Demonstrationen große Aufmerksamkeit. Zukünftig könnte ich mir vorstellen, dass das konkrete Format digitaler politischer Bildung in den Fokus rückt. Daher haben wir zum Beispiel eine Folge zu TikTok gemacht.

Was fehlt Ihnen am meisten an analogen Bildungsformaten?

Die Frage ist weniger, was mir am Analogen fehlt, sondern wie es weitergeht. Ich glaube, dass die aktuelle Situation ein paar Blockaden, was die Nutzung von bestimmten Tools angeht, gelöst hat. Es ist trotzdem noch ein weiter Weg, bis digitale Medien selbstverständlicher Bestandteil der Praxis in unterschiedlichen Bildungsbereichen sind. Die konzeptionelle Frage ist: Wie sieht politische Bildung aus, die digitale Medien und die Fragen der Digitalisierung integriert? Mein Eindruck ist, dass in der ersten Phase der Pandemie die Frage im Mittelpunkt der Fachlandschaft stand, welche technischen Tools genutzt werden können, wie es mit dem Datenschutz aussieht oder welche Hardware-Probleme es gibt. Eigentlich muss es aber darum gehen, dass wir Formen politischer Bildung zu digitaler Mündigkeit entwickeln. Für die kommende Phase wäre es zudem wichtig, dass wir stärker schauen, was der formale Bildungsbereich, die Schule, und der non-formale Bildungsbereich mit Blick auf die Digitalisierung leisten. Wir brauchen Kooperationen von ganz unterschiedlichen Akteuren, auch informellen Bildnerinnen und Bildnern im Netz, damit wir attraktive Bildung mit digitalen Medien leisten können. Mir fehlen auf jeden Fall Präsenzformate. Aber ich betrachte Online-Elemente als etwas sehr Gewinnbringendes für die Zukunft. Mir fehlt an Online-Formaten jedoch die persönliche Begegnung und die Resonanz, die sich daraus ergibt. Für die außerschulische politische Bildung sehe ich, dass es nicht darum gehen kann, sie komplett zu digitalisieren, sondern sich zu überlegen, wie unterschiedliche Elemente ineinandergreifen. Was für politische Bildung immer wichtig ist, ist ein Austausch über kontroverse Meinungen: seine eigenen Positionen zu formulieren, sich die der anderen anzuhören und auszuhalten. Das sind Lernziele, für die es die persönliche Begegnung braucht. Das muss konzeptionell stärker zusammengedacht werden. Man kann das hybride politische Bildung nennen oder integrierte – egal. Es ist eine spannende Aufgabe, die weit über Corona hinausgeht.

Wie hat sich die Arbeit der Evangelischen Trägergruppe durch die Auswirkungen der Corona-Pandemie verändert?

Wir waren natürlich wie alle Träger erst einmal damit konfrontiert, dass alles abgesagt werden musste, was eigentlich in Präsenz geplant war. In unserem Netzwerk wurden viele Online-Aktivitäten auf die Beine gestellt. Online-Angebote eignen sich super für die Vernetzung von Fachkräften. Das ist ein wirklicher Mehrwert. Deswegen wird dieses Element beibehalten werden. Auch für die Arbeit mit Jugendlichen haben wir viele neue Formate entwickelt. Ohne die Krise wäre vieles davon wahrscheinlich so nicht entstanden. Wir merken allerdings auch, dass wir bestimmte Jugendliche im Moment gar nicht erreichen. Es gibt eine gewisse digitale Müdigkeit, wodurch unsere Reichweite zurückgegangen ist. Ich würde mir wünschen, dass wir aus der Corona-Krise einen Schub für eine politische Bildung mitnehmen, die digitale Medien und das Thema Digitalisierung integriert und mitdenkt. Die aktuelle Situation ist ein Schub, um stärker vernetzt zu arbeiten, sowohl innerhalb unseres eigenen Arbeitsfelds als auch mit relevanten Akteurinnen und Akteuren aus Journalismus, Medienproduktion, Netzpolitik und so weiter. Es gibt viele aktuelle Debatten, die zeigen, wo die Schnittstelle zwischen politischer und digitaler Bildung beziehungsweise digitaler Mündigkeit liegt. Wir sollten digitale Mündigkeit wirklich in politische Bildung integrieren und nicht als separates Thema ansehen, welches von Spezialisten behandelt wird. Die Corona-Krise verdeutlicht, dass man kein aktuelles Thema bearbeiten kann, ohne dass man diese Dimensionen mitdenkt.

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Hintergrundinformationen zum Beitrag

Ole Jantschek arbeitet als pädagogischer Leiter bei der Evangelischen Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendförderung. Die Evangelische Trägergruppe ist ein Netzwerk, in dem Jugendbildungsreferentinnen und -referenten zusammenarbeiten, die an der Evangelischen Akademie oder an Einrichtungen der Evangelischen Jugend in Deutschland tätig sind. Die Trägergruppe arbeitet mit den Referentinnen und Referenten konzeptionell an Themen digitaler politischer Bildung und unterstützt sie fachlich in der Entwicklung von Projekten.

"Auf einen Kaffee mit…" ist eine Online-Talkreihe der Evangelischen Trägergruppe, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, in der Corona-Krise zur Weiterentwicklung digitaler politischer Bildung beizutragen. Das Format wird von Ole Jantschek und Annika Gramoll moderiert.

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