Themen Mediathek Shop Lernen Veranstaltungen kurz&knapp Die bpb Meine Merkliste Geteilte Merkliste PDF oder EPUB erstellen Mehr Artikel im

Was ist Autoritarismus? | Autoritarismus | bpb.de

Autoritarismus Editorial Was ist Autoritarismus? Perfekte Welle? 25 Jahre weltweite Autokratisierung Starke Autokratie, schwache Demokratie? Autokratische Performanz im Vergleich Warum und wie Autokratien ihre Herrschaft legitimieren Sind populistische Parteien schuld an der Erosion der Demokratie? Tech-Autokratie. Wie digitale Macht politische Systeme verändert Die neue autoritäre Linke - Essay

Was ist Autoritarismus?

Johannes Gerschewski

/ 15 Minuten zu lesen

Autoritarismus in seinen unterschiedlichen Spielarten lässt sich einerseits in Abgrenzung zur Demokratie, andererseits zum Konzept des Totalitarismus bestimmen. Sozialpsychologisch bezeichnet er ein Set von autoritären Werten, das durch Prägung oder Kontextfaktoren entsteht.

Nach Angaben des schwedischen Forschungsprojekts Varieties of Democracy (V-Dem), das jedes Jahr den Zustand der Demokratie auf der Basis von Expert:innenbefragungen misst, entspricht das globale Demokratieniveau des Jahres 2025 wieder dem von 1978 – einer Zeit inmitten des Kalten Krieges. Die demokratische Qualität nimmt derzeit in 44 Ländern substanziell ab, etwa drei Viertel der Weltbevölkerung lebt heute in autoritär regierten Staaten. Die liberale Demokratie befindet sich auf dem Rückzug. Sie ist die seltenste Regimeform der Welt geworden und kämpft dort, wo sie noch existiert, mit stärker werdenden autoritären Kräften.

Die Vereinigten Staaten von Amerika sind hierfür wohl das prominenteste Beispiel. Seit dem zweiten Amtsantritt von Donald Trump haben die USA rapide an Demokratiequalität verloren. Rangierten sie 2023 im Demokratie-Index von V-Dem noch bei 0,79 Punkten (auf einer Skala von 0 bis 1), sind sie innerhalb kürzester Zeit um 0,22 Punkte abgestürzt. Ein solcher Rückgang ist in der Geschichte der USA beispiellos. Jenseits eines erratischen Regierungsstils ist dort vor allem die Unabhängigkeit der Justiz unterminiert und das Vertrauen in Wahlen erschüttert worden. Kulturelle Einrichtungen wurden politisiert, Universitäten und andere Bildungseinrichtungen schikaniert. Anwaltskanzleien, die Regierungsgegner vertraten, wurden mit Klagen überzogen, zivilgesellschaftliche Organisationen drangsaliert, kritische Medien gezielt geschwächt. Politische und bürgerliche Freiheitsrechte wurden eingeschränkt, Minderheiten offen diskriminiert. Damit folgen die USA einem Skript, einer Sequenz von illiberalen und autoritären Maßnahmen zum Abbau demokratischer Werte und Institutionen, das in den vergangenen Jahren schon in anderen Ländern beobachtet werden konnte, etwa in der Türkei unter Recep Tayyip Erdoğan, in Ungarn unter Viktor Orbán, in Serbien unter Aleksandar Vučić, in Polen unter Jarosław Kaczyński, auf den Philippinen unter Rodrigo Duterte oder in Indien unter Narendra Modi. Was die USA aus diesen Fällen heraushebt, ist das Tempo des Abbaus: Während das Abgleiten der Demokratie ins Autoritäre zumeist als schleichender und langsamer Prozess beschrieben wird, zeigen die USA eine Geschwindigkeit, die ihresgleichen sucht. Manch Beobachter klassifiziert die USA bereits nicht mehr als demokratisch, sondern als autoritär.

Doch was bedeutet das genau? Um besser zu verstehen, was Autoritarismus ist, werden im Folgenden drei Ansätze unterschieden. Die ersten beiden können in der Politikwissenschaft verortet werden. Dort wird Autoritarismus zum einen in Differenz zum Konzept der Demokratie gefasst, zum anderen wird er gegen den Typus des Totalitarismus abgegrenzt. Die (jüngere) Begriffsgeschichte des Autoritarismus ist somit die einer doppelten Abgrenzung: Ein autoritäres Regime ist in der Politikwissenschaft eine nicht-totalitäre Nicht-Demokratie. Die dritte Perspektive findet ihren Ausgangspunkt in der Sozialpsychologie und fragt im Anschluss an Theodor W. Adorno danach, inwiefern es „autoritäre Persönlichkeiten“ gibt und was diese ausmacht.

Demokratie und Autokratie

In einer ersten Annäherung bedeutet Autoritarismus eine Abkehr von der Idee der Demokratie. Das fundamentale normative Prinzip der Demokratie ist das der Gleichheit ihrer Bürger:innen. Es fußt auf der moralischen Intuition, dass alle Menschen intrinsisch gleich sind. Sie sind nicht nur in der Lage, ihre Interessen selbst zu vertreten, sondern haben auch das moralische Recht, dies zu tun. Allen Bürger:innen müssen deshalb die gleichen Möglichkeiten eingeräumt werden, ihre politischen Präferenzen zu formulieren und sie diskriminierungsfrei und gleichgewichtet in den politischen Prozess einzuspeisen. Demokratie ist insofern ein System der Verteilung und Zurechenbarkeit von Entscheidungskompetenz auf die als gleich verstandenen Bürger:innen. Verletzt eine Regierung diesen Gleichheitsgrundsatz, bricht sie mit dieser fundamentalen normativen Traditionslinie der Demokratie.

Die „Herrschaft des Volkes“ kommt in der Demokratie dadurch zum Ausdruck, dass politische Macht nur mittels der Zustimmung der Bürger:innen legitimiert wird. Andere Quellen von Macht – traditionelle Vorstellungen von Gottesgnadentum, religiöse Mission, ideologische Avantgarde, politisierte Ethnizität oder auch technokratische Expertise – sind als Legitimationsgrundlage für kollektiv bindende Entscheidungen ausgeschlossen. Während nicht-demokratische Regime diese anderen Legitimationsgrundlagen häufig für sich beanspruchen, geht in einer Demokratie alle Staatsgewalt vom Volke aus, wie es kurz und bündig in Artikel 20 Absatz 2 des Grundgesetzes heißt.

Minimaldefinitionen von Demokratie fokussieren auf die zentrale Bedeutung von Wahlen als dem fundamentalen Beteiligungsmechanismus des Volkes am politischen Willensbildungsprozess. Diese Wahlen müssen frei, fair und kompetitiv sein, damit politische Positionen in einen pluralistischen Wettbewerb miteinander treten und um die Stimmen der Wähler:innen konkurrieren können. Den Wahlverlierern kommt dabei eine besondere Bedeutung zu, denn eine Demokratie ist nur dann stabil, wenn die politisch unterlegene Seite den Wahlvorgang und -ausgang akzeptiert – und in der Folge darauf vertrauen kann, bei den nächsten Wahlen die Wahlbürger:innen wieder von ihrem politischen Programm überzeugen zu können. Demokratie umfasst in dieser schlanken (elektoralen) Definition mithin drei Komponenten: Der Wahlprozess muss so organisiert sein, dass der Wahlausgang im Vorhinein unsicher ist, die Ergebnisse irreversibel sind und die unterlegene Opposition darauf vertrauen kann, dass es periodisch wiederkehrende Wahlen gibt, in denen sie eine neue Chance bekommt. Mit einer solchen Ausgestaltung garantieren Wahlen Partizipation, sie ermöglichen jedoch auch das, was im Englischen als accountability bezeichnet wird – die Möglichkeit also, die Regierenden über Wahlen für ihr Handeln zur Rechenschaft zu ziehen und für schlechtes Regieren verantwortlich zu machen.

In modernen Demokratiekonzeptionen ist das Prinzip der Volkssouveränität darüber hinaus untrennbar mit Sicherungsmechanismen verwoben, die der Ausübung politischer Macht Grenzen setzen sollen. Dem politischen Liberalismus ist einerseits eine Betonung der individuellen Freiheit und der Rechte von Minderheiten sowie andererseits ein Reflex gegen zu starke Machtakkumulation eingeschrieben. Moderne liberale Demokratien schützen ihre Bürger:innen deshalb vor staatlicher Willkür, indem sie Herrschaft rechtsstaatlich binden. Es gilt die rule of law, die Herrschaft des Rechts, und nicht die rule of man, bei der man vom Gutdünken eines Monarchen oder eines anderen Potentaten abhängig ist. Politische Rechte stellen die Mitwirkung am politischen Prozess sicher, während bürgerliche Rechte die individuelle Freiheit des Einzelnen gegenüber dem Staat gewährleisten sollen. In einem Rechtsstaat ist die Staatsgewalt an Recht und Gesetz gebunden. Er sichert die Gleichheit vor dem Gesetz, stellt Rechtssicherheit und Rechtsklarheit her, räumt der Verfassung Vorrang vor einzelnen (Mehrheits-)Entscheidungen ein und stellt die Unabhängigkeit der Gerichte sicher. Neben die vertikale Kontrolle der Regierenden durch regelmäßige Wahlen tritt ein Institutionengefüge, das auch die gegenseitige horizontale Kontrolle der Gewalten Exekutive, Legislative und Judikative garantiert.

Vor diesem Hintergrund der (liberalen) Demokratie lässt sich nun besser konturieren, was autoritäre Regime im Kern ausmacht: Sie unterminieren den fundamentalen demokratischen Gleichheitsgrundsatz, indem sie zum Beispiel bestimmte Bürger:innen aufgrund von persönlichen oder gruppenbezogenen Eigenschaften (Ethnie, Religion, Klasse, Ideologie) vom politischen Prozess exkludieren. Und während demokratische Herrschaft über die temporäre (und wieder entziehbare) Zustimmung der Bürger:innen gerechtfertigt wird, greifen nicht-demokratische Regime in ihrer Herrschaftslegitimation gerne auf außerpolitische Quellen zurück.

Autoritäre Herrscher fürchten überdies die Offenheit der Wahlen. Sie setzen sich keinen freien, fairen und kompetitiven Wahlen aus, sondern versuchen stattdessen, den Ausgang einer Wahl entweder schon im Vorfeld zu ihren Gunsten zu beeinflussen oder die Wahlen im Nachhinein zu desavouieren und zu manipulieren. Autokraten sind schlechte Verlierer. Wahlen sind in autoritären Kontexten nicht bedeutungslos, verlieren aber weitgehend ihre Funktion der Partizipation und accountability. Autoritäre Herrschaft erkennt zudem liberale Sicherungsmechanismen vor staatlicher Willkür nicht an. Autokraten verletzen häufig die politischen und bürgerlichen Rechte ihrer Bevölkerungen, indem sie repressiv gegen sie vorgehen und rechtsstaatliche Prinzipien negieren.

Die enge historische Verwobenheit von Demokratie, Menschenrechten und liberalen Sicherungsmechanismen wird in jüngster Zeit offen infrage gestellt. Die vom ehemaligen ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán popularisierte Idee einer „illiberalen Demokratie“ etwa suggeriert, dass Demokratie auch ohne liberalen „Ballast“ funktionieren könne. Diese vulgärdemokratische Vorstellung von einem puren und einheitlichen Volkswillen negiert jedoch den pluralistischen und liberalen Kern moderner Demokratie. Sie verkennt sowohl die ideengeschichtliche Tradition der Demokratie als auch ihre gelebte Praxis in der Moderne. Den politischen Liberalismus auf eine flexibel und vage definierte „Wokeness“ zu reduzieren, um so Ressentiments gegen kulturelle, religiöse, ethnische oder sexuelle Minderheiten schüren zu können, ist nichts anderes als ein autoritär-populistischer Taschenspielertrick, auf den man nicht hereinfallen sollte.

Autoritarismus und Totalitarismus

In einer zweiten Annäherung kann der Autoritarismus innerhalb der Nicht-Demokratien vom Totalitarismus abgegrenzt werden. Die Totalitarismustheorie hat ihren Ursprung in der Auseinandersetzung mit Nazi-Deutschland und der stalinistischen Sowjetunion. In ihrem sozialphilosophischen Ansatz hat Hannah Arendt die Originalität totalitärer Herrschaft herausgehoben, die in ihrer Monstrosität und ihrem Gewaltexzess einem zivilisatorischen Bruch gleichkam, bei dem die „Kontinuität abendländischer Geschichte unterbrochen“ wurde. Arendt macht dabei zwei charakteristische Merkmale dieser Herrschaftsform aus: Zum einen beschreibt sie den Terror als das Wesen totalitärer Herrschaft, der nicht nur Freiheiten beschneidet, sondern den Menschen „in das eiserne Band des Terrors“ schließt. Für Arendt ist dies der äußere Zwang, der den Raum zwischen den Menschen, in dem Arendt das Politische verortet sieht, zerstört. Diesem äußeren Zwang des Terrors stellt sie einen inneren Zwang gegenüber, die Ideologie. Totalitäre Ideologien erheben einen Anspruch auf totale Welterklärung und sind dadurch gekennzeichnet, dass sie einerseits nicht falsifizierbar sind und sich andererseits so gegen Kritik immunisieren. Zusätzlich folgt ideologisches Denken einem Selbstzwang, bei dem „aus einer sicher angenommenen Prämisse nun mit absoluter Folgerichtigkeit (…) alles weitere deduziert“ wird. Durch diesen doppelten Zwang, den äußeren Zwang des Terrors und den inneren Zwang des ideologischen Denkens, verliert der Mensch in einer totalitären Gesellschaft sowohl die Bindung zu seinen Mitmenschen als auch zur empirischen Wirklichkeit.

Während Arendt in ihrer Arbeit auf die menschlichen Grunderfahrungen im Totalitarismus fokussiert, betonen andere Autor:innen die strukturellen Merkmale einer solchen Herrschaftsform. Der bedeutendste Ansatz ist hier der von Carl Joachim Friedrich und Zbigniew Brzezinski. Auch sie erkennen – ähnlich wie Arendt – die allumfassende, auf den radikalen Bruch mit existierenden gesellschaftlichen Regeln abzielende Ideologie und die Ausübung von Terror als zentrale Merkmale. Sie fügen diesen beiden Punkten aber noch die Existenz einer straff organisierten Massenpartei, das Monopol über Kommunikationsmittel, eine staatlich gelenkte Wirtschaft sowie das Gewaltmonopol hinzu.

Bis in die 1960er Jahre hinein ist der Totalitarismus als Gegenpol zur Demokratie begriffen worden. Die politikwissenschaftliche Geschichte des Begriffs Autoritarismus als Herrschaftsform beginnt erst mit einem Aufsatz des deutsch-spanischen Politikwissenschaftlers Juan Linz, der 1964 eine „scholarly uneasiness“ feststellte, ein Unbehagen beim analytischen Gebrauch des Totalitarismuskonzepts. Das Konzept, so Linz, sei zu eng und entspreche nicht mehr der empirisch anzutreffenden Realität. Er hatte vor allem Spanien unter Francisco Franco im Blick, für das die Dimensionen des Totalitarismus zu eng und zu extrem seien. Diese erfassten nicht mehr die Spezifika neuerer nicht-demokratischer Regime, die nicht von einer umfassenden und utopischen Ideologie geprägt seien, die alle privaten Lebensbereiche durchdringt, sondern eher von einer distinkten Mentalität. Auch seien sie nicht durch gesellschaftlichen Monismus geprägt, sondern durch einen begrenzten Pluralismus. Und schließlich kämen diese Regime ohne jene politische Mobilisierung der Massen aus, die kennzeichnend für den Totalitarismus war. Kurzum: Die Regime seien besser als „autoritär“ denn als „totalitär“ zu klassifizieren. Das Konzept des Autoritarismus war damit ursprünglich eine Residualkategorie, die in Abgrenzung zum vorherrschenden Paradigma des Totalitarismus eingeführt wurde. Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte ist aus dieser Residualkategorie jedoch der dominante Herrschaftstypus geworden. So gut wie alle nicht-demokratischen Regime sind heute autoritär. Allenfalls Nordkorea kann mit Abstrichen noch als totalitäres Regime gelten.

Um innerhalb der autoritären Regime klassifizieren zu können, wird häufig auf den Ort der jeweiligen Machtkonzentration Bezug genommen. So lassen sich Einparteienregime von Militärregimen und personalistischen Regimen abgrenzen. In einem Einparteienregime ist die Macht bei einer vorherrschenden, in sich hierarchisch strukturierten politischen Partei konzentriert. Ein historisches Beispiel ist Mexiko unter der Partido Revolucionario Institucional (PRI), heute finden sich Einparteienregime noch in kommunistisch regierten Ländern wie China oder Kuba. Ein Militärregime hingegen wird von einer Militärjunta aus obersten Offizieren angeführt, bekannte Beispiele sind die südamerikanischen Militärregime der 1970er Jahre unter Augusto Pinochet in Chile und Jorge Rafael Videla in Argentinien, aber auch das heutige Regime in Myanmar. Personalistische Regime schließlich sind stark auf eine einzelne Führungsperson und deren familiäre Clique zugeschnitten. Beispiele wären hier die Philippinen unter Ferdinand Marcos, Libyen unter Muammar al-Gaddafi oder das heutige Russland unter Wladimir Putin.

Vergleichsweise neu ist das Phänomen, dass autoritäre Herrschaft sich hinter einer demokratischen Fassade versteckt. In solchen „elektoralen“ oder „kompetitiven“ autoritären Systemen treten zwar mehrere konkurrierende Parteien zur Wahl an, diese Wahlen sind jedoch weder frei noch fair. Die Opposition wird im Wahlkampf strukturell benachteiligt und mit Repressionen belegt, der Wahlausgang häufig manipuliert. Die Türkei unter Erdoğan ist hierfür ein paradigmatisches Beispiel. „Geschlossene“ autoritäre Regime hingegen sind dadurch gekennzeichnet, dass Wahlen, sofern sie überhaupt stattfinden, kein Wettbewerbselement mehr kennen. Selbst wenn mehrere Parteien formal zur Wahl stehen, stellen diese keine politischen Alternativen dar. Die in der DDR als „Blockflöten“ titulierten „Oppositionsparteien“ bieten hierfür empirisches Anschauungsmaterial. Von zunehmender Relevanz sind heute überdies „digitale“ oder „smarte“ autoritäre Regime, die die Überwachung der Bevölkerung mithilfe von digitalen Technologien zu perfektionieren versuchen.

Die Begriffe Autoritarismus und Autokratie werden in der Wissenschaft oft synonym verwendet. Autokratie ist etymologisch eine Selbst-Herrschaft, krátos meint im Griechischen „Herrschaft“, während die Vorsilbe auto „selbst“, „eigen“ oder „aus sich selbst heraus“ bedeutet. Die Autokratie ist somit eine Herrschaft, in der sich eine Person oder eine Gruppe von Personen politische Macht selbst anmaßt. Politische Macht wird nicht als vom Volk geliehen angesehen, sondern als Eigentum betrachtet. Der Begriff der Diktatur wiederum stammt vom lateinischen dictare (ansagen, anordnen, vorschreiben) und geht auf das antike Rom zurück, in dem die Diktatur zunächst ein zeitlich befristetes, verfassungsmäßiges Amt war. In einer Notlage wurden dem Diktator Sonderkompetenzen zur Abwendung einer Krise eingeräumt. Erst mit Lucius Cornelius Sulla 82 v. Chr. und Julius Caesar 44 v. Chr. gingen die zeitliche Befristung und die aufgabenspezifische Kompetenzzuteilung des Amtes verloren – weshalb wir heute von einer Diktatur sprechen, wenn politische Macht dauerhaft und unkontrolliert ausgeübt wird.

Autoritäre Werte

Der dritte Weg, sich dem Autoritarismus zu nähern, ist ein sozialpsychologischer. Er gründet auf den wegweisenden Arbeiten der Kritischen Theorie, vor allem auf jenen Erich Fromms seit den 1920er Jahren. Für Aufsehen sorgte nach dem Zweiten Weltkrieg eine Studie zur „autoritären Persönlichkeit“, die 1950 noch im US-amerikanischen Exil vorgelegt wurde. Theodor W. Adorno, Else Frenkel-Brunswik und andere Mitstreiter:innen gingen der Frage nach, wie faschistische, rassistische und antisemitische Bewegungen entstehen konnten und inwiefern hinter deren Ressentiments individuelle Dispositionen zu autoritären Werten steckten.

Die Autor:innen argumentierten, dass die beobachtbaren Vorurteile in einer bestimmten Persönlichkeitsstruktur verankert sind, die liberale Offenheit ablehnt und stattdessen von Hierarchie und Unterordnung geprägt ist. Entscheidend für die Charakterbildung seien die Familienstrukturen und Sozialisationspraktiken der 1920er Jahre gewesen, die vor allem von einem Mangel an emotionaler Zuwendung und einer Bagatellisierung von inneren Prozessen geprägt gewesen seien, verkörpert in einer kühl-distanzierten Vaterfigur. Weitere Merkmale sind die strikte Aufforderung zur Disziplin, eine ausgeprägte Gehorsamspflicht sowie eine stark konformistische Orientierung an gesellschaftlichen Normen und Konventionen. In der Kindheit, so die These, werden Hassgefühle gegenüber Autoritäten kultiviert, die sich im Laufe der Zeit auf Minderheiten verschieben. Methodisch auf der sogenannten F-Skala aufbauend (F für Faschismus), die unter anderem den Konventionalismus, die autoritäre Unterwürfigkeit, die Aggression gegenüber unkonventionellen Gruppen, aber auch die reflexhafte Abwehr des Subtilen, Ästhetischen und Kreativen, die Stereotypie, die Destruktivität und den Zynismus sowie die übertriebene Beschäftigung mit Sexualität umfasste, wurde bei bestimmten Personen ein „autoritäres Syndrom“ identifiziert, das diese für den Faschismus anfällig machte.

Die Studie wurde im Laufe der Zeit von unterschiedlichen Seiten kritisiert. In methodischer Hinsicht wurde vor allem die nicht-repräsentative Stichprobe der Antwortenden und die Fragebogenkonstruktion kritisiert. Zudem wurde der unterstellte kausale Zusammenhang zwischen Sozialisation und autoritärer Persönlichkeit sowie die Stabilität der Persönlichkeitsstruktur infrage gestellt. Trotz dieser berechtigten Kritik gilt die Studie als ein Meilenstein der empirischen Sozialforschung, vor allem in Bezug auf die Erforschung autoritären Denkens.

Das empirische Langzeitprojekt zu „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“, das zu Beginn der 2000er Jahre an der Universität Bielefeld gestartet wurde, wählt einen anderen Erklärungsansatz für die Verbreitung von autoritären Werten. Es betont vor allem soziale, wirtschaftliche und politische Kontextfaktoren. Anstatt über die (kindliche) Sozialisation und die Herausbildung stabiler Persönlichkeitsstrukturen zu argumentieren, sieht es das Zusammenwirken von autoritärem Kapitalismus, gesellschaftlicher Desintegration und zunehmender Demokratieentleerung als ursächlich für die steigende Attraktivität autoritärer Werte an. Autoritäre Einstellungen werden über „Signaturen der Bedrohung“ erklärt. Diese Signaturen entstehen aufgrund von Krisen-, Umbruchs- und Unsicherheitserfahrungen, die die Sehnsucht nach vermeintlicher autoritärer Sicherheit befördern.

Das enorme Verdienst, autoritäre Einstellungen weltweit anhand von systematischen Befragungen zu erheben und damit global vergleichbar zu machen, kommt dem Projekt des World Values Survey (WVS) zu. 1981 vom US-amerikanischen Politikwissenschaftler Ronald Inglehart gegründet, führt es heute Survey-Erhebungen in 120 Ländern durch und misst Einstellungen über mehr als 600 Indikatoren. In der nunmehr achten Welle der Untersuchung werden unter anderem politische Einstellungen von Bürger:innen abgefragt, die autoritäre Werte widerspiegeln. Gefragt wird beispielsweise nach den Einstellungen zu einer starken politischen Führung, die in ihrer Machtausübung nicht von einem Parlament oder durch Wahlen gehindert wird, ob Expert:innen statt gewählter Regierungen politische Entscheidungen treffen sollten, ob das Militär die Regierungsgeschäfte übernehmen soll, wenn sich die Exekutive als inkompetent erweist, oder welche Bedeutung politische und bürgerliche Freiheiten im Leben der Befragten haben. Aufbauend auf diesen Daten wurde jüngst argumentiert, dass der globale Aufstieg autoritär-populistischer Parteien das Ergebnis einer kulturellen Gegenreaktion (cultural backlash) ist, die von traditionsorientierten Teilen der Bevölkerung getragen wird, die durch die fortschreitende Liberalisierung der Gesellschaft einen kulturellen Statusverlust befürchten.

Konklusion

Was also ist nun Autoritarismus? In diesem Aufsatz wurden drei Pfade aufgezeigt, auf denen man sich dem Konzept nähern kann. Die ersten beiden konzeptualisieren Autoritarismus in Abgrenzung zu anderen Begriffen wie Demokratie und Totalitarismus, der dritte über die Betrachtung individueller Dispositionen und Einstellungen.

Autoritarismus ist erstens eine Abkehr (oder Negation) von demokratischen Grundprinzipien: vom fundamentalen Demokratieprinzip der Gleichheit, von der Zustimmung der Bürger:innen als Legitimationsquelle, von der Anerkennung der wettbewerblichen Wahlprinzipien inklusive der Offenheit des Wahlausgangs und von liberalen Sicherungsmechanismen, die Machtansprüche limitieren und Minderheitenrechte schützen sollen. Zweitens lassen sich innerhalb der Gruppe der Nicht-Demokratien totalitäre und autoritäre Systeme unterscheiden (und letztere noch einmal in Subtypen unterteilen). Autoritäre Regime sind, in Abgrenzung zum Totalitarismus, gekennzeichnet von einer in der Gesellschaft verbreiteten Mentalität (statt einer utopischen Ideologie), einem begrenzten Pluralismus (statt eines Monismus) und einer nur begrenzten politischen Mobilisierung. Drittens schließlich kann man sich dem Autoritarismus sozialpsychologisch annähern. Aus dieser Perspektive führen autoritäre Werte entweder durch frühkindliche Prägung zu einer stabilen Persönlichkeitsstruktur oder hängen von politischen, sozialen und wirtschaftlichen Kontextbedingungen ab. Doch welcher analytische Pfad schlussendlich auch gewählt wird: Autoritarismus ist ein globales Phänomen, das – nolens volens – weiterhin unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen wird. Und das es besser zu verstehen und zu erklären gilt.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Vgl. Marina Nord et al., Democracy Report 2026. Unraveling the Democratic Era, Göteborg 2026.

  2. Siehe auch den Beitrag von Felix Wiebrecht in dieser Ausgabe.

  3. Vgl. Rachel Beatty Riedl et al., Democratic Backsliding, Resilience, and Resistance, in: World Politics 1/2025, S. 151–178.

  4. Vgl. Steven Levitsky/Lucan A. Way/Daniel Ziblatt, The Price of American Authoritarianism. What Can Reverse Democratic Decline?, in: Foreign Affairs 1/2026, S. 30–43.

  5. Vgl. Theodor W. Adorno et al., The Authoritarian Personality, New York 1950.

  6. Vgl. Robert A. Dahl, Democracy and Its Critics, New Haven 1989, S. 97–105.

  7. Vgl. ders., Polyarchy. Participation and Opposition, New Haven 1971, S. 2.

  8. Siehe auch den Beitrag von Steffen Kailitz in dieser Ausgabe.

  9. Vgl. Adam Przeworski, Democracy and the Market. Political and Economic Reforms in Eastern Europe and Latin America, New York 1991.

  10. Vgl. Mike Alvarez et al., Classifying Political Regimes, in: Studies in Comparative International Development 2/1996, S. 3–36.

  11. Vgl. Philippe C. Schmitter/Terry Lynn Karl, What Democracy Is … and Is Not, in: Journal of Democracy 3/1991, S. 75–88, hier S. 76.

  12. Vgl. Johannes Gerschewski, The Two Logics of Autocratic Rule, Cambridge 2023, S. 3–5.

  13. Vgl. Ernst Fraenkel, Der Pluralismus als Strukturelement der freiheitlich-rechtsstaatlichen Demokratie (1964), in: ders., Deutschland und die westlichen Demokratien, Baden-Baden 2011, S. 256–280.

  14. Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, Totalitarismus, 10. Aufl., München 2005 (1951), S. 945f.

  15. Ebd., S. 958.

  16. Vgl. dies., Was ist Politik? Fragmente aus dem Nachlass, hrsg. von Ursula Ludz, München 2007, S. 9–12.

  17. Dies. (Anm. 14), S. 965.

  18. Vgl. Carl Joachim Friedrich/Zbigniew Brzezinski, Totalitarian Dictatorship and Autocracy, Cambridge 1956. Vor allem die beiden letzten Punkte werden kritisiert. Ein staatliches Gewaltmonopol ist mit Max Weber Ausdruck eines jeden modernen Staates und nicht nur einem totalitären zuzuschreiben. Ähnlich ist eine staatlich gelenkte Wirtschaft weder notwendige noch hinreichende Bedingung für totalitäre Herrschaft.

  19. Juan J. Linz, An Authoritarian Regime: Spain, in: Erik Allardt/Yrjö Littunen (Hrsg.), Cleavages, Ideologies, and Party Systems, Helsinki 1964, S. 291–342, hier S. 291.

  20. Vgl. ders., Totalitarian and Authoritarian Regimes, in: Fred I. Greenstein/Nelson W. Polsby (Hrsg.), Handbook on Political Science, Bd. 3, Reading 1975, S. 175–411.

  21. Vgl. Patrick McEachern, North Korea. What Everyone Needs to Know, Oxford 2019.

  22. Andreas Schedler, The Logic of Electoral Authoritarianism, in: ders. (Hrsg.), Electoral Authoritarianism. The Dynamics of Unfree Competition, Boulder 2006, S. 1–23.

  23. Steven Levitsky/Lucan A. Way, Competitive Authoritarianism. Hybrid Regimes After the Cold War, Cambridge 2010.

  24. Siehe hierzu den Beitrag von Seraphine Maerz in dieser Ausgabe.

  25. Interessanterweise versprechen Militärdiktaturen bis heute, dass sie die Herrschaft nur kurzzeitig und bis zur Behebung einer inneren oder äußeren Krise übernehmen wollen. Es bleibt häufig beim Versprechen.

  26. Adorno et al. (Anm. 5).

  27. Vgl. ebd., S. 228.

  28. Vgl. Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Deutsche Zustände. Folgen 1–10, Frankfurt/M. 2002–2011.

  29. Ders., Autoritäre Versuchungen. Signaturen der Bedrohung I, Berlin 2018.

  30. Vgl. Pippa Norris/Ronald Inglehart, Cultural Backlash. Trump, Brexit, and Authoritarian Populism, Cambridge 2019.

Lizenz

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Johannes Gerschewski für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.
Sie wollen einen Inhalt von bpb.de nutzen?

ist Heisenberg-Fellow der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) in der Abteilung Transformationen der Demokratie am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB).