Es war ein Bild von symbolischer Wucht: Am 20. Januar 2025 standen Mark Zuckerberg, Jeff Bezos, Sundar Pichai und Elon Musk in einer Reihe hinter Donald Trump, als dieser zum zweiten Mal als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika vereidigt wurde. Wenige Tage zuvor hatte der Meta-Konzern angekündigt, sein Faktencheck-Programm in den USA einzustellen, mit dem der Wahrheitsgehalt von Inhalten auf den Plattformen Facebook und Instagram überprüft werden sollte.
Szenen wie diese haben die Frage befeuert, ob die USA, und mit ihnen andere westliche Demokratien, auf eine Art „Tech-Autokratie“ zusteuern: eine Herrschaftsform, in der eine kleine Schicht überwiegend männlicher Tech-Milliardäre die ökonomischen, infrastrukturellen und kommunikativen Grundlagen demokratischer Politik kontrolliert.
Ich argumentiere im Folgenden, dass digitale Technologien politische Macht in einer Art und Weise transformieren, die die klassische Grenze zwischen Demokratie und Autokratie zunehmend verwischt. Fassen lässt sich diese Entwicklung mit dem Konzept des „autoritären Informationalismus“: einer Herrschaftslogik, die auf der systematischen Kontrolle von Informationsflüssen beruht und sich in unterschiedlichen Regimetypen ausbreitet.
Vom digitalen Autoritarismus zum autoritären Informationalismus
Vor anderthalb Jahrzehnten herrschte in der Demokratieforschung verhaltener Optimismus. Der Politikwissenschaftler Larry Diamond prägte 2010 den Begriff der „liberation technology“, mit dem er seiner Hoffnung Ausdruck verlieh, dass soziale Medien und mobile Kommunikationsmittel ein Werkzeug zur Stärkung von Bürgerrechten und zur Schwächung autoritärer Herrschaft sein könnten.
Ebenfalls 2010 beschrieb die Kommunikationsforscherin Min Jiang Chinas Kombination aus Marktorientierung, staatlicher Kontrolle und Informationsmanagement als „authoritarian informationalism“ – autoritären Informationalismus.
Aufbauend auf diesen Arbeiten lässt sich das Konzept verallgemeinern: Autoritärer Informationalismus bezeichnet das wirkungsvolle Zusammenspiel von analogen und digitalen Strategien, mit denen Akteure Informationsflüsse überwachen, manipulieren und kontrollieren, um politische Macht auszuüben.
Überwachen: Daten als Rohstoff der Macht
Die Landschaft staatlicher Überwachung hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Ging es ursprünglich vor allem um die Überwachung von Post und Telekommunikation durch staatliche Dienststellen, läuft sie heute über ein dichtes Geflecht aus Behörden, Telekommunikationsanbietern, sozialen Netzwerken und privaten Spionagefirmen. Sinnbild für diese Entwicklung ist die israelische NSO Group, deren Spähsoftware Pegasus mittlerweile in zahlreichen Staaten gegen Journalist:innen, Anwält:innen und Oppositionelle eingesetzt wird – auch in EU-Mitgliedstaaten wie Polen, Ungarn, Griechenland oder Spanien.
In autoritären Regimen werden die neuen technischen Reichweiten zum Ausbau einer flächendeckenden Infrastruktur genutzt. Chinas Sozialkreditsystem ist hier das vielleicht prominenteste Beispiel: Es aggregiert Daten aus Finanzhistorie, Online-Verhalten, Bewegungsmustern und sozialer Interaktion, um Bürger:innen zu bewerten und ihr Verhalten zu steuern.
In Demokratien ist Überwachung in der Regel schwächer institutionalisiert, aber auch hier nimmt sie zu. Dazu nur ein paar Beispiele: Edward Snowdens Enthüllungen von 2013 machten das Ausmaß der Datensammlung amerikanischer und britischer Geheimdienste sichtbar; in Indien ist die biometrische Personenerfassung „Aadhaar“ zur Voraussetzung für die Inanspruchnahme staatlicher Leistungen geworden; in Mexiko, Polen, Ungarn und Griechenland wurde in den vergangenen Jahren der Einsatz der Pegasus-Software gegen Oppositionelle und Journalist:innen dokumentiert.
Eine quantitative Analyse von 115 Demokratien zwischen 2000 und 2023 zeigt: Überwachende Praktiken, wie etwa die staatliche Überwachung sozialer Medien oder der Zugriff auf personenbezogene Daten, wirken sich statistisch signifikant negativ auf bürgerliche Freiheiten aus, selbst wenn sie nur mit geringer Intensität angewendet werden.
Für einen Staat wie die USA ist die Frage der Überwachung besonders relevant. Die großen Plattformen Meta, Amazon, Microsoft, OpenAI oder X verfügen über Datenbestände, die jede staatliche Behörde in den Schatten stellen. Ob daraus Überwachungsinfrastruktur wird, ist primär eine Frage der politischen Konstellation, nicht der technischen Möglichkeit.
Manipulieren: Algorithmische Steuerung von Öffentlichkeit
Auch die Manipulation öffentlicher Meinung hat eine neue Qualität erreicht. Wo vor allem autoritäre Regime früher auf zentrale Rundfunksender, Zeitungen oder Parteiapparate angewiesen waren, ermöglichen heute Bots, Trolle und KI-gestützte Anwendungen eine industrielle Produktion politischer Inhalte, die sehr präzise auf einzelne Zielgruppen oder gar Personen zugeschnitten werden können.
Auch Demokratien sind längst von diesen Phänomenen betroffen: Russische Trollfarmen verbreiteten 2016 im US-Wahlkampf massenhaft Tweets, um das Wahlverhalten zu beeinflussen, und lenkten zugleich mit unpolitischen Inhalten von der Politik ab.
Hinzu kommt eine strukturelle Verzerrung der Öffentlichkeit: Plattformen wie X oder Meta sind auf Aufmerksamkeit optimiert, und Aufmerksamkeit erzeugt am zuverlässigsten, was emotionalisiert und polarisiert. Algorithmen belohnen daher derart manipulierte Inhalte – ein Problem, das nicht erst durch autoritäre Akteure entsteht, sondern in die Geschäftsmodelle der großen Plattformen eingebaut ist.
Länderübergreifende Studien bestätigen die damit verbundenen negativen Dynamiken: Manipulative Praktiken wie offizielle Desinformation, der Missbrauch von Verleumdungs- und Urheberrechtsgesetzen sowie sogenannte Fake-News-Gesetze haben in Demokratien einen statistisch signifikant negativen Effekt auf Institutionen, die der demokratischen Rechenschaftspflicht (accountability) dienen sollen, allen voran auf das Verhältnis zwischen Regierung, Medien und Zivilgesellschaft.
Kontrollieren: Vom Internet-Shutdown zum Plattformbann
Die offenkundigste Form digitaler Repression ist die direkte Kontrolle des Internets selbst. Internet-Shutdowns werden inzwischen routinemäßig und ganz gezielt eingesetzt – nicht nur in China, Iran oder Russland, sondern auch in formal demokratischen Staaten wie Indien, das seit Jahren weltweit Spitzenreiter bei der Zahl regional begrenzter Abschaltungen ist.
Subtiler, aber nicht weniger folgenreich sind regulatorische Eingriffe. Singapur, die Philippinen und zahlreiche afrikanische Staaten haben in den vergangenen Jahren die schon erwähnten Fake-News-Gesetze erlassen, die formal der Bekämpfung von Desinformation dienen, in der Praxis aber regelmäßig genutzt werden, um Opposition und kritischen Journalismus zu disziplinieren.
Zugleich werden Plattformen selbst zu Quasi-Gesetzgebern. Wer auf X, Youtube oder Tiktok sichtbar ist, hängt von Moderationsentscheidungen ab, die weder demokratisch legitimiert noch transparent sind. Solche Entscheidungen können Demokratien schützen – die Sperrung Donald Trumps auf Twitter und Facebook unmittelbar nach dem Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021 war ein Beispiel –, sie können sie aber auch unterlaufen, wenn die Plattformbesitzer ihre Macht politisch instrumentalisieren.
Empirisch zeigt sich, dass kontrollierende Praktiken vor allem indirekt auf die Meinungsfreiheit wirken und über die manipulative Aufladung des verbleibenden öffentlichen Raums vermittelt werden.
USA: Broligarchie und die Verschmelzung von Tech und Staat
Vor diesem Hintergrund lässt sich die US-amerikanische Entwicklung präziser einordnen. Der Begriff „Broligarchie“, eine Verbindung aus dem englischen „bro“ und „oligarchy“, beschreibt eine politische Konstellation, in der einige wenige Tech-Milliardäre (die „Tech Bros“) zugleich über ökonomische Marktmacht, infrastrukturelle Schlüsselressourcen und kommunikative Reichweite verfügen. Sie ist kein eigener Regimetyp, sondern eine Tendenz – eine Tendenz allerdings, die sich anhand des Informationalismus-Rasters präzise vermessen lässt.
Auf der Akteursebene ist die Grenze zwischen Staat und privater Tech-Wirtschaft in den USA seit 2025 weitgehend porös geworden. Elon Musk leitete als enger Berater des Präsidenten die DOGE-Behörde, die in zahlreichen Bundesbehörden eine Spur der Verwüstung hinterlassen hat.
Auf der operativen Ebene treibt die Verschmelzung von Daten, KI und Plattformlogik die Möglichkeit gezielter und präziser politischer Einflussnahme weit über das hinaus, was Wahlkampfteams noch vor zehn Jahren vermochten. Generative KI-Werkzeuge personalisieren Inhalte in Echtzeit, und Plattformalgorithmen entscheiden, welche Themen Sichtbarkeit erhalten.
Auf der Reichweitenebene schließlich agieren die US-Plattformen global: Entscheidungen einzelner Konzerne wie etwa der Rückbau von Faktenchecks bei Meta oder die Änderung der Empfehlungslogik bei X wirken auf demokratische Prozesse in Brasilien, Deutschland oder Kenia ein, ohne dass diese Gesellschaften direkt an derartigen Entscheidungen beteiligt wären.
Sind die USA also auf dem Weg in eine Tech-Diktatur? Ganz so weit ist es noch nicht. Wahlen finden statt, Gerichte arbeiten, die demokratischen Institutionen scheinen (noch) weitestgehend zu funktionieren. Was sich jedoch verändert, sind die strukturellen Voraussetzungen demokratischer Selbstregierung: die Kontrolle der Informationsinfrastruktur, die Verfügbarkeit über Daten, die Finanzierung von Wahlkämpfen, die Steuerung der öffentlichen Meinung in Echtzeit. In all diesen Punkten haben sich die Verhältnisse zugunsten einer kleinen Tech-Elite verschoben.
Verschwimmende Grenzen
Wie unterscheidet sich diese Entwicklung nun von dem, was in traditionellen autokratischen Systemen geschieht? Auf den ersten Blick verschwimmen die Grenzen; Werkzeuge, Akteure und Logiken ähneln sich systemübergreifend. Die Überwachungssoftware Pegasus etwa wird in autoritären wie in demokratischen Staaten eingesetzt. Bots und Deepfakes kursieren in Russland wie in Brasilien, und dieselben Plattformen prägen die Öffentlichkeit von Manila bis Madrid.
Drei Asymmetrien bleiben jedoch wesentlich: Erstens existieren in Demokratien institutionelle Bremsen wie eine unabhängige Justiz, freie Medien, kompetitive Wahlen und eine organisierte Zivilgesellschaft. Diese Bremsen wirken auch dann noch, wenn sie unter Druck geraten. Zweitens zeigen empirische Daten, dass Häufigkeit und Intensität digital-autoritärer Praktiken in Demokratien deutlich geringer sind als in Autokratien. Auffällig sind die Ergebnisse vor allem in jenen Ländern, die selbst zunehmend autokratischer wurden: in Ungarn, der Türkei, Indien, den Philippinen oder eben den USA der zweiten Trump-Präsidentschaft.
Gleichzeitig findet jedoch ein wechselseitiger Lerneffekt statt. Autoritäre Regime importieren US-Plattformtechnologie sowie chinesische Überwachungstechnik, und demokratische Regierungen kopieren autoritäre Regulierungsideen wie Datenlokalisierungspflichten oder Fake-News-Gesetze. Der Unterschied zwischen demokratischem und autokratischem Informationalismus ist daher eher gradueller als kategorialer Natur – was allerdings die Anfälligkeit von Demokratien erhöht, sobald institutionelle Schutzschichten erodieren.
Was Demokratien tun können
Autoritärer Informationalismus erzeugt nicht nur Macht, sondern auch Verwundbarkeiten. Diskussionen über die Abhängigkeit von wenigen Plattformen oder Konflikte zwischen Tech-Konzernen und Staaten können die Mobilisierung von Politik und Zivilgesellschaft erleichtern.
Vier mögliche Hebel sind erkennbar, der erste betrifft die regulatorische Ebene: Die Europäische Union hat mit dem Digital Services Act, dem Digital Markets Act, der KI-Verordnung und der Datenschutz-Grundverordnung das bislang ambitionierteste Regelwerk vorgelegt, das Plattformmacht binden soll. Seine Wirksamkeit wird davon abhängen, ob die Durchsetzung gegen ökonomisch und politisch mächtige Akteure gelingt und ob seine konkrete Ausgestaltung auf Akzeptanz in den europäischen Bevölkerungen stoßen wird – ein Test, der gerade erst beginnt.
Zweitens müssen auf institutioneller Ebene unabhängige Datenschutzbehörden, Medienregulierung und Wettbewerbsaufsicht gestärkt und Interessenkonflikte zwischen Plattformeigentümern und deren politischer Funktion offengelegt werden. Drittens gehören auf infrastruktureller Ebene öffentlich-rechtliche Medien unbedingt in die Plattformwelt, Open-Source-Modelle und eine europäische Daten- und KI-Infrastruktur können die Abhängigkeit von den wenigen US-Konzernen reduzieren. Und viertens schließlich ist die gesellschaftliche Ebene wichtig: Medienkompetenz, unabhängiger Journalismus und eine wache Zivilgesellschaft bleiben die wichtigsten Korrektive.
Eine besondere Mahnung gilt dabei den Demokratien selbst. Werkzeuge, die kurzfristig gegen Desinformation helfen sollen, normalisieren langfristig ein Repertoire, das in autoritärer Hand zerstörerisch wirkt. Das NetzDG ist hierfür ein warnendes Beispiel: Mit guten Absichten verabschiedet, ist es zur internationalen Vorlage für die Einschränkung politischer Kritik geworden. Demokratien sollten der Versuchung widerstehen, in regulatorischen Aktionismus zu verfallen oder gar autoritäre Antworten auf demokratische Probleme zu geben.
Eine Frage der Souveränität
Die Frage, ob die USA (und in ihrem Nachgang auch andere Demokratien) gerade auf eine „Tech-Autokratie“ zusteuern, lässt sich nicht mit Ja oder Nein beantworten. Was sich jedoch beobachten lässt, ist ein struktureller Umbau: Die Bausteine einer informationsbasierten, plattformgestützten und privatwirtschaftlich getragenen Herrschaftsform sind vorhanden. Wie diese Bausteine politisch eingesetzt werden, entscheidet sich aber nicht über die Technologie, sondern über die jeweilige institutionelle Konstellation.
Der entscheidende Konflikt der kommenden Jahre verläuft deshalb nicht zwischen Demokratie und Autokratie, sondern zwischen unterschiedlichen Modellen darüber, wer die Kontrolle über Informationsflüsse hält: der Staat, der Markt, die Plattformen oder die demokratische Öffentlichkeit. Mit dem Einzug generativer KI wird diese Frage drängender. Ob der autoritäre Informationalismus eine globale Dynamik entfalten wird oder ob es gelingt, ihn politisch einzuhegen, hängt davon ab, ob Demokratien bereit sind, ihre institutionellen, regulatorischen und infrastrukturellen Voraussetzungen ernst zu nehmen und zu nutzen. Es geht, nüchtern formuliert, um eine neue Form demokratischer Souveränität – eine, die Information nicht den Märkten, Plattformen und Algorithmen überlässt, sondern als öffentliches Gut begreift.