Akquisos

9.3.2017

Im Interview: Thomas Mücke, Violence Prevention Network

"Mit den Fördergeldern kann es jederzeit vorbei sein"

Thomas MückeThomas Mücke (© Violence Prevention Network/Klages)
Dipl. Pädagoge und Dipl. Politologe Thomas Mücke ist Mitbegründer und Geschäftsführer von Violence Prevention Network (VPN). VPN arbeitet seit 2001 erfolgreich im Bereich der Verringerung von ideologisch motivierten Gewalttaten von rechtsextremistisch und islamistisch gefährdeten Jugendlichen. Thomas Mücke ist darüber hinaus Vorstandsmitglied der im November 2016 neu gegründeten Bundesarbeitsgemeinschaft religiös begründeter Extremismus e.V. Er ist bundesweit als Dozent, Referent und Coach zu Methoden der Antigewaltarbeit, Konfliktmanagement, Jugendarbeit, Straßensozialarbeit und Rechtsextremismus unterwegs.

Mehr unter: http://violence-prevention-network.de/de/

Akquisos: Herr Mücke, die meisten Organisationen, die sich mit Radikalisierungsprävention beschäftigen, finanzieren sich über Fördergelder. Ihr Finanzierungsmix ist breiter. Warum?

T. Mücke: Uns ist wichtig, dass wir eine gewisse Unabhängigkeit bewahren. Wir sehen die Finanzierung von Radikalisierungsprävention zwar durchaus als Aufgabe des Staates und nicht der Gesellschaft an. Aber nicht zu 100%. Die Spenden machen uns außerdem überlebensfähig. Die meisten staatlichen Programme im Bereich Deradikalisierung laufen nur ein Jahr. So haben Sie keinerlei Planbarkeit und Spielraum, wenn etwas wegfällt. Mit der nächsten Landtagswahl kann es vorbei sein. Denn die politischen Positionen zur Deradikalisierung verschieben sich immer wieder. Passiert ein Anschlag, dann fließen die Gelder. Aber ich frage immer: Sind Sie auch noch in 10 Jahren bereit zu zahlen, wenn das Thema nicht mehr in der der Öffentlichkeit ist? Wir brauchen unbedingt eine längere Absicherung und mehr Sicherheit von staatlicher Seite! Nur mit Spenden können wir kurzfristige Lücken schließen. Wir können Projekte anschieben und aufrechterhalten, bis Fördergelder (wieder) fließen. Grundsätzlich müssen wir selbst bei eingeplanten Fördergeldern zunächst für mehrere Monate in Vorleistung gehen.

Akquisos: 2015 haben Sie 8,5% Ihrer Einnahmen, das waren rund 195.000 Euro, über Spenden erzielt. Wer sind die Geldgeber?

Dazu zählen kleine und große Einzelspenden von PrivatspenderInnen sowie kleinere Unternehmensspenden. Wir bauen hauptsächlich auf zwei Säulen: Projektbezogene Spendenkampagnen und freie, zweckungebundene Spenden. Viele Menschen vertrauen uns, dass wir die Spenden dort einsetzen, wo sie am dringendsten benötigt werden.

Akquisos: Welche Themen Ihrer Arbeit eignen sich besonders gut für Fundraisingkampagnen?

Grundsätzlich ist es schwieriger, mit dem Themenfeld der Deradikalisierung und Extremismusprävention private Spenden zu akquirieren. Wir haben es ja mit Tätern zu tun, nicht mit Opfern. Dennoch haben wir über die vergangenen Jahre Menschen überzeugen können, unsere Deradikalisierungsarbeit sowohl bei Jugendlichen mit rechtsradikalem als auch islamistisch motiviertem Hintergrund gleichermaßen zu unterstützen. Diese SpenderInnen finden es einfach wichtig, was wir machen.
Aber klar ist auch: Nicht alles eignet sich für eine gezielte Spendenkampagne. Bei der Primärprävention ist es schwieriger. Wenn es um spezifische Themen geht, die eine Story beinhalten, sind Spendenkampagnen einfacher umzusetzen. Wo es um Menschen geht, können konkrete Geschichten erzählt werden. Zum Beispiel die Geschichten der Mädchen, die für den Krieg in Syrien rekrutiert werden oder wenn ganze Lebenswege nachgezeichnet werden. Aber auch für den Aufbau einer neuen Beratungsstelle oder Workshops an Schulen haben wir bereits erfolgreich Spenden gesammelt. Da stecken genug Geschichten drin, wenn man es richtig angeht.

Akquisos: Was ist Ihr Tipp für Organisationen im Bereich der Deradikalisierung, die selbst Spenden sammeln möchten?

Sie müssen viel Zeit in diesen Arbeitsbereich investieren. Im Idealfall wird eine Fundraising-Stelle geschaffen, damit sich jemand explizit und professionell um die Spenden kümmert. Nebenbei funktioniert das kaum. Das Geld kommt nicht von selbst. Und ganz wichtig: Sie brauchen eine transparente Öffentlichkeitsarbeit. Auch die kostet Zeit und Geld: eine professionelle Homepage, auf der sie über die Projekte und vor allem über die Verwendung der Gelder informieren, eine gute Pressearbeit, um sich bekannt zu machen. Außerdem sind wir für die Spender immer ansprechbar. Fundraising bedeutet hohes persönliches Engagement und langfristiges Denken, dann zahlt es sich auch in der Radikalisierungsprävention aus.

Akquisos: Vielen Dank für das Gespräch!