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Starke Autokratie, schwache Demokratie? Autokratische Performanz im Vergleich

Lars Lott Aurel Croissant

/ 13 Minuten zu lesen

Die allgemeine Leistungsbilanz von Autokratien ist schlechter als die von Demokratien, einen universellen Demokratievorteil gibt es jedoch nicht. Autokratien punkten dort, wo politische Entscheidungen stark zentralisiert kurzfristig orientiert sind.

In jüngerer Zeit hat die alte Debatte über die Leistungsfähigkeit politischer Systeme neue Aktualität gewonnen. Vor dem Hintergrund multipler Krisen ist vielerorts der Eindruck entstanden, dass demokratische Systeme zunehmend Schwierigkeiten haben, schnell, effektiv und nachhaltig auf komplexe Problemlagen zu reagieren. Zugleich treten autoritäre Regierungen selbstbewusster auf. Vor allem die Volksrepublik China präsentiert sich als handlungsfähige, effiziente und strategisch überlegene Systemalternative zu westlichen Demokratien. Diese Selbstinszenierung fällt in eine Phase, in der demokratische Erosionstendenzen weltweit zuzunehmen scheinen. Auch Umfragedaten zeigen, dass die Zufriedenheit mit der Funktionsweise demokratischer Institutionen in vielen etablierten Demokratien sinkt, während autoritäre Modelle in Teilen der Öffentlichkeit an Attraktivität gewinnen.

Diese Wahrnehmung ist in doppelter Hinsicht problematisch. Erstens beruht sie meist auf selektiven Vergleichen. Demokratien werden an idealisierten Erwartungen oder an früheren Hochphasen gemessen, während Autokratien anhand weniger besonders erfolgreicher Ausnahmefälle beurteilt werden. Die Mehrzahl autoritärer Regime weist jedoch schwache Institutionen, begrenzte staatliche Kapazitäten und instabile Politik-Outputs auf. Damit wird die allgemeine Leistungsfähigkeit autoritärer Systeme systematisch überschätzt. Zweitens greift die Gegenüberstellung von Demokratie und Autokratie analytisch zu kurz, weil politische Performanz stark von institutionellen Arrangements, staatlicher Kapazität, Bürokratiequalität und Informationsstrukturen abhängt. Diese Bedingungen unterscheiden sich zwischen Demokratien und Autokratien, insbesondere aber auch innerhalb der Gruppe autoritärer Regime sowie zwischen verschiedenen Politikfeldern deutlich.

Wichtig ist daher eine differenzierte Analyse der politischen Performanz unterschiedlicher Regimetypen. Im Zentrum der folgenden Ausführungen steht nicht die Frage, ob Autokratien grundsätzlich leistungsfähig sind, sondern unter welchen Bedingungen, in welchen Politikfeldern und zu welchem Preis sie politische Leistungen erbringen können. Im Durchschnitt erreichen Demokratien in vielen, aber nicht in allen Politikbereichen eine bessere Leistungsbilanz als Autokratien. Ihre Vorteile liegen vor allem dort, wo politische Entscheidungen auf breite gesellschaftliche Rückkopplung, transparente Informationen, Rechenschaftspflicht und langfristige Problemlösung angewiesen sind. Autokratien hingegen können insbesondere in zentralisierten und durchsetzungsintensiven Politikfeldern hohe Performanz erzielen. Zugleich aber ist die Varianz innerhalb der Autokratien besonders groß: Den wenigen sehr leistungsfähigen autokratisch regierten Staaten wie China, Singapur oder Katar steht eine große Zahl mediokrer oder schlecht performender Autokratien gegenüber. Diese Binnenvarianz ist analytisch wichtig, weil sie zeigt, dass Leistungsfähigkeit weder als allgemeiner Vorteil von Autokratien noch als bloße Ausnahme verstanden werden sollte.

Was meint „Performanz“?

Die Frage nach der Leistungsfähigkeit politischer Systeme setzt zunächst voraus, zu klären, was unter „Performanz“ überhaupt verstanden wird. Der Begriff wird in der Politikwissenschaft unterschiedlich verwendet und ist keineswegs eindeutig definiert. Grundsätzlich lassen sich drei Verständnisse unterscheiden.

Erstens kann Performanz als die Fähigkeit politischer Systeme verstanden werden, Entscheidungen hervorzubringen und umzusetzen (Output). Im Mittelpunkt stehen dabei Handlungsfähigkeit, Entscheidungs- und Umsetzungsgeschwindigkeit sowie die Fähigkeit, politische Programme durchzusetzen. Gerade in diesem Sinne wird Autokratien häufig eine höhere Effizienz zugeschrieben, da ihre Exekutive weniger durch institutionelle Vetospieler wie Gerichte oder zweite Parlamentskammern, zivilgesellschaftlichen Widerstand oder langwierige Aushandlungsprozesse eingeschränkt wird.

Zweitens kann Performanz auf die gesellschaftlichen Ergebnisse politischen Handelns (Outcomes) bezogen sein. Hierzu zählen etwa wirtschaftliches Wachstum, soziale Sicherheit, Gesundheit oder Umweltqualität. Diese Perspektive dominiert große Teile der Forschung zum Themenbereich „Demokratie und Entwicklung“ und ist häufig die Grundlage für Analysen darüber, ob Demokratien oder Autokratien „besser performen“.

Drittens wird Performanz auch im Sinne der Qualität staatlichen Handelns verstanden (Governance). Im Zentrum stehen hier Kriterien wie administrative Professionalität, Unparteilichkeit, Korruptionskontrolle oder Rechtsstaatlichkeit. In dieser Perspektive hängt politische Leistungsfähigkeit nicht nur von den bloßen Ergebnissen ab, sondern auch von den institutionellen Verfahren, durch die politische Entscheidungen zustande kommen.

Die drei genannten Verständnisvarianten sind analytisch unterscheidbar, stehen empirisch jedoch häufig in einem Spannungsverhältnis. Politische Systeme können etwa Entscheidungen schnell treffen, ohne damit gesellschaftlich wünschenswerte Ergebnisse zu erzielen. Umgekehrt können inklusive und rechtsstaatlich eingebettete Entscheidungsprozesse zeitaufwendiger sein, zugleich aber nachhaltigere Lösungen hervorbringen. Kurzfristige Effizienz und langfristige Problemlösungsfähigkeit fallen daher nicht notwendigerweise zusammen.

Für die Forschung ergibt sich daraus ein grundlegendes Problem: Da Performanz multidimensional ist und unterschiedliche Studien verschiedene Indikatoren verwenden, gelangen sie hinsichtlich der Leistungsfähigkeit politischer Systeme häufig zu widersprüchlichen Ergebnissen. Aussagen über einen vermeintlichen Demokratie- oder Autokratievorteil hängen wesentlich davon ab, welche Dimension politischer Performanz und welche konkreten Politikfelder untersucht werden. Hier setzt die neuere Forschung an, die politische Leistungsfähigkeit stärker politikfeldspezifisch sowie entlang institutioneller und staatlicher Kapazitäten analysiert.

Forschungsstand

Die Frage, ob Demokratien oder Autokratien leistungsfähiger sind, gehört zu den klassischen Themen der Politikwissenschaft und der Politischen Ökonomie. Lange Zeit konnten viele Studien keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen Regimetyp und wirtschaftlicher Entwicklung nachweisen. Neuere und methodisch robustere Arbeiten kommen nun jedoch überwiegend zu dem Ergebnis, dass demokratisches Regieren im Durchschnitt größere Effekte auf wirtschaftliches Wachstum hat. Demokratien weisen nicht nur höhere langfristige Wachstumsraten als Autokratien auf, sondern auch geringere Wachstumsvolatilität und eine größere Krisenresilienz.

Auch hinsichtlich sozialer Entwicklung finden aktuelle Studien deutliche Unterschiede zugunsten demokratischer Systeme. Demokratien erzielen im Durchschnitt bessere Ergebnisse bei Gesundheitsindikatoren, Bildung und sozialer Sicherung. Dies wird häufig darauf zurückgeführt, dass demokratische Institutionen die politischen Entscheidungsträger dazu zwingen, gesellschaftliche Interessen in ihrer Breite zu berücksichtigen und öffentliche Güter bereitzustellen. Ähnliche Befunde gibt es hinsichtlich der Qualität staatlichen Handelns. Demokratien haben im Mittel weniger mit Korruption zu kämpfen und verfügen über bessere Verwaltungen und eine stärkere Rechtsstaatlichkeit.

Gleichzeitig zeigen Studien jedoch, dass sich politische Performanz nicht auf einen allgemeinen Demokratievorteil reduzieren lässt. Demokratien schneiden insbesondere dort besser ab, wo politische Entscheidungen auf gesellschaftliche Rückkopplung, transparente Informationen, institutionelle Kontrolle und langfristige Problemlösung angewiesen sind. In Politikbereichen, die stark zentralisierte Entscheidungen, schnelle Implementierung oder hohe Durchsetzungsfähigkeit erfordern, können autoritäre Systeme hingegen zumindest kurzfristig vergleichbare oder sogar bessere Ergebnisse erzielen. Dies gilt etwa für große Infrastrukturprojekte und bestimmte Formen industriepolitischer Steuerung.

Hinzu kommt, dass die Kategorie „Autokratie“ selbst erhebliche Unterschiede verdeckt. Autoritäre Regime unterscheiden sich deutlich hinsichtlich ihrer institutionellen Strukturen oder ihrer Staatskapazität und Informationsverarbeitung. Entsprechend variiert auch ihre politische Leistungsfähigkeit erheblich. Während einige autoritäre Regime über längere Zeiträume wirtschaftliche Dynamik, administrative Effizienz und politische Stabilität erreichen, weisen viele andere schwache Institutionen, geringe staatliche Kapazitäten und instabile Politikoutputs auf. Die Varianz innerhalb der Gruppe der Autokratien ist häufig größer als die durchschnittlichen Unterschiede zwischen Demokratien und Autokratien.

Insgesamt liefert die Forschung damit drei zentrale Befunde: Erstens besitzen Demokratien in vielen Bereichen einen Performanzvorteil gegenüber Autokratien. Zweitens existiert jedoch kein universeller Demokratievorteil über alle Politikfelder hinweg. Drittens variiert die politische Leistungsfähigkeit unter den Autokratien besonders stark.

Politikfeldspezifische Varianz

Politische Performanz kann nicht allein durch den Regimetyp erklärt werden. Relevant ist vielmehr auch, wie institutionelle Strukturen, staatliche Kapazitäten und politische Anreizsysteme in konkreten Politikfeldern zusammenwirken. Die neuere Forschung identifiziert drei besonders wichtige Mechanismen.

Erstens hängt politische Performanz von Staatskapazität und Bürokratiequalität ab. Regierungen müssen politische Entscheidungen auch umsetzen können. Dazu benötigen sie handlungsfähige Verwaltungen, fiskalische Ressourcen und politisch-administrative Koordinationsfähigkeit. Dies gilt für Demokratien wie Autokratien gleichermaßen. Autoritäre Regime können in dieser Hinsicht jedoch sehr unterschiedlich aufgestellt sein: Hochkapazitiven Autokratien wie China etwa fällt es leichter, umfangreiche Entwicklungs- und Investitionsprogramme umzusetzen, während schwach institutionalisierte Autokratien wie Venezuela oder der Sudan meist an Patronage, Korruption und inkonsistenter Politikimplementierung kranken.

Zweitens ist die Qualität politischer Informationsverarbeitung wichtig. Politische Entscheidungsträger sind auf verlässliche Informationen über gesellschaftliche Problemlagen, Implementationsdefizite und unbeabsichtigte Folgen ihres Handelns angewiesen. Demokratien verfügen hierfür im Regelfall über institutionalisierte Rückkopplungsmechanismen wie freie Medien, oppositionelle Akteure, Wahlen, Parlamente oder die Zivilgesellschaft. Autokratien können zwar ebenfalls Formen begrenzter Responsivität entwickeln, etwa durch konsultative Verfahren, lokale Beteiligungsformen oder kontrollierte Wahlen; insbesondere parteiengebundene Autokratien wie Singapur, Vietnam oder China verfügen hier über stabilere Entscheidungsprozesse und längere Planungshorizonte als personalistische Regime oder Militärdiktaturen. Zugleich stehen Autokratien oft vor dem systemischen Problem, dass negative Informationen aus Angst vor Sanktionen, aus Loyalitätsdruck oder wegen administrativer Schönfärberei häufig nicht zuverlässig an die politische Führung gelangen. Dadurch steigt das Risiko von Fehlentscheidungen, ineffizienter Ressourcenallokation und verzögerter politischer Korrektur.

Drittens beeinflussen politische Anreizstrukturen die Bereitstellung von Leistungen. Demokratien erzeugen durch Wahlwettbewerb, die Möglichkeit einer kritischen Berichterstattung und institutionelle Rechenschaftspflichten Anreize, öffentliche Güter für die gesamte Bevölkerung bereitzustellen. Autoritäre Regime stehen dagegen vor allem vor dem Problem der Herrschaftssicherung. Ihre Leistungen sind daher oft selektiver und stärker auf Regimestabilisierung ausgerichtet. Je nach Größe und Zusammensetzung der herrschenden Koalitionen können Autokratien öffentliche Güter bereitstellen, um Legitimität zu erzeugen – oder private (und entziehbare) Güter verteilen, um politische Loyalität und Unterstützung zu sichern.

Diese Mechanismen wirken nicht über alle Politikfelder hinweg gleich, denn unterschiedliche Politikbereiche stellen unterschiedliche Anforderungen an politische Systeme. Infrastrukturprojekte etwa verlangen häufig zentrale Koordination, fiskalische Ressourcen und Durchsetzungsfähigkeit. Hier können Autokratien kurzfristig Vorteile besitzen, weil sie weniger Rücksicht auf lokale Widerstände, Beteiligungsverfahren oder institutionelle Vetospieler nehmen müssen. Zugleich erhöht gerade diese geringe Rechenschaftspflicht das Risiko kostspieliger Fehlallokationen. Bei Fragen der Gesundheitsversorgung oder der sozialen Wohlfahrt hingegen geht es weniger um sichtbare Einzelprojekte als um die kontinuierliche, flächendeckende und langfristig wirksame Bereitstellung öffentlicher Leistungen. Sie erfordern verlässliche Daten über gesellschaftliche Bedürfnisse, administrative Durchdringung und Korrekturfähigkeit – und politische Anreize, unterschiedliche Bevölkerungsgruppen einzubeziehen. Genau hier liegen die systemischen Vorteile der Demokratie.

Auch Autokratien können hier gute Ergebnisse erzielen, dies aber vor allem dann, wenn sie über hohe Staatskapazität, leistungsfähige Bürokratien und eine Herrschaftsstrategie verfügen, die öffentliche Güter als Bestandteil politischer Legitimation nutzt. Singapur ist ein besonders anschauliches Beispiel für diese Kombination.

Illustrative Evidenz: Politikfeldspezifische Unterschiede

Diese Zusammenhänge sollen beispielhaft anhand dreier Indikatoren illustriert werden: Infrastrukturpolitik, Kindersterblichkeit und soziale Wohlfahrt.

Große Infrastrukturprojekte gehören zu den sichtbarsten Formen staatlicher Leistungsdemonstration. Autokratien nutzen sie häufig zu Legitimationszwecken und um Modernität, Handlungsfähigkeit und Entwicklungsfortschritte zu demonstrieren. So verfolgen autoritäre Regime etwa häufiger prestigeträchtige Großprojekte wie den Bau überdimensionierter Wolkenkratzer, neuer Planstädte oder groß angelegter Energie- und Verkehrsprojekte. Demokratien investieren im Mittel rund ein Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts in Transportinfrastruktur wie Straßen, Schienen oder Häfen, Autokratien etwa 1,86 Prozent.

Ein differenziertes Bild zeigt sich beim Ausbau des Breitbandinternets. Demokratien haben in der Vergangenheit Breitbandzugänge stärker ausgebaut als Autokratien und erreichen heute höhere durchschnittliche Zugangsquoten. Auch Autokratien waren auf diesem Gebiet nicht untätig, weisen aber eine deutlich größere Streuung auf. Kapazitätsstarke autoritäre Regime, insbesondere Monarchien und institutionalisierte Parteiregime, erzielen sehr hohe Ausbauleistungen, während andere Autokratien deutlich zurückbleiben. Dass Autokratien den Zugang zum Internet überhaupt ausbauen, mag vielleicht zunächst überraschen, schließlich schaffen digitale Kommunikationsinfrastrukturen neue Möglichkeiten politischer Kritik und oppositioneller Mobilisierung. Allerdings sind sie zugleich zentrale Voraussetzungen wirtschaftlicher Modernisierung und administrativer Steuerung. Zudem haben viele Autokratien gelernt, digitale Technologien für Überwachung, Kontrolle und Propaganda zu nutzen.

Bei großen Infrastrukturprojekten liegen die Vorteile von Autokratien also insbesondere in schnellen Entscheidungsprozessen, begrenzten Vetomöglichkeiten gesellschaftlicher Akteure und einer hohen politischen Durchsetzungsfähigkeit. Gleichzeitig erhöht die geringe Rechenschaftspflicht gegenüber der Gesellschaft das Risiko von Fehlallokationen und Prestigeprojekten mit schwacher Nachhaltigkeit.

Der zweite hier betrachtete Indikator, die Kindersterblichkeit, gilt als besonders aussagekräftig in Bezug auf gesellschaftliche Entwicklung, da er wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, Gesundheitsversorgung, staatliche Infrastruktur und soziale Ungleichheit zugleich widerspiegelt. Zwischen 1945 und 2025 ist die Kindersterblichkeit sowohl in Demokratien als auch in Autokratien erheblich gesunken. Demokratien reduzierten sie in diesem Zeitraum im Durchschnitt von 137 auf 13 Todesfälle pro tausend Lebendgeburten, Autokratien von 291 auf 37. Neben diesem deutlichen Demokratievorteil zeigt sich auch hier eine erhebliche Varianz unter den Autokratien: So erzielen Monarchien und institutionalisierte Parteiregime häufig relativ gute Ergebnisse, während Militärregime und schwach institutionalisierte Mehrparteienautokratien deutlich schlechter performen. Diese Unterschiede verweisen zum einen auf die Bedeutung von Staatskapazität, Bürokratiequalität und langfristigen politischen Planungshorizonten, zum anderen verdeutlichen sie nochmals, dass Leistungsfähigkeit kein allgemeines Merkmal autokratischer Herrschaft ist, sondern von spezifischen institutionellen Voraussetzungen abhängt.

Dies gilt auch für den dritten Indikator, die soziale Wohlfahrt. Hier ist der Demokratievorteil besonders stark ausgeprägt. Demokratien weisen im Durchschnitt einen höheren Universalismusgrad sozialer Politik auf, stellen öffentliche Dienstleistungen also breiteren Bevölkerungsschichten zur Verfügung. Zwar stellen auch Autokratien soziale Leistungen bereit, dies aber häufig mit dem Ziel der politischen Kooptation, also zur Bindung neuer Mitglieder an das Regime. Diese Leistungen dienen auch der Legitimation des Regimes, bleiben jedoch häufig selektiv und auf regimenahe Gruppen ausgerichtet.

Hinsichtlich des Universalismusgrads von Grundschulbildung, Gesundheitsversorgung oder dem Zugang zu sauberem Wasser erreichen Demokratien seit 1945 im Durchschnitt deutlich höhere Werte als Autokratien. Der zentrale Unterschied zwischen beiden Systemtypen liegt hier in den politischen Anreizstrukturen: Demokratien erzeugen durch Wahlwettbewerb und Rechenschaftspflicht Anreize für eine breitere Bereitstellung öffentlicher Güter. Autokratien hingegen sind primär bestrebt, ihre herrschaftstragenden Koalitionen zu stabilisieren. Entsprechend werden Ressourcen häufig selektiv verteilt und stärker für klientelistische oder patronagebasierte Herrschaftssicherung genutzt. Erneut zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Autokratien: Militärregime wie aktuell in Niger, Burkina Faso oder Mali etwa weisen im Durchschnitt besonders niedrige Universalismusgrade auf. Monarchien dagegen erzielen trotz relativ kleiner Herrschaftskoalitionen vergleichsweise hohe Werte, was sich unter anderem – wie etwa in den Golfmonarchien – mit ressourcenbasierten Wohlfahrtsarrangements erklären lässt. Mehrparteienautokratien wie derzeit in der Türkei, Georgien oder Pakistan schneiden häufig schlechter ab, als zunächst zu erwarten wäre. Zwar existieren dort begrenzte Formen politischen Wettbewerbs, doch bleibt die mit demokratischen Wahlen verbundene Rechenschaftspflicht stark eingeschränkt. Autoritäre Regimeparteien stützen sich stattdessen häufig auf Stimmenkauf, unfaire Wettbewerbsbedingungen und selektive Güterverteilung.

Schlussfolgerungen

Für die hier interessierende Frage nach der Leistungsfähigkeit politischer Systeme greift eine einfache Gegenüberstellung von Demokratie und Autokratie zu kurz. Ein universeller Demokratievorteil über alle Politikfelder hinweg existiert nicht, Autokratien können insbesondere dort hohe Performanz erzielen, wo politische Entscheidungen stark zentralisiert, durchsetzungsintensiv und kurzfristig orientiert sind. Bei großen Infrastrukturprojekten und bestimmten Formen staatlich gelenkter Entwicklungsstrategien können autoritäre Regime von begrenzten Vetomöglichkeiten, schnellen Entscheidungsprozessen und einer starken politischen Durchsetzungsfähigkeit profitieren.

Im Durchschnitt zeigen Demokratien jedoch in vielen Politikfeldern robustere und langfristig stabilere Leistungsprofile. Dies gilt insbesondere für informations- und inklusionsintensive Bereiche wie soziale Wohlfahrt, Gesundheitsversorgung oder gesellschaftliche Entwicklung. Günstigere institutionelle Voraussetzungen wie freie Informationsflüsse, gesellschaftliche Rückkopplung, politische Rechenschaftspflicht und größere Korrekturfähigkeit fördern nicht notwendigerweise kurzfristige Effizienz, erhöhen aber die Wahrscheinlichkeit nachhaltiger und gesellschaftlich wirksamer Politikresultate. Zu erinnern ist aber an die Binnenvarianz autoritärer Regime.

Letztlich hängt die politische Performanz demokratischer wie autokratischer Systeme also stark von Faktoren wie Staatskapazität, Bürokratiequalität, Informationsverarbeitung und politischen Anreizstrukturen ab. Der Regimetyp allein erklärt die Fähigkeit politischer Systeme, gesellschaftliche Probleme zu bearbeiten, nur begrenzt. Vielmehr wirken institutionelle Strukturen und politikfeldspezifische Anforderungen zusammen. Daraus ergibt sich aber eine wichtige Einschränkung autoritärer Effizienz: Gerade jene Merkmale, die Autokratien kurzfristige Vorteile verschaffen können – Zentralisierung, geringe gesellschaftliche Beteiligung, eingeschränkte Rechenschaftspflicht –, erhöhen langfristig die Risiken von Fehlentscheidungen, ineffizienter Ressourcenallokation und einer begrenzten Fähigkeit zur Fehlerkorrektur. Kurzfristige Handlungsfähigkeit ist nicht mit langfristiger Problemlösungsfähigkeit gleichzusetzen.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Vgl. Marina Nord et al., Democracy Report 2026: Unraveling the Democratic Era?, V-Dem Institute, Göteborg 2026.

  2. Vgl. Xavier Romero-Vidal/David Talukder, From Boomers to Zoomers. Generational Shifts in Drivers of Satisfaction with Democracy in Western Europe, in: Democratization 6/2025, S. 1541–1564.

  3. Vgl. Edeltraud Roller, Political Performance and State Capacity, in: Dirk Berg-Schlosser/Bertrand Badie/Leonardo Morlino (Hrsg.), Political Performance and State Capacity, Bd. 3, London 2020, S. 916–933.

  4. Vgl. Aurel Croissant/Stefan Wurster, Performance and Persistence of Autocracies in Comparison: Introducing Issues and Perspectives, in: Contemporary Politics 1/2013, S. 1–18.

  5. Vgl. Hristos Doucouliagos/Mehmet Ali Ulubaşoğlu, Democracy and Economic Growth: A Meta-Analysis, in: American Journal of Political Science 1/2008, S. 61–83.

  6. Vgl. Bo Rothstein/Jan Teorell, What Is Quality of Government?, in: Governance 2/2008, S. 165–190; Nicholas Charron/Victor Lapuente, Does Democracy Produce Quality of Government?, in: European Journal of Political Research 4/2010, S. 443–470.

  7. Vgl. Doucouliagos/Ulubaşoğlu (Anm. 5).

  8. Vgl. Daron Acemoğlu et al., Democracy Does Cause Growth, in: Journal of Political Economy 1/2019, S. 47–100; Marco Colagrossi/Domenico Rossignoli/Mario A. Maggioni, Does Democracy Cause Growth? A Meta-Analysis (of 2000 Regressions), in: European Journal of Political Economy 2020, Externer Link: https://doi.org/10.1016/j.ejpoleco.2019.101824; Carl H. Knutsen, A Business Case for Democracy. Regime Type, Growth, and Growth Volatility, in: Democratization 8/2021, S. 1505–1524.

  9. Vgl. Timothy Besley/Masayuki Kudamatsu, Health and Democracy, in: American Economic Review 2/2006, S. 313–318; Michael Ross, Is Democracy Good for the Poor?, in: American Journal of Political Science 4/2006, S. 860–874; Bruce Bueno de Mesquita et al., The Logic of Political Survival, Cambridge, MA 2003.

  10. Vgl. Rothstein/Teorell (Anm. 6); Charron/Lapuente (Anm. 6).

  11. Vgl. Manfred G. Schmidt, Der Demokratievorteil und der lange Schatten autokratischer Sozialpolitik, in: Aurel Croissant/Sascha Kneip/Alexander Petring (Hrsg.), Demokratie, Diktatur, Gerechtigkeit, Wiesbaden 2017, S. 569–591.

  12. Vgl. Siddharth Chandra/Nita Rudra, Reassessing the Links Between Regime Type and Economic Performance: Why Some Authoritarian Regimes Show Stable Growth and Others Do Not, in: British Journal of Political Science 2/2015, S. 253–285; Carl H. Knutsen, Autocracy and Variations in Economic Development Outcomes, in: Gordon Crawford/Abdul-Gafaru Abdulai (Hrsg.), Research Handbook on Democracy and Development, London 2021, S. 117–134.

  13. Vgl. Peter Evans/James E. Rauch, Bureaucracy and Growth: A Cross-National Analysis of the Effects of „Weberian“ State Structures on Economic Growth, in: American Sociological Review 5/1999, S. 748765; Katherine Bersch/Francis Fukuyama, Calibrating Autonomy. How Bureaucratic Autonomy Influences Government Quality in Brazil, in: Governance 1/2025, Externer Link: https://doi.org/10.1111/gove.12865.

  14. Vgl. Jennifer Gandhi, Political Institutions Under Dictatorship, Cambridge 2008; Barbara Geddes/Joseph Wright/Erica Frantz, How Dictatorships Work: Power, Personalization, and Collapse, Cambridge 2018.

  15. Vgl. Michael K. Miller, Elections, Information, and Policy Responsiveness in Autocratic Regimes, in: Comparative Political Studies 6/2015, S. 691–727; Sergei Guriev/Daniel Treisman, A Theory of Informational Autocrats, in: Journal of Economic Perspectives 4/2020, S. 100–127.

  16. Vgl. Anis Ben Brik, Authority and Accountability. Policy Innovation Through Evaluation Institutionalization in Gulf States, in: Journal of Comparative Policy Analysis: Research and Practice 2025, Externer Link: https://doi.org/10.1080/13876988.2025.2549022; Schmidt (Anm. 11).

  17. Vgl. Haakon Gjerløw/Carl H. Knutsen, Leaders, Private Interests, and Socially Wasteful Projects: Skyscrapers in Democracies and Autocracies, in: Political Research Quarterly 2/2019, S. 504–520; Fulong Wu/Fangzhu Zhang, Governing Urban Development in China. Critical Urban Studies, London 2024; Mirza Sadaqat Huda, Autocratic Power? Energy Megaprojects in the Age of Democratic Backsliding, in: Energy Research & Social Science 2022, Externer Link: https://doi.org/10.1016/j.erss.2022.102605.

  18. Die Datenbasis für die nachfolgenden Berechnungen und illustrative Abbildungen können unter Externer Link: https://github.com/LarsLott/APUZ-Autokratische-Performanz-im-Vergleich abgerufen werden.

  19. Vgl. Jennifer Earl/Thomas V. Maher/Jennifer Pan, The Digital Repression of Social Movements, Protest, and Activism: A Synthetic Review, in: Science Advances 10/2022, Externer Link: https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.abl8198; Erin Baggott Carter/Brett L. Carter, Propaganda in Autocracies. Institutions, Information, and the Politics of Belief. Political Economy of Institutions and Decisions, Cambridge 2023.

  20. Vgl. John Gerring et al., Democracy and Human Development. Issues of Conceptualization and Measurement, in: Democratization 2/2021, S. 308–332.

  21. Eigene Berechnung mit Daten von Gapminder. Siehe Externer Link: https://www.gapminder.org.

  22. Vgl. Isabela Mares, Social Protection Around the World: External Insecurity, State Capacity, and Domestic Political Cleavages, in: Comparative Political Studies 6/2005, S. 623–651; Carl H. Knutsen/Magnus Rasmussen, The Autocratic Welfare State. Old-Age Pensions, Credible Commitments, and Regime Survival, in: Comparative Political Studies 5/2018, S. 659–695.

  23. Eigene Berechnung mit Daten von V-Dem. Siehe Externer Link: https://www.v-dem.net.

  24. Vgl. Bueno de Mesquita et al. (Anm. 9).

  25. Vgl. Lars Pelke, Inclusionary Regimes, Party Institutionalization and Redistribution Under Authoritarianism, in: Democratization 7/2020, S. 1301–1323.

Lizenz

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Lars Lott, Aurel Croissant für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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ist promovierter Politikwissenschaftler und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Menschenrechtspolitik der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

ist Professor für Vergleichende Politikwissenschaft an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg.