Titelkleingrau

9.7.2007 | Von:
Dr. Jan Wehrheim

Die überwachte Stadt

Videoüberwachung im städtischen Raum ist alltäglich geworden. Rechtfertigen die aktuellen Formen und Techniken sozialer Kontrolle, von überwachten Städten zu sprechen? Eine kritische Betrachtung des gegenwärtigen Verhältnisses von Sicherheit und Freiheit in der Großstadt von Jan Wehrheim.

Polizeiliche Videoüberwachung des Potsdamer BahnhofsvorplatzesPolizeiliche Videoüberwachung des Potsdamer Bahnhofsvorplatzes (© Jan Kemper)

Historikern zufolge wies Köln im Mittelalter die gleiche Rate an Gewaltkriminalität auf wie die New Yorker South Bronx Ende der 1980er Jahre. Galt Köln seinerzeit jedoch als Ort des Friedens, so war die Bronx der Inbegriff des gefährlichen Underclass-Ghettos. Erklären lässt sich diese vermeintliche Paradoxie zum einen durch den Vergleichsmaßstab: Im Mittelalter waren die befestigten Städte im Vergleich zum Land, auf dem neben marodierenden Raubrittern gar der Teufel vermutet wurde, sicherere Orte. Zum anderen durch eine zunehmende Sensibilität: Der "Prozeß der Zivilisation" (Elias) hat nicht nur eine langfristige Abnahme interpersoneller Gewalt mit sich gebracht, sondern auch eine entsprechende Sensibilität. Gesellschaften scheinen heute immer weniger bereit zu sein, Handlungen, die Individualität einschränken, zu akzeptieren.

Die anonyme Großstadt

Die objektivierbaren Merkmale anhand derer Großstädte definiert werden – Größe, Dichte, Heterogenität, Arbeitsteilung – deuten bereits ihr grundlegendes Dilemma und ihre Ambivalenz an. Sie sind durch strukturelle Fremdheit und Anonymität gekennzeichnet sowie gleichzeitig durch ein enormes Maß an wechselseitiger Abhängigkeit einander fremder Menschen. Die Stadt ist dadurch ein Ort der Produktivität, der Innovation, der Chance auf sozialen Fortschritt und der Befreiung der Individuen von den engen Zwängen dörflicher Gemeinschaften. Sie schafft die Freiheit zur Abweichung vom Handeln- und "Denken-wie-üblich" (Schütz 1972). Die anonyme Großstadt stellt die Nischen bereit, um sich von der dominanten moralischen Ordnung zu emanzipieren. Es ist eine "Sache der Freiheit, an wen man gebunden ist" (Simmel 1992: 458). Die sozialen Bezugssysteme sind nicht mehr vordefiniert, und dies erlaubt es erst, dass sich Individuen als Individualitäten begegnen.

Die Konfrontation mit sozial ungleichen und kulturell unterschiedlichen Menschen bedeutet aber auch eine permanente Krise. Fremdheit und Anonymität verunsichern: Der Fremde als Prototyp des Städters, weil er durch seine Position als außenstehender Beobachter die scheinbar selbstverständlichen Zivilisationsmuster hinterfragt und die Konfrontation mit anderen symbolischen Welten eine ontologische Verunsicherung mit sich bringt; die Anonymität, weil sie nicht nur eine negative Voraussetzung für Individualisierung ist, sondern auch mit Vereinzelung und einem Kontrolldefizit assoziiert wird. Die Ausdifferenzierung sozialer Milieus, Migration und Individualisierung überhöhen nun sowohl die produktiven und reizvollen, als auch die verunsichernden Elemente von Großstädten. "Die Stadt ist der Ort von Lust und Gefahr, von Chance und Bedrohung. Sie zieht an und stößt ab und kann das eine nicht ohne das andere" (Bauman 1997: 223).

Kontrolle in der Großstadt bedeutet damit in erster Linie Selbstkontrolle, die sich in einem wechselseitig distanzierten, von Gleichgültigkeit und Toleranz geprägten Umgang mit Fremden auszeichnet. "Der urbane Mensch setzt in jedem Falle voraus, dass der andere – mag dessen Verhalten noch so sonderbar sein – eine Individualität ist, von der her sein Verhalten sinnvoll sein kann. (...) Das Verhalten ist geprägt durch resignierende Humanität, die die Individualität des anderen auch dann respektiert, wenn keine Hoffnung besteht, sie zu verstehen" (Bahrdt 1998: 164). Voraussetzung für die auf Differenz beruhende Kultur der Stadt und damit ihr freiheitliches, produktives und emanzipatorisches Potential ist eine prekäre Balance sozialer Kontrolle: Sie tritt nur dann in Erscheinung, wenn die Individualität des einen die des anderen einzuschränken droht.