Nach Angaben des schwedischen Forschungsprojekts Varieties of Democracy (V-Dem), das jedes Jahr den Zustand der Demokratie auf der Basis von Expert:innenbefragungen misst, entspricht das globale Demokratieniveau des Jahres 2025 wieder dem von 1978 – einer Zeit inmitten des Kalten Krieges.
Die Vereinigten Staaten von Amerika sind hierfür wohl das prominenteste Beispiel. Seit dem zweiten Amtsantritt von Donald Trump haben die USA rapide an Demokratiequalität verloren. Rangierten sie 2023 im Demokratie-Index von V-Dem noch bei 0,79 Punkten (auf einer Skala von 0 bis 1), sind sie innerhalb kürzester Zeit um 0,22 Punkte abgestürzt. Ein solcher Rückgang ist in der Geschichte der USA beispiellos. Jenseits eines erratischen Regierungsstils ist dort vor allem die Unabhängigkeit der Justiz unterminiert und das Vertrauen in Wahlen erschüttert worden. Kulturelle Einrichtungen wurden politisiert, Universitäten und andere Bildungseinrichtungen schikaniert. Anwaltskanzleien, die Regierungsgegner vertraten, wurden mit Klagen überzogen, zivilgesellschaftliche Organisationen drangsaliert, kritische Medien gezielt geschwächt. Politische und bürgerliche Freiheitsrechte wurden eingeschränkt, Minderheiten offen diskriminiert. Damit folgen die USA einem Skript, einer Sequenz von illiberalen und autoritären Maßnahmen zum Abbau demokratischer Werte und Institutionen, das in den vergangenen Jahren schon in anderen Ländern beobachtet werden konnte, etwa in der Türkei unter Recep Tayyip Erdoğan, in Ungarn unter Viktor Orbán, in Serbien unter Aleksandar Vučić, in Polen unter Jarosław Kaczyński, auf den Philippinen unter Rodrigo Duterte oder in Indien unter Narendra Modi.
Doch was bedeutet das genau? Um besser zu verstehen, was Autoritarismus ist, werden im Folgenden drei Ansätze unterschieden. Die ersten beiden können in der Politikwissenschaft verortet werden. Dort wird Autoritarismus zum einen in Differenz zum Konzept der Demokratie gefasst, zum anderen wird er gegen den Typus des Totalitarismus abgegrenzt. Die (jüngere) Begriffsgeschichte des Autoritarismus ist somit die einer doppelten Abgrenzung: Ein autoritäres Regime ist in der Politikwissenschaft eine nicht-totalitäre Nicht-Demokratie. Die dritte Perspektive findet ihren Ausgangspunkt in der Sozialpsychologie und fragt im Anschluss an Theodor W. Adorno danach, inwiefern es „autoritäre Persönlichkeiten“
Demokratie und Autokratie
In einer ersten Annäherung bedeutet Autoritarismus eine Abkehr von der Idee der Demokratie. Das fundamentale normative Prinzip der Demokratie ist das der Gleichheit ihrer Bürger:innen. Es fußt auf der moralischen Intuition, dass alle Menschen intrinsisch gleich sind. Sie sind nicht nur in der Lage, ihre Interessen selbst zu vertreten, sondern haben auch das moralische Recht, dies zu tun.
Die „Herrschaft des Volkes“ kommt in der Demokratie dadurch zum Ausdruck, dass politische Macht nur mittels der Zustimmung der Bürger:innen legitimiert wird. Andere Quellen von Macht – traditionelle Vorstellungen von Gottesgnadentum, religiöse Mission, ideologische Avantgarde, politisierte Ethnizität oder auch technokratische Expertise – sind als Legitimationsgrundlage für kollektiv bindende Entscheidungen ausgeschlossen.
Minimaldefinitionen von Demokratie fokussieren auf die zentrale Bedeutung von Wahlen als dem fundamentalen Beteiligungsmechanismus des Volkes am politischen Willensbildungsprozess. Diese Wahlen müssen frei, fair und kompetitiv sein, damit politische Positionen in einen pluralistischen Wettbewerb miteinander treten und um die Stimmen der Wähler:innen konkurrieren können. Den Wahlverlierern kommt dabei eine besondere Bedeutung zu, denn eine Demokratie ist nur dann stabil, wenn die politisch unterlegene Seite den Wahlvorgang und -ausgang akzeptiert – und in der Folge darauf vertrauen kann, bei den nächsten Wahlen die Wahlbürger:innen wieder von ihrem politischen Programm überzeugen zu können.
In modernen Demokratiekonzeptionen ist das Prinzip der Volkssouveränität darüber hinaus untrennbar mit Sicherungsmechanismen verwoben, die der Ausübung politischer Macht Grenzen setzen sollen. Dem politischen Liberalismus ist einerseits eine Betonung der individuellen Freiheit und der Rechte von Minderheiten sowie andererseits ein Reflex gegen zu starke Machtakkumulation eingeschrieben. Moderne liberale Demokratien schützen ihre Bürger:innen deshalb vor staatlicher Willkür, indem sie Herrschaft rechtsstaatlich binden. Es gilt die rule of law, die Herrschaft des Rechts, und nicht die rule of man, bei der man vom Gutdünken eines Monarchen oder eines anderen Potentaten abhängig ist. Politische Rechte stellen die Mitwirkung am politischen Prozess sicher, während bürgerliche Rechte die individuelle Freiheit des Einzelnen gegenüber dem Staat gewährleisten sollen. In einem Rechtsstaat ist die Staatsgewalt an Recht und Gesetz gebunden. Er sichert die Gleichheit vor dem Gesetz, stellt Rechtssicherheit und Rechtsklarheit her, räumt der Verfassung Vorrang vor einzelnen (Mehrheits-)Entscheidungen ein und stellt die Unabhängigkeit der Gerichte sicher. Neben die vertikale Kontrolle der Regierenden durch regelmäßige Wahlen tritt ein Institutionengefüge, das auch die gegenseitige horizontale Kontrolle der Gewalten Exekutive, Legislative und Judikative garantiert.
Vor diesem Hintergrund der (liberalen) Demokratie lässt sich nun besser konturieren, was autoritäre Regime im Kern ausmacht: Sie unterminieren den fundamentalen demokratischen Gleichheitsgrundsatz, indem sie zum Beispiel bestimmte Bürger:innen aufgrund von persönlichen oder gruppenbezogenen Eigenschaften (Ethnie, Religion, Klasse, Ideologie) vom politischen Prozess exkludieren. Und während demokratische Herrschaft über die temporäre (und wieder entziehbare) Zustimmung der Bürger:innen gerechtfertigt wird, greifen nicht-demokratische Regime in ihrer Herrschaftslegitimation gerne auf außerpolitische Quellen zurück.
Autoritäre Herrscher fürchten überdies die Offenheit der Wahlen. Sie setzen sich keinen freien, fairen und kompetitiven Wahlen aus, sondern versuchen stattdessen, den Ausgang einer Wahl entweder schon im Vorfeld zu ihren Gunsten zu beeinflussen oder die Wahlen im Nachhinein zu desavouieren und zu manipulieren. Autokraten sind schlechte Verlierer.
Die enge historische Verwobenheit von Demokratie, Menschenrechten und liberalen Sicherungsmechanismen wird in jüngster Zeit offen infrage gestellt. Die vom ehemaligen ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán popularisierte Idee einer „illiberalen Demokratie“ etwa suggeriert, dass Demokratie auch ohne liberalen „Ballast“ funktionieren könne. Diese vulgärdemokratische Vorstellung von einem puren und einheitlichen Volkswillen negiert jedoch den pluralistischen und liberalen Kern moderner Demokratie.
Autoritarismus und Totalitarismus
In einer zweiten Annäherung kann der Autoritarismus innerhalb der Nicht-Demokratien vom Totalitarismus abgegrenzt werden. Die Totalitarismustheorie hat ihren Ursprung in der Auseinandersetzung mit Nazi-Deutschland und der stalinistischen Sowjetunion. In ihrem sozialphilosophischen Ansatz hat Hannah Arendt die Originalität totalitärer Herrschaft herausgehoben, die in ihrer Monstrosität und ihrem Gewaltexzess einem zivilisatorischen Bruch gleichkam, bei dem die „Kontinuität abendländischer Geschichte unterbrochen“ wurde.
Während Arendt in ihrer Arbeit auf die menschlichen Grunderfahrungen im Totalitarismus fokussiert, betonen andere Autor:innen die strukturellen Merkmale einer solchen Herrschaftsform. Der bedeutendste Ansatz ist hier der von Carl Joachim Friedrich und Zbigniew Brzezinski. Auch sie erkennen – ähnlich wie Arendt – die allumfassende, auf den radikalen Bruch mit existierenden gesellschaftlichen Regeln abzielende Ideologie und die Ausübung von Terror als zentrale Merkmale. Sie fügen diesen beiden Punkten aber noch die Existenz einer straff organisierten Massenpartei, das Monopol über Kommunikationsmittel, eine staatlich gelenkte Wirtschaft sowie das Gewaltmonopol hinzu.
Bis in die 1960er Jahre hinein ist der Totalitarismus als Gegenpol zur Demokratie begriffen worden. Die politikwissenschaftliche Geschichte des Begriffs Autoritarismus als Herrschaftsform beginnt erst mit einem Aufsatz des deutsch-spanischen Politikwissenschaftlers Juan Linz, der 1964 eine „scholarly uneasiness“ feststellte, ein Unbehagen beim analytischen Gebrauch des Totalitarismuskonzepts.
Um innerhalb der autoritären Regime klassifizieren zu können, wird häufig auf den Ort der jeweiligen Machtkonzentration Bezug genommen. So lassen sich Einparteienregime von Militärregimen und personalistischen Regimen abgrenzen. In einem Einparteienregime ist die Macht bei einer vorherrschenden, in sich hierarchisch strukturierten politischen Partei konzentriert. Ein historisches Beispiel ist Mexiko unter der Partido Revolucionario Institucional (PRI), heute finden sich Einparteienregime noch in kommunistisch regierten Ländern wie China oder Kuba. Ein Militärregime hingegen wird von einer Militärjunta aus obersten Offizieren angeführt, bekannte Beispiele sind die südamerikanischen Militärregime der 1970er Jahre unter Augusto Pinochet in Chile und Jorge Rafael Videla in Argentinien, aber auch das heutige Regime in Myanmar. Personalistische Regime schließlich sind stark auf eine einzelne Führungsperson und deren familiäre Clique zugeschnitten. Beispiele wären hier die Philippinen unter Ferdinand Marcos, Libyen unter Muammar al-Gaddafi oder das heutige Russland unter Wladimir Putin.
Vergleichsweise neu ist das Phänomen, dass autoritäre Herrschaft sich hinter einer demokratischen Fassade versteckt. In solchen „elektoralen“
Die Begriffe Autoritarismus und Autokratie werden in der Wissenschaft oft synonym verwendet. Autokratie ist etymologisch eine Selbst-Herrschaft, krátos meint im Griechischen „Herrschaft“, während die Vorsilbe auto „selbst“, „eigen“ oder „aus sich selbst heraus“ bedeutet. Die Autokratie ist somit eine Herrschaft, in der sich eine Person oder eine Gruppe von Personen politische Macht selbst anmaßt. Politische Macht wird nicht als vom Volk geliehen angesehen, sondern als Eigentum betrachtet. Der Begriff der Diktatur wiederum stammt vom lateinischen dictare (ansagen, anordnen, vorschreiben) und geht auf das antike Rom zurück, in dem die Diktatur zunächst ein zeitlich befristetes, verfassungsmäßiges Amt war. In einer Notlage wurden dem Diktator Sonderkompetenzen zur Abwendung einer Krise eingeräumt. Erst mit Lucius Cornelius Sulla 82 v. Chr. und Julius Caesar 44 v. Chr. gingen die zeitliche Befristung und die aufgabenspezifische Kompetenzzuteilung des Amtes verloren – weshalb wir heute von einer Diktatur sprechen, wenn politische Macht dauerhaft und unkontrolliert ausgeübt wird.
Autoritäre Werte
Der dritte Weg, sich dem Autoritarismus zu nähern, ist ein sozialpsychologischer. Er gründet auf den wegweisenden Arbeiten der Kritischen Theorie, vor allem auf jenen Erich Fromms seit den 1920er Jahren. Für Aufsehen sorgte nach dem Zweiten Weltkrieg eine Studie zur „autoritären Persönlichkeit“,
Die Autor:innen argumentierten, dass die beobachtbaren Vorurteile in einer bestimmten Persönlichkeitsstruktur verankert sind, die liberale Offenheit ablehnt und stattdessen von Hierarchie und Unterordnung geprägt ist. Entscheidend für die Charakterbildung seien die Familienstrukturen und Sozialisationspraktiken der 1920er Jahre gewesen, die vor allem von einem Mangel an emotionaler Zuwendung und einer Bagatellisierung von inneren Prozessen geprägt gewesen seien, verkörpert in einer kühl-distanzierten Vaterfigur. Weitere Merkmale sind die strikte Aufforderung zur Disziplin, eine ausgeprägte Gehorsamspflicht sowie eine stark konformistische Orientierung an gesellschaftlichen Normen und Konventionen. In der Kindheit, so die These, werden Hassgefühle gegenüber Autoritäten kultiviert, die sich im Laufe der Zeit auf Minderheiten verschieben. Methodisch auf der sogenannten F-Skala aufbauend (F für Faschismus),
Die Studie wurde im Laufe der Zeit von unterschiedlichen Seiten kritisiert. In methodischer Hinsicht wurde vor allem die nicht-repräsentative Stichprobe der Antwortenden und die Fragebogenkonstruktion kritisiert. Zudem wurde der unterstellte kausale Zusammenhang zwischen Sozialisation und autoritärer Persönlichkeit sowie die Stabilität der Persönlichkeitsstruktur infrage gestellt. Trotz dieser berechtigten Kritik gilt die Studie als ein Meilenstein der empirischen Sozialforschung, vor allem in Bezug auf die Erforschung autoritären Denkens.
Das empirische Langzeitprojekt zu „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“, das zu Beginn der 2000er Jahre an der Universität Bielefeld gestartet wurde, wählt einen anderen Erklärungsansatz für die Verbreitung von autoritären Werten.
Das enorme Verdienst, autoritäre Einstellungen weltweit anhand von systematischen Befragungen zu erheben und damit global vergleichbar zu machen, kommt dem Projekt des World Values Survey (WVS) zu. 1981 vom US-amerikanischen Politikwissenschaftler Ronald Inglehart gegründet, führt es heute Survey-Erhebungen in 120 Ländern durch und misst Einstellungen über mehr als 600 Indikatoren. In der nunmehr achten Welle der Untersuchung werden unter anderem politische Einstellungen von Bürger:innen abgefragt, die autoritäre Werte widerspiegeln. Gefragt wird beispielsweise nach den Einstellungen zu einer starken politischen Führung, die in ihrer Machtausübung nicht von einem Parlament oder durch Wahlen gehindert wird, ob Expert:innen statt gewählter Regierungen politische Entscheidungen treffen sollten, ob das Militär die Regierungsgeschäfte übernehmen soll, wenn sich die Exekutive als inkompetent erweist, oder welche Bedeutung politische und bürgerliche Freiheiten im Leben der Befragten haben. Aufbauend auf diesen Daten wurde jüngst argumentiert, dass der globale Aufstieg autoritär-populistischer Parteien das Ergebnis einer kulturellen Gegenreaktion (cultural backlash) ist, die von traditionsorientierten Teilen der Bevölkerung getragen wird, die durch die fortschreitende Liberalisierung der Gesellschaft einen kulturellen Statusverlust befürchten.
Konklusion
Was also ist nun Autoritarismus? In diesem Aufsatz wurden drei Pfade aufgezeigt, auf denen man sich dem Konzept nähern kann. Die ersten beiden konzeptualisieren Autoritarismus in Abgrenzung zu anderen Begriffen wie Demokratie und Totalitarismus, der dritte über die Betrachtung individueller Dispositionen und Einstellungen.
Autoritarismus ist erstens eine Abkehr (oder Negation) von demokratischen Grundprinzipien: vom fundamentalen Demokratieprinzip der Gleichheit, von der Zustimmung der Bürger:innen als Legitimationsquelle, von der Anerkennung der wettbewerblichen Wahlprinzipien inklusive der Offenheit des Wahlausgangs und von liberalen Sicherungsmechanismen, die Machtansprüche limitieren und Minderheitenrechte schützen sollen. Zweitens lassen sich innerhalb der Gruppe der Nicht-Demokratien totalitäre und autoritäre Systeme unterscheiden (und letztere noch einmal in Subtypen unterteilen). Autoritäre Regime sind, in Abgrenzung zum Totalitarismus, gekennzeichnet von einer in der Gesellschaft verbreiteten Mentalität (statt einer utopischen Ideologie), einem begrenzten Pluralismus (statt eines Monismus) und einer nur begrenzten politischen Mobilisierung. Drittens schließlich kann man sich dem Autoritarismus sozialpsychologisch annähern. Aus dieser Perspektive führen autoritäre Werte entweder durch frühkindliche Prägung zu einer stabilen Persönlichkeitsstruktur oder hängen von politischen, sozialen und wirtschaftlichen Kontextbedingungen ab. Doch welcher analytische Pfad schlussendlich auch gewählt wird: Autoritarismus ist ein globales Phänomen, das – nolens volens – weiterhin unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen wird. Und das es besser zu verstehen und zu erklären gilt.