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Das Fediverse als Raum politischer Bildung | Alle Beiträge der Werkstatt | bpb.de

Das Fediverse als Raum politischer Bildung Potenziale, Grenzen und Perspektiven für Bildungseinrichtungen

Rüdiger Fries

/ 7 Minuten zu lesen

Das Fediverse als Bildungsinfrastruktur denken: Rüdiger Fries zeigt, was das Fediverse ist, welches Potenzial es für Austausch im Bildungskontext und als Lernort hat – und wo reale Grenzen liegen.

Welche Potenziale bietet das dezentrale Netzwerk Fediverse für den Austausch im Bildungskontext? (bpb, Mel Wilken) Lizenz: cc by-sa/4.0/deed.de

Was ist das Fediverse?

Das Fediverse – ein Kofferwort aus Federation und Universe – bezeichnet ein dezentrales Netzwerk miteinander verbundener Online-Plattformen, das auf offenen Standards wie ActivityPub basiert. Im Gegensatz zu kommerziellen Plattformen wie X (ehemals Twitter), Instagram oder TikTok gehört das Fediverse keinem einzelnen Unternehmen. Stattdessen besteht es aus Tausenden unabhängig betriebenen Servern, den sogenannten Instanzen, die über gemeinsame Protokolle – also Regeln und Standards – miteinander kommunizieren. Beiträge werden chronologisch angezeigt – ohne algorithmische Filtermechanismen, die entscheiden, wer welche Inhalte zu sehen bekommt.

Die bekanntesten Dienste des Fediverse sind Mastodon (Mikroblogging), Pixelfed (Fotos), PeerTube (Videos) und Friendica (soziales Netzwerk). Alle sind interoperabel: Wer auf einer Mastodon-Instanz angemeldet ist, kann ohne weiteren Account anderen auf Pixelfed oder PeerTube folgen. Damit entsteht ein pluraler, offener Kommunikationsraum, der grundlegend anders funktioniert als die werbefinanzierten, datenhungrigen Plattformökosysteme der großen Technologiekonzerne.

Strukturelle Vorteile für die politische Bildung

Politische Bildung lebt von offenen kontroversen Diskursen und kritischem Denken. Genau hier liegt ein zentrales Problem kommerzieller Social-Media-Plattformen: Ihre algorithmischen Systeme sind darauf ausgelegt, die Verweilzeit auf ihren jeweiligen Plattformen zu maximieren, indem sie stark emotionalisierende Posts in den algorithmisch organisierten „For-you“-Timelines anzeigen – ihr Ziel liegt nicht darin, den demokratischen Austausch zu fördern. Emotionalisierende, polarisierende oder reißerische Inhalte erhalten überproportionale Sichtbarkeit, während sachliche oder komplexe Beiträge systematisch benachteiligt werden. Das Fediverse folgt einer anderen Logik, bei der keine plattformseitige Priorisierung stattfindet.

Da emotionalisierende und polarisierende Inhalte nicht bevorzugt ausgespielt werden, entstehen tendenziell konstruktivere Diskussionsräume – ein Wert, der im Bereich der politischen Bildung kaum zu überschätzen ist. Wer anderen folgt, sieht deren Beiträge tatsächlich, sie werden nicht nach undurchsichtigen algorithmischen Verfahren bevorzugt angezeigt oder herabgestuft. Möchte ich darüber hinaus Inhalte finden von Menschen, denen ich nicht folge, muss ich mich aktiv über die Option „Entdecken“ oder „Live-Feeds“ darum kümmern. Inhalte erreichen Interessierte auf Augenhöhe, ohne von Werbung oder Clickbait-Mechanismen verdrängt zu werden. Dieser ruhige Kommunikationsraum schafft die Bedingungen für jene Tiefe und Nachdenklichkeit, die sachliche politische Auseinandersetzung erfordert.

Da Mastodon keinen zentralen Algorithmus nutzt, lassen sich Informationen am effektivsten finden, indem man relevanten Hashtags gezielt folgt. Thematische Listen ermöglichen eine übersichtliche Strukturierung der eigenen Timeline sowie eine klare Trennung verschiedener Interessengebiete. Die „Erweiterte Web-Ansicht“ am Desktop erlaubt zudem die gleichzeitige Anzeige mehrerer Spalten mit Suchergebnissen und Feeds. Dank der Volltextsuche und individueller Filter können gewünschte Inhalte präzise gefunden und störende Themen ausgeblendet werden. Barrierefreiheit wird dabei durch die Nutzung von CamelCase in Hashtags sowie durch konsequente Bildbeschreibungen aktiv unterstützt.

Hinzu kommt die Frage der Daten- und Identitätssouveränität. Lehrkräfte, Bildungseinrichtungen und politische Bildnerinnen und Bildner, die auf kommerziellen Plattformen tätig sind, bewegen sich in einem rechtlich wie ethisch problematischen Rahmen: Datenschutz, Profilbildung durch Drittanbieter und unvorhersehbare Änderungen der Plattform-Richtlinien – wie zuletzt bei X – können pädagogische Arbeit jederzeit gefährden. Das Fediverse bietet hier eine strukturelle Alternative: Instanzen können gezielt ausgewählt, eigene Datenschutzeinstellungen bewusst konfiguriert und Inhalte langfristig abgesichert publiziert werden.

Vernetzung, Community und professionelle Weiterentwicklung

Im Fediverse haben sich bereits aktive Bildungscommunities gebildet. Hashtags wie #FediLZ (das Fediverse-Lehrerzimmer), #Bildung oder #OER bündeln Beiträge zu Unterrichtspraxis, Methodik und Bildungsmaterialien. Auf der im deutschsprachigen Bildungskontext etablierten Instanz bildung.social tauschen sich tausende Lehrkräfte, Bildungswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler sowie pädagogische Fachkräfte aus.

Für die politische Bildung ist diese Community-Praxis besonders wertvoll: Materialien werden dort unter offenen Lizenzen geteilt (OER – Open Educational Resources), Fragen werden kollaborativ bearbeitet, Unterrichtsideen werden iterativ weiterentwickelt. Diese Form des Peer-to-peer-Lernens außerhalb formaler Fortbildungsstrukturen ermöglicht neue Formen von Lerngemeinschaften und stärkt die pädagogische Reflexionsfähigkeit.

Darüber hinaus eröffnet das Fediverse modulare Publikationsformen: Lehrkräfte und Bildungseinrichtungen können ihre Blogs oder WordPress-Website in das Fediverse integrieren, Bilder über Pixelfed und Erklärvideos über PeerTube-Instanzen teilen – und das alles unter einem gemeinsamen, vernetzten Dach, ohne auf einen einzigen kommerziellen Anbieter angewiesen zu sein. Für Einrichtungen der politischen Bildung, die Medienbildung selbst als Aufgabe begreifen, ist die Nutzung des Fediverse damit auch eine Form gelebter Medienmündigkeit.

Eigene Instanzen als institutionelle Räume

Eine besondere Perspektive eröffnet sich, wenn Bildungseinrichtungen – Schulen, Landeszentralen für politische Bildung, Volkshochschulen, Jugendbildungsstätten oder Kommunen – eigene Fediverse-Instanzen betreiben. Dies ermöglicht vollständige Kontrolle über Moderationsregeln, Datenschutz und Community-Gestaltung. Eigene Instanzen können als geschlossene interne Räume für den Austausch im Kollegium genutzt (z.B. über die lokale Timeline bei nicht öffentlichen Posts) oder als öffentlich sichtbare Präsenz im Fediverse betrieben werden – oder beides kombiniert.

Gerade die Landeszentralen für politische Bildung könnten so digitale Räume für demokratischen Diskurs schaffen: als Vorbild für werbefreie, plurale Öffentlichkeit, als Plattform für Bürgerdialog und Beteiligungsformate, als Vernetzungsknotenpunkt für die regional verankerte Bildungslandschaft. Die technische Umsetzung ist dabei weniger komplex als oft befürchtet – Anbieter für das „Managed Mastodon Hosting“ reduzieren den administrativen Aufwand erheblich. So können sie beispielweise Arbeiten in den Bereichen Sicherheit, Backups und Updates, aber auch bei rechtlichen Löschungen übernehmen.

Reale Grenzen und ehrliche Einschätzungen

Eine seriöse Auseinandersetzung mit dem Fediverse erfordert auch eine ehrliche Betrachtung seiner Grenzen. Reichweite entsteht langsamer als auf kommerziellen Plattformen: Wer auf schnelle, breite Sichtbarkeit angewiesen ist – etwa für Nachrichten, kurzfristige Fortbildungsangebote oder Pressemitteilungen – wird das Fediverse sinnvoll durch andere Kanäle ergänzen müssen. Die Netzwerkdichte in spezifischen Fach- und Themenbereichen oder in sprachlichen Kontexten jenseits des Deutschen oder Englischen ist derzeit noch begrenzt, wächst aber kontinuierlich.

Hinzu kommt das Problem der digitalen Spaltung: Nicht alle Lehrkräfte oder Mitarbeitenden in Bildungseinrichtungen verfügen über gleiche technische Vorerfahrungen. Ohne begleitende Fortbildungen, organisatorische Unterstützung und niedrigschwellige Einstiegsangebote bleibt das Potenzial des Fediverse für viele unzugänglich. Wer allerdings einfach loslegen möchte, wird feststellen: Die Erstregistrierung auf einer Instanz wie mastodon.social dauert wenige Minuten und erfordert keine technischen Vorkenntnisse.

Der Betrieb einer eigenen Instanz hingegen setzt Ressourcen voraus: technische Administration, Moderation, Datenschutz-Compliance. Dieser Aufwand lohnt sich vor allem für größere Einrichtungen, die langfristig digitale Souveränität und institutionelle Sichtbarkeit im Fediverse anstreben.

Einen eher kritischen Blick gibt es auf die Transparenz und Kuratierung einzelner Instanzen. Gut zusammengefasst wird die Debatte in dem von Matthias Kettemenn verfassten Artikel Interner Link: „Dezentral, dynamisch, demokratisch: Sind föderierte Plattformen wie Mastodon besser?“. Die innere Demokratisierung von Mastodon steckt noch in den Kinderschuhen: Moderationsentscheidungen werden immer wieder nicht transparent genug kommuniziert, und das Fehlen algorithmischer Empfehlungen macht die Plattform für Neunutzende zunächst unübersichtlicher als gewohnte Netzwerke.

Wer von X, Instagram oder LinkedIn kommt, ist gewohnt, dass die Plattform von Beginn an Inhalte vorschlägt, Kontakte empfiehlt und die Timeline mit vermeintlich relevantem Content befüllt. Bei Mastodon passiert das nicht: Die Timeline bleibt leer, bis man selbst aktiv anderen Accounts folgt. Hinzu kommt die Instanzlogik, die für Neueinsteigende zunächst nicht unmittelbar verständlich ist. Warum gibt es verschiedene Server? Was ist der Unterschied zwischen der lokalen, der föderalen und der persönlichen Timeline? Welche Instanz ist die „richtige“ für mich? Diese Fragen stellen sich bei zentralisierten Plattformen schlicht nicht. Kurz gesagt: Das Fediverse setzt Eigeninitiative und ein gewisses Maß an Orientierungswille voraus, bevor es seinen Mehrwert entfaltet.

Mastodon könnte als Experimentierraum für demokratische Plattformregeln dienen, indem Nutzende niederschwellig in Moderationsprozesse einbezogen werden – etwa über Plattformbeiräte aus Bildungssektor, Zivilgesellschaft und jungen Menschen.

Das Fediverse als Bildungsinfrastruktur denken

Das Fediverse ist kein Nischenphänomen mehr, aber auch noch keine Massenplattform. Für die politische Bildung ist genau das ein Vorteil: Es bietet einen Raum für substanziellen Diskurs, selbstbestimmte Vernetzung und demokratische Medienpraktiken – fern von Reichweiten-Logik, Datenverwertung und konzerngesteuerter Öffentlichkeit. Wer Medienbildung als demokratische Aufgabe begreift, findet im Fediverse nicht nur ein Werkzeug, sondern ein Modell.

Die Potenziale liegen auf drei Ebenen: Erstens als professionelles Netzwerk für Bildungspraktikerinnen und -praktiker, die Austausch, Inspiration und kollegiale Beratung suchen. Zweitens als Lernort und Anschauungsbeispiel für Lernende, Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, wie eine nicht-kommerzielle, demokratisch verfasste digitale Öffentlichkeit aussehen kann. Drittens als institutionelle Chance für Einrichtungen politischer Bildung, souveräne digitale Räume zu schaffen und damit die eigene Glaubwürdigkeit in Fragen der Medienbildung zu stärken.

Damit diese Potenziale gehoben werden können, braucht es Strategie, Ressourcen und Geduld. Das Fediverse funktioniert nicht nach der Logik „Ein Post = viel Reichweite“. Es belohnt stattdessen kontinuierliche Präsenz, authentischen Austausch und den Aufbau von Netzwerken.

Praxishinweis: Einstieg ins Fediverse

Um eine passende Instanz zu finden, empfiehlt sich die Externer Link: Übersicht auf Mastodon Instances. Erste Hashtags zum Folgen: #FediLZ, #Bildung, #OER, #politischeBildung. Einen guten Einstieg beschreibt auch Nele Hirsch in ihrem Externer Link: Blog.

Weiterführende Hinweise

Fussnoten

Fußnoten

  1. ActivityPub ist ein offenes, vom W3C standardisiertes Protokoll für dezentrale soziale Netzwerke. Offener Standard bedeutet in diesem Zusammenhang, dass die Spezifikation öffentlich zugänglich ist und von unterschiedlichen Anbietern frei implementiert werden kann (ohne exklusive Kontrolle durch ein einzelnes Unternehmen). Dadurch können verschiedene Plattformen und Server („Instanzen“) des Fediversums – etwa Mastodon, Pixelfed oder PeerTube – plattformübergreifend miteinander interagieren, ähnlich wie bei E-Mail-Diensten unterschiedlicher Anbieter.

  2. „For You“-Timeline bezeichnet einen personalisierten, algorithmisch kuratierten Feed, in dem Beiträge nicht chronologisch, sondern anhand vermuteter Relevanz angezeigt werden (z. B. auf Basis bisheriger Interaktionen, Interessen und allgemeiner Popularitätssignale). Dadurch sehen alle Nutzer und Nutzerinnen eine jeweils eigene, individuell zusammengesetzte „For You“-Seite.

Lizenz

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-SA 4.0 - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International" veröffentlicht. Autor/-in: Rüdiger Fries für bpb.de

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Weitere Inhalte

Rüdiger Fries ist Referent für Politische Medienbildung, Digitalisierung und Klimawandel in der Landeszentrale für politische Bildung des Saarlandes. Außerdem ist er Co-Vorsitzender der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (GMK) e.V. Schwerpunkte seiner Arbeit sind die Themen Desinformation, Hass im Netz, Autoritarismus, gesellschaftliche Teilhabe, Klimakrise und Nachhaltigkeit.