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17.12.2019

Vor 100 Jahren: Gründung des Völkerbundes

Mit dem Inkrafttreten des Versailler Vertrages am 10. Januar 1920 nahm die Vorläuferorganisation der Vereinten Nationen ihre Arbeit auf. Der Völkerbund sollte nach dem Ersten Weltkrieg den Frieden sichern. Doch viele Konfliktlinien setzten sich fort, und das Bündnis konnte den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs nicht verhindern.

Das Bild zeigt den gefüllten Tagungssaal bei der Bundesversammlung des Völkerbunds in Genf am 15. November 1920.Die Bundesversammlung des Völkerbunds tagte einmal jährlich in Genf – erstmals am 15. November 1920. (© picture-alliance, KEYSTONE)

Die Idee zum Aufbau einer internationalen Organisation, die zwischenstaatliche Zusammenarbeit verstärken und den Frieden sichern sollte, gab es bereits vor der Gründung des Völkerbunds. Im Jahr 1889 wurde mit der "Interparlamentarischen Union für internationale Schiedsgerichtsbarkeit" ein Forum gegründet, in dem sich die Abgeordneten ihrer Mitgliedsstaaten über Fragen der Sicherheit und Friedenssicherung verständigen sollten. Auch in den Haager Friedenskonferenzen von 1899 und 1907 wurde der Versuch unternommen, eine internationale Rechtsordnung auszuarbeiten, um zwischenstaatliche Konflikte friedlich zu lösen.

Die Satzung des Völkerbunds wurde am 28. April 1919 als Teil des Versailler Vertrags von der Vollversammlung der Pariser Friedenskonferenz angenommen. Nachdem auch die deutsche Nationalversammlung dem Vertrag auf Druck der Siegermächte des Ersten Weltkriegs zugestimmt hatte, wurde er am 28. Juni unterzeichnet. Ein halbes Jahr später – am 10. Januar 1920 – nahm die neugeschaffene Organisation ihre Arbeit auf.

Wilsons Friedensplan nach dem Ersten Weltkrieg

Die Gründung des Völkerbundes war eine Antwort auf die verheerende Katastrophe des Ersten Weltkriegs zwischen August 1914 und November 1918. Schon im April 1915 hatten die Teilnehmerinnen des internationalen Frauenfriedenskongresses in Den Haag eine Resolution verabschiedet, in der sie – neben politischen Rechten für Frauen – einen internationalen Gerichtshof und eine permanente Staatenversammlung zur Friedenssicherung forderten.

Viele ihrer Anliegen fanden sich im Friedensplan des US-amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson wieder: Am 8. Januar 1918, mehr als zehn Monate vor Ende des Ersten Weltkriegs, präsentierte Präsident Wilson dem Kongress ein 14-Punkte-Programm zur Wiederherstellung des "Weltfriedens". Darin schlug Wilson auch die Bildung einer "allgemeinen Gesellschaft von Nationen" vor.

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Auf einen Blick: Der Völkerbund

Der Völkerbund nahm am 10. Januar 1920 seine Arbeit auf. Dem Völkerbund gehörten bei seiner Gründung 32 Unterzeichnerstaaten des Versailler Vertrags sowie 13 neutrale Staaten an. Bis 1937 wurden weitere 21 Staaten Mitglied, darunter auch das Deutsche Reich im Jahr 1926. Sitz der Organisation und ihres Ständigen Sekretariats war Genf. Die zentralen Organe des Völkerbunds waren die Bundesversammlung und der Rat.

Die Bundesversammlung bestand aus Vertretern aller Mitgliedsländer und trat einmal jährlich zusammen. Jedes Mitgliedsland verfügte über eine Stimme.

Dem Völkerbundrat gehörten zu Beginn mit Frankreich, Italien, Japan und dem Vereinigten Königreich vier ständige Mitglieder an. Von 1926 bis 1935 war außerdem das Deutsche Reich ständiges Mitglied, von 1934 bis 1939 die Sowjetunion. Bis zu zehn weitere Staaten konnten als nichtständige Mitglieder für einen Zeitraum von drei Jahren in den Rat gewählt werden. Eine Hauptaufgabe des Rats bestand in der Vermittlung in internationalen Konflikten. Der Rat wurde außerdem mit dem Aufbau eines Ständigen Internationalen Gerichtshofes beauftragt. Dieser wurde 1921 in Den Haag eingerichtet.

Der Völkerbund wurde am 18. April 1946 aufgelöst – wenige Monate nach der Gründung der Vereinten Nationen.

Völkerbund als Teil des Versailler Vertrages

Wenige Wochen nach Ende des Ersten Weltkriegs versammelten sich die Vertreter der Siegermächte in Versailles, um über einen Friedensvertrag und die Nachkriegsordnung zu verhandeln. Wilsons Forderung nach der Etablierung einer internationalen Organisation von Staaten konnte erfolgreich durchgesetzt werden. Obwohl der US-amerikanische Präsident die Schaffung des Völkerbundes initiiert hatte, traten die USA der internationalen Organisation nie bei. Der US-Senat verweigerte am 19. November 1919 die Ratifizierung des Versailler Friedensvertrages und damit auch die Verabschiedung der Satzung des Völkerbunds.

In der Völkerbundsatzung bekannten sich die Mitgliedsstaaten zu einer kontrollierten Abrüstung. Außerdem verpflichteten sie sich, die politische Unabhängigkeit und territoriale Integrität aller Mitgliedsstaaten zu garantieren. Jeder Krieg – und jede Bedrohung von Krieg – sollte als Angelegenheit der gesamten Staatenbundes betrachtet werden, Konflikte künftig friedlich durch die Schiedsgerichtsbarkeit oder den Rat gelöst werden. Jede Kriegshandlung eines Mitglieds sollte als Angriff gegen alle Bündnismitglieder gewertet werden.

Zwischen Konfliktlösung und Kolonialinteressen

In seiner Anfangsphase gelang dem Völkerbund die Lösung mehrerer europäischer Grenzkonflikte. So vermittelte der Rat im Jahr 1921 eine Einigung im Konflikt um die Ålandinseln zwischen Finnland und Schweden. Auch die Klärung von Grenzstreitigkeiten zwischen Griechenland und Bulgarien im Jahr 1925 geht auf Vermittlung des Völkerbundes zurück. Außerdem engagierte sich die Staatengemeinschaft im sozialen und gesundheitlichen Sektor, beispielsweise mit Konventionen zur Bekämpfung von Menschenhandel und der Drogenkriminalität.

Der Völkerbund steht aber auch in der Kritik, ein europäisch dominiertes Staatensystem und eine koloniale Politik begünstigt zu haben. Die Aufteilung der arabischen Provinzen des zerfallenden Osmanischen Reichs wurde bereits während des Ersten Weltkriegs zwischen den Regierungen Großbritanniens und Frankreichs vereinbart und im Jahr 1922 durch Mandate des Völkerbunds legitimiert. Ferner verwaltete der Völkerbund auch die Gebiete der ehemaligen deutschen Kolonien und teilte so zum Beispiel Togo nach Kriegsende in eine britische und eine französische Verwaltungszone. Japan entzog sich zu Beginn der 1930er Jahre den Verpflichtungen und Prinzipien des Völkerbunds, um seine Kolonialinteressen in der Mandschurei zu verfolgen; genauso wie Italien nach dem Einfall in Abessinien (heute Äthiopien), das selbst Mitglied des Völkerbunds war.

Dem Aufstieg von Nationalismus und Faschismus stand die Idee einer weltweiten Friedensordnung machtlos gegenüber. Japan und Deutschland erklärten 1933 ihren Austritt, Italien folgte 1937. Bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges im Jahr 1939 hatte der Völkerbund seinen politischen Einfluss weitgehend verloren und galt als gescheitert.

Gründung der Vereinten Nationen als Nachfolgeorganisation

Noch während des Zweiten Weltkriegs wurde die Gründung einer Nachfolgeorganisation des Völkerbunds initiiert. Am 24. Oktober 1945 wurden die Vereinten Nationen (United Nations, UN) gegründet, die formelle Auflösung des Völkerbundes wurde am 18. April 1946 vollzogen. Die Vereinten Nationen übernahmen die Idee, das Institutionengerüst und die Aufgaben des Völkerbunds.

Gleichzeitig sollten Lehren aus dem Scheitern des Völkerbunds gezogen und strukturelle Schwächen korrigiert werden. Während Beschlüsse der Völkerbundversammlung noch Einstimmigkeit erforderten, gilt in der UN-Generalversammlung das Mehrheitsprinzip. In der UN-Charta wurde zudem ein generelles Gewaltverbot verankert, das über das partielle Kriegsverbot der Völkerbundsatzung hinausgeht.

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