30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
Akquisos

18.12.2018

Praxisbeispiel: Das Al-Harah Theater in den Palästinensischen Autonomiegebieten

Al Harah-Theater (© Al Harah-Theater)

Blick in die Palästinensischen Autonomiegebiete: Das Al-Harah Theater

In Ramallah sprachen wir im Rahmen des Studientages in den Palästinensischen Autonomiegebieten mit Marina Barham, Geschäftsführerin des Al-Harah-Theaters.
www.alharah.org/en/


Eine freie palästinensische Gesellschaft, die Kunst und Kultur nutzt, um Zivilgesellschaft, freie Meinungsäußerung und gegenseitigen Respekt zu stärken, ist die Vision des Al-Harah Theaters in Beit Jala im Westjordanland. Das Theater wurde 2005 als Nonprofit-Organisation gegründet. Mit seinen Theaterstücken, Festivals, Projekten und Workshops trägt es besonders bei Kindern und Jugendlichen zu einem positiven Wandel in der palästinensischen Gesellschaft und zur kulturellen Bildung aller Menschen bei. "Wir glauben, dass darstellende Künste Kindern und Jugendlichen helfen, ihre Meinungen, Gedanken, Sorgen und Träume auszudrücken", sagt Marina Barham. "Wir helfen Kindern und Jugendlichen im Rahmen von Theaterworkshops und Ausbildungsprogrammen, ihre durch Besatzungsgewalt bedingten Traumata zu verarbeiten und auch, ihre Energie in innovative und kreative Formen zu bringen – als sichere Alternative zum Fundamentalismus und als Motor für gesellschaftlichen Wandel." Das Theater hat keine feste Spielstätte, sondern tritt auf öffentlichen Plätzen, in Parks, Cafés und Schulen auf.

Das Al-Harah-Theater will das palästinensische Theater weiterentwickeln und die palästinensischen Stimmen auch in die Welt hinaustragen. "Wir sind in vielen internationalen Netzwerken aktiv, um unsere Themen und unsere Kunst sichtbar zu machen", sagt Marina Barham. "Bei internationalen Kooperationen, zum Beispiel mit dem British Council, dem Schwedischen Institut (Svenska institutet) oder dem Goethe Institut ist uns die Zusammenarbeit auf Augenhöhe ganz wichtig."

Finanzierung und Fundraising
Das Al-Harah Theater finanziert seine Arbeit zu 60% durch internationale Fördermittel und Spenden, etwa 30% sind eigene Einnahmen durch Eintrittsgelder, Cafébetrieb etc. und etwa 10% kommen aus lokalen Quellen, zum Beispiel von Unternehmen. Meist handelt es sich dabei um Sachmittelspenden. Die internationalen Fördermittel kommen zum Beispiel von der Europäischen Union oder von Sida, der staatlichen schwedischen Agentur für internationale Entwicklungszusammenarbeit (www.sida.se), die das palästinensische Netzwerk für darstellende Künste fördert. Des Weiteren unterstützen internationale Hilfswerke wie Care, Unicef oder World Vision die Arbeit mit Kindern. Arabische Kulturstiftungen gehören ebenfalls zu den Förderern. Marina Barham berichtet über Schwierigkeiten mit Anträgen bei internationalen Organisationen, deren Bedingungen für sie zum Teil schwer zu akzeptieren sind, so dürften etwa Namen ehemaliger palästinensischer Dörfer (vor 1948) laut ihrer Aussage in manchen Anträgen nicht vorkommen – diese seien aber wichtiger Teil der palästinensischen Kultur und Geschichte und ganz anders konnotiert als im ausländischen Sprachraum. "Wir stehen vor zahlreichen Herausforderungen", sagt Barham. "Die Palästinensische Autonomiebehörde fördert Kunst und Kultur überhaupt nicht. Bei vielen Spendern und Fördermittelgebern rangiert Kunst an letzter Stelle in der Prioritätenliste. Und wenn, dann werden nur neue Projekte gefördert. Wir erhalten kaum Unterstützung für die laufenden Ausgaben wie Mieten und Personalkosten. Oft wird ein 10-Jahres-Business-Plan gefordert. Die Zukunft in einem besetzten Land zu planen ist absurd". Was palästinensischen Organisationen fehle, seien Stabilität und Planungssicherheit – sowohl finanziell als auch mental. "Wir alle sind müde von der ständigen Sorge um den nächsten Tag", schließt Barham.

Was fällt auf?
Spenden von wohlhabenden Palästinensern, die im Ausland leben, kommen bisher kaum vor. "Hier stehen wir noch am Anfang. Viele sind vor langer Zeit ausgewandert oder geflüchtet und fühlen sich nicht mehr so stark verbunden. Lieber spenden sie dann für soziale oder medizinische Projekte. Hinzu kommt, dass Palästinenser im Ausland den hiesigen Behörden nicht vertrauen und befürchten, dass ihr Geld verschwinden könnte", sagt Marina Barham. "Vertrauen ist ein ganz wichtiger Faktor im Fundraising, auch was das Antragswesen betrifft. Daher sind für uns internationale Gastspiele, Kooperationen und Netzwerke so wichtig. Die wichtigste Herausforderung ist aber, lokale Geber zu finden, die unsere Organisation auch projektunabhängig fördern".